Isabelle Huppert im Interview: Alles andere als erwachsen

Alt, was heißt schon alt? Schauspielerin Isabelle Huppert glaubt an die Macht des Kinos, nicht an die Macht von Zahlen. Begegnung mit einem eigenwilligen Star.

Schauspielerin Isabelle Huppert im DONNA-Interview

Was ist glamourös? Wenn man schimmert, ohne es zu sehr darauf anzulegen. Isabelle Huppert in Glitzergarderobe und mit ebensolcher Neugier.

Isabelle Huppert ist das, was die Franzosen „petite“ nennen. Eine verblüffend zierliche Person. Ein graues, kurzärmeliges T-Shirt lasst ihren Oberkörper noch schmächtiger erscheinen. In einer Prager Weinbar sitzt die 64-Jährige an einem Tisch und ich bin im ersten Moment kolossal überrascht, dass diese Ikone des französischen Kinos eine so fragile Erscheinung hat. Schließlich fühlte ich mich von ihr auf der Leinwand schon oft angestiftet, aufzumucken, mich (vor allem als Frau) gegen den Strom zu stellen. Es ist Abend, sie kommt gerade von einer Lesung, später geht es weiter zum Abendessen, Projekte besprechen. In der nächsten Woche wird sie in Dublin drehen. Und der „Mad Men“-Erfinder Matthew Weiner hat sie für eine neue Serie gebucht. Klar, sie ist ein bisschen müde.

Zur Begrüßung steht sie auf, fester Händedruck. Sie hat etwas Sachlich-Zugewandtes an sich, strafft sich ein wenig. Sie scheint zu sagen: „Wir kennen uns nicht. Wir werden das auch in den nächsten 30 Minuten nicht schaffen. Lass es uns professionell durchziehen.“ Noch vorhin im Hotel dachte ich panisch: Was sind zehn wirklich gute Fragen, um von der möglicherweise größten französischen Schauspielerin viele beglückende Antworten zu bekommen. Antworten, die das Leben für einen selbst und vor allem die Lesenden dieses Artikels einen Schuss funkelnder, um ein, zwei Perspektiven reicher machen? Aber so läuft es nicht. Man spürt rasch, eine so kluge und ernsthafte Frau sitzt ganz bestimmt nicht hier, um mit Küchenpsychologie zu dienen.

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Das ist kein Entertainment, das man sich zum Vergnügen anschaut

Eigentlich treffen wir uns, um über ihren neuen Film zu sprechen „Happy End“ von Michael Haneke. Der unbequeme österreichische Regisseur, mit dem sie schon oft gedreht hat. Es geht um eine französische Familie, die vor dem Hintergrund der Flüchtlingskrise nur um ihre eigenen Dramen rotiert (Untreue, Lebensmüdigkeit, querschlagende Kinder, Stress in der Firma). Huppert spielt darin eine Mutter, der der unangepasste Sohn entgleitet.

Die erste Frage Wie gehen Sie mit Chaos in der Familie um?“ lässt sie französisch-indifferent an sich abperlen – so, als hatte man sie gar nicht gestellt. Man weiß, dass die Mutter von drei erwachsenen Kindern ganz wenig Privates preisgibt. Aber sie hat genug Drive, um über die Turbulenzen im Film zu sprechen. Alle in dieser Familie drehen sich um ihr eigenes kleines Chaos, während die Welt um sie herum explodiert, während Hunderte von Flüchtlingen im Meer ertrinken“. Es imponiert ihr, wie der Regisseur diese beiden Welten zusammenmontiert und die Erwartung „auf einen kleinen, netten Film“ durchkreuzt. Oh, non, das ist kein Entertainment, das man sich zum Vergnügen anschaut“.

Szenenbild "Die Familie Laurent" - Happy End

In „Happy End” von Regisseur Michael Haneke – einem heiter-heftigen Melodram –, spielt Isabelle Huppert eine Frau, die heiraten möchte, obwohl um sie herum alles zu bröckeln beginnt.

Es gibt eine Szene, die es ihr heftig angetan hat: Da taucht der Sohn auf Mamans zweiter Hochzeit auf, einen Trupp Flüchtlinge im Schlepptau, um die bourgeoise Feier zu torpedieren. Die Mutter, so rabiat wie verstört, wird in ihrer Bedrängnis handgreiflich, bricht dem Sohn einen Finger, um ihm Einhalt zu gebieten. „Terrible, terrible“, sagt sie in ihrem heiser-raschen Tonfall, sei das gewesen. Extrem gewalttätig“. Es schüttelt sie, als sie das sagt. Und doch sei es eine Schlüsselszene dafür gewesen, wie in dieser Familie jedes Problem, jedes Schwelen mit aller Macht unter dem Deckel gehalten wird“. Da mitzuspielen, habe ihr „großes Vergnügen“ bereitet.

Das Verrückte ist, dass die schlimmsten Szenen am Ende oft etwas Komisches haben. Man ertappt sich dabei, dass man schrecklich lachen muss. Ein bisschen, wie in einem Thomas-Bernhard-Stuck.“ Das ist nach ihrem Geschmack, wenn die Tragödie so tragisch wird, dass du gar nicht anders kannst, als in lautes Lachen auszubrechen“.

Schaut man dann mit anderen Augen auf die Tragödie? Sie zuckt kurz mit den Achseln, sondiert, ob das jetzt eine Frage an die Schauspielerin oder die Privatperson ist. Ein kurzes, nicht uncharmantes Zögern, dann gesteht sie: Ich bin da wie alle anderen auch. Man hört von Tragödien, man entwickelt großes Mitleid. Wenn man die Nachrichten einschaltet. Wenn man einen harten Film sieht. Aber danach gehe ich auch zur Tagesordnung über. Meistens. Ich glaube, das ist menschlich.“

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Ich weiß gar nicht ob es erstrebenswert ist, erwachsen zu werden

Habe sie denn ein Rezept dafür, wie man in einer schwierig gewordenen Welt optimistisch bleiben konnte? Ach, wissen Sie, wenn es jemanden geben muss, der seinen Optimismus bewahren sollte, dann ich. Denn ich habe ein unglaublich privilegiertes Leben. Mir geht es sehr gut. Das mache ich mir jeden Tag bewusst. Was nicht heißt, dass ich nicht auch meine kleinen Einbrüche oder Ängste hatte.“ Isabelle Huppert hat kein Interesse, sich überlebensgroß zu inszenieren. Den Star zu geben. Sie lasst Fragen sacken; manchmal antwortet sie vehement, mal eher achselzuckend. Mal Kopf in der Hand, mal ringen die Hände (mit hübschem dunkelrotem Lack auf den Nageln) um Antworten.

Die Frage, ob sie das Älterwerden tangiere, scheint sie zu ermatten. Keine Ahnung, schmale Lippen, dann ein knapper Satz: „‚Alt’ ist ein Wort, das mir nichts sagt.“ Und wie empfindet man die vielen Jahre, die vergangen sind? Die Erfolge, die zurückliegen? Wann hatte sie das erste Mal das Gefühl, erwachsen zu sein? Da muss sie lachen: „Also, wenn ich eines nicht bin, dann erwachsen. Wer ist das schon? Ich weiß gar nicht, ob es erstrebenswert ist, erwachsen zu werden.“ Aber hat sie nicht einmal geäußert, sie müsse immer vorwärts gehen, um nicht auf dumme Gedanken zu kommen? Habe ich das? Mein Gott, ich habe schon so viel Zeug in meinem Leben erzählt.“ Mit entwaffnender Süffisanz legt sie da die Lebensweisheiten eines Stars lahm.

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Etwas anderes steht fest in ihrem Kosmos: „Ich glaube an die Kraft des Kinos. An die wunderbare Macht, die es hat. Ich habe da ein unendliches Vertrauen. Deswegen macht mich das Schauspielen auch nicht bange. Ich stelle mich vor die Kamera und spiele.“ Sie sei überzeugt, dass in diesen Momenten Großes entstehe. „Ich habe nicht alle Antworten auf die Fragen des Lebens. Ich suche sie auch nicht. Aber im Kino passiert für mich und die Zuschauer etwas, das Antwort gibt. „Wenn man im dunklen Saal sitzt und berauscht ist von einem anderen Leben? „Ja, exakt das meine ich“ Jetzt scheint sie fast zu leuchten. Das Kino ist ähnlich bewusstseinsverändernd wie die Literatur. Das ist wie starker Seegang, dem du dich nicht widersetzen kannst. Ich beneide keinen, der nicht liest.

Kein schlechter Satz zum Mitnehmen. Da ist sie auch schon fast am Gehen. Man wollte noch so viel fragen. Feminismus? Sich-treiben-Lassen? Gutes Alleinsein? Das sei doch alles selbstverständlich, Standard für ein selbstbestimmtes Frauenleben. „Darüber muss man nicht debattieren.“ Nur das mit dem Nichtstun das ist extrem schwierig“. Und dann muss sie los. Weg ist sie auf ihren Plateau-Sandalen mit perlmuttfarbenen Plastikriemchen.

Die zu ihrer jungenhaften Kleidung (blaue Bundfaltenhose, blau-weiser Blouson) einen formidablen Stilbruch hinlegen. So chic kann es also aussehen, wenn man nicht erwachsen werden möchte. Respekt!

Interview: Katja Nele Bode