Beziehungs-Serie Teil 1: Besser lieben

Schaut man um sich, sind da jede Menge Beziehungen, die zerbrechen. Man betrügt sich, verlässt sich, bindet sich erneut und leidet bald wieder. Zum Glück gibt es ein paar Ideen, wie Flirren ins Leben kommt. DONNA-Autorin Katja Nele Bode hat sich Gedanken über die bessere Liebe gemacht.

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Beruhigend zu wissen: Niemand wird als guter Liebender geboren.  

„Ich glaube, dass es nicht natürlich ist, ein monogamer Mensch zu sein.“ So schlicht begrub die hinreißende und kluge Scarlett Johansson kürzlich ihren Glauben an die ewige Liebe. Zweimal ist die 32-Jährige bald geschieden und wir gehen mal davon aus, dass sie mit Leidenschaft und viel gutem Willen in ihre Ehen gegangen ist. Einfach viel Arbeit, fügte sie noch an, sei das mit der Monogamie. Wie klingt so eine Nachricht? Erleichternd, weil die unverbrüchliche Treue offenbar eine fixe Idee ist? Oder niederschmetternd, weil wir doch so gern am Bild des Traummannes/der Traumfrau festhalten möchten?

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Wenn es um die Liebe geht, sind die Forderungen gigantisch hoch und die Verletzungen immer wieder brutal. Das größte Missverständnis: Die Liebe sei wie ein konstant funkelnder Edelstein, sehr, sehr teuer und unkaputtbar. Aber, mal ehrlich, wie kann man das heute noch glauben, wenn man „Ja“ sagt? Wo man doch längst weiß, dass 40 Prozent aller Ehen bei uns geschieden werden. Und dass jeder oder jede Zweite fremdgehen wird. Tatsache. Und doch werden die Hochzeitskleider in noch strahlenderem Weiß geordert, Gäste, Freunde und die Protagonisten selbst mit viel Trara geblendet. Blenden ist insofern ein gutes Wort, weil wir in der Liebe immer noch ganz viel Täuschung betreiben. Denn wer gibt schon beim ersten oder dritten Date zu, welche Seichtigkeiten oder Abgründe in ihm lauern, so wie es der Münchner Paartherapeut Tobias Ruland fordert. „Wer lange lieben möchte, sollte den anderen immer erst fragen: ,Was war dein größtes Scheitern?‘“

Um Gottes willen! Nein. Das machen wir auf keinen Fall. Am Anfang lassen wir uns von scharfsinnigen Sprüchen oder erotischen Ladungen in die Zweisamkeit locken. Immer wieder. Das sei aber „langfristig alles nicht tragfähig“, so Ruland. Was dagegen funktionieren würde: wenn zwei erwachsene Menschen sich immer wieder auf Augenhöhe daran erinnerten, mit welchem Ziel sie angetreten waren. Wenn es aber nur, mal platt ausgedrückt, der knackige Arsch oder die Tolle-Hecht-Aura gewesen ist, dann werden wir die Ziellinie nicht erreichen. Stattdessen finden sich viele Paare am Ende auf dem Therapeuten-Sofa wieder und wüten: dass sie die Macken des anderen nicht mehr ertragen und dass der Sex schon lange das Haus verlassen habe.

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Bloß, warum wiederholt sich die Geschichte so millionenfach? Könnten wir nicht besonnener an die Liebe herangehen? Der Philosoph Alain de Botton sagt: „Niemand wird als guter Liebender geboren. Liebe bedeutet, sich in Großzügigkeit und Barmherzigkeit gegenüber den Schwächen einer anderen Person zu üben.“ Das klingt eben nicht leicht und federnd. Die Romantik kann der Philosoph nicht gut leiden: „Sie ist der Feind der Liebe.“ Weil sie von Perfektion schwafelt und von dauerhafter Glückseligkeit. Und, seien wir doch ehrlich: Da fallen wir alle immer wieder drauf rein. De Botton hat ein ganz anderes Rezept für eine lange, gemeinsame Zeit: „Wenn zwei Menschen unumwunden einräumen können, dass sie ein bisschen lächerlich sind“, wie er im Magazin „Psychologie“ sagte.

Interessant. Es ist vielleicht gar nicht so doof, das Ganze ein bisschen durch den Kakao zu ziehen. Besser auf jeden Fall, als die Liebe oft unbewusst wie einen Deal oder eine Tauschbörse zu betrachten, wie eine Investition, die sich irgendwann auszahlen soll. Wie man einer langen Liebe mehr Leichtigkeit und Nähe gibt, erklärt der Wissenschaftsjournalist Werner Bartens in seinem Buch „Partnerglück“. Dabei weist er auf etwas ganz Entzückendes hin, das wir leider oft vergessen: uns anzufassen! „In Deutschland reicht man sich die Hand – oder man geht miteinander ins Bett. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es nicht viele Berührungen.“

Dabei ist unsere Sehnsucht nach Körperkontakt enorm: Jeder zweite Mensch im Land gibt an, da etwas zu vermissen. Deswegen haben Paare, die sich oft in alltäglichen Situationen anfassen, „auch einen viel stabileren Eindruck von Partnerschaft“. Dabei soll es nicht um Erotik und Sex gehen – vielmehr stehe der Gleichklang der Körper im Vordergrund. Da ist es wieder, das Spielerische, was der Liebe guttun würde. Händchen-Halten, ein Küsschen, ein liebevoller Gedanke. Nicht Du-musst-mich-immer-glücklichmachen, nicht Du-bist-so-unordentlich. Sondern eher: Schön, dass es dich gibt und dass du in der Nähe bist!

Überhaupt, Nähe. Noch so ein Wort, in dem viele Untiefen lauern. Zu oft verwechseln wir unser Bedürfnis nach Verbundenheit mit einer kompromisslosen Nähe. Total innig, super eingespielt, argwöhnische Dauerüberwachung, und dann blankes Entsetzen, dass eines Tages tote Hose ist. Dass Verschmelzung alles andere als glücklich macht, an diese Idee müssen wir uns erst noch gewöhnen, weiß die Psychotherapeutin Stefanie Stahl. Aber wenn zwei ihre Differenzen aushalten, dann ist da viel mehr Funkenflug und Flirren im Raum. Müssen wir die Liebe vielleicht wilder denken, damit es ihr wieder gut geht? In einer gelingenden Liebe müsste es demnach möglich sein, auch Fremdheit, Verquersein zuzulassen und immer wieder einen Blick aus der Distanz auf das Duett werfen zu können, von dem man ein Teil ist. Nicht die totale Harmonie in Beton gießen, sondern einen Pas de deux wagen, in dem man sich mal die Hand reicht, mal voneinander wegtanzt. 

Der Münchner Journalist Friedemann Karig hat gerade das poetische wie unbequeme Buch „Wie wir lieben – Vom Ende der Monogamie“ geschrieben. Darin porträtiert er Paare, die offenere Formen der Liebe ausprobieren. Fremdgehende Frauen, wagemutige Mütter, großzügige Männer – keine schwülstigen oder schmierigen Geschichten vom Endlich-malüber-die-Stränge-Schlagen, sondern hochbewegende Geschichten davon, wo einen Liebe und Lust hinziehen können und wie es ist, wenn ein Paar Unwägbares zulässt. An einem Februarabend liest der Autor in einem Münchner Club die Geschichte von Louise vor, einer Frau zwischen zwei Männern, der eine ihre große Liebe, der andere ganz wunderbar, beide verheiratet, letzterer Familienvater. Meist ist Louise allein, sie lebt mit ihrer besten Freundin, vermisst die Männer, die gar nicht so oft Zeit für sie haben. Die Begegnungen sind inspirierend, aber nicht immer einfach. Louise ist nicht dauernd glücklich.

Und doch: „Die Sehnsucht, ihre ständige Begleiterin, hat sie lieb gewonnen. ‚Ich kriege immer ein bisschen zu wenig. Das ist gut.‘“ Als die Geschichte fertig gelesen ist, flirrt die Stimmung im Raum. Man könnte schwören, viele hier träumen jetzt ein bisschen von Louises Leben, von diesem kribbelnden Hin und Her. „Wir sind heute freier als jemals zuvor. Aber wir nutzen die Freiheit nicht. Wir verlangen uns und unseren Partnern viel, manchmal Unmenschliches ab. Statt die Regeln, nach denen wir zusammenleben, zu verändern, passen wir uns an. Immer wieder. Mit überschaubarem Erfolg“, schreibt Karig. Er möchte gar nicht so sehr der „freien Liebe“ oder „wilden Ehe“ das Wort sprechen, sondern die Liebe von Enge und Angst befreien: „Während die Welt immer komplizierter wird, bleiben unsere Beziehungen simpel. Schwarz oder weiß. An oder aus. Genügt uns das?“

Natürlich geht es in seinem Buch viel um Sex und Seitensprung und die quälende Tatsache, dass bei Paaren nach rund vier Jahren der sogenannte „Coolidge-Effekt“ eintritt, der die Botenstoffe in unseren Köpfen so austariert, dass wir nicht mehr wie die Bluthunde aufeinanderspringen. Und ob wir uns nicht vielleicht dem „wilden Biest der Sexualität“ weniger monogam nähern sollten – ohne den geliebten Partner infrage zu stellen.

Karigs Thesen haben eine wilde Diskussion angestoßen. Seine Ideen können verstören, aber auch den Blick verändern. Wer sein Buch liest, schaut danach milder und visionärer auf die Liebe. Der Sexualpsychologe Christoph Ahlers warnt allerdings davor, dass wir uns im partnerschaftlichen Sexfrust einreden lassen, wir seien immer Opfer unserer Hormone: eine Sichtweise, die sagt, „wir seien Marionetten unserer evolutionären und biochemischen Festlegungen“. Wir sind aber viel mehr. In seinem Buch führt der Autor eindringlich aus, wie eindimensional wir oft mit Liebe und Sex umgehen, wie wenig Ahnung wir davon haben. Aber auch, wie gute Verbundenheit von Dauer sein kann, wenn wir spielerischer und gütiger auf die Zweisamkeit schauen. Nicht immer nur Zielstrebigkeit und Triebabfuhr. Sondern ganz viel dazwischen. Mehr Flirten, mehr Schmunzeln, mehr Spaß. Der Psychologe ist sich sicher: „Wo ein Gefühl von Wertschätzung und Beachtung entsteht, kriegen Menschen Lust aufeinander.“ Und das klingt irgendwie ziemlich großartig.

Autorin: Katja Nele-Bode