Buch-Special: 14 Lese-Highlights im Herbst

Bienvenue, ihr Bücher! Frankreich ist Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2017, daher gibt es jede Menge französischsprachige Literatur zu entdecken. Voilà, die Auswahl der DONNA-Mitarbeiter mit den Lese-Highlights des Herbstes.

Bücherstapel und Tee auf einem Tisch

Die beste Zeit, um Bücher zu lesen? Natürlich der Herbst! Im Buch-Special stellt die DONNA-Redaktion aktuelle Bücher-Highlights aus Frankreich vor.

1. So hungrig

Ganz nah am Leben ist dieser Roman von Sophie Divry, den man wegen seiner ernsten Einfachheit nicht aus der Hand legen und gleich noch mal lesen will – um der Wandlung der Heldin in allen Facetten nachzuspüren. Da ist eine arbeitslose Journalistin, die mit ausbleibenden Sozialleistungen, mit Hunger und den Abgründen der Gesellschaft zu kämpfen hat. Dazu imaginäre Diskussionen mit der tadelnden Mutter, dem liebeskranken Freund sowie dem persönlichen Teufel Lorchus. Was oft den Anschein eines biografisch angehauchten Werkes hat, ist Divrys gelungener, sehr kritischer Improvisationsroman, der auch typografisch überrascht. Redet sich die Protagonistin in Rage, reicht ein Satz über mehrere Seiten – und bringt dadurch nicht nur die Dringlichkeit der Lage ans Licht, sondern den Leser an seine Grenzen.

Sophie Divry, „Als der Teufel aus dem Badezimmer kam”, Ullstein, 21 Euro – Tipp von Denise Drahtmüller (Volontärin)

2. Im Körper fremd

Vier Bücher der französischen Bestsellerautorin Delphine de Vigan sind bereits auf Deutsch erschienen, darunter „Das Lächeln meiner Mutter“, die bewegende autobiografische Familiengeschichte über den Suizid der Mutter. Ehrlich gesagt war ich skeptisch, ob mich „Tage ohne Hunger“ ebenso packen würde: de Vigans Debütroman von 2001, im Vorfeld der Buchmesse erst jetzt übersetzt. Es geht um eine 19-jährige an Magersucht erkrankte Frau und ihren Klinikaufenthalt – in einer fast kammerspielartig-beklemmenden Atmosphäre wird vom täglichen Kampf mit dem eigenen Körper erzählt. Erschreckend gut.

Delphine de Vigan, „Tage ohne Hunger”, DuMont, 20 Euro – Tipp von Sandra Djajadisastra (Chefredakteurin)

3. Viele Welten

Nordafrika in den 1920er-Jahren: In die koloniale französische Gesellschaft platzt ein Hollywood-Filmteam, das eine Wüstenromanze drehen möchte. Franzosen und Einheimische sind gleichermaßen fassungslos über die Freizügigkeit der Amerikaner. Tradition und Moderne kollidieren, Althergebrachtes wird infrage gestellt. Wechselnde Protagonisten – darunter starke Frauenfiguren – bringen uns die vielschichtigen (Gedanken-)Welten und Wertvorstellungen näher und verweben sie zu einem feinfädigen Gesamtbild. Die Geschichte liest sich ausgesprochen gut und hat in Zeiten, in denen sich immer noch Menschen unreflektiert auf „kulturelle Überlegenheit“ berufen, Relevanz.

Hédi Kaddour, „Die Großmächtigen”, Aufbau, 24 Euro – Tipp von Paula Faul (Werkstudentin)

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4. Und er war es doch!

Kleine Warnung vorab: Dieses Buch setzt einem zu. Weil die schrecklichen Dinge, die hier verhandelt werden, tatsächlich passiert sind. Und weil es davon erzählt, wie Gefühle und Bindungen einen Menschen davon abhalten, die Wahrheit zu sehen. Der charismatische Anwalt Maurice Agnelet gerät 1977 in Verdacht, die junge und wohlhabende Agnès Le Roux ermordet zu haben. Was er Jahrzehnte abstreitet. Nur seinem kleinen Sohn gestand er den Mord. Der verteidigt ihn, bis er realisiert, was sein Vater getan hat. Und sich entschließt, gegen den alten Mann auszusagen. Die Gerichtsreporterin Pascale Robert-Diard schreibt die krasse Geschichte von der Côte d’Azur wie einen dunklen, haarsträubenden Thriller auf. Tieftraurig, packend, in Abgründe schauend.

Pascale Robert-Diard, „Verrat”, Zsolnay, 18 Euro – Tipp von Katja Nele Bode (Textredaktion)

5. Stark wie eh und je

Als die gerade mal 19‐jährige Françoise Sagan ihren Roman 1954 vorlegte, sorgte sie für einen mittelgroßen Skandal: Ein junges Mädchen, das innerhalb weniger Wochen diese Erzählung hingerotzt hatte, voller jugendlicher Wildheit, Erotik und feministischer Ideen – das war in den biederen 50ern unerhört. Und obwohl ein allein lebendes Vater‐Tochter‐Gespann, lockere Liebeleien und Sex vor der Ehe heutzutage nichts Besonderes mehr sind, hat der schmale Band auch über ein halbes Jahrhundert später nichts von seiner ungestümen weiblichen Kraft verloren: Das wird jede(r) bemerken, der sich den von Rainer Moritz nun komplett neu übersetzten Roman wieder vornimmt. Magnifique!

Françoise Sagan, „Bonjour Tristesse”, Ullstein, 18 Euro – Tipp von Nina Berendonk (Textredaktion)

6. Suche nach den Wurzeln

„Heißes Wasser“, hat Alain Mabanckous Mutter immer gesagt, „vergisst nie, dass es einmal kalt war.“ Als Mabanckou 2012 nach dem Tod der alten Frau in seine kongolesische Heimat zurückkehrt, fürchtet er, die Mutter und seine Verwandtschaft könnten in den vergangenen Jahren genau das von ihm angenommen haben: dass er vergessen hat, woher er kommt. Schließlich hat er seine Heimat als junger Mann verlassen, um mit einem Stipendium in Frankreich Jura zu studieren, ist dort ein erfolgreicher Schriftsteller geworden und 23 Jahre nicht mehr zu Hause gewesen. Mabanckous Roman ist eine Spurensuche, Selbstvergewisserung – und eine Liebeserklärung an eine starke Frau.

Alain Mabanckous, „Die Lichter von Pointe-Noire”, Liebeskind, 20 Euro – Tipp von Nina Berendonk (Textredaktion)

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7. Geht ans Eingemachte

Schlaksig-vornehm wirkt der Jüngling mit dem königlichen Namen. Tatsächlich wurde Édouard Louis als Eddy Bellegeule im bitterarmen französischen Norden geboren und erlebte als schwuler Junge eine harte Kindheit: Sein erster autobiografischer Roman, „Das Ende von Eddy“ (S. Fischer), der den damals 20-jährigen Soziologiestudenten zum Liebling der Literaturszene beförderte, erzählt davon. Auch sein zweites Buch basiert auf Louis’ Leben. Auf der Straße lernt er den schönen Berber Reda kennen, den er mit nach Hause nimmt. Die Liebesnacht kippt, als Louis bemerkt, dass sein Liebhaber ihn bestohlen hat: Reda vergewaltigt und würgt ihn. Der bedrückende Versuch einer Verarbeitung, in der quälende Fragen gestellt werden – und starke Worte Wirklichkeit konstruieren.

Édouard Louis, „Im Herzen der Gewalt”, S. Fischer, 20 Euro – Tipp von Nina Berendonk (Textredaktion)

8. Verkehrte Welt

Eine Hellseherin prophezeit Graf Neville, dass er auf seiner Gartenparty jemanden töten wird. Seine melancholische Tochter Sérieuse bittet ihn daraufhin, sie umzubringen. Dieses Ansinnen ist der rote Faden des Buches. Die Geschichte lebt von den Kontroversen der Protagonisten und ihren bisweilen skurril-verqueren Gedanken. Das Leben des Grafen ist mehr Schein als Sein, Sérieuse dagegen hat Angst, nichts mehr empfinden zu können. Beide stehen damit (auch) sinnbildlich für die heutige Zeit. Zum Schluss geht der Geschichte leider etwas die Puste aus – und das Ende kommt plötzlich und doch wenig überraschend.

Amélie Nothomb, „Töte mich”, Diogenes, 20 Euro – Tipp von Isabelle Maier (Beauty, Gesundheit)

9. Abenteuer auf See

Eisige Kälte, permanenter Schlafmangel und 30 Meter hohe Brecher – der Roman nimmt einen mit in die raue Welt des Fischfangs im entlegenen Alaska. Dort geht die Französin Lili als einzige Frau mit der Crew der „Rebel“ auf Heilbuttfang und kommt in der tosenden Beringsee an ihre Grenzen. Im Gegensatz zu anderen Fischern lockt Lili nicht das Geld, sie ist vielmehr auf der Suche nach Freiheit und Gefahr. Als sie den Seefahrer Jude trifft, zu dem sie sich hingezogen fühlt, muss sie sich entscheiden, ob sie ihr ungestümes Leben auf dem Meer fortführt oder aufgibt. Catherine Poulain überzeugt in ihrem ersten Roman mit Authentizität. Ihre Beschreibungen gehen unter die Haut und triggern das Fernweh!

Catherine Poulain, „Die Seefahrerin”, Random House, 21 Euro – Tipp von Elina Gathof (Bildredaktion)

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10. Wuchtig

Vernon Subutex ist ein abgehalfterter Plattenladenbesitzer, der plötzlich auf der Straße landet. Weil er sich und der Welt sein Scheitern nicht eingestehen will, quartiert er sich mit einer Notlüge abwechselnd bei alten Weggefährten ein. Gnadenlos leuchtet Virginie Despentes die Abgründe der menschlichen Psyche aus. Ein teils überspitztes, schamlos-rotziges und gleichermaßen berührendes Sittengemälde der französischen Gesellschaft.

Virginie Despentes, „Das Leben des Vernon Subutex”, KiWi, 22 Euro – Tipp von Nadja Göricke (Managing Editor)

12. Agentin wider Willen

Eine auf den ersten Blick etwas unbedarfte, gut gestellte junge Frau soll für den Einsatz in Nordkorea klargemacht werden. Davon ahnt sie nichts, ihre Entführung durch den französischen Geheimdienst nimmt sie recht stoisch auf: ist irgendwie spannender, als Nägel zu lackieren oder Liebhaber abzuservieren. Ihr Ehemann, ein langweiliger Schlager-Komponist, der durch ein One-Hit-Wonder absurd wohlhabend wurde, vermisst sie keinesfalls. Und umgekehrt. Bald nun soll Constance das Liebchen eines Generals in Pjöngjang werden. Doch hier wird bald klar, wie schnell ein Tralala-Leben von tödlichen Kugeln durchsiebt werden könnte ... Eine messerscharfe Posse, politisch böse und so amüsant wie brillant.

Jean Echenholz, „Unsere Frau in Pjöngjang”, Hanser Berlin, 22 Euro – Tipp von Katja Nele Bode (Textredaktion)

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13. Fanpost

Ein neuer Skandalroman des ewigen Enfant terrible? Mit vielen Sexszenen? Mais non! Michel Houellebecq überrascht uns diesmal mit einer Hommage an Schopenhauer, seinen Lieblingsphilosophen. Dessen Werk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ ist für ihn gar „das wichtigste Buch der Welt“, seit er es mit Mitte 20 entdeckt hat. Und so lässt er den alten Pessimisten ausführlich zu Wort kommen und kommentiert ihn. Das ist alles andere als leichte Strandlektüre. Wer sich auf den Philo-Diskurs einlässt, lernt einiges, muss sich aber auch viel ärgern, weil Houellebecq Haarsträubendes einfach mal so behauptet oder en passant Umweltschützer basht. Er kann wohl doch nicht anders.

Michel Houellebecq, „In Schopenhausers Gegenwart”, DuMont, 18 Euro – Tipp von Sina Teigelkötter (Textredaktion)

14. Hinter der Fassade

„Das Baby ist tot.“ Mit diesem ersten Satz verjagt Leïla Slimani gleich mal alle, denen „so was“ zu heftig ist. Wer weiterliest, ist getrieben von der Frage nach dem Warum. Stürzt in die Vergangenheit einer Pariser Vater-Mutter-Kinder-Einheit, freut sich mit über den Glücksgriff der Nanny. Peu à peu wird deutlich, dass hinter dieser Louise eine Frau steckt, die zu kurz gekommen ist. Was offenbar keinen interessiert. Am Ende fragt man sich, was wir eigentlich machen, wir Eltern in Mitteleuropa, die alles wollen: Ehe, Job, Kinder, tolles Heim, Freunde...und uns keine Zeit nehmen, darüber nachzudenken, was wichtig ist.

Leïla Slimani, „Dann schlaf auch du”, Luchterhand, 20 Euro – Tipp von Silke Heuschmann (stellvertretende Chefredakteurin)

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