Isabella Rossellini: „Das Altern stoppt mich nicht“

Sie war das Beauty-Gesicht der 80er- und 90er-Jahre, aber nur schön sein hat ihr noch nie gereicht: Heute ist Isabella Rossellini auch Regisseurin, Autorin, Studentin – und glückliche Hühnerzüchterin. Das DONNA-Lebenslinien-Interview

Schauspielerin und Lancôme-Gesicht Isabella Rossellini

Mit über 60 ist Isabella Rossellini weiterhin eine Beauty-Ikone und erneut das Gesicht des Kosmetikkonzerns Lancôme.

Entspannt: Doch, das ist sie wirklich. Beim Lunch erzählt sie offen und ohne Allüren von der Arbeit auf ihrer Bio-Farm nahe New York („Zu meinen Bienen traut sich keiner außer mir, alle haben Angst“). Als später die Rede auf ihren Sohn Roberto kommt, holt sie ihr Smartphone aus der Tasche – auf der Hülle ein Foto ihres Hundes Pinocchio („Er lügt! Er trickst mich aus!“). Sie ruft Instagram auf und zeigt stolz ein paar Bilder, auf denen der 23-Jährige als Model posiert („Ein Apollo! Also, finde ich zumindest“). Von wem er das wohl hat? „Von mir nicht, ich habe ihn ja adoptiert.“ Eitelkeit scheint ihr fremd zu sein, sonst würde sie sich in ihrem neuen Buch wohl auch kaum ungeschminkt im Hühnerstall zeigen.

Hollywood-Star Susan Sarandon im DONNA-Interview – hier lesen.

DONNA: Lassen Sie uns über Glück sprechen – und über Hühner.
Das hat tatsächlich viel miteinander zu tun.

Erklären Sie uns das?
Für mich gehören Tiere zum Glück unbedingt dazu: mein Hund, meine kleine Farm – und natürlich meine Hühner! Auf Ihrer Farm leben 70 Hühner. Und alle haben unterschiedliche Persönlichkeiten, schreiben Sie. Es ist wirklich verblüffend: Das eine ist schüchtern, das andere keck; es gibt echte Abenteurer unter ihnen, aber auch Einzelgänger und unzertrennliche Freunde.

Haben Sie einen Liebling?
Eine Henne amüsiert mich sehr. Ich habe sie „Rot“ getauft. Wo immer ich hinkomme – sie ist schon da. Sie spioniert mir nach und stellt dauernd Nachforschungen über mich an. Letztens hat sie auf meinem Handy herumgepickt, nachdem ich mit meinem Sohn telefoniert hatte, – und hat ihn tatsächlich angerufen!

Nicht Ihr Ernst!
Allerdings. Über Hühner wird ja gern gesagt, dass sie dumm sind – wie bei Models. Ich kann mich also sehr gut in sie hineinversetzen, weil ich während meiner Model-Karriere mit demselben Stigma zu kämpfen hatte. Es gibt schon Netteres, als im Verdacht zu stehen, ein dummes Mädchen zu sein, das nicht mehr kann, als in die Kamera zu lächeln.

Hühner werden also unterschätzt?
Hühner sind sehr intelligent. Ich glaube, dass wir unsere Vorurteile pflegen, damit wir die Tiere beruhigt essen können. Ich bin keine Vegetarierin, aber ich kann nur Hühner essen, die ich nicht persönlich kenne. Das geht übrigens vielen Bauern so: Sie essen nur die Tiere von anderen Höfen.

Ab wann war Ihnen klar, dass Sie Tiere in Ihrem Leben brauchen?
Ich wurde schon mit einer großen Tierliebe geboren. Ich wollte eigentlich Verhaltensbiologie studieren, aber das war im Italien der 70er nicht einfach. Und dann kam mir meine Karriere als Model und Schauspielerin dazwischen. Aber jetzt tue ich es: Ich gehe seit einiger Zeit zur Uni und werde bald mein Diplom machen.

Sie haben noch mal ganz von vorn begonnen.
Es macht mich glücklich, etwas zu verwirklichen, was mich immer schon interessiert hat. Ich habe lange gebraucht, den Pfad dorthin zu finden, nun gehe ich ihn.

Wissen erwerben, etwas erreichen – macht Sie das glücklich?
Mich macht es glücklich, meiner Neugier nachgehen zu können. Ich bin keine Intellektuelle, kein Superhirn. In der Schule war ich auch eher mäßig erfolgreich.

Waren Sie ein glückliches Kind?
Ich denke schon.

Ihre Eltern, die Schauspiellegende Ingrid Bergman und der berühmte Regisseur Roberto Rossellini, trennten sich, als Sie neun waren, und ließen Sie und Ihre Geschwister mit dem Kindermädchen in einem Hotel in Rom zurück.
Ja, aber wir fühlten uns nie verlassen. Meine Eltern waren trotzdem sehr präsent und erreichbar. Für die Gesellschaft ist eine „normale“ Familie ja: Mama, Papa, Ehering, Kinder. Mama ist zu Hause, Vater verdient Geld. Für Kinder dagegen ist das, was sie umgibt, normal. Als ich klein war, dachte ich nie darüber nach, dass es bei uns ziemlich ungewöhnlich zuging. Ich fand es sehr unterhaltsam, meine Eltern am Film-Set zu besuchen. All die Kostüme, die lustigen Menschen ... Ich verkleidete mich und spielte ständig mit jemandem am Set.

Das klingt nach Spaß, nicht nach Rabeneltern.
Ich fühlte mich immer geliebt von meinen Eltern. Sie waren einfach nur geschieden. Ich bin sehr für Scheidung und glaube auch nicht daran, dass der Schlüssel zum Familienglück ist, sich nicht zu trennen. Streiten habe ich meine Eltern nie gesehen: Sie gingen freundlich miteinander um, haben gemeinsam mit uns und ihren neuen Partnern Weihnachten gefeiert. Sie haben diese Art des Miteinanders quasi erfunden, das bewundere ich sehr: Es gab damals noch keine Vorbilder dafür.

Sie waren eine frühe „Patchwork-Familie“.
Ja, besonders meine Mutter hat sich sehr angestrengt, mit der neuen Frau meines Vaters auszukommen und uns zusammenzuhalten. Meine Halbgeschwister sind für mich einfach Schwester und Bruder.

Haben diese Erfahrungen Ihre eigene Rolle als Mutter beeinflusst?
Ich arbeite – wie meine Mutter. Ich habe zwei Kinder, war zweimal verheiratet und bin sehr nett zu meinen Ex-Männern. Besonders mit Jonathan Wiedemann, dem Vater meiner Tochter Elettra, komme ich sehr gut aus. Seine neue Frau, eine Isländerin, erinnert mich an meine Mutter. Wir sind gut befreundet, feiern immer Weihnachten zusammen und fahren gemeinsam in den Urlaub.

Sind Sie ein Familienmensch?
Ja, aber ich liebe auch mein eigenes Leben und meinen Job: Ich bin nicht bereit, ihn für die Familie aufzugeben.

Wie Ihre Mutter.
Ja, und sie hatte recht. Haben Sie beide Kinder?

Ja.
Behalten Sie bloß Ihren Job! Ich habe mal an einem Schauspielseminar teilgenommen, das eigentlich eher ein Psycho-Seminar war. Eine Aufgabe lautete: Spielt eure Mütter. Die Klasse lauerte natürlich auf meinen Auftritt – Ingrid Bergmans Tochter! Was würde sie wohl machen? Alle vor mir sprachen in ihrer Mutterrolle darüber, wie viel sie aufgeben mussten für ihre Kinder und wie sehr sie sich wünschten, dass ihre Kinder ihre unerfüllten Träume verwirklichten.

Und Ingrid Bergmans Tochter?
Es war erstaunlich: Sie war die Glücklichste von allen! Ich fühlte mich frei. Ich bin sehr froh, dass sich meine Mutter nicht für mich geopfert hat, dass ich ihr Leben nicht zerstört habe. Das ist so eine Entlastung. Also: Tun Sie, was Sie wollen – und nehmen Sie Ihre Kinder notfalls mit. Wenn sie jetzt hier beim Interview neben uns säßen, würde mir das gefallen.

Unseren Töchtern sicher auch.
Das ist doch absurd: Die Schule endet Stunden, bevor Bürojobs enden. Meiner Tochter wurde von ihren Lehrern immer vermittelt, dass Frauen arbeiten sollen. Ich habe dann einen von ihnen mal gefragt: „Sie laden um zwei Uhr nachmittags zur Elternsprechstunde – wann genau soll ich dann bitteschön noch arbeiten? Um sieben Uhr morgens komme ich gerne!“ Aber das grundlegend zu ändern, ist wohl eine Aufgabe für die nächste Generation.

Ihre Mutter hat mal gesagt: „Glück ist: eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.“
Den Satz hat sie der Schauspielerin Claudette Colbert geklaut.

Gilt er auch für Sie?
Ich hatte mehr Glück als meine Mutter. Sie wurde früh Waise und gehörte einer Generation zwischen zwei Kriegen an: Da kann ein schlechtes Gedächtnis sicher nicht schaden. Ich habe immer im Frieden gelebt, in Wohlstand, ich habe nie gelitten. Für mich gilt eher: gute Gesundheit und gute Erinnerungen.

Gesundheit war für Sie nicht immer selbstverständlich, als Kind litten Sie unter Skoliose, einer schmerzhaften Krümmung der Wirbelsäule. Sie wurden bis zur Bewusstlosigkeit in eine Streckbank gespannt.
Ja, ich weiß, wovon ich spreche: Man kann krank und glücklich sein – aber deutlich leichter gesund und glücklich. Oder wie sagt man? Man muss nicht reich sein, um glücklich zu sein. Aber besser reich und glücklich als arm und unglücklich. (lacht)

Schauspielerin und Lancôme-Gesicht Isabella Rossellini

„Ich bin kein Superhirn“, sagt Isabella Rossellini über sich selbst. Dabei studiert sie gerade.

Ist, wer schön ist, glücklicher?
Solange unsere Gesellschaft Schönheit als Wert ansieht, ist es ein Vorteil, schön zu sein. Letztens wurde ich gefragt: „Ihre Mutter war so schön, Sie sind so schön, was ist für Sie Schönheit?“ Ich habe geantwortet, dass das nicht wahr sei: Meine Mutter war nicht schön. Sie war auch nicht hässlich, aber sie war der Durchschnitt, „das Mädchen von nebenan“. So definierte sie die „natürliche Schönheit“ – die dann zum Ideal wurde.

Wie sieht das Ideal heute aus?
Da ändert sich gerade viel. Wir definieren Schönheit heute umfassender. Ideale sind altmodisch und machen unglücklich. Schließlich ist es sehr schwierig, wie jemand anders auszusehen. Besonders, wenn dieser Jemand 20 Jahre alt ist, 35 Kilogramm wiegt und 1,80 groß ist. Darum sollten wir den Frauen nicht sagen: „Versuche auszusehen wie eine andere“, sondern: „Verwirkliche, wer du bist.“

Leicht gesagt, schwer umzusetzen.
Das ist natürlich eine Suche. Das Glück ist ein Weg. Zu einem Ziel, das du vielleicht nie erreichst. Aber es gibt eine Richtung.

Und dieses Sich-seiner-selbstbewusst-Sein strahlt man dann auch aus?
Nehmen Sie Penélope Cruz: Was an ihr schön ist, ist ihre Lebhaftigkeit, ihr Feuer, ihre Augen. Es geht nicht um die perfekten Brauen, die perfekte Nase und volle Lippen, sondern darum, dass du dich selbst annimmst – so wie meine Mutter das konnte.

Braucht es dann überhaupt noch Hilfsmittel wie Kosmetik, Make-up?
Make-up hat etwas sehr Spielerisches, das mag ich sehr. Und es sollte einfach eine weitere Ausdrucksmöglichkeit für uns Frauen sein, kein Diktat. Es sollte uns fragen: Wer bist du? Und dann sagen: Ich helfe dir, so zu sein. Versuch mal das hier oder das ...

Vor mehr als 20 Jahren hat Lancôme, dessen Gesicht Sie jahrelang waren, Ihnen plötzlich die Zusammenarbeit aufgekündigt. Begründung: Sie seien jetzt zu alt. Damals waren Sie 42.
Das hat mich sehr verletzt. Weil ich das Gefühl hatte, dass sie einen Fehler machen. Und ich glaube, ich hatte recht: Es war ein Fehler. Aber ich bin glücklich, dass ich nun zurück bin und dieses Kapitel meines Lebens neu und gut beenden kann. Und ich kann mich auf die Suche machen danach, was Schönheit heute ist.

Was sagte man Ihnen damals, als man Ihren Vertrag beendete?
Sie sagten mir: Werbung ist nicht Realität. Werbung ist Traum. Und Frauen träumen davon, jung zu sein. Darum müssen wir auch mit jungen Frauen werben.

Was entgegnet man da?
Ich ging zu meinen Freundinnen und fragte sie: Wollt ihr 20 sein? Keine von ihnen wollte das, sie waren glückliche 40-, 50- oder 60-Jährige. Meine eigene Marktforschung führte also eindeutig zu einem anderen Ergebnis. Aber da war nichts zu machen.

Sie fanden kein Gehör.
Bei Lancôme hatte ich damals nur mit Männern zu tun. Ich glaube, ihnen fehlte einfach die Sensibilität dafür, dass Schönheit für Frauen nicht nur Verführung bedeutet. Wobei ich viele Männer kenne, die 40-Jährige attraktiver finden als 20-Jährige.

Wie kam es, dass man dort seine Meinung änderte?
Ich habe mich mit Françoise Lehmann, der ersten Frau an der Spitze von Lancôme, getroffen und sie gefragt: „Sehen Sie das heute immer noch so?“ Sie: „Nein – darum wollen wir Sie zurück.“ Wen interessiert schon, dass Julia Roberts 50 wird? Kate Winslet wird dieses Jahr 42. Niemand findet sie „zu alt“. Sie sind sehr hübsche Frauen, aber auch tolle, erfolgreiche Künstlerinnen und Persönlichkeiten. Frauen träumen immer noch – aber nicht davon, jung zu sein, sondern davon, sich selbst zu erkennen.

Was kann Schönheit alles bedeuten?
Verspieltheit. Komplizenschaft von Frauen. Lust am Dekorieren, Entspannung ... Aber jetzt habe ich mal eine Frage! Eine sehr schwierige Frage.

Schießen Sie los.
Ich habe gehört, Männer wollen, dass Frauen sexy sind, weil sie Sex mit ihnen haben wollen. Aber sie haben gleichzeitig Angst, sie zu schwängern. Also: Warum bitte sind Frauen in der Menopause dann unattraktiv? (lacht)

Sehr gute Frage!
Oder? Wir Post-Menopausen-Frauen müssten also eigentlich die attraktivsten von allen sein! Aber die Männer haben sich ja auch verändert: Mein Bruder ist viel mehr Macho als mein Sohn. Als er so alt war wie Roberto heute, 23, war es für ihn wichtig, möglichst viele Frauen zu sammeln. Mein Sohn dagegen ist mit seinen Freundinnen mindestens zwei, drei Jahre zusammen. Er hat dieses Machismo-Ding nicht. Und seine Freunde auch nicht.

Nerven Sie all diese Fragen zu Ihrem Alter eigentlich?
Nein. Aber damals war ich besorgt. Ich dachte, mein Job ginge zu Ende und mein Leben.

Beim Job stimmte das ja auch.
Aber alles kam wieder zurück! Und das ist aufregend. Ich kann weitermachen: Das Altern stoppte mich nicht, es erlaubt mir, etwas anderes zu machen.

Eine ganz neue Freiheit.
Uns Frauen wird so lange so viel abverlangt; von der Familie, den Kindern, den Männern, von allen.

Und nicht zuletzt von uns selbst.
Genau. Aber dann werden die Kinder erwachsen, der Ehemann wird unser bester Freund und uns fällt ein: Das und das wollten wir doch immer schon machen! Jetzt ist die Zeit. Ich bin nicht die Einzige, die mit 50 an die Universität gegangen ist, ich habe mehrere ältere Kommilitoninnen. Diese Freiheit hatten wir zwischen 30 und 40 nicht, weil wir zwischen Karriere und Kindern rotieren mussten.

Älterwerden ist also super?
Klar, denken Sie mal an die Rente: Du musst nichts verdienen, du bekommst den Scheck einfach!

Und die schlechten Seiten?
Dass die Zukunft kurz ist. Du kannst nicht mehr so weit im Voraus planen. Ich pflanze einen Baum und denke: In 30 Jahren wird er groß und schön sein. Ich werde nicht mehr da sein, um ihn anzuschauen.

Das ist nicht sicher.
Stimmt: Man weiß nie.

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, dass Sie mit Verstorbenen Konversation betreiben...
Ich habe mir Dialoge mit meinem toten Vater und meiner toten Mutter ausgedacht und mir überlegt, was sie mir jetzt sagen würden. Das war lustig. Aber plötzlich meldeten sich Menschen bei mir, die Kontakt zu ihren Angehörigen wollten. Ich bin doch kein Medium!

Schade. Wir dachten schon, Sie könnten uns eine gute Botschaft aus dem Jenseits überbringen.
Wir müssen keine Angst vor dem Tod haben: Entweder ist da überhaupt nichts. Oder etwas Wundervolles. Das ist doch gut.

Interview: Nina Berendonk und Sina Teigelkötter