Anke Engelke: „Ich stelle vieles in Frage – auch mich”

In den „Ladykracher“-Sketchen brachte sie ihre Zuschauer regelmäßig zum Lachen. Dass sie viel mehr zu erzählen hat als gute Witze, beweist Anke Engelke im DONNA-Interview.

Schauspielerin und Entertainerin Anke Engelke

Komikerin, Schauspielerin, Entertainerin, Sängerin, Synchronsprecherin und Moderatorin: Anke Engelke ist ein Allroundtalent.

Faschingsdienstag, eine Altbauwohnung in Köln. Während eine Straße weiter das Tschingderassabum eines Karnevalsumzugs ertönt, sitzt Anke Engelke vor einem Tisch, auf dem Unmengen an Lidschattenpaletten, Make-up-Tuben, Pinseln und Puderdöschen aufgebaut sind. Ihr Styling ist vollkommen unkarnevalesk, sie ist in schlichtem, grauem Langarmshirt und enger, grauer Hose zum Interview erschienen, hat aber ein paar Favoriten aus ihrem Kleiderschrank für das anstehende Fotoshooting mitgebracht, dazu ein paar Designerteile vom Stylisten.

Die Entertainerin ist kleiner, als es im Fernsehen den Anschein hat, gerade einmal 1,65 Meter groß, und so schlank, dass die Stylistin fragt: „Wie kann man denn solch einen Bauch haben, wenn man drei Kinder bekommen hat?“ Anke Engelke, Mutter von einer Tochter und zwei Söhnen, lächelt zurückhaltend und sagt: „Ach, übertreib mal nicht.“ Auch das Kompliment für ihre blond gesträhnten Haare pariert sie bescheiden. „Die sind einfach frisch gewaschen. Ich kann doch wohl niemandem zumuten, in meinen fettigen Strähnen herumzuwühlen.“

Ganz offensichtlich will die Kölnerin, die seit Jahrzehnten eine von Deutschlands erfolgreichsten Fernsehpersönlichkeiten ist, nicht hofiert werden. Statt ihrer Prominenz trägt sie ihren schnodderigen Humor vor sich her, der bereits wenige Minuten nach dem ersten „Hallo“ aufblitzt. Als kurz die Frage auftaucht, ob man sich während des Interviews duzen soll und sich dann doch entscheidet, weiter beim „Sie“ zu bleiben, kommentiert die 51-Jährige trocken: „Wir haben ja auch noch nicht miteinander gebumst.“

Isabella Rossellini im Lebenslinien-Interview – hier lesen.

DONNA: Frau Engelke, Sie veralbern Nazis, blöde Blondinen, Helikopter-Eltern, Behinderte – die Aufzählung ließe sich ewig fortsetzen. In Ihrem neuen Film „Happy Burnout“ wird der Alltag in einer psychiatrischen Klinik karikiert. Worüber würden Sie keine Witze machen? 
Wunderbarerweise treffe ich solche Entscheidungen nie allein, das ist immer ein demokratischer Prozess. Die „Ladykracher“-Sketche zum Beispiel habe nicht ich geschrieben, sondern ein Team aus Autorinnen und Autoren. Wenn ich oder jemand aus dem Team eine Geschichte nicht lustig fand, wurde gemeinsam analysiert, woran das liegt. So mache ich das immer, wenn ich mit Autoren arbeite: Wir checken ab, ob etwas geschmacklich missraten ist oder unverschämt oder dümmlich, und dann wird sortiert.

Wenn also die Mehrheit im Team den Witz gut  findet, dann bringen Sie ihn?
Dann lasse ich mich in der Diskussion davon überzeugen, dass sich ein Versuch lohnt, klar. Dazu muss ich aber sagen, dass so eine Situation nicht oft eingetreten ist. Ich kann mich gar nicht dran erinnern, dass ich jemals gesagt habe: „Spinnt ihr? Das kann man doch nicht machen!“ Ich werde gerne überredet.

Wie ungewöhnlich. Warum?
Ich glaube einfach nicht, dass ich als Einzige weiß, was ich kann und was nicht. Ein Beispiel aus „Wochenshow“-Zeiten ist die Figur der „Ricky“. Die war angelehnt an ein Mitglied der Girlgroup „Tic Tac Toe“, und ich kannte weder die Band noch diese Rapperin. Die Autoren haben mir eine Videokassette mit der legendären Pressekonferenz in die Hand gedrückt, weil ich mir die Parodie nicht zugetraut habe. „Guck das! Du kannst das!“, haben sie gesagt. Und dann hat sich herausgestellt, dass mir das wahnsinnig Spaß macht und mich herausfordert. Manchmal traue ich mir etwas einfach nicht zu.

Das klingt, als seien Sie weniger selbstbewusst, als man gemeinhin denken würde.
Ich bin nicht selbstbewusst, nein. Ich stelle vieles infrage, auch mich.

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Wie kann man mit wenig Selbstbewusstsein im Showbusiness so erfolgreich sein?
Es geht mir immer um die Sache und nie um mich. Bei allen meinen Projekten möchte ich etwas vermitteln, eine Rolle spielen, mich in Menschen hineinversetzen. Dahinter trete ich als Person zurück. Ich liebe die Arbeit in einer Gruppe, die sich gemeinsam für etwas begeistert. Ich bin eine Teamplayerin, keine Solistin. Das ist auch der Grund, warum die Late Night Show nicht funktioniert hat.

Die „Anke Late Night“ sollte die „Harald Schmidt Show“ ersetzen und startete im Mai 2004. Sie wurde bereits ein halbes Jahr später wieder eingestellt, weil die Einschaltquoten zu schlecht waren.
Das lag mir einfach nicht, das habe ich nicht gut gemacht.

Wie sind Sie mit der Enttäuschung über diesen Misserfolg umgegangen?
Mich selbst hat das Aus nicht getroffen, weil ich mich mit der Rolle nicht wohlgefühlt habe. Aber es hat mich wahnsinnig traurig gemacht, dass da Menschen Kinder gezeugt und Häuser gekauft haben, weil sie sich fest auf mich verlassen hatten. Ich hatte angekündigt: „Leute, das machen wir jetzt ein paar Jahre. Macht ihr mit?“ Ich hatte Verantwortung übernommen und etwas versprochen. Und ich finde es ganz wichtig, dass man seine Versprechen hält. 

In Ihrem neuen Film „Happy Burnout“ geht es auch um Versprechen und Verantwortung: Sie spielen darin eine Psychiatrie-Schwester. Die fragt irgendwann einen ihrer Patienten, den Alt-Punker Fussel: „Und was willst du werden, wenn du groß bist?“
Schwester Alexandra will diesen Mann, der einen Burnout nur simuliert, provozieren. Fussel ist ein sehr lustbetonter Mensch, der scheinbar nicht mit bestimmten Lebenskapiteln abschließen möchte und sich seiner Verantwortung entzieht.

Verantwortungsbewusstsein versus Kindlichkeit. Schließt das eine das andere aus?
Eigentlich bedeutet Erwachsensein nicht, dass man alle Attribute, alle Verhaltensweisen, die als kindlich-jugendlich gelten, zurücklassen muss. Dass man nicht mehr wild, unvernünftig, mutig und spontan sein kann. Dass es dennoch oft so ist: traurig, aber wahr. Viele Menschen verlieren ab einem gewissen Alter das Spielerische oder Unvernünftige.

Wie geht es Ihnen damit? Wie hat es Sie geprägt, dass Sie bereits als junges Mädchen mit elf Jahren angefangen haben, für Fernsehen und Radio zu arbeiten?
Dass ich so früh Teil der sogenannten Erwachsenenwelt war, hat vermutlich weniger Einfluss gehabt auf meine Entwicklung, als man denkt. Es wurde immer respektiert und wertgeschätzt, dass ich sehr kindlich arbeitete. Ich bekam auch keine Fragen diktiert für die ersten Interviews, die ich geführt habe.

Sie haben zum Beispiel mit Astrid Lindgren gesprochen. Sie werden auch als Zwölfjährige gewusst haben, was für eine bedeutende Schriftstellerin da vor Ihnen sitzt. Wie war das für Sie?
Die Erinnerung daran wird jetzt langsam schwächer. Aber ich weiß noch, dass ihre Wohnung unglaublich gemütlich war. Und dass mir der Kontrast zwischen dem Alter und ihrer Ausstrahlung aufgefallen ist. Einerseits kam mir diese Lady schon wie eine Oma vor, andererseits war sie aber wahnsinnig lebendig und geradezu jugendlich. Und sehr zugewandt. Eine kluge, warme, neugierige Person. Heute würde ich sagen: eine Persönlichkeit. Aber damals war das für mich halt eine Oma.

Wer war Ihre Heldin, Pippi Langstrumpf oder Ronja Räubertochter?
Pippi Langstrumpf! Dieses selbstständige, mutige, freche, schlaue Mädchen. Ronja? Na ja. Das Umfeld von Räubern, der Umgang mit Graugnomen und Kämpfe mit Messer, Pfeil und Bogen, das interessiert mich alles nicht so sehr. Ich finde das Kämpferische im Alltag wichtiger: Probleme trickreich zu bewältigen und Lösungen zu finden – ohne Fäuste, aber durchaus mit Muskelkraft, das gefällt mir. Ich muss niemandem die Zähne raushauen. Aber wenn jemand ein Pferd hochheben kann, finde ich das super.

Sie haben sich als Mädchen auch ganz schön viel getraut. Sie haben vor einem Millionenpublikum gesungen und Weltstars interviewt. Hatten Sie nie Muffensausen?
Ich hatte nie Angst, sonst hätte ich das vermutlich nicht gemacht. Ich war schon als Kind sehr neugierig und recht forsch. Mein erstes Interview mit Nina Hagen und Udo Lindenberg war grauenvoll schlecht, aber das war mir nicht bewusst. Ich war einfach unverkrampft, ich bin auch heute noch komplett unhysterisch, was sicherlich mit meiner Erziehung und Sozialisation zu tun hat.

Wie sind Sie denn groß geworden?
Ich komme aus ganz normalen Verhältnissen, nicht aus einer Showfamilie. Meine Eltern hatten kein Interesse daran, die Karrieren ihrer Kinder zu pushen. Ganz im Gegenteil. Die hatten genug damit zu tun, den Familienalltag zu organisieren. Ich bin behütet und gleichzeitig freiheitsfördernd aufgewachsen, in einer ländlichen Gegend außerhalb von Köln. Wahnsinnig normal im Sinne von unspektakulär und kindgerecht. Ich finde es traurig, dass es das heute so nicht mehr gibt.

Warum?
Selbst Kinder, die heute auf dem Land groß werden, sind medial vernetzt. Das waren wir natürlich nicht. Ein Telefon war auch kein Spielzeug. Ein Telefon stand im Flur und hatte eine Wählscheibe; Anrufbeantworter gab es nicht. Und man telefonierte ganz selten.

Stimmt es, dass Sie kein Smartphone haben?
Ja. Habe ich nicht. Brauche ich nicht.

Wenn Ihnen Normalität so wichtig ist, wie versuchen Sie, die auch Ihren drei Kindern zu vermitteln? Die wachsen ja mit einer „Showmama“ auf.
Indem ich nicht auftrete wie „King Shit“ und vermittele, etwas Besonderes zu sein. Und indem ich in Interviews nicht über meine Kinder rede, damit Familie und Arbeit klar voneinander getrennt sind. 

Sie schauspielern, moderieren, synchronisieren, machen Sketche, Reportagen und Musik. In welcher von diesen Sparten fühlen Sie sich am wohlsten?
Ich unterscheide das gar nicht voneinander, das gehört doch alles zu meinem Beruf, oder? Ich bereite mich vor, ich erledige meine Hausaufgaben immer gründlich – und dann mache ich meinen Job.

Sie haben eine Zeit lang Pädagogik und Sprachen auf Lehramt studiert. War das ein Notnagel, falls es im Showgeschäft doch nicht dauerhaft funktioniert?
Ich wollte wirklich immer Lehrerin werden! In meinem Herzen bin ich wahrscheinlich eine Lehrerin. Ich habe so einen blöden Charakterzug, dass ich Menschen belehren möchte, wenn sie mich nach etwas fragen, was ich für mich schon geklärt habe. Ich bin da beinahe missionarisch. Und ich bin leider nicht sehr geduldig. Insofern ist den Schülern einiges erspart geblieben.

Sorgen Sie sich manchmal um Ihre Zukunft? Sie sind inzwischen 51, ein Alter, in dem Frauen in Ihrer Branche oftmals weniger Angebote bekommen oder sogar ganz von der Bildfläche verschwinden.
Mir wird das, glaube ich, nicht passieren. Das betrifft doch eher Frauen, bei denen es stärker um Äußerlichkeiten geht, und das ist nicht meine Kirche, ich bin ja kein Beauty-Star. Ich mache mir also keine Sorgen um mich, eher darüber, dass Mädchen und Frauen vermittelt wird, dass sie Normen und Moden entsprechen müssen. Und ich mache mir Sorgen um unseren Planeten, der so ganz ohne Anwälte und Sprecher kämpfen muss. Für den müssen nicht nur privilegierte Menschen wie ich auf die Straße gehen, sondern alle! Rausgehen und demonstrieren!

Sie gehen auf die Straße?
Klar! Ich bin eine große Freundin von aktiver Mitgestaltung in der Gesellschaft. Ist nur manchmal blöd, ich zu sein. Manche Demonstrationen, Veranstaltungen, Symposien und Organisationen wünschen sich meine Teilnahme vielleicht gar nicht, da tut Prominenz nicht gut. Und bestimmt missbrauchen manche Prominente solche Anlässe auch als Promo. Ich mache also nicht publik, wofür ich mich engagiere.

Ihr Gesicht kennen so viele, können Sie überhaupt unerkannt an einer Demonstration teilnehmen? 
Natürlich geht das. Ich bin heute ja auch mit der Straßenbahn zum Interview gekommen. Das interessiert keinen. Ich bin ja nicht die Königin von China.

Interview: Julia Meyer-Hermann