DONNA-Lebenslinien: Barbra Streisand

Dass sie am 24. April 2017 75 Jahre alt wird, interessiert Barbra Streisand wenig. Viel lieber posiert diese wilde Diva in Strumpfhosen, geht auf Demos und nutzt ihre Chancen, die Welt ein bisschen besser zu machen.

Hollywood-Ikone Barbra Streisand

Hollywood-Ikone Barbra Streisand kommt auch mit über 70 Jahren nicht zur Ruhe.

„Sind Sie eine Diva?“, fragt aufgeregt der Fernsehmoderator, der es gar nicht fassen kann, dass ihm die Leibhaftige gegenübersitzt. Barbra Streisand rollt mit den blitzblauen Augen und macht ihr Nofretete-Gesicht mit lang gestrecktem Hals und vornehmer Schnute. Pause. „Nein“, sagt sie. „Nein“, wiederholt der Moderator amüsiert und fassungslos, „wie jetzt, schreien Sie etwa nie Leute an?“ „Selbstverständlich schreie ich Leute an“, gibt Barbra Streisand zurück, „meinen Mann zum Beispiel – aber macht mich das zur Diva?!“ Die Streisand trug zum Interview im CNN-Studio damals zu ihrem schulterlangen Bob ein schwarzes Jackett mit weißem Vatermörderkragen und sah ein wenig aus wie eine Beethovenbüste, vornehm und steif; ihre unebenmäßigen Züge, die sie von rechts manchmal bäuerlich und von links oft atemberaubend schön wirken lassen, verzogen sich zu einem nachsichtigen Lächeln, so als wollte sie sagen: Junger Mann, ich bin seit mehr als einem halben Jahrhundert im Geschäft – die Leute haben mich schon alles Mögliche genannt, „Diva“ nehme ich als Kompliment. Tatsächlich ist die „Göttliche“ aus Brooklyn nicht nur Urmutter aller Diven: Gegen ihr Prestige und ihre Power kommen einem Beyoncé, Madonna und Mariah Carey vor wie ein sanfter Mädchenchor. Sie bringt erwachsene Männer zum Zittern – gleich der erste Hollywood-Regisseur, mit dem sie 1967 zu tun hatte, der „Ben Hur“-Veteran William Wyler, gestand, dass ihm die willensstarke Newcomerin „eine Höllenangst einjage“; die Filmcrew wisperte damals, Miss Streisand sei ein „Girl-Monster“.

Désirée Nosbusch im Lebenslinien-Interview - hier lesen.

Selbstbewusster Kontroll-Freak

Von jeher galt sie als Kontroll-Freak – klar, so nennt man alle Frauen, die sich ungern von Männern ins Handwerk pfuschen lassen. Derartige Kritik prallt an ihr ab: „Ich bin eine feministische, jüdische, meinungsstarke, liberale Frau“, sagt sie achselzuckend. „Das finden viele provozierend.“ Als Erste in Hollywood hat sie ihre Filme selbst produziert und inszeniert, die Hauptrolle gespielt und die Musik komponiert. Nebenwirkung dieser Egomanie: „Ich lasse keinen Schönheitschirurgen an mein Gesicht“, sagt sie, „ich traue niemandem.“ Das hindert sie natürlich nicht, sich mit 74 für das Cover des amerikanischen „W“-Magazins ganz sexy in Strumpfhose und Herrenhemd fotografieren zu lassen. Anfang des Jahres hat sie sich mit dem neuen US-Präsidenten angelegt und ihn als „rassistischen, sexistischen Fremdenhasser“ bezeichnet. Sie demonstrierte mit Pussyhat (dem Erkennungszeichen der Trump-Gegnerinnen) auf dem „Women’s March“ in Washington und spendet großzügig für „linke“ Anliegen wie Waffenkontrolle und Familienplanung, kurz: Sie spielt ihre Macht als amerikanische Ikone glänzend aus. Als sie zuletzt in einer US-Late-Night-Show zu sehen war – sie stellte ihr 36. Studio-Album vor, ihre 60. Platte insgesamt – überließ ihr der Moderator nicht nur sein Pult, er kniete praktisch vor ihr. Sie schien amüsiert – und wunderte sich doch kein bisschen; so soll es sein, so wollte sie es immer haben.

75 Jahre Erfolg und kein Ende

Mehr als 250 Millionen Platten hat sie verkauft, ist die erfolgreichste Sängerin ihres Landes, wenn nicht der Welt, und jede erdenkliche Auszeichnung der Entertainment-Industrie hat sie gewonnen, vom Oscar bis zum Bühnen-Tony; die Freiheitsmedaille des Präsidenten gab’s obendrein. Im April 2017 feiert Barbara Joan Streisand, die sich Anfang der 60er-Jahre in „Barbra“ umtaufte, weil das mysteriöser klang, ihren 75. Geburtstag. Ein Alter, möchte man annehmen, in dem sie sich entspannt der Rosenpflege auf ihrem Anwesen in Malibu widmen und mit ihrem zweiten Ehemann, dem Schauspieler James Brolin, abends gemütlich kochen und fernsehgucken könnte. Was sie auch gern tut – fürs Kochen hat sie sich zwar erst spät erwärmt, doch das Herrichten und Dekorieren des Domizils am Pazifik ist ihre große Leidenschaft. Die Hausherrin besitzt so viele Antiquitäten, dass sie eine Scheune zum Showroom umgebaut hat, in dem ihre Detailbesessenheit sich voll entfalten kann: Sogar die Koi-Karpfen im Vorgartenteich glänzen im gleichen Farbton wie die Fensterrahmen.

Barbra Streisand, die ruhelose Ikone

Aber das ist dieser Powerfrau natürlich nicht genug: Derzeit ist sie auf Tournee, wird im Mai in ihrer Heimatstadt New York auftreten. Sie brütet über ihren Memoiren, die 2017 noch veröffentlicht werden. Und sie bereitet einen Film vor, ihren vierten als Regisseurin: Er wird um Katharina die Große gehen – und für Größe, da hatte sie schon immer einen Riecher für. Und, apropos, es ist nicht die Nase, die Barbra Streisand so groß gemacht hat! Mit zierlichem Stupsnäschen wäre aus dem Talent, das sich da in New Yorker Clubs Anfang der 60er-Jahre die Seele aus dem Leib sang, wohl auch ein Star geworden. Die Stimme war einfach umwerfend: glasklar, zwei bis drei Oktaven umspannend, mit fließendem Legato, so kraftvoll, so sexy, so zu Herzen gehend. Aber von diesem dünnen Ding mit proletenhaftem Brooklyn-Dialekt ging etwas aus, das noch magischer war als der Sound: der unbändige Wille, dazuzugehören, die trotzige Hoffnung der hässlichen Entlein, der Unverstandenen und Zurückgewiesenen.

Geburt des „Funny Girl“

Barbra war erst 18, als sie für 125 Dollar die Woche im „Bon Soir“ auftrat, einer Bar, in der sie damals legal noch nicht mal einen Drink bestellen durfte. Sie trug selbst geschneiderte Klamotten und malte sich Lidstriche wie Marlene Dietrich und dann sang sie von Liebe und Verlust, als wäre ihr schon tausendmal das Herz gebrochen worden. Sie hatte nie Gesangsunterricht genommen und konnte keine Noten lesen, hörte sich Songs nur zwei-, dreimal an und sang sie dann nach und aus ihrem Mund erklangen sie neu und frisch und wunderbar. Weil ihre Mutter zu der Zeit immer noch hofft, dass Barbra Sekretärin wird wie sie, lässt sich die Tochter die Fingernägel wie Tentakel wachsen, unmöglich, damit zu tippen. Auch sonst sieht Barbra nicht aus wie das „Girl next door“, auf das Hollywood so scharf ist: Die stechend blauen Augen stehen zu eng beieinander, „und wenn sie müde ist, fängt sie an zu schielen“, seufzt später bei ihrem ersten Film der Kameramann. „Sie ist nicht einfach zu fotografieren.“ „Mieskeit“ nennt sich Barbra selbst, das ist jiddisch für „Hässliche“. „Wer will mich denn schon?“, fragt sie ihre Freundinnen. Doch sie genießt das Verkleiden, spielt mit ihrem Sex-Appeal. Legendär ihr Hollywood-Debüt in „Funny Girl“: Da stakst sie im Leopardenmäntelchen in ein Theater, man sieht sie nur von hinten, bis sie sich in einem Spiegel zulächelt. „Hello, gorgeous“, raunt sie. Na, du Hinreißende. Und von dem Moment an glaubt ihr das die ganze Welt.

Die Mischung macht’s

„Sie ist eine komplizierte Mischung aus Selbstvertrauen und Selbstzweifeln“, sagt der US-Fernsehjournalist Mike Wallace, der sie 1991 vor laufender Kamera zum Weinen brachte: Er fragte nach Barbras Eltern, nach dem Verhältnis zur Mutter (ihr Vater starb, da war sie erst fünfzehn Monate alt). „Meine Mutter hat mir nie gesagt, dass sie mich liebt oder stolz auf mich ist“, bricht es aus der damals knapp 50-jährigen Barbra hervor. „Sie wollte nicht, dass ich mir was einbilde.“ Dann lacht sie kläglich – die lebende Legende, im Herzen ein ungeliebtes Kind.  So viele Jahre hat sie Therapie gemacht, dass ihr die Eigendiagnose leicht fällt: „Meine Mutter ist verantwortlich für meinen Erfolg, weil sie mich nie verstanden hat.“ Das habe ihren Ehrgeiz angestachelt: „Ich wollte ihr beweisen, dass man nicht schön sein muss, um ein Filmstar zu werden.“  Sie lädt ihre Mutter Diana, von der sie das Gesangstalent hat, nie zu Premierenpartys ein und schickt ihr selten Geld, auch nicht, als sie schon Millionärin ist. In den 80ern kauft sie ihr schließlich ein Apartment in Beverly Hills. Diana wird von Paparazzi aufgesucht, sie sagt: „Ich hätte nie gedacht, dass es so hart sein würde, ihre Mutter zu sein.“

Grantler-Seele der Streisand

Die Tochter würde sagen: Es ist auch hart, Barbra Streisand zu sein. Sie ist zerfressen von Unsicherheit, als sie Ende der 60er-Jahre in Hollywood ankommt. Die Sensation aus New York wird auf Partys eingeladen, Cary Grant ist da, Natalie Wood. Barbra kommt zwei Stunden zu spät, weil sie nicht weiß, was sie anziehen soll. „Wenn ich auftrete, habe ich vor nichts Angst. Aber wenn ich nur ich selber sein soll, fürchte ich immer zu enttäuschen.“ In ihrem schwindelerregenden Aufstieg verliert sie schnell jeglichen Kontakt zur normalen Welt, fühlt sich am wohlsten in Aufnahmestudios oder an Film-Sets, wo sie alles unter Kontrolle hat. Sie leidet unter Lampenfieber, ist mit ihren Auftritten nie zufrieden. Und je mehr sie sich ihren Fans entzieht, desto leidenschaftlicher beten die sie an: Wer will denn schon Volksnähe von einer Diva? Barbra weiß um ihre Grantlerseele. Als sie 1969 den Oscar für „Funny Girl“ gewinnt – sie teilt ihn sich mit Katherine Hepburn –, sagt sie in ihrer Dankesrede: „Jemand hat mich mal gefragt, ob ich glücklich bin. ‚Machst du Witze?‘, habe ich geantwortet. Mir ginge es schlecht, wenn ich glücklich wäre!“  

Barbra Streisands prominente Leading Men

„Barbras Problem ist, dass sie gar nicht glücklich sein will, sie hat Angst davor“, sagt Elliott Gould, ihr erster Ehemann. Den Schauspieler hat sie mit knapp zwanzig geheiratet, er ist der Vater ihres Sohnes Jason. Doch heute, sagt sie, sei sie sehr wohl glücklich. Nach einem aufregenden Reigen von „Leading Men“ an ihrer Seite – von Kanadas Premier Pierre Trudeau (ja, genau, der Vater des hübschen Justin) über Hollywood-Beaus wie Ryan O’Neal, Warren Beatty und Don Johnson bis hin zum Tennis-Ass Andre Agassi – hat sie 1998 den TV-Star James Brolin geheiratet. Die beiden wurden von einer Freundin verkuppelt („Wie soll ich denn sonst Männer kennenlernen?“) und tun einander allem Anschein nach gut. Vielleicht, weil seine Gemütsruhe sich sanft auf ihre Neurosen legt. Vielleicht, weil ihr Ruhm ihn völlig kaltlässt. Jedenfalls sagt Barbra jetzt so weise Dinge wie: Perfektion gibt es gar nicht. Und er sagt: Babs, mach uns ein Sandwich. Das kann sie nämlich perfekt.

Autorin: Christine Kruttschnitt