3 Fragen an die Freundschaft – Teil 2: Wie viel Ehrlichkeit verträgt eine Freundschaft?

Das DONNA-Dossier zu einem der wichtigsten Themen des Lebens: Freundschaft. Welche Rolle spielt Ehrlichkeit, wie unterschiedlich darf man sein und was, wenn’s nicht mehr läuft? Dieses Mal: Autorin Anna Bischoff, die das Gejammer ihres alten Freundes nicht mehr aushält.

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Klar, alter Freund, ich könnte das hier „vernünftig“ angehen. Ich könnte auf Diplomatin machen und sagen: „Du, echt, ich weiß auch nicht, ob deine Ehe am Ende ist. Beziehungsweise schon immer war.“ Ob du nach 20 Jahren des Zweifelns jetzt endlich gehen solltest. Oder besser eine weitere Weile bleiben. Der Kinder wegen. Des Hauses wegen. Der Arbeit wegen. Wegen was auch immer. Gründe findet man ja viele, wenn man will. Ich könnte auch sagen, dass das Am-Ende-Sein einer Beziehung vielleicht überhaupt nur von außen erkennbar ist. Nicht aber für die armen Seelen, die drinstecken im Schlamassel. Oder ich könnte gar nix sagen. Mir einfach nur immer weiter deine traurige Ehe-Geschichte anhören. Ehrlich, ich denke, das wäre dir am liebsten. Andererseits kennen wir uns, mit einer Unterbrechung, seit 40 Jahren. Lange genug, dass ich denke: Du hast deinen Grund, weshalb du deine traurige Geschichte nun ausgerechnet mir erzählst.

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Ehekrise: Bleiben kann jeder

Weißt du, mir hat mal einer erklärt: „Gehen kann jeder!“ Er meinte: aus einer Ehe. Für diesen Satz hätte ich ihm gern eine geballert. Erstens war ich damals schon geschieden, zum zweiten Mal übrigens, und wenn ich eines nach einmal drei und einmal 15 Jahren Ehe wusste, dann das: Gehen ist furchtbar. Es erfordert eine aktive Entscheidung. Es erfordert Bewegung. Das konnte jener, der mir diesen Satz unter die Nase rieb, natürlich nicht wissen. Denn: Er ging ja nicht. Klagte nur ständig, wie leid er seine Ehe, seine Frau, sein Leben sei. Heulte: „Seit 15 Jahren dieses Gefühl, als ob ich in einem finsteren Loch unter einem Betondeckel hause!“ Vielleicht ahnte er sogar, dass sein Satz Unsinn ist. Denn: Er ging ja nicht. Entschied nichts. Bewegte sich nicht. Sondern blieb einfach sitzen. Ich ballerte ihm dann doch keine. Ich sagte nur: „Bleiben kann jeder!“ Wie das aussah, führte er mir nämlich bühnenreif vor.

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Zweimal in der Woche lugte er für ein, zwei Stündchen unter seinem Betondeckel hervor und vögelte mit mir in meinem Schlafzimmer rum. Wenn’s ganz eilig war, auch mal in der Küche. Anschließend lag er dann da, schweißgebadet und atemlos, und klagte, wie furchtbar schlecht er sich jetzt fühle. „Wie ein richtiges Schwein!“ Der wollte allen Ernstes Mitleid. Eine Medaille für seine Leidensfähigkeit oder wie man das nennen sollte. Dafür, dass er zu faul oder zu feige war, den Betondeckel endlich aufzustemmen und aus seinem Loch zu verschwinden. Ich lachte damals darüber. Und er? Reagierte gekränkt „Wenigstens habe ich so etwas wie ein Gewissen!“ Ich sagte, dass seine Frau das sicher zu schätzen wisse. Und dachte dabei: Eigentlich müsste ich mich mit ihr mal zu Kaffee und Kuchen treffen und ihr diese ganze Arie erzählen. Und dann würden wir beide zusammen lachen. Bis uns der Kaffee aus der Nase läuft und wir Krümel prusten.

Das hätte ich der Situation irgendwie angemessen gefunden. Und so richtig gut. Aber leider läuft die Wirklichkeit ja meist anders. Die Frau und ich, wir trafen uns jedenfalls nie auf einen Kaffee. Und statt ihr erzähle ich nun dir diese ganze Arie. Meinem alten Freund, der sich bei mir allwöchentlich beklagt, dass er seine Frau, seine Ehe, sein Leben ebenfalls leid sei. Dessen Ehe nicht nur mal so durch eine schwierige Phase geht – das wäre ja zu verkraften. Sondern der Sachen sagt wie: „Die Frau war schon immer die falsche.“ Und: „Ich fühle mich seit Jahren so gut wie tot.“ Und der dennoch nicht weiß, ob er gehen oder bleiben soll. Kommt mir alles verdammt bekannt vor ... Und der einzige Grund, warum ich mir noch einmal solche Sätze anhöre, ist, dass wir, du und ich, keine Affäre hatten und haben. Wir sind nur Freunde. Aber was heißt schon „nur“?

Was zählt die Meinung des Anderen?

Einmal bist du für Jahre verschwunden. Das war, gleich nachdem du deine Frau kennenlerntest. Sie und ich, wir trafen uns nur ein einziges Mal. Wir waren uns nicht sonderlich sympathisch. Dass ich dir das damals sagte, ungefragt, habe ich mir dann lange nicht verziehen. Ich dachte: Meine blöde „Ehrlichkeit“, oder was immer das war, hatte dich zu Recht vertrieben. Ich dachte: Ich hätte die Klappe halten, mitlächeln, gesunde Distanz wahren sollen. Das wäre echte Freundschaft gewesen. Respektvoll. Sie sollte schließlich deine Frau werden, nicht meine. Was zählte da meine Meinung?

Später, als du wieder zurück warst in meinem Leben, sagtest du: „Ich musste abtauchen, weil ich damit beschäftigt war, mir etwas vorzumachen. Das kann ich nicht vor dir.“ Darum, verzeih mir, wenn ich jetzt auch nicht meine Klappe halte. Obwohl ich grässliche Angst habe, na klar, dass du wieder verschwindest. Ist das selbstlos von mir? Oder einfach freundschaftlich inkompatibel bekloppt?

Der Betondeckel-Mann war damals jedenfalls nicht nur unfähig zu gehen. Er erzählte seiner Frau auch lieber nichts von seinen Qualen. Natürlich nur aus astreinen, edelsten Gründen. Er wollte sie nicht verletzen. So sagte er. Und fragte dann: „Wozu soll das gut sein?“ Mir blieb da ein bisschen die Spucke weg.

Die Ehe als rationale Kalkulation

So wie mir kürzlich bei dir die Spucke wegblieb, als du, auf meine Empfehlung hin, es doch mal mit Offenheit deiner Frau gegenüber zu probieren, erschrocken ausriefst: „Spinnst du? Wenn ich ihr sage, was ich wirklich empfinde, haue ich meiner Ehe das ganze Fundament weg!“ Über den Satz lache ich – an guten Tagen – noch immer. „Welches Fundament?“, fragte ich dich. Und du: „Ach, komm, auf so einer bröckligen Basis stehen doch viele Ehen.“ Wenn du sagst: „Wir brauchen einander!“, meinst du es nicht als Liebeserklärung. Für dich ist das eher eine rationale Kalkulation. Wenn du fragst: „Was soll denn werden, falls ich gehe?“, meinst du nicht: aus ihr, dir und den Kindern. Sondern: aus eurem Haus, ihrem Job, deinem Auto. „Dann kann ich mir bestenfalls noch ein Fahrrad leisten!“ Das ist so ein Schreckensausruf von dir.

Und schon wieder komme ich dir mit meinem Betondeckel-Mann, der sich mit Schaudern daran erinnerte, wie er einmal eine Entscheidung getroffen hatte. Zwangsweise, denn seine Frau war ihm draufgekommen, dass er (schon vor mir) eine Affäre hatte. Und wie er dann vier Wochen in einem gemieteten Kellerzimmerchen hatte hausen müssen statt in dem „finsteren Loch unter dem Betondeckel“, das seine Ehe, respektive ein Holzbohlen-Eigenheim war.

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Dagegen wollte und konnte ich damals schon nichts Vernünftiges sagen. Ich war schließlich frisch geschieden. Wusste, solange die Kinder klein waren, oft nicht, wie ich meiner Arbeit nachkomme. Konnte das Haus auf Dauer nicht halten. Das Auto nicht reparieren. Kam überhaupt nur mit Ach und Krach über den Monat. Daran hat sich kaum was geändert. Falls du also heute einen Beweis brauchst für die Unvernunft einer Scheidung: Die finanziellen Bedingungen meines Nach-Ehe-Lebens eignen sich da fantastisch.

Ehekrise hinnehmen aus Angst vor der Veränderung

Andererseits: Erkläre du doch mal deiner Frau, wie vernünftig du bist. Aus welchen Gründen du bleibst. Wegen eures Hauses und eurer Jobs. Wegen deines Autos, das dann nur noch ein Fahrrad ist. Und auch weil du fürchtest, dass du jetzt, mit 50, keine Ersatzfrau mehr findest. Ich meine: Das sollte sie von dir hören. Nur so, damit sie Gelegenheit hat, ganz vernünftig und kalkuliert für sich selbst zu entscheiden. Schon gut, schon gut! Klar hält sich meine Sympathie für deine Frau in Grenzen. So wie sich meine Sympathie mit der Frau des Betondeckel-Helden in Grenzen hielt. Und nebenbei auch meine Sympathie mit mir, die selbst mal die Ehefrau so eines Typen war. Die Gefühle und Zweifel meines Mannes blieben mir nicht verborgen – und trotzdem: Ich schaffte es nicht zu gehen. Zehn, 15 Jahre. War da wie deine Frau. Wie du.

Ich lebte beide Rollen, zur gleichen Zeit. Aus Angst vor Veränderung. Dafür gibt’s sogar einen klinischen Begriff, wusstest du das? Metathesiophobie. Das las ich in der „Liste der 100 ultimativen Phobien und Ängste“. Metathesiophobie steh auf Rang 33, gleich unter Ailurophobie (Angst vor Katzen) und über Globophobie (Angst vor Ballons). Aber was heißt schon klinisch? Schiss haben wir doch alle. Vor Veränderungen. Oder vor den Entscheidungen, die sie bewirken. Oder vor Entscheidungen überhaupt.

Mein Geliebter damals, der wie du seit Jahrzehnten halbtot unter seinem Betondeckel vegetierte, versteckte sich übrigens wie du hinter seiner Vater-Verantwortlichkeit. Sagte: „Meine Kinder würden zerbrechen, wenn ich sie verließe.“ Daran wollte er wirklich glauben. Seine Kinder waren sechs und acht Jahre alt. Sie mussten noch nicht erkennen, schon gar nicht wissen, was ihre beiden Eltern hätten erkennen und wissen müssen: Ein Mann, der seine Frau verlässt, verlässt nicht zwingend seine Kinder. So wenig wie umgekehrt eine Frau ihre Kinder verlässt und ihnen den Vater nimmt, wenn sie die Ehe beendet. Das ist das eine.

Und dann ist da noch das andere. Nämlich die Frage: Was wollen wir unsere Kinder lehren, indem wir bleiben, obwohl wir wissen, dass wir längst hätten gehen müssen? Ausdauer? Durchhaltevermögen? Die Fähigkeit, die Zähne zusammenzubeißen? Klar, alter Freund, das sind wertvolle Eigenschaften. Für einen Marathonlauf. Oder für alles, was man sonst so mit Zähigkeit erreichen will. Aber doch nicht, wenn Zähigkeit nur Synonym und Entschuldigung ist für die eigene Starre. „Wer blöderweise mal A gesagt hat, muss sich auf keinen Fall auch noch mit B strafen“ – das hat keiner zu mir als Kind gesagt. Schade! Es hätte mir geholfen. In meinen Beziehungen und auch sonst. Und statt mir „Liebe tut weh“ und „Bis dass der Tod euch scheidet!“ einzuhämmern, hätte ich es lebensübergreifend prima gefunden, wenn mir jemand beigebracht hätte: „Menschen verändern sich. Situationen verändern sich. Das ist schmerzhaft, aber man kann’s überleben.“

Darum und weil wir alte Freunde sind, wollte ich dir das doch eben mal sagen. Ich hoffe, du, ich und unsere Freundschaft, wir halten das aus.

Autorin: Anna Bischoff

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