YouTube-Star Greta Silver: „Gelassenheit ist besser als Botox!“

Sie gründete mit 66 Jahren einen eigenen YouTube-Kanal, arbeitet als Best Ager Model und will ihre positive Lebenseinstellung in ihrem neuen Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ mit anderen Menschen teilen: DONNA Online traf Autorin Greta Silver zum Interview.

YouTuberin und Best Ager Model Greta Silver springt auf einer Straße lächelnd in die Luft

So sieht Lebensfreude aus: YouTube-Star und Buchautorin Greta Silver spricht im DONNA-Interview über Gelassenheit im Alter und eine positive Lebenseinstellung.

Bei dieser Frau geht das Leben mit 60plus erst so richtig los: Greta Silver wagte mit 66 den Einstieg bei YouTube, wird als Best Ager Model gebucht, betreibt ihren eigenen Ratgeber-Blog greta-silver.de, veröffentlicht im Mai 2018 ihr neues Buch „Wie Brausepulver auf der Zunge“ – und denkt auch mit 70 Jahren noch lange nicht daran, in den Ruhestand zu gehen. Mit ihren Videos und Blog-Beiträgen will die Hamburgerin Menschen mit ihrer positiven Lebenseinstellung anstecken – und denjenigen Nachhilfe geben, die in ihrem Leben alleine nicht mehr weiterkommen. Im DONNA-Interview spricht Greta Silver über die Freude am Älterwerden, ihre YouTube-Karriere und woher sie ihre positive Einstellung zum Leben nimmt.

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DONNA Online: Abitur mit 18, Studienabschluss mit 21, der erste Berufswechsel mit Mitte 20. Raubt dieser Druck, möglichst früh möglichst viel erreicht zu haben, der jungen Generation die Lust am Leben? 
Greta Silver: Oh, da stellen sich verschiedene Fragen. Wer baut den Druck auf – sind es die jungen Leute selbst oder das Umfeld? Meinen sie aus „etwas erreicht zu haben“ ihren Wert ableiten zu können – oder gar nur so glücklich zu werden? Dann wird es schwierig. Es könnte aber auch die Lust am Neuen sein, die Welt aus den Angeln heben zu wollen oder ein Stückchen besser zu machen mit dem ganzen Schwung der neuen Möglichkeiten, dann hört sich das für mich stimmig an. Einseitig nur auf dieses Pferd zu setzen, würde ich jedoch gerne hinterfragen. Da muss noch mehr sein im Leben – Beziehungen machen uns glücklich. Die werden bei so strammen Karrierewegen oftmals in die Warteschleife gelegt. Das kann schnell einsam machen. 

Viele Menschen haben Angst vor dem Älterwerden. Was können Sie dem entgegensetzen? Und wovor haben Sie Angst?
Es sind die Bilder in unserem Kopf, die uns Angst machen vor dem Alter – die habe ich begeistert ins Freudenfeuer geworfen! Mit 17 Jahren glauben wir, mit 35 sei man alt – mit 35 ist man sicher, dass mit 50 Jahren der Spaß vorbei ist und alles nur noch abwärts geht. Es wird Zeit, dass da mal frischer Wind reinkommt. Das Alter ist eine großartige Zeit – es ist eine Erntezeit. Jetzt haben wir all das, wonach wir uns immer gesehnt haben: Wir haben Zeit, wir wissen, was wirklich zählt im Leben. Wir haben ein Lebens-Knowhow, das uns keiner nehmen kann. Wir haben eine Gelassenheit geschenkt bekommen – denn wir haben schon manche stürmischen Zeiten erlebt – und wir haben sie gemeistert! Rückblickend erkennen wir, dass sich vieles zum Vorteil entwickelte, was vorher so bedrohlich aussah. Ich kenne Menschen, die schwerste Krankheiten durchlitten haben und heute glücklicher sind als vorher. Sie wollen diese Erfahrung in ihrem Leben nicht missen.

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Ich lebe angstfrei – mache mich nicht mehr für Quatschkram verrückt. Ich weiß, dass die Angst ein Marketinginstrument ist, mit dem man Wahlen gewinnen kann und die sich in Zeitungen auch gut verkaufen lässt. Nicht mit mir! Ich habe es durch Einbrecher in meinem Kopf lernen können: Nachts knallte ein Brett auf dem Balkon um und ich war sicher, es sind Einbrecher im Haus – während ich alleine war. Ich habe mir die verschiedenen Todesarten nicht nur panisch vorgestellt, sondern mit jeder Zelle meines Körpers durchlitten. Am nächsten Morgen stellte ich mir die erlösende Frage: „Stell dir nur mal vor, du machst dich dein Leben lang verrückt und es kommt keiner – das wäre erst die wahre Katastrophe.“. So wollte ich mich nicht selbst auf den Arm nehmen. Ich konnte den Schalter in meinem Kopf von heute auf morgen umlegen. Ich habe seitdem nie mehr Angst vor Einbrechern gehabt – und es ist tatsächlich auch nie einer gekommen.

Und so gehe ich auch mit anderen Ängsten um. Viele Menschen haben Angst vor Luftschlössern. Die baue ich lieber positiv! Man kann man sich auch ganz einfach selbst Angst machen – Gelegenheiten dafür gibt es reichlich. Darauf hab ich keine Lust! Das versalzt mir nur die schöne Suppe. 

Waren Sie schon immer ein derart positiver Mensch oder ist das eine Errungenschaft des Älterwerdens?
Es wird im Alter immer positiver. Ich habe ja die Chance, zurückzublicken und zu erkennen: „Hey, ist doch alles gut gegangen!“ – wenn auch oftmals anders als gedacht. Ich hatte eine sehr unbeschwerte Kindheit auf dem Bauernhof und einen Vater, der mir alles zutraute. Das hat mich vermutlich stark gemacht. Ich habe im Laufe meines Lebens viele Tricks gelernt, wie ich positiv durchs Leben gehen kann. Es sind die kleinen Änderungen der Blickrichtung meiner Gedanken, die das Leben in neuem Glanz erstrahlen lassen. 

Gab es einen Schlüsselmoment in Ihrem Leben, der ausschlaggebend für Ihren heutigen Lebensstil war?
Ja, ein Schlüsselerlebnis war, als ich mit etwa 30 Jahren begriff, dass ich Geheimverträge mit Menschen abgeschlossen hatte, die davon gar nichts wussten. Ich hatte sie für mein Glück verantwortlich gemacht – und auch für mein Unglück. Aber die kamen morgens gar nicht vorbei und fragten: „Greta, was brauchst Du heute für Dein Glück, was soll ich in Deinen Terminkalender eintragen, was möchtest Du heute Abend machen – vielleicht mit der Freundin ins Kino gehen?“ Ich vermute, das geht den wenigsten Menschen so. Wir müssen selbst die Verantwortung für unser Glück und für unser Leben übernehmen. Ich fand diese Erkenntnis damals etwas schade – konnte ich doch nun nicht mehr anderen die Schuld in die Schuhe schieben, wenn ich unglücklich war. Weder meinem Chef, noch dem Wetter, noch sonst jemandem.

YouTube-Star und Best Ager Model sitzt lächelnd auf dem Boden

In Interviews sagen Sie, sehr lebensfrohe Kinder und Enkelkinder zu haben. In Ihrem neuen Buch schreiben Sie, auch Ihre Großmutter hatte es „faustdick hinter den Ohren“. Denken Sie, dass eine positive Lebenseinstellung auch in gewissem Maß Veranlagung ist – die bei manchen Menschen eben nicht vorhanden ist? Oder kann jeder eine positive Einstellung erlernen?
Ich bin absolut sicher, dass man das lernen kann – und es ist gar nicht mal so schwierig. Wir haben so unglaublich viel Handwerkzeug, was wir selbst für unser Glück tun können. Das zu erfassen macht so herrlich frei. Wir suchen oft an der falschen Stelle – glauben, dass das neue Auto glücklich macht, nur um zu erleben, dass das alles ein flüchtiger Rausch ist. Es heißt, wir haben eine Basisfröhlichkeit in uns, zu der kehren wir immer wieder zurück – nach einer großen Freude wie dem Lottogewinn genau so wie nach einer großen Enttäuschung oder Trauer. Nun können wir schauen, wie wir diese Basisfröhlichkeit dauerhaft anheben können. Einmal, indem wir das ändern, was uns runterzieht (wie alte Verletzungen, Ängste, eingefahrene Bahnen) und dann zu sehen, was uns dauerhaft glücklich macht (wie glückliche Beziehungen, eine sinnvolle Arbeit, seine Talente zu leben). Dass meine Oma nach zwei Weltkriegen immer noch lebensfroh war, hatte sicherlich auch etwas mit großer Dankbarkeit zu tun für das, was sie hatte. Sicherlich hab ich das als Kind schon irgendwie beobachten können. Aber nicht nur aus meinem eigenen Leben habe ich gelernt, sondern auch aus den unzähligen Leben, die ich mit durchlitten und mit durchtanzt habe in all den Büchern, die ich verschlungen habe.

Auch Sie sind nicht vor persönlichen Lebenskrisen verschont geblieben und haben eine Scheidung hinter sich. Welchen Rat können Sie Frauen geben, die derzeit in einer ähnlichen Situation sind und das Gefühl haben, nicht mehr weiterzukommen?
Mit hat es geholfen, die Situation erst einmal anzunehmen, klar zu sehen und zuzulassen, dass es schmerzhaft ist. Ich habe es gerne unter den Teppich gekehrt und so getan, als sei nichts passiert. Das ist sicherlich auch erst einmal eine gute Überlebenstaktik, nach dem Tod meines Vaters zum Beispiel. Aber dann tauchen die Gedanken ja doch immer wieder im Kopf auf! Da hat es mir geholfen zu sagen: „Ja, es gehört zu meinem Leben dazu“. Ich weiß, es hört sich schräg an, wie man den Tod eines Menschen verleugnen kann. Aber ich wollte einfach nicht daran denken. Erst, als ich es zulassen konnte, habe ich auch Wege gefunden, liebevoll damit umzugehen.

In anderen Situationen ist es hilfreich, dem anderen zu verzeihen. Dieses Wort muss ich erst einmal geraderücken: Das bedeutet nicht „klein beigeben“ und „er hat es nicht besser gekonnt und hatte selbst eine schwere Kindheit“. Nein, all das ist nicht verzeihen – verzeihen bedeutet, die Tat bleibt so kriminell wie sie war und die Person genauso schlimm. Durch verzeihen entziehe ich dem anderen die Macht, mich zu verletzten. Ich werde davon frei und wieder handlungsfähig. Ich gehe raus aus der Opferrolle. Verzeihen ist also eine Befreiung für mich selbst! Der andere muss davon gar nichts erfahren.

Wie kommen Sie schnell in eine positive Stimmung, wenn Sie einen schlechten Tag haben? 
Musik macht was mit mir. „Summer of 69“ richtig laut reißt mich sofort auf die Füße. Aber es hilft tatsächlich auch den Schreibtisch aufzuräumen – also Klarheit im Außen schaffen befreit irgendwie auch die Seele.

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Sie haben mit 66 Jahren Ihren YouTube-Kanal „Zu jung fürs Alter“ ins Leben gerufen. Wer oder was brachte Sie dazu?
Eine junge Freundin meinte, ich solle der Welt da draußen mal erzählen, wie toll es ist, alt zu sein. Das ginge am besten mit einem YouTube-Kanal. Also fing ich an und hatte überhaupt keine Ahnung, was da auf mich zukommt – vielleicht war das auch gut so.

Auf Ihren Social-Media-Kanälen erhalten Sie überaus positives Feedback. Gibt es auch kritische Stimmen zu Ihrem Lebensstil? Und wie gehen Sie damit um? 
Nein, bislang habe ich noch keine wirklich negativen Kommentare bekommen. Das einzige war einmal die Frage „Was willst du Alte hier auf YouTube?“ Meine Antwort war: „Dir zeigen, was Du später mal alles Tolles machen kannst“. Ich gestehe jedem zu, eine andere Meinung zu haben. Das verändert mein Verhalten nicht. Meistens sind es dann andere Zuschauer, die sich dazu äußern, wenn jemand meint, ich solle mir doch unbedingt die Haare färben, das Grau sähe ja schrecklich aus.

Fällt es uns in Zeiten übermäßiger Selbstdarstellung auf Instagram und Co. schwerer, glücklich zu werden, weil wir uns ständig mit anderen vergleichen?
Ich hoffe, man durchschaut schnell, dass all das nicht das wirkliche Leben ist – auch nicht bei den anderen, wo es so toll aussieht.

Mit Ihrem tollen Aussehen mit 70 Jahren machen Sie jede 20-Jährige neidisch! Was ist Ihr Geheimnis für Gesundheit und Schönheit?
Oh, ich befürchte, ich habe da kein Geheimnis! Gelassenheit ist besser als Botox. Neid, Ärger und Verbitterung kann man sehen – sie tun uns nicht gut. Klar lebe ich auch weitestgehend gesund – um trotzdem lustvoll Ausnahmen zu machen.

Sie haben beschlossen, 120 zu werden. Was dürfen wir in den nächsten Jahren von Ihnen erwarten? 
Auf jeden Fall weiterhin hochansteckende Lebensfreude und ein neues Buch. Es hat mir so unglaublich viel Spaß gemacht. Aber es wird auch etwas anderes kommen, da bin ich gewiss – und darauf bin ich selbst gespannt wie ein Flitzebogen. Vor fünf Jahren hatte ich keine Ahnung, dass ich einen YouTube-Kanal aufmache. Und ich bewahre diese Offenheit, für alles Aufregende, das sich ergibt und fasse zu.

Cover des Buchs „Wie Brausepulver auf der Zunge“ von Greta Silver, erschienen im Scorpio Verlag

„Wie Brausepulver auf der Zunge. Glücklich sein ist keine Frage des Alters“ von Greta Silver, erschienen im Scorpio Verlag, 18 Euro, ab 7. Mai 2018 erhältlich.