Beratungskolumne im November: Leben, Liebe, Arbeit

Wenn man mal nicht weiter weiß, hilft eine Meinung von außen. Unsere drei Expertinnen antworten jeden Monat auf Leserfragen in Sachen Liebe, Leben und Arbeit. Dieses Mal: Ihre Fragen im November.

Porträts der drei Expertinnen in einem Bild

Die DONNA-Expertenrunde: Ann-Marlene Henning, Svenja Flaßpöhler und Madeleine Leitner beantworten jeden Monat Ihre Fragen.

Ihre Fragen – die Antworten der DONNA-Expertinnen

„Ich habe kürzlich nach 14 Jahren meinen Job verloren. Nun hat mir eine gute Freundin in ihrer Firma eine neue Stelle angeboten. Sie wäre dann allerdings meine Vorgesetzte. Mir ist nicht ganz wohl bei dem Gedanken, weil es ja immer heißt, man solle Arbeit und Privatleben voneinander trennen. Andererseits wäre es ein interessantes Angebot. Was soll ich tun?“

Madeleine Leitner, Psychologin und Psychotherapeutin: Sie äußern Zweifel. Deshalb meine erste Frage: Gibt es eine Alternative zu dem Angebot oder sind Sie froh, überhaupt einen Job zu bekommen? Was ja dann auch eine Notlösung sein könnte. Falls Sie tatsächlich auf den Posten, den Ihre Freundin Ihnen anbietet, im Moment angewiesen sind, überprüfen Sie sachlich, ob die Offerte – wenn etwas schiefgehen sollte – nicht auch in einer Sackgasse münden könnte: weil Sie sich am Ende eventuell jobtechnisch verschlechtert haben und nicht mehr so einfach beim nächsten Arbeitgeber anklopfen können.

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Sie sollten beruflich auf Ihrer „Linie“ bleiben und keinen „exotischen“ Job annehmen. Ist das geklärt, kommen wir zum eigentlichen Thema: Sie machen sich Gedanken darüber, ob die Zusammenarbeit funktionieren kann, was ich gut finde. Sie gehen nicht naiv an die Sache heran. Man weiß schließlich, wie schnell Freundschaften bei zu viel Nähe zerbrechen können (Beispiel Urlaub). Klären Sie unbedingt vorab, was Sie beide tun können, wenn es zu Missverständnissen kommt. Machen Sie sich Gedanken, ob es früher in Ihrer Bezihung Konflikte gab und wie Sie beide diese gelöst haben. Ist Ihre Freundin jemand, der sich auch mal etwas sagen lässt? Wie agiert sie, wenn sie gestresst ist? Gleiches gilt natürlich auch für Sie.

Elementar ist, das Thema nicht zu ignorieren. Es wird mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Konfliktsituationen kommen – das ist normal. Vereinbaren Sie daher einfache Regeln, wie Sie beide bei möglichen Reibungspunkten miteinander umgehen wollen. Sinnvoll wäre am Anfang auch ein zweiwöchentlicher Jour  fixe (später monatlich), wo beide Parteien offen ansprechen dürfen, wie es läuft und ob gegebenenfalls etwas stört.

Madeleine Leitner ist unsere Expertin für Job und Karriere. Die diplomierte Psychologin und Psychotherapeutin hat sich in München auf fundierte Karriereberatung spezialisiert.

„Wir gehen öfter mit einem befreundeten Paar zum Essen. Die beiden verdienen weniger Geld; daher haben mein Mann und ich sie bei den letzten Malen stets eingeladen. Inzwischen gehen sie aber schon ganz selbstverständlich davon aus, dass wir die Rechnung begleichen. Wie sprechen wir das an, ohne sie vor den Kopf zu stoßen?“

Svenja Flaßpöhler, Philosophin: Eines ist klar: Sie müssen das Problem ansprechen. Dieses liegt nicht so sehr darin, dass es für Sie unangenehm oder teuer ist, immer die Rechnung zu begleichen, sondern vielmehr darin, dass sich Ihre Freunde in einer unwürdigen Lage befinden. Schließlich sind sie keine Kinder, sondern erwachsene Menschen. Es ist unwürdig, sich stets einladen zu lassen. Der Begriff „Würde“ ist in diesem Zusammenhang tatsächlich zentral. Die Philosophin Eva Weber‐Guskar zeigt in ihrem Buch „Würde als Haltung“, dass diese nichts Naturgegebenes ist. Würde ist etwas, das geknüpft ist an ein selbstbestimmtes Leben und das uns in die Lage versetzt, mit geradem Rücken durch die Welt zu gehen. Trotzdem haben Sie recht, wenn Sie das Paar nicht „vor den Kopf stoßen“ wollen.

In der Redewendung zeigt sich, dass peinliche Situationen etwas Gewalttätiges an sich haben. Man spricht auch davon, dass Menschen dann „ihr Gesicht verlieren“ oder „im Boden versinken“. Es ist, als würde der Mensch verschwinden. Hier eine Idee: Schlagen Sie beim nächsten Mal ein kostengünstiges Lokal vor, das sich das Paar bequem leisten kann. Wenn Ihre Freunde noch ein wenig Stolz besitzen, übernehmen sie von selbst die Rechnung. Wenn nicht, zahlen Sie nur Ihr eigenes Essen. Das mag zwar etwas unangenehm sein für Ihre Freunde, aber zumutbar. Und auf lange Sicht ist dieses Vorgehen das einzig Richtige.

Svenja Flasspöhler ist unsere Expertin für das gute Leben, als promovierte Philosophin und leitende Redakteurin bei Deutschlandradio Kultur beschäftigt sie sich mit den großen und kleinen Fragen des Miteinanders.

„Mein Mann hat mir kürzlich gestanden, dass er fremdgeht. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Er meinte daraufhin, er wolle mich ja gar nicht verlassen, und schlug vor, wir könnten zur Polyamorie übergehen – das heißt, wir würden akzeptieren, dass jeder von uns zwei oder mehr Partner gleichzeitig hat. Seine neue Freundin finde das Modell großartig. Bin ich altmodisch, wenn ich mir so etwas nicht vorstellen kann?“

Ann-Marlene Henning, Sexologin: Die Beziehung für mehr als einen Liebespartner zu öffnen, kann sehr an- und erregend sein. Diese Art zu l(i)eben nennt sich „Polyamorie“ (Mehrlieberei). Die Betonung liegt auf Liebe; dazu gehören Respekt und Vereinbarung von Grenzen, die eingehalten werden. Fremdgehen, wie Ihr Mann es gerade tut, ist etwas ganz anderes. Er stiehlt Ihnen die Wahl, stellt Sie vor vollendete Tatsachen.

Sich dann noch mit der neuen Partnerin zu solidarisieren und ihre Meinung als maßgebend hinzustellen, ist geradezu grausam. Ob Sie als altmodisch gelten, ist jetzt nicht mehr die Frage, sondern ob Sie Ihrem Mann je wieder vertrauen können. Sein Wunsch nach Polyamorie hin oder her – er ist Ihnen gegenüber nicht besonders liebevoll, wirkt selbstsüchtig. Für eine offene Beziehung braucht es Gespräche, bevor man Sex mit anderen hat; das Ganze funktioniert nur, wenn beide Partner einverstanden sind. Hier war Ihre Meinung jedoch nicht gefragt.

Sie müssen schmerzlich darüber nachdenken, ob Ihr Mann und seine Beziehungsvorstellungen für Sie jemals richtig sein können. Was tut Ihnen gut? Was nicht? Bleiben Sie dabei realistisch, vielleicht müssen Sie Ihren Mann sogar gehen lassen? So schwer es auch sein wird.

Ann-Marlene Henning ist unsere Expertin für Liebe & Sex, sie ist Sexologin und berät Frauen, Männer und Paare in ihrer Hamburger Praxis „Doch Noch”.

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Redaktion: Sina Teigelkötter