Körperpflege

Personalisierte Hautpflege: Kosmetik nach Maß

Offene Cremedosen | © Maryna Kulchytska, Shutterstock
© Maryna Kulchytska, Shutterstock

Unsere Haut ist einzigartig. Mit dieser Erkenntnis arbeitet die Beauty-Industrie und entwickelt individuelle Kosmetik nach Maß. Was ist dran am Hautpflege-Trend?

Wir haben es ja schon länger geahnt: Wir sind einzigartig. Und unsere Haut ist etwas ganz Besonderes. Dass wir unsere Pflegeprodukte passend zum Hauttyp und zu unseren Bedürfnissen auswählen, ist schon lange selbstverständlich. Aber damit kaufen wir immer noch die gleiche Creme wie viele Tausend andere Frauen. Seit einiger Zeit analysieren Kosmetikerinnen und Dermatologinnen vor Behandlungen den Hautzustand, manchmal sogar mit Hightech-Geräten, die Feuchtigkeitsgehalt, Pigmentierung und Faltentiefe bestimmen und zielgenaue Behandlungsmethoden vorschlagen. „Customized care“ (engl. für „personalisierte Pflege“) nennt sich das dann oder „made to measure“, maßgefertigt.

DNA-Test für Hautpflege: Was die Gene verraten

Passend zum Megatrend „Self-Tracking“ mit Fitnessarmbändern und Apps arbeitet auch die Kosmetik immer häufiger mit diesen Körperdaten. Das neueste Ding: ein DNA-Test als Basis für Pflegeempfehlungen und -produkte. „Gene bestimmen zu einem großen Teil die biologische Beschaffenheit unserer Organe“, erklärt der Münchner Dermatologe Dr. Stefan Duve. „Sie können wesentliche Informationen zum Hauterhaltungs- und Alterungsprozess liefern.“ Dazu muss man wissen: Das Genom zweier beliebiger Menschen, egal ob Mann oder Frau, ob nah verwandt oder auf einem anderen Kontinent lebend, ist zu 99,9 Prozent identisch. Nur 0,1 Prozent des gesamten Genoms macht das aus, was uns von anderen Menschen unterscheidet: Augenfarbe, Haarstruktur, Nasenform und eben auch Hauteigenschaften.

Hautalterung und Sonnenreaktion sind genetisch programmiert

Aktuelle Zwillingsstudien zeigen, dass zum Beispiel bei der Hautalterung bis zu 60 Prozent der Unterschiede auf genetische Faktoren zurückzuführen sind. Wie empfindlich ein Mensch auf Sonne reagiert, hängt zum Teil vom angeborenen Hauttyp ab und von der genetisch festgelegten Fähigkeit, Lichtschäden in der Haut zu „reparieren“. All diese Erkenntnisse über unsere Erbanlagen, wie sie etwa das internationale Humangenomprojekt (HGP) erbrachte, bieten große Chancen für Medizin- und Kosmetikforschung. Gentests sollen künftig erlauben, Mängel der Haut zu erkennen, noch bevor sie mit dem Auge sichtbar sind, und individuell zugeschnittene Empfehlungen zu ermöglichen.

Personalisierte Hautpflege: Wie man testet

Viele Unternehmen wittern das nächste große Ding. Der australische Beauty-Konzern SkinDNA etwa untersuchte für die Entwicklung neuer Tests 15 000 DNA-Proben von Menschen ganz unterschiedlichen Hauttyps. Die Wissenschaftler wollten herausfinden: Welches sind die genetischen Faktoren, die zur altersbedingten Veränderung der Haut beitragen? Und was kann man tun, um möglichst lange schöne, gesunde Haut zu haben? Der daraus entwickelte Test ist seit rund einem Jahr auch in Deutschland erhältlich: Anhand eines Abstrichs aus der Mundschleimhaut mit einer Art Hightech-Wattestäbchen wird in einem Labor der jeweilige genetische Code der Haut entschlüsselt. 16 genetische Marker, die mit dem Hautalterungsprozess in Verbindung stehen, werden dabei untersucht und ausgewertet. Etwa zwei Wochen später kommt ein zehnseitiger Bericht aus dem Labor, den die Kundin mit der Dermatologin oder einer auf Medical Beauty spezialisierten Kosmetikerin bespricht (Anbieter auf Anfrage über skindna.de).

Genanalyse offenbart individuelle Schwächen der Haut

Die Ergebnisse werden in fünf Kategorien eingeteilt: Straffheit und Elastizität, Hautschäden und Falten durch Glykation (Verzuckerung des Bindegewebes), Schäden durch freie Radikale sowie Empfindlichkeit und Entzündungen. „Der Test zeigt konkret, in welcher dieser Kategorien die Haut zu Schwächen neigt. Eine von drei Frauen besitzt beispielsweise eine genetische Veränderung, die den Kollagenabbau beschleunigt und somit Straffheit und Elastizität vorzeitig negativ beeinflusst“, sagt Dr. Duve vom Münchner Haut- und Laserzentrum an der Oper. Der Laborbericht liefert zusätzlich individuelle Vorschläge für professionelle Behandlungen, passgenaue Pflegewirkstoffe und Nahrungsergänzungsmittel. Kosten: rund 280 Euro.

Was Deluxe-Varianten der personalisierten Hautpflege bieten

Andere Unternehmen gehen noch einen Schritt weiter: Sie bieten auf das Genprofil abgestimmte Pflegeprodukte an. Das spanische Unternehmen one.gen/0,1 (genau, das sind die 0,1 Prozent, die uns so besonders machen) analysiert 35 Marker, etwa die Neigung zur Faltenbildung, Pigmentierung, Langlebigkeit der Zellen und Hautsensibilität. Nach etwa fünf Wochen erhält die Kundin eine 15-seitige DNA-Auswertung und das Starterset mit einer peelenden Vorbereitungscreme, dem personalisierten Serum und einem Moisturizer, den man abschließend aufträgt. Kosten: 850 Euro. Bestellt man nur die personalisierte Creme nach, sind es immer noch stolze 350 Euro. Noch umfangreicher (und teurer) ist das Angebot von Suisse Life Science. Ebenfalls auf Basis eines DNA-Tests bietet das Schweizer Unternehmen einen sogenannten Rundum-Concierge-Service an und liefert die personalisierten Produkte direkt ins Haus. Eine App gibt zusätzlich Tipps zum individuell passenden Fitnesstraining und sendet bei Sonne Reminder mit der optimalen Lichtschutzstärke. Das DNA-basierte Personal Coaching muss man sich allerdings leisten können (und wollen): Der Einstiegspreis beträgt 1700 Euro inklusive Produkten für zwei Monate.

Personalisierte Kosmetik: Welche Fragen noch offen sind

Dass Genanalysen eine immer größere Rolle spielen werden, ist sicher – vor allem in der Medizin, um Risiken für bestimmte Erkrankungen besser abzuschätzen und individuellere Behandlungen anbieten zu können. Barack Obama startete 2015 die große „The Precision Medicine Initiative“, um die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern. Ihr Slogan: „Gesundheitsfürsorge, maßgeschneidert für Sie.“ Da Genanalysen inzwischen erschwinglich sind, werden sie auch für Beauty-Dienstleistungen immer interessanter. Der aktuelle Report des Zukunftsinstituts schätzt, dass sich bereits mehr als 1000 Unternehmen in diesem Markt tummeln. Aber so begeistert auf den Websites für die Tests geworben wird, so spannend und neu die Angebote sind, so zahlreich sind auch die offenen Fragen: Machen die teuren Produkte wirklich so viel schöner? Für wen sind die Angebote sinnvoll? Bislang gibt es noch keine großen, unabhängigen Studien, die belegen, dass die auf Basis von DNA-Tests individualisierten Beauty-Produkte tatsächlich wirksamer sind als herkömmliche Pflege. Und: Könnte das neue (Gen-)Wissen um die Schwächen der Haut nicht auch schädlichen Stress verursachen? Vielleicht sorgen gute Laune und Nichtwissen auf Dauer für den strahlenderen Teint?

Hautpflege: Was auch ohne DNA-Test geht

Angebote für maßgeschneiderte Pflegeprodukte gibt es auch ohne Gencheck: Der Anamnesebogen des französischen Beauty-Unternehmens Universkin etwa stellt über 50 Fragen zu Lebensstil, Erkrankungen, Allergien und Hautproblemen. Mit diesem Fragebogen werden vom Dermatologen die individuellen Bedürfnisse der Haut ermittelt und ein passendes Pflegeprodukt hergestellt. Zur Auswahl stehen 20 hochkonzentrierte Wirkstoffe – deshalb sind die Produkte auch nur über Ärzte erhältlich, die alles frisch anmischen. Helfen sollen die Produkte etwa bei Pigmentflecken, Couperose, erweiterten Poren, Akne, trockener und fettiger Haut. „Mit diesem System können wir Ärzte jedes Hautproblem individuell behandeln. Fast wie früher, als wir noch Rezepturen für unsere Patienten verschrieben haben, mischen wir die passende Pflege direkt vor Ort und geben sie unseren Patienten mit nach Hause“, erklärt die Dermatologin Sonja Sattler von der Rosenpark Klinik in Darmstadt.

Personalisierte Hautpflege selber mischen

Auch in der personalisierten Hautpflege ist der Do- it-yourself-Trend angekommen. So bietet die spanische Beautymarke Sepai beispielsweise diverse Booster-Seren an. Die hochkonzentrierten Inhaltsstoffe sind in einer Spritze verpackt und werden der Pflegecreme beigemischt. Bei Kiehl’s heißt das DIY- Programm „Apothecary Preparation“ – natürlich rezeptfrei. Die Grundsubstanz basiert auf einem aus Oliven gewonnenen Squalankonzentrat, zu dem man zwei von fünf möglichen Wirkstoffkomplexen hinzufügen kann.

Wie die Psyche dabei hilft

Interessant ist, dass die personalisierte Hautpflege – ob nun selbst angemischt oder auf Basis von DNA- Tests – auf unsere Psyche wirkt. Allein das Wissen „Es ist speziell für mich gemacht“ weckt Wohlbefinden. Im Marketing nennt man das den „Meins-Effekt“. Gleichzeitig steigern individualisierte Produkte das Selbstwertgefühl, nach dem Motto: Ich bin offenbar wichtig. Diese guten Gefühle könnten auch bei der Hautpflege einen Placeboeffekt haben – was es noch schwerer macht, den reinen Nutzen der Wirkstoffe zu analysieren. Außerdem hilft es natürlich immer, Pflege regelmäßig anzuwenden. Aus der Ernährungsforschung weiß man, dass es Menschen leichter fällt, konsequent zu sein, wenn sie wissen, dass etwas exklusiv für sie entwickelt wurde. Kann eine Pflege „just for me“ also auch dazu beitragen, dass ich mich liebevoller und achtsamer um mich kümmere? Gut möglich und eigentlich sehr erfreulich. Bleibt nur noch die Frage, wie viel Geld wir für diesen Effekt ausgeben wollen.