Gelassenheit statt Perfektion: Wie Sie berufliche Ziele entspannt erreichen

Wenn ehrgeizige Kollegen mit Ellenbogenmentalität an ihrer Karriere feilen, schlägt sich das auf das Arbeitsklima im gesamten Unternehmen nieder. Doch lassen sich berufliche Ziele nicht auch mit einer entspannteren Einstellung erfolgreich verwirklichen? Diplom-Psychologin, Business/Personal Coach und DONNA-Kolumnistin Beate Roland meint: sehr wohl!

Business-Frau mit kurzen, grauen Haaren sitzt am Laptop

In vielen Unternehmen wird Perfektionismus groß geschrieben, kann auf Dauer aber das Arbeitsklima schädigen. Dabei lassen sich berufliche Ambitionen auch mit einer entspannteren Einstellung verwirklichen – sagt Diplom-Psychologin und Business/Personal Coach Beate Roland.

Der Sieg der Lässigkeit über die Perfektion: Wie man gelassen und entspannt seine Ziele viel besser erreicht.

Anna ist eine Frau, die man kaum übersehen kann. Ich schätze sie auf 1,85 Meter, als ich ihr zur Begrüßung die Hand gebe und ein wenig zu ihr aufschauen muss. Anna ist 43 Jahre alt und in führender Position im Marketing eines DAX-30-Unternehmens tätig. Zunächst wirkt sie so, als hätte sie kein Problem – aber das erledigt sich schnell durch das, was sie berichtet. Anna beklagt den Perfektionismus, der sich in ihrem Unternehmen quer über alle Etagen breit macht. Anna schildert mir eine vor Ehrgeiz zerfressene Kollegin, die weder nach rechts oder links schaut, die gnadenlos an ihrer Karriere schraubt und die Messlatte immer höher legt. „Geht nicht, gibt’s nicht – und obwohl ich es ablehne, kann ich mich dem Strudel nach oben nicht entziehen. Ich hasse mich schon selbst dafür, aber ich schaffe es nicht, mich darüber hinwegzusetzen. Natürlich möchte ich in meiner Position so viel wie möglich leisten, aber ich frage mich manchmal: Geht es nicht auch eine Spur lockerer?“

Eine Coaching-Methode, die über paradoxe Perspektiven einen neuen Blick auf die eigene Situation ermöglicht, bringt für Anna letztlich den entscheidenden Impuls. Ich bin mir darüber im Klaren, dass es im Coaching nie nur die eine richtige Lösung gibt. Es geht in erster Linie darum, sich aus eingefahrenem Verhalten und starrem Denken zu befreien. So fordere ich Anna auf, mir Vorschläge zu machen, wie man die Perfektions-Schraube noch weiter anziehen und die Messlatte an ihrem Arbeitsplatz noch höher hängen könnte. Anna fragt mich, ob das mein Ernst sei, ich nicke und ermuntere sie, ihrer Phantasie freien Lauf zu lassen. Annas Körpersprache zeigt zunächst, dass sie dieses Vorgehen für wenig zielführend hält. „Ein noch schärferes Bewertungssystem einführen, bestimmte Kollegen nicht aus den Augen lassen, sich gegenseitig in der Performance übertrumpfen, sich um Vorzeigejobs reißen, mit denen man renommieren kann, sich durch Sonderleistungen von den anderen abgrenzen, besonderes Augenmerk auf die Vertikale (Vorgesetzte) haben, falls nötig mal eine Nachtschicht oder Wochenendarbeit machen, intern ein eigenes strategisches Netzwerk aufbauen, kein Austausch privater Informationen mehr, den Ehemann verlassen, um noch mehr Zeit für die Firma zu haben...“ Anna hat mehr und mehr Spaß gerade an den abstrusen Ideen und fängt irgendwann an, wie befreit aufzulachen, sagt „Man macht sich ja zum Deppen!“ und nach einer kurzen Pause „…ich mich übrigens auch.“ „Wie ließe sich denn der Depp umgehen?“ frage ich.

„Indem man aufhört, immer nur nach allen Seiten zu schielen und permanent auf andere zu reagieren. Und indem man seinem Bauchgefühl mehr vertraut“ sagt Anna. Ich erwidere „Sie haben recht, zuerst muss man sich selbst akzeptieren, bevor andere einen akzeptieren. Wie könnten Sie in Ihrem Arbeitsalltag ganz konkret erreichen, der Perfektionsspirale zu entgehen?“ „Dann müsste ich lernen zu ertragen, dass die Kollegin das eine oder andere Mal besser bewertet wird als ich, allerdings hätte ich den Vorteil von weniger Stress und damit letztlich wieder mehr Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz“. „Was wäre denn das Schlimmste, was passieren könnte, wenn Sie diesen Wahnsinn nicht weiter mitmachen?“ „Kein Aufstieg auf der Karriereleiter oder im ungünstigsten Fall müsste ich mir sogar einen anderen Job suchen“. Ich fordere Anna auf, die Vor- und Nachteile einmal gegeneinander abzuwägen. Anna sagt „Ich habe es irgendwie niemals zu Ende gedacht, aber wenn ich es zu Ende denke, ist selbst der ‚Worst Case‘ nicht mehr so schlimm und ich frage mich, warum ich den Zug nicht schon früher angehalten habe“.

Fast ein Jahr später bekam ich einen Anruf von Anna. Sie hätte einen neuen Job angenommen, in dem der Team-Gedanke etwas höher angesiedelt sei. Es sei ihr zwar gelungen, in ihrem alten Verantwortungsbereich mehr Gelassenheit zu leben, allein die Kollegen drehten unentwegt an der Spirale, was für sie ein Grund war, dieses „vergiftete“ Revier zu verlassen.

Extra-Tipp: Manchmal muss man akzeptieren, dass es kurzfristig keine Lösung gibt. Das hat nichts mit Aufgeben oder Schwäche zu tun. Im Gegenteil: Wenn wir versuchen anzunehmen, was derzeit nicht zu ändern ist, sind wir auf unserem Weg zur Gelassenheit ein ganzes Stück weiter und zeigen Stärke.

Auch Ellenbogen kann man trainieren: Wie Sie sich im Beruf besser darstellen und dabei doch fair bleiben – hier die Kolumne von Diplom-Psychologin und Business/Personal Coach Beate Roland lesen