Ich bin nicht schön! So äußert sich eine körperdysmorphe Störung

Wer an einer körperdysmorphen Störung leidet, empfindet sich als hässlich und als Zumutung für andere. Die Leidensgeschichte einer Frau, die eigentlich hübsch ist.

Eine Frau in künstlerisch buntem Licht

Wer unter einer körperdysmorphen Zwangsstörung leidet, fokussiert sich nur auf seine Makel.

Der Wecker klingelt um halb fünf. Duschen, dann das Ritual: Millimeter für Millimeter kontrolliert Sabine Gruhne (*Name von der Redaktion geändert) die Haut in ihrem Gesicht. Drückt. Kontrolliert. Zupft. Kontrolliert. Cremt. Kontrolliert. Deckt ab. Kontrolliert. Pudert. Kontrolliert. Zwei Stunden in der Regel, an diesem Morgen noch viel länger. Es ist so ekelhaft, abstoßend, was Gruhne da sieht, dass sie nochmals schauen muss. So lange, dass sie später fast ihren Job verliert.

Sabine Gruhne, 39 Jahre alt, blaue Augen, dunkle Locken, sitzt in der Schön Klinik in Bad Bramstedt in ihrem Zimmer, als sie diese Episode von vor wenigen Monaten erzählt. Gruhnes Haut ist nicht Babypo-glatt. Es gibt ein, zwei Pickel und leichte Unebenheiten, verursacht von Pubertätsakne. Doch wer ihr gegenübersitzt, sieht das kaum. Auffallend sind ihre tiefblauen Augen. Ekelhaft? Abstoßend? Sicher nicht. Für Gruhne ist ihre Haut aber der blanke Horror. Dazu die hohe Stirn. Sie schweigt, holt Luft und seufzt. Dann: „Wenn ich ehrlich bin, mag ich nichts an mir.“

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Optische Makel im Mittelpunkt

Sabine Gruhne hat eine körperdysmorphe Störung (KDS) – eine psychische Erkrankung, eine Wahrnehmungsstörung, eingebildete Hässlichkeit. Körperdysmorphe leiden unter ihrem Äußeren, fokussieren sich auf Makel oder eben auf das, was sie dafür halten: einen Höcker auf der Nase, Ohren, die minimal abstehen. Manche sind tatsächlich sehr attraktiv. Doch sie alle fürchten, ihre Mitmenschen könnten bei ihrem Anblick schreiend das Weite suchen. Etwa zwei Prozent der Deutschen kämpfen mit KDS. Zum Vergleich: Magersüchtig sind rund 1,1 Prozent. Doch obwohl KDS in den letzten 15 bis 20 Jahren stark zugenommen hat, ist sie selbst unter Ärzten und Therapeuten noch zu wenig bekannt. „Das ist ein echtes Problem“, sagt Dr. Bernhard Osen. Er ist Chefarzt in der Bad Bramstedter Schön Klinik, mit 480 Betten die größte psychosomatische Klinik Deutschlands – und derzeit die einzige, die eine stationäre Therapie für KDS anbietet. Seit sechs Wochen wird Sabine Gruhne dort behandelt.

Pubertät als Auslöser für eine körperdysmorphe Störung

„In 70 Prozent der Fälle bricht KDS in der Pubertät aus, wird aber erst deutlich später diagnostiziert“, erklärt Osen. So auch bei Gruhne. Manche Betroffene befinden sich schon in ihrer Lebensmitte. Der Alltag ist da längst ein Spießrutenlauf. 300 Euro bezahlte Gruhne in manchen Monaten für Taxis, um den Menschen in der Tram „ihr Gesicht zu ersparen“. Ihre zwei Beziehungen gingen in die Brüche. In die Kindertagesstätte, in der sie bis heute als Erzieherin arbeitet, kam sie an jenem Morgen, als sie sich vom Spiegel nicht losreißen konnte, eine halbe Stunde zu spät. Nicht zum ersten Mal. Doch an diesem Morgen war ihre Kollegin krank, Eltern mussten ihre Kinder in der Nachbargruppe abgeben. „Es gab ein sehr ernstes Gespräch“, erzählt Gruhne, die Finger im Schoß verknotet.

Nur weil ihre Chefin da schon von ihrer Krankheit wusste, gab es keine Konsequenzen. Andere Körperdysmorphe haben weniger Glück. „Häufiges Zuspätkommen ist typisch. Es führt zu Abmahnungen bis hin zum Verlust des Arbeitsplatzes“, sagt der Psychotherapeut Stefan Brunhoeber, der sich in seiner Bonner Praxis auf KDS spezialisiert hat. Studien zeigen dass rund die Hälfte der Erkrankten beruflich Probleme hat. Aber Körperdysmorphe können nicht anders. „Es ist eine Zwangsstörung“, erklärt Brunhoeber. „Erkrankte müssen ihr Äußeres kontrollieren und kaschieren.“

Körperdysmorphie: Wenn sich alles ums Aussehen dreht

Ein oft gut gemeintes Reiß-dich-zusammen oder Lass-es-doch-einfach von Freunden bringt gar nichts. „Das Äußere ist die zentrale Identität der Betroffenen, um die alles kreist“, so der Psychotherapeut. Hobbys, Freunde, Beruf – zweitrangig. Und natürlich wird alles getan, um den vermeintlichen Makel zu beseitigen. Ihr Motto: Ist der Makel verschwunden, wird es mir gut gehen. „Nur: Das tut es nicht“, sagt Osen. „Denn der Makel ist nicht das Problem.“ Was Körperdismorphe tun, gleicht der Arbeit des Sisyphos, sie beginnen immer wieder von vorn. Sabine Gruhne ging von Dermatologe zu Dermatologe und stationär in eine Hautklinik. Eine andere Osen-Patientin ließ ihre Nase fünfmal korrigieren, eine weitere erst Nase, dann Ohren, dann Mund. Weigern sich Schönheitschirurgen oder fehlt das Geld, legen die Leidenden mitunter selbst Hand an. Selbstbehandlung nennen das Experten. Sie schleifen ihre Zähne ab, fixieren nachts die Ohren mit Klebeband. „Ein Patient kaufte im Netz Operationsbesteck und versuchte, Hautunebenheiten zu entfernen, die nur er in diesem Ausmaß sah“, berichtet Osen aus seinem Klinikalltag.

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Depressionen und Suizidgedanken als Begleiter einer Körperdysmorphie

Studien zeigen, dass etwa zwei Drittel der Erkrankten immer wieder Suizidgedanken haben, etwa ebenso viele entwickeln Depressionen. KDS kann also durchaus tödlich sein. Aber wie kann es so weit kommen? „Unser westliches Schönheitsideal spielt dabei eine Rolle“, sagt Brunhoeber. In Werbung und Medien sieht man nur extrem schöne Menschen. Und selbst „Normalos“ inszenieren sich heute mithilfe von Filtern makellos, etwa bei Instagram oder Facebook. Das erzeugt Druck. Und es erklärt, warum die Krankheit auf dem Vormarsch ist. „Es gibt aber fast immer mehrere Ursachen“, ergänzt der Therapeut.

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Auch neurobiologische Faktoren sowie lern- und lebensgeschichtliche Erfahrungen haben Auswirkungen. Als sicher gilt, dass Körperdysmorphe oft gehänselt wurden, besonders als Kinder und Jugendliche. Einige wuchsen überbehütet auf, sind bis heute bei der kleinsten Widrigkeit überfordert. Andere hatten ein strenges Elternhaus, das sie nicht sie selbst sein ließ. Bei Sabine Gruhne legten die Eltern viel Wert auf ihr Äußeres: „Ich hatte immer hübsch und brav zu sein.“ Als sie in der Pubertät ein paar Kilos zulegte, hagelte es bissige Kommentare.

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KDS-Forschung noch am Anfang

Bei der Frage nach dem Zusammenspiel aller Faktoren steht die Forschung noch am Anfang. Bei einer neurobiologischen Veranlagung laufen Prozesse im Gehirn nicht so, wie sie sollen. „Das Botenstoffsystem ist gestört, ebenso die Informationsverarbeitung, was die Wahrnehmung verzerrt“, beschreibt es Osen. „Bei einem Teil der Betroffenen helfen Medikamente, die Symptome zu lindern.“ Seit Sabine Gruhne in der Klinik ist, nimmt auch sie sogenannte Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Doch das allein genügt nicht. Auch, weil bei Gruhne die Krankheit so lange nicht diagnostiziert wurde, dass sie längst chronisch ist.

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Warnzeichen sollte man ernst nehmen, bei einem selbst und bei Freunden und Familie. Experten arbeiten dafür mit einem Kriterienkatalog. Höchstwahrscheinlich körperdysmorph ist, wer sich täglich mehr als eine Stunde mit seinem Äußeren beschäftigt. Wer sein Erscheinungsbild zwanghaft kontrolliert, in jeden Spiegel und jede spiegelnde Oberfläche schaut. Wer das Aussehen anderer permanent mit dem eigenen vergleicht. Wer vermeintliche Makel mit Puder, Haaren, Mützen und Kleidung kaschiert. Wer häufig überlegt, sein Äußeres mit Schönheits-OPs zu verändern. „Manches Kriterium kommt natürlich auch Gesunden erschreckend bekannt vor, obwohl sie keine KDS haben“, sagt Brunhoeber. „Die Grenzen sind fließend. Wer bezüglich seines Äußeren einen Leidensdruck spürt, der sein Leben beeinträchtigt, sollte professionelle Hilfe suchen.“ Denn sich selbst zu heilen, ist beinahe unmöglich.

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Viele Körperdysmorphe sind einsam

Auch Freunde können das kaum leisten. Gruhne hat ein paar beste Freundinnen, die eisern zu ihr halten – bei Körperdysmorphen keine Selbstverständlichkeit, viele vergraulen mit ihren Gedanken, der Stubenhockerei und ihrer Unzuverlässigkeit ihre Mitmenschen. „Du bist hübsch“, hörte Gruhne oft von ihren Freundinnen. Bei ihr kam an: „Dass ich hässlich bin, sagen mir nicht mal meine Freundinnen ins Gesicht.“ KDS-Therapien setzen beim Verhalten an. Ziel ist, die Zwänge aufzubrechen. Gruhnes Aufgabe ist es, ungeschminkt mit anderen Patienten zu essen. Sie, die mit nacktem Gesicht nicht mal den Müll wegbringt; auch nicht nachts. Sie soll wahrnehmen, dass die eigenen Befürchtungen nicht eintreffen, dass niemand bei ihrem Anblick schreiend das Weite sucht. Das Fehlen ihres Make-ups wurde kaum bemerkt.

Lernen, sich selbst auszuhalten

Ein anderes Mal stand Gruhne in eng anliegender Kleidung vor dem Spiegel, ihre Therapeutin filmte sie, Gruhne beschrieb Körperteil um Körperteil, ohne es abzuwerten. In Situationen wie diesen lernt Sabine Gruhne, sich selbst auszuhalten. Die Haut in ihrem Gesicht als das zu sehen, was sie ist: ein Teil ihrer selbst. Aber eben nur ein Teil. Dazu kommen Gesprächstherapien, in der Gruppe und allein. Vergangenes wird verarbeitet, der Selbstwert gestärkt. Noch vier Wochen wird Gruhne in Bad Bramstedt bleiben, danach eine ambulante Therapie machen; die war es auch, die sie auf die Klinik brachte. Nach Jahren des Ärzte-Hoppings und verschiedener Psychotherapien gelang einer Psychologin die korrekte Diagnose. „Inzwischen weiß ich vom Verstand her, dass mein Makel nicht mein Problem ist“, sagt Sabine Gruhne. Sehen aber kann sie das beim Blick in den Spiegel noch nicht. Gelingt ihr das, erfüllen sich vielleicht endlich noch ihre Träume: „Ich wünsche mir, dass ich abends spontan auf ein Bier mit meinen Freundinnen gehen kann. Dass meine Chefin jederzeit auf mich bauen kann. Und dass ich eines Tages einen Freund habe und Kinder.“

Autorin: Madlen Ottenschläger