Psychologin im Interview: „Nicht jeder ist gleich hochsensibel“

Die Psychologin Dr. Christina Blach hat in ihrer Dissertation die psychologischen Grundlagen der Hochsensibilität erforscht. Die Expertin im DONNA-Interview

Psychologin Dr. Christina Blach

Die Psychologin Dr. Christina Blach hat in ihrer Dissertation die Hochsensibilität erforscht.

DONNA: Frau Dr. Blach, was läuft bei Hochsensiblen anders?
Dr. Christine Blach: Der genaue Mechanismus ist noch unklar. Aber es gibt wohl grundlegende Unterschiede der Reizverarbeitung: Bei der Mehrzahl der Menschen filtert das Gehirn quasi automatisch das vermeintlich Hauptsächliche in einer Situation – die anderen Reize werden unbewusst ausgeblendet. Bei Hochsensiblen kommt es dagegen zu einer sogenannten Hypervigilanz, also einer allgemein erhöhten Aufmerksamkeit. Dadurch fällt es ihnen schwerer, sich nur auf ganz bestimmte Reize zu fokussieren. Ein Feierabendbummel im Einkaufszentrum ist für sie in der Regel keine Erholung, sondern Überforderung. Onlineshopping kann eine hilfreiche Alternative sein: Man hat seine Ruhe und kann detailliert alle Beschreibungen lesen.

Hochsensible Menschen erkennen – hier lesen.

Ist das Phänomen denn wirklich so weitverbreitet?
Dazu kursieren einige Zahlen. Mal heißt es zehn, mal 15, mal 20 Prozent der Menschen seien hochsensibel. Dass das so ungenau ist, liegt wohl auch an der Definition des Psychologen-Paars Aron, die zu einer Zweiteilung führt. Sie sagen, entweder ist man hochsensibel oder nicht. Nach meinen Studien ist Feinfühligkeit aber eher ein Kontinuum, etwas, das bei jedem unterschiedlich ausgeprägt ist. Am einen Ende der Skala sind die extrem Hochsensiblen, am anderen die gar nicht Empfindsamen – und dazwischen gibt es diverse Abstufungen.

Manche Kritiker bezweifeln auch, dass Hochsensibilität sich überhaupt durch einheitliche Merkmale definieren lässt.
Das ist eine ungeklärte Frage, zu der noch viel Forschung nötig ist. Auffällig ist zumindest, dass zwar die Mehrheit der Hochsensiblen eher introvertiert ist. Manche treten aber auch eindeutig extrovertiert auf und suchen eher Aufregung. Bei meiner eigenen Arbeit habe ich sechs Faktoren identifiziert, die mit Hochsensibilität zusammenhängen.

Und die wären?
Erstens eine niedrige sensorische Reizschwelle, also eine tiefere und detailliertere Wahrnehmung. Zweitens werden Hochsensible durch die wahrgenommenen Reize leichter erregt als Nicht-Hochsensible. Drittens zeichnet sie eine hohe ästhetische Sensibilität aus – Kunstwerke, Musik, gelungene Gestaltung werden besonders intensiv erlebt. Dazu kommt eine Tendenz zur Überforderung durch Zeitmangel, insbesondere bei parallelem Arbeiten, dem Multitasking. Ebenso ein Hang zum sozialen Rückzug in Situationen mit vielen Reizen. Und schließlich eine ausgeprägte Gewissenhaftigkeit beim Erledigen von Aufgaben. Das spricht dafür, dass Hochsensibilität ein Konstrukt mit vielen Facetten ist.

Sind Hochsensible eher mal unglücklich?
Beim Auswerten der Fragebögen zeigen sich zwar deutliche Beziehungen: Höhere Ausprägungen von Hochsensibilität hängen zusammen mit höheren Werten von Ängstlichkeit, Depression und chronischen Stresswerten. Aber das erklärt nicht, was Ursache und was Wirkung ist. Führt höheres Angstempfinden eher zu feinfühliger Wahrnehmung oder ist es vielmehr eine Folge davon? Es gibt zwar eine Studie von Aron und Aron, wonach Personen mit ungünstigen Erfahrungen in der Kindheit höhere Sensibilitätswerte zeigen. Aber auch hier ist die Art der Verbindung unklar. Es könnte ja sein, dass die Kinder von Beginn an hochsensibel sind und dann negative Erfahrungen in der Umwelt stärker wahrnehmen als andere.

... oder durch ihre Andersartigkeit entsprechende Reaktionen hervorrufen bzw. verstärken.
Genau, viele Eltern haben leider gar keine Idee, wie sie mit feinfühligeren Kindern umgehen sollen. Wobei es vermutlich nicht nur Zusammenhänge mit Erfahrungen in der Kindheit gibt, sondern auch in späteren Lebensphasen. Zumindest finden sich bei älteren Personen höhere Werte für Hochsensibilität.

Wie erklären Sie sich das?
Es kann auch daran liegen, dass sie eher bereit sind, das einzuräumen. Allerdings sollte nicht vergessen werden: Hochsensibilität ist ja kein Problem an sich – die Auffälligkeit entsteht oft eher daraus, dass Hochsensible in unserer hektischen Tempogesellschaft schnell anecken. Da braucht man schon gute Strategien.

Wie können diese aussehen?
Um das Anspannungsniveau zu senken, empfehle ich Entspannungstechniken. Die kann man in Kursen lernen oder allein mit Büchern oder CDs. Und natürlich Sport, auch das ist ein mögliches Mittel. Grundsätzlich sollte man sich immer wieder bewusst machen, wo die eigenen Grenzen liegen und entsprechend Erholungsphasen schaffen. Dabei hilft ein gutes Zeitmanagement, sich nicht zu viel vorzunehmen und längere Pausen einzuplanen. Und so wenig Multitasking wie möglich!

Das ist für Hochsensible vermutlich besonders unangenehm, oder?
Ja, viele fühlen sich unwohl, wenn beim Arbeiten Zeitmangel herrscht oder viele Tätigkeiten parallel gemacht werden müssen. Hochsensible nehmen ja mehr Reize auf als andere und brauchen somit mehr Kapazität für die Verarbeitung. Das führt wiederum rascher zu Erschöpfung. Darum ist es für Hochsensible auch anstrengender, wenn im Hintergrund das Radio läuft oder neben ihnen jemand telefoniert.

Deshalb wäre es sicherlich gut, wenn diese Menschen ihren Arbeitsplatz selbst einrichten könnten – aber haben die Chefs dafür Verständnis?
Vermutlich nicht. Bestehende Strukturen zu ändern, ist meistens schwer. Umso genauer sollte man schauen, wo sich die größere Feinfühligkeit als Ressource nutzen lässt: durch ausgeprägte Empathie, Gewissenhaftigkeit, einen Sinn für Gerechtigkeit oder auch das Erkennen von komplexen Zusammenhängen.

Manche behaupten, hochsensible Menschen seien auch oft hochbegabt. Stimmt das?
Das ist wissenschaftlich nicht nachgewiesen und auch ich sehe da keinen zwingenden Zusammenhang. Aber wer einen guten Umgang mit seiner Hochsensibilität erlernt, kann sicherlich besser genießen. Schließlich empfinden sie auch die positiven Dinge viel intensiver, zum Beispiel Kreativität oder anregende Gespräche.

Interview: Jan Schlieter