Eigenfett und Eigenblut statt Botox?

Gutes aus der Natur ist Trend – auch beim Ästhetischen Dermatologen. Eigenfett- und Eigenblutbehandlungen werden immer populärer. Sind Botox und Co. jetzt out? Und, ganz wichtig: Brauchen wir das Ganze überhaupt?

Eine Frau bekommt eine Injektion im Gesicht

Die Zeiten, in denen Skalpell und Narkosen gezückt wurden, um schlaff gewordene Haut wieder straff zu ziehen, sind lange vorbei. Heute gibt es minimal-invasive Methoden, um dem altersbedingten Volumenverlust schon früh entgegenzuwirken, Hyaluron-Unterspritzungen etwa. Den jüngsten Entwicklungen könnte man aber fast das Label „Made by nature“ anheften: Die Rede ist von Eigenfett- und Eigenblutbehandlungen. Sowohl bei Volumenaufspritzungen der Wangen- und Kinnpartie als auch bei Brustvergrößerungen wird immer häufiger körpereigenes Fett verwendet. Wenn es um eine Verbesserung der gesamten Hautqualität oder die Behandlung von Aknenarben geht, steigt die Nachfrage nach sogenannten Vampirlifts, bei denen Plasma aus dem Eigenblut extrahiert und unter die Haut injiziert wird.

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Eigenfett- und Eigenblut-Therapie: Keine Beauty-Neuheit

Schaut man sich die Zahlen der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC) an, fällt auf, dass Eigenfettbehandlungen bis 2012 in den Statistiken gar nicht vorkommen. Doch seitdem gibt es jedes Jahr eine Steigerung von rund 100 Prozent. Auch wenn „natürliche“ Behandlungen noch lange nicht an die Menge der Unterspritzungen mit Hyaluron herankommen, geht die Kurve steil nach oben. 2014 wurden beispielsweise knapp 6000 Eigenfettinjektionen im Gesicht registriert. Auf der anderen Seite stehen 65 000 Unterspritzungen mit Hyaluron. „Eine echte Neuheit sind die Behandlungen mit körpereigenen Material für uns Mediziner nicht“, sagt Dr. Stephan Grzybowski von der Medical One Klinik in Hamburg. Die Eigenfett-Idee stammt von 1893 und die Eigenbluttherapie gibt es mindestens schon seit den Sechzigern.“ Seit 2005 spricht man allerdings von einer schleichenden Renaissance, weil man jetzt besser weiß, wie und wo man das Eigenmaterial einsetzen kann.

Eigenbluttherapie regt Zellaktivität an

„Fett ist nicht nur Volumen“, so Dr. Grzybowski. „Bei einer Eigenfettinjektion werden automatisch auch Stammzellen mit in die Haut gegeben, die einen positiven Effekt auf die Bindegewebsstruktur und die Hautbeschaffenheit haben.“ Wachstumsfaktoren fördern die Kollagen- und Elastinproduktion, die Durchblutung wird angeregt. Das kann auch Narben weicher machen und sogar dunkle Schatten unter den Augen und Pigmentstörungen aufhellen. „Für einen noch besseren Effekt empfehle ich meinen Patienten die Kombination aus Eigenfett- und Eigenblutbehandlung. Denn auch die Wachstumsfaktoren und Botenstoffe des Plasmas kurbeln die Zellaktivität an.“ Weil das Eigenfett vom Körper nicht so schnell abgebaut wird, hält die Wirkung wesentlich länger als eine Hyaluroninjektion. Auch beim „natürlichen“ Brustaufbau mit Eigenfett liegen die Vorteile klar auf der Hand: kein künstliches Silikon-Implantat, durch das es zur Kapselfibrose kommen kann, keine Narbe, sondern nur kleine Pikser und vor allem eine natürliche Haptik.

Schönheitschirurgie: Trend zu mehr Natürlichkeit

Doch nicht allein die medizinischen Benefits erklären die stetig wachsende Nachfrage. „Die Patientinnen und Patienten, die zu uns kommen, wollen danach auf keinen Fall ‚gemacht‘ auszusehen“, so Julius Maximilian Paul, Pressesprecher der Medical One Klinikgruppe. Und genau das gelingt mit körpereigenem Material viel besser. Eine weitere Erklärung: der Nachhaltigkeitstrend. „Er zieht sich durch alle Lebensbereiche“, so Paul, „wir achten auf Natürlichkeit, wollen wissen, wie Lebensmittel angebaut und Kleidungsstücke verarbeitet werden. Die Frauen, die bei uns aktiv nach Eigenfett- und -blutbehandlungen fragen, sind meist die, die sich viel mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen. Sie finden es gut, dass es neben Hyaluron und Silikon etwas Natürliches, noch besser sogar Körpereigenes gibt, das bei vielen Behandlungen einen vergleichbaren Effekt hat“, so das Resümee von Paul.

Nachteile von Eigenblut- und Eigenfett-Therapie

Doch so gut die Bio-Eingriffe klingen, sie haben auch Nachteile. Da ist zum einen der happige Preis: Eine Unterspritzung der Wangenknochen mit Hyaluron liegt bei 500 bis maximal 1000 Euro, Eigenfett aufgrund der vorher nötigen Liposuktion und Aufbereitung des Körperfetts zwischen 3500 bis 4000 Euro. Zum anderen muss man wissen, dass das Ergebnis einer Eigenfettbehandlung nicht hundertprozentig planbar ist. Nicht alle Fettzellen finden den Anschluss an den Blutkreislauf. Meist zeigt sich erst nach sechs Monaten, ob der gewünschte Effekt eingetreten ist, allzu oft muss nachkorrigiert werden. Was man auch nicht vergessen darf: Die Behandlung ist eine zeitaufwendige OP (wegen der Liposuktion) und der Patient muss über genug Eigenfett am Körper verfügen, das für den Transfer verwendet werden kann. Bei der Brustchirurgie mit körpereigenem Fett ist außerdem nur eine Vergrößerung von einer halben bis maximal ganzen Körbchengröße möglich – für die meisten Patientinnen zu wenig. Ein Grund mehr, vor den Eingriffen das ausführliche Gespräch mit dem Profi zu suchen – und herauszufinden, was der richtige Weg für einen ist.

Pro und Contra – Eigenblut- und Eigenfett-Behandlungen

Pro

„Gesundheit und Natur – wenn diese Begriffe fallen, sind wir bereit, sehr, sehr weit zu pilgern. Das richtige Essen (Melasse, Hafermilch, Flohsamen), der richtige, unbehandelte Holzfußboden, die richtige Klamotte aus Biobaumwolle. Aber wenn unser Astral-Leib ein paar Falten hat, wurde bisher gnadenlos die Chemie-Keule ausgepackt: Botox für eine glatte Denker-Stirn, einen Silikon-Busen für die allzeit pralle Rundung – auch wenn das mit 70 höchst drollig aussieht. Da ist es doch eine richtig gute Nachricht, dass die Schönheits-Ärzte sich mal der biologisch- dynamischen Ecke annähern. Und wenn ich eh reichlich Fett an den Schenkeln übrig habe, warum nicht recyceln und in anderen Bereichen gewinnbringend einsetzen? Unterspritzungen mit Eigenfett fühlen sich angeblich weniger mumpsig an, schmiegen sich besser an. Und dass beim Busen nur eine Körbchengröße mehr drin ist, klingt absolut sinnvoll – dann gibt es weniger überproportionierte Katzenberger-Brüste. Natürlich muss sich niemand optimieren, der das nicht will. Aber wer schon ewig unter seinen Brüsten leidet, darf nachhelfen – und zwar ohne Angst vor Abstoßung, Allergien und zu prallen Kurven. Und auch ohne beim Fliegen darüber nachzudenken, ob das Implantat vielleicht doch explodiert.“

Seitdem die Autorin Julia Schmied, 40, einen Bericht über Kapselfibrose gesehen hat, begrüßt sie Silikon-Alternativen.

Contra

Tschüss Maskengesichter, adios Botox. Wir haben jetzt einen ungefährlichen Jungbrunnen aus der Natur! Klingt gut, stimmt aber nicht. Der ,natürliche Schönheitseingriff‘ ist für mich ein Widerspruch in sich. Behandlungen mit Eigenblut und -fett sind in etwa so natürlich wie ein fertig paniertes Veggie-Schnitzel aus dem Kühlregal. Was uns da von der Beauty-Industrie angepriesen wird, ist ein neues Machbarkeitsversprechen, das dem alten „Muss doch nicht sein“-Credo folgt. Grauen Haaren und verfärbten Zähnen rücken wir mit dieser Logik ja längst zu Leibe. Aber Eingriffe mit Eigenfett und -blut gehen einen entscheidenden Schritt weiter: unter die Haut. Gesicht und Körper werden neu modelliert. Die Techniken mögen jetzt ausgefeilter und – ja, das ist auffällig – die Ergebnisse natürlicher sein, aber das sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich immer um ein Doping im Rennen um Attraktivität handelt. Auch sie lenken den Blick auf unsere Makel anstatt auf unsere Vorzüge. Auf die Gefahr hin, naiv zu klingen: Warum noch gleich darf man die Spuren des Lebens nicht im Gesicht ablesen können? Warum sollte man Brüsten nicht ansehen, dass sie Kinder genährt haben? Sollten wir nicht eher an diesem Schönheitsideal etwas ändern, das den weiblichen Körper auf sexuelle Attraktivität reduziert?“

Autorin Annabel Dillig, 36, regt sich schon länger über das Glattbügeln von Gesichtern auf – egal, ob man davon Falten bekommt.