Hochsensibel: Viel zu laut und unglaublich nah

Kreischende Bremsen, penetrante Parfüms und dazu Gefühls-Chaos von allen Seiten – wer Reize überdeutlich wahrnimmt, leidet und gilt als hochsensibel. Was ist dran an diesem Phänomen? Und vor allem: Wie fühlt es sich an?

Eine Frau sitzt nachdenklich auf einem Felsen

Hochsensible Menschen nehmen Reize viel stärker wahr – und leiden oft darunter.

Zum Thema Hochsensibilität sind allein im Jahr 2016 rund 30 Bücher erschienen – unter anderem mit Titeln wie „Zart im Nehmen“, „Die Kraft des Fühlens“ und „Der sanfte Krieger“. Außerdem gibt es deutschlandweit ein großes Angebot an Vorträgen, Seminaren und Coachings dazu. Eine neue Trend-Diagnose? Nein, sagen alle, die sich betroffen fühlen: endlich eine gute Erklärung für das Lebensgefühl von Millionen. Kritiker hingegen sehen es vor allem als Geldmacherei mit einem vage definierten Begriff. Denn einerseits veröffentlichten die US-Psychologen Elaine und Arthur Aron bereits vor 20 Jahren in einem der renommiertesten Fachjournale Studien, wonach etwa jeder Fünfte „highly sensitive“ (also hochsensibel bzw. feinfühlig) sei.

Hochsensibilität: Überstimulation kann quälen

Das zeige sich unter anderem in einer detailreichen Wahrnehmung und in einem intensiven Einfühlungsvermögen, kann aber auch als quälende Überstimulation empfunden werden. Andererseits steckt die Erforschung des Themas noch immer in den Kinderschuhen. Eine der wenigen Untersuchungen im deutschsprachigen Raum stammt von der Österreicherin Christina Blach, 31, die sich in ihrer Dissertation dem Thema gewidmet hat. Aber was auch immer hinter dieser Besonderheit steckt – für die Betroffenen fühlt sich vieles im Leben ganz anders an.

Christina Blach im Interview: Das sagt die Expertin über Hochsensibilität

Diagnose hochsensibel als Erlösung

Zum Beispiel für Monika Mayer: „Du bist nicht nur sensibel, du bist hochsensibel! – diesen Satz habe ich von meinem Freund seit Beginn unserer Beziehung ziemlich oft gehört. Vor etwa fünf Jahren gab ich den Begriff hochsensibel dann einfach mal bei Google ein. Der Klick auf den ‚Suchen‘-Button war eine Offenbarung: Endlich fand ich eine Erklärung, warum ich viele Situationen als anstrengender empfinde als andere. Meine Wahrnehmung funktioniert, als sei sie an einen Verstärker angeschlossen. Wenn ein Nachbar irgendwas in seiner Wohnung hin- und herschiebt, kann es sein, dass sich mein Gehör daran festkrallt und ich an nichts anderes mehr denken kann.

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Hochsensibilität als Gewinn

Das Parfum, das nach einer Umarmung an mir klebt, ist mir äußerst unangenehm – selbst wenn es das einer lieben Freundin ist. Ich habe sogar schon ein Café verlassen, weil die Musik nicht zu dem ansonsten angenehmen Ambiente passte. Diese Empfindlichkeit für bestimmte Reize kann ich einfach nicht runterregeln. Meine verfeinerte Wahrnehmung empfinde ich aber längst nicht immer als Bürde. Sie macht mich auch empfänglicher für Zwischentöne. Deshalb liebe ich Gespräche mit Tiefgang, lasse mich gerne intensiv auf Menschen oder Themen ein. Außerdem freue ich mich besonders über schöne Dinge im Alltag oder in der Natur. Und ich genieße es, mich einfach irgendwo hinzusetzen und meine Umgebung zu beobachten – spannender als Kino!

Hochsensibel: Vielfühler

Weil sich hochsensibel eher alarmierend als positiv anhört, nenne ich Menschen wie mich gerne auch Vielfühler oder Vieldenker. Meine hohe Empathie, die für viele Menschen mit dieser Anlage charakteristisch ist, hat zwei Seiten. Von Freunden und Kollegen wird sie zwar geschätzt, aber mir tut es fast körperlich weh, wenn ich einen Obdachlosen zitternd in der Kälte sitzen sehe. Auch wenn andere unfair behandelt werden, fühle ich mit – egal, ob ich selbst betroffen bin oder nicht – und muss protestieren. So war ich schon als Kind. Durch die Ansammlung der vielen Eindrücke brauche ich mehr Zeit und Raum zur Regeneration als andere Menschen. Ich habe gelernt, mich nicht an ihnen zu orientieren, sondern meinen eigenen Maßstab zu finden.

Hochsensibilität: Zeit für sich nehmen

Seit mir meine Veranlagung bewusst ist, achte ich mehr auf meine Grenzen. Was aber nicht heißt, dass ich bei der Arbeit nachlasse. Ich achte nur stärker auf Ausgleich: Wenn ich zum Beispiel eine Woche lang ein Assessment-Center leite, reise ich lieber schon einen Abend vorher in Ruhe an und nehme mir danach das Wochenende frei, statt auch noch zwei offene Ohren für Freundinnen zu haben. Meine wichtigste Erkenntnis: Ich muss mich um mich selbst sorgen. Schauen, was ich brauche, statt zu erwarten, dass andere das für mich tun. Mein Credo lautet: Wenn du zwei helfende Hände suchst, findest du sie am Ende deiner Arme.

Mehr Toleranz durch Hochsensibilität

Meine Zeit gestalte ich inzwischen bewusster und auch alte Gewohnheiten stelle ich regelmäßig infrage: Meinen Fernseher habe ich zum Beispiel abgeschafft, letztes Jahr bin ich von der Stadt aufs Land gezogen. Nah an den Bergen und viel in der Natur, da kann ich auftanken. Seit mir meine Hochsensibilität bewusst ist, bin ich toleranter geworden. Andere müssen nicht leisten, was ich mir wünsche. Mir reicht es, wenn ich merke, dass mein Gegenüber sich bemüht, mich zu verstehen. Ich denke sogar, dass eine gewisse Verschiedenheit Vorteile hat. Verhaltensforscher haben bei Tieren beobachtet, dass rund 20 Prozent einer Art besonders achtsam sind. Sie sind wichtig, um die Gefährten auf Risiken und Gefahren aufmerksam zu machen, während für den Umgang miteinander wieder andere Tiere zuständig sind.

Hochsensibel: Keine Belastung für die Gesellschaft

So eine Rollenverteilung scheint mir auch bei uns Menschen sinnvoll zu sein, man ergänzt sich. Und ich bin überzeugt, dass wir Hochsensiblen einen wichtigen Beitrag für die Gemeinschaft leisten können – etwa, weil wir komplexe Zusammenhänge gut erkennen können und uns moralische Werte wichtig sind. Das soll natürlich nicht heißen, dass Hochsensible bessere Menschen sind. Aber eben auch nicht die schlechteren.”

Protokoll: Jan Schlieter