Körperbewusstsein: Warum wir uns nicht so lieben, wie wir sind

Warum verschwenden wir so viel Energie darauf, unseren Körper zu kritisieren? DONNA-Autorin Sina Teigelkötter plädiert für ein neues Bauchgefühl – in einem Brief an ihre kleine Tochter.

Nackte Frau sitzt entspannt auf einem Stuhl

Frauen verschwenden viel zu viel Energie damit, ihren Körper zu kritisieren. Jetzt ist es Zeit, die Weiblichkeit in all ihren Facetten zu feiern – so das Plädoyer von DONNA-Autorin Sina Teigelkötter.

Liebe Anna,

gerade warst du krank. Schlimm krank. Eine Woche lang hast du nichts gegessen, keinen einzigen Bissen. Ich habe mir Sorgen um dich gemacht, große Sorgen. Schmal bist du geworden. Dein kleiner runder Bauch ist fast verschwunden. Hoffentlich kommt er bald wieder. Ich vermisse ihn. Du auch?

Während du fiebernd auf mir lagst (und ich eigentlich diesen Text schreiben sollte), habe ich oft daran gedacht, wie sehr du es liebst, nackig durch unsere Wohnung zu rennen, quer durch Küche und Flur ins Schlafzimmer. Bis zum Spiegel. Auf ihn rast du dann zu, stoppst erst kurz vor knapp, brüllst „Anna!“, schaust hinein, an dir herunter und rufst voller Stolz: „Mein dicker, dicker Bauch, so schön, Mama!“ Keine Frage, du liebst deinen kleinen Körper bedingungslos.

Ich soll darüber schreiben, warum wir erwachsenen Frauen genau das nicht können, nicht mehr. Warum wir so viele Probleme haben mit unseren Bäuchen (und unseren Busen und Hintern und überhaupt allem). Zum Glück kannst du mit diesem Thema noch gar nichts anfangen. Aber ich befürchte, das wird nicht mehr lang so bleiben. Denn da sind schon diese Stimmen. Diese Ausdrücke. Auf dem Spielplatz, beim Kindergeburtstag, im Schwimmbad: „Richtiger Wonneproppen“, „Ein Stück Kuchen ist aber genug“ oder „Ganz schönes Bäuchlein!“. Und dieses „schön“ meint etwas anderes als bei dir. Es meint „zu dick“. Ich glaube, bislang hast du diese Sprüche gar nicht gehört. Aber du bist zwei – zweieinhalb, um genau zu sein – und du bist sehr schlau. Du wiederholst alles, was so dahingesagt wird. Und verstehst es sofort. Darum muss ich mir etwas überlegen, wenn ich will, dass du deinen Bauch auch in einem, in zehn, in 50 Jahren noch „so schön!“ findest.

Zwangsstörung Körperdysmorphie: Wenn man den eigenen Körper hässlich findet.

Leider weiß ich nicht, ob mir das gelingen wird. Denn es sind ja nicht nur diese paar spontanen Spielplatz-Sprüche. Du bekommst das noch nicht mit, aber da draußen wird dauerbewertet, „gesund gegessen“, trainiert und diätet, bis die Essstörung kommt. Wusstest du, dass jedes Jahr bis zu 100 Menschen in Deutschland sterben, weil sie nichts oder nicht genug essen?

Andere gehen mit ihrer Unzufriedenheit zum Arzt, zu einem „Beauty-Doc“, und lassen an sich „was machen“. Warum wir das tun? Weil wir schön und perfekt sein wollen. Weil wir glauben, so alles unter Kontrolle zu haben. Weil wir hoffen, all das mache uns endlich glücklich. Wir? Ja, leider auch ich. Nein, zum Schönheitsarzt würde ich nie freiwillig gehen, zu viel Angst und zu wenig Geld, aber ich habe bei Weitem kein so gutes „Bauchgefühl“ wie du.

Wenn ich in unseren Spiegel schaue, schaue ich oft genug lieber gleich wieder weg, und zwar nicht nur morgens. Mein Bauch sieht nach deiner Geburt eindeutig anders aus als vorher, klar, du hattest ihn ja auch ziemlich ausgebeult, aber ich erschrecke noch oft, weil ich ein anderes Bild von ihm, von mir im Kopf habe. Dafür habe ich mich in Pilates-Kursen gefoltert, in hässliche, hautfarbene Shapewear gezwängt und auf viele Crème brulées verzichtet, das war das Schwerste. Auch darum bin ich Teil dieses Systems, dieser Misere, stecke mittendrin und mache mit. Ganz ehrlich: Ich weiß nicht, ob ich ein Vorbild für dich sein kann. Ob ich dir vorleben kann, wie – Entschuldigung – scheißegal und kontraproduktiv Körperideale sind. Denn wenn ich das selber nicht ganz tief in mir fühle, wirst du mir nicht glauben. Wie gesagt, du bist schlau.

Eine, die am eigenen Körper erfahren hat, dass optimiert nicht automatisch glücklich macht, ist Taryn Brumfitt (lustiger Name, stimmt). Sie hat drei Kinder, lebt in Australien, und ist bekannt geworden, weil sie im Internet zwei Fotos von sich hochgeladen hat. Auf dem „Vorher-Foto“ trägt sie Bikini, ist bei einem Bodybuilding-Wettbewerb. „Ich war nie so unglücklich wie da auf der Bühne, zwischen all den durchtrainierten Frauen, die auch alle unglücklich mit sich waren“, sagt sie. Auf dem „Nachher-Foto“ ist Taryn nackt (wie du so gern), hat einen kleinen Bauch (wie du einen hattest) – und sieht viel normaler und netter aus.

Viele Menschen schickten ihr nach ihrem „Outing“ E-Mails. „Nie gehe ich schwimmen mit meiner Tochter, weil ich mich so schäme“, schrieben ihr da Frauen zum Beispiel. Traurig, oder? Fand Taryn Brumfitt auch und beschloss, um die Welt zu reisen und herauszufinden, was man dagegen tun kann, dass Frauen ihren Körper so wenig mögen. 91 Prozent der Frauen geht das so in Deutschland, ja, das sind fast alle. Weißt du, Anna, welche Schulnote jede zehnte Frau ihrem Körper geben würde? 6, ungenügend.

Taryn Brumfitt hat aus ihrer Reise einen Film gemacht. „Embrace“ war in Deutschland nur einen einzigen Tag im Kino zu sehen. Ich würde ihn mir gern eines Tages auf DVD mit dir angucken, liebe Anna, und bis dahin stelle ich mir vor, was passierte, wenn er in jedem Fitnessstudio liefe, in Dauerschleife. Meinst du, es würde sich was ändern? Oder würden alle schnell die Augen zumachen und noch ein bisschen schneller laufen, auf ihren Bändern?

Eine schlaue Autorin, Laurie Penny, hat mal gesagt: „Wenn alle Frauen dieser Erde morgen früh aufwachten und sich in ihren Körpern wirklich wohl- und kraftvoll fühlten, würde die Weltwirtschaft über Nacht zusammenbrechen.“ Was sie damit meint: Viele Leute verdienen mit unserer Unzufriedenheit viel Geld. Rund 1,8 Milliarden Euro geben wir im Jahr für Diätprodukte aus, damit könnte man über 200 Millionen „Quetschies“ kaufen, diese gesund-ungesunden Obstbrei-Beutel, die du so liebst, Anna. Noch mehr Zahlen, Erwachsene lieben die: Eine Bauchstraffung kostet um die 6000 Euro, ein guter Shapewear-Body immerhin noch 100. Aber jetzt schimpfe ich auf die böse Industrie (nicht zu vergessen: die bösen Medien!) – und lenke damit von mir ab. Denn am Ende sind wir es selbst, die haben wollen und kaufen. Weil wir es nicht aushalten, einfach wir zu sein.

Der berühmte Fotograf Peter Lindbergh sagt: „Nur wer die Courage hat, sich so zu zeigen, wie er wirklich ist, ist schön.“ Jetzt wird es wirklich paradox, Anna, denn das heißt umgekehrt: Mit unserem Versuch perfekt zu sein, machen wir uns hässlich! Weil wir so angestrengt, verspannt und verkrampft sind, so fokussiert auf das, was wir sein wollen und doch nie sein werden. Und dennoch bestärken wir uns weiterhin darin, dass wir uns einfach nur mehr anstrengen müssen. Was könnten wir alles erreichen, wenn wir die Energie, die wir ins Nachdenken über Essen oder Nicht-Essen stecken, anderweitig nutzen würden, zum Beispiel um uns selbst und andere besser zu verstehen? Ich höre jetzt gleich auf mit diesem Oberlehrerinnenton, liebe Anna, aber ich glaube, das ist der Knackpunkt: Wir müssen etwas in unseren Köpfen verändern statt an unseren Körpern. Auch ich muss das.

Es gibt schon ein paar Frauen, die damit angefangen haben, die Autorin und Moderatorin Paula Lambert etwa (ja, sie hat auch einen Bauch) mit ihrer Selbstliebe-Kampagne #paulaliebtdich. Die Fotografin Katy Kessler, deren „Nu Project“ hier ringsherum zu sehen ist. Oder die Bloggerin Louisa Dellert. Sie fotografiert sich gern in Umkleidekabinen und schreibt drunter: „Nur Cellulite. Kein Krebs oder Tumor! Das Leben ist schön!“ Von diesen Projekten kann man einiges lernen: dass Bauch nicht gleich böse ist, aber dick auch nicht gleich chic. Dass die Welt bunter und vielschichtiger ist, als wir sie oft sehen. Und genau das sollst du wissen, sollst du spüren, kleine Anna.

Aber wie werde ich dir ein gutes Vorbild? Ich muss aufhören, mich zu schämen. „Stopp!“ sagen, wenn andere Body-Shaming betreiben. Gegen den Strom schwimmen, im Bikini, na klar. So weit die Theorie. Und die Praxis? Vielleicht klaue ich die Strategie der Fotografin Jade Beall (ihr Projekt heißt „The Bodies of Mothers“): Fake it till you make it! Tu einfach so, als ob du dich schon schön findest. Schau dich immer wieder an, bis du tatsächlich siehst, wie besonders er ist, dein Körper. Klingt nach verdammt harter Arbeit. Hilft nichts, ich muss da durch. Für dich. Für mich. Für uns alle. Hilfst du mir dabei, liebe Anna?

Eine ganze Bewegung

Rebellion gegen gängige Schönheitsideale ist im Internet gerade ein großes Thema und nennt sich „Body Positivity”. Mit Humor nehmen es Kristin Hensley und Jen Smedley auf ihrer Facebook-Seite „iMomSoHard”. Sie machen sich über den perfekten Beach-Body lustig. Ein spannendes Mutter-Tochter-Projekt haben Elisa Goodkind und Lily Mandelbaum mit Stylelikeu.com gestartet. Sie kämpfen für mehr Vielfalt in der Mode und im Leben. Eine der spektakulärsten Body-Positivity-Aktionen war sicher der Auftritt von Iskra Lawrence: Sie strippte in der New Yorker U-Bahn, um für kurvige Körper und Selbstliebe zu demonstrieren. Auf Instagram kann man z.B. #nourishandeat oder #podyposipanda folgen.

Mehr zum Thema: