Social-Media-Akademie „Amt 2.0“: Gründerin Christiane Germann im Porträt

Nach fast 20 Jahren als Beamtin gab Christiane Germann ihren Job auf, um deutschen Ämtern Nachhilfe in Sachen soziale Netzwerke zu geben. Mit der „Amt 2.0 Akademie“ gründete sie die erste Social-Media-Fortbildungseinrichtung für Behörden. Mit DONNA Online spricht die Kommunikationsexpertin über ihren Weg in die Selbstständigkeit.

Porträtfoto von Christiane Germann, Gründerin der Social-Media-Agentur für Behörden „Amt 2.0“

Mit der „Amt 2.0 Akademie“ berät Christiane Germann deutsche Behörden in Sachen Facebook, Twitter und Co.

Christiane Germann arbeitete fast zwei Jahrzehnte lang in den PR- und Social-Media-Redaktionen verschiedener Bundesministerien, Bundesbehörden und Kommunen. Was sie aus ihrer Zeit im öffentlichen Dienst mitnahm? Vor allem die Erkenntnis, dass deutsche Ämter dringend Nachhilfe brauchen, wenn es um eine professionelle Präsenz in den sozialen Netzwerken geht. 2018 gab die Berlinerin ihren Beamtenstatus auf und gründete die „Amt 2.0 Akademie“, die erste Social-Media-Fortbildungseinrichtung speziell für Behörden. Für das Start-up holte sich die Social-Media-Beraterin Linda Dietze ins Boot, die als studierte Journalistin jahrelang Erfahrung in der digitalen Kommunikation für Politik und Behörden sammeln konnte. Was das Erfolgrezept von Christiane Germanns Unternehmens ist und welche Tipps sie für Frauen hat, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen? Im Gespräch mit DONNA Online berichtet die Gründerin von ihren persönlichen Erfahrungen.

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DONNA Online: Was haben Sie vor Ihrer Selbstständigkeit gemacht?
Christiane Germann: Ich habe seit meinem 19. Lebensjahr im öffentlichen Dienst gearbeitet. Letztes Jahr beschloss ich, mein Beamtenverhältnis aufzugeben, um künftig als Social-Media-Beraterin für Behörden und Institutionen wie Verbände, Parteien und Stiftungen zu arbeiten.

Wie kam Ihnen die Idee zu Amt 2.0?
In den letzten sieben Jahren war ich in den Pressestellen des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat und des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge tätig und habe dort die Social-Media-Kanäle mit aufgebaut und betreut. Diese Aufgabe fand ich hochspannend, da ich mich auch privat schon lange für soziale Netzwerke interessierte.

Da mich immer mehr Behörden, die zu dieser Zeit noch keine sozialen Netzwerke hatten, um Tipps baten, begann ich, einen Blog zu dem Thema zu schreiben und als nebenberufliche Dozentin auch Schulungen zum Thema anzubieten. Im Laufe der Jahre wurde der Bedarf an Fortbildung, Beratung und auch praktischer Unterstützung nicht kleiner, sondern immer größer. Ich erkannte das Potenzial und hatte außerdem große Lust, mich dieser Aufgabe noch mehr zu widmen. Also gründeten wir 2018 die „Amt 2.0 Akademie“ – eine Social-Media-Agentur für Behörden. Meine Mitgründerin ist studierte Journalistin und hat in politischen Organisationen gearbeitet. Wir wissen, wie Behörden und behördenähnliche Organisationen funktionieren und sprechen ihre Sprache, deshalb haben wir uns auf diese Zielgruppe spezialisiert. Es gibt rund 15 000 Behörden in Deutschland, also viel zu tun!

Linda Dietze und Christiane Germann, Gründerinnen der Social-Media-Akademie für Behörden „Amt 2.0“, sitzen vor Laptop

Mit der gelernten Journalistin Linda Dietze (links) holte Christiane Germann sich eine Expertin für digitale Behördenkommunikation an Bord ihres Start-ups „Amt 2.0 Akademie“.

Warum ist eine professionelle Social-Media-Präsenz für Behörden überhaupt relevant?
Es gibt mittlerweile viele Menschen, die sich vor allem über digitale und soziale Medien über das Tagesgeschehen informieren. Sie haben kein Tageszeitungs-Abo und lesen erst recht kein Amtsblatt. Wie bekommen sie nun mit, dass es in ihrem Ort bald eine Umgehungsstraße gibt, dass eine Bombe entschärft wird, wie hoch der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende ist, oder dass die Polizei Zeugen für ein Verbrechen sucht? Das geht nur, wenn auch Behörden in sozialen Netzwerken aktiv sind, dort Inhalte einstellen und den persönlichen Kontakt zur Bevölkerung suchen.

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Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung Ihrer Idee?
Größere Hürden gab es nicht. Ich hatte zwar wenig finanzielle Rücklagen, jedoch mussten wir auch kaum Anfangsinvestitionen tätigen. Wir bieten unsere Leistungen inhouse an und arbeiten die restliche Zeit im Homeoffice. Außer Laptops, einem Logo und Visitenkarten, einer Website und etwas Budget für Beratung und Werbung fiel nichts an. Wir hatten bei der Gründung bereits Kunden, da ich die Tätigkeit ja schon vier Jahre zuvor neben meinem damaligen Job gestartet hatte. Es ist zwar nach wie vor eine gewisse Herausforderung, sich aus dem laufenden Einkommen zu finanzieren. In der jetzigen Aufbauphase muss ich dabei den Gürtel durchaus etwas enger schnallen als in meinen letzten Jahren als Ministerialbeamtin, zumal meine Versicherungen jetzt auch viel teurer sind. Es klappt bisher aber gut und andere Selbstständige, die ich kenne, haben ebenfalls die Erfahrung gemacht, dass man bei diesen Beratungsthemen selten ohne Aufträge dasteht. Die relative Unsicherheit am Anfang kann ich gut aushalten – sie wird durch die gewonnene Freiheit mehr als aufgewogen.

Was war für Sie bisher der größte Erfolg, den Sie mit Amt 2.0 hatten?
Aus dem Stand heraus jeden Monat grüne Zahlen zu schreiben, schafft sicher nicht jede Gründerin oder jeder Gründer. Eigentlich gibt es jeden Tag kleine Erfolgserlebnisse: Wenn Kunden zu Stammkunden werden, Behördenleiterinnen und Behördenleiter uns zuhören oder eine Empfehlung, die wir in einer Beratung gegeben haben, umgesetzt wird und dann auch funktioniert.

Wie geht es weiter mit Ihrer Social-Media-Agentur?
Wir sind noch im ersten Jahr und schnelles Wachstum ist nicht unser primäres Ziel. Es gibt aber natürlich einige Ideen: Mehr Fernberatung, zum Beispiel via Skype, ist eine davon, damit wir Zeit und die Kunden die Kosten sparen. Wir überlegen auch, ob wir künftig Praktikerinnen und Praktiker aus Behörden als Co-Dozenten einsetzen. Sprich: Eine Feuerwehr möchte in Sachen Social Media fortgebildet werden und wir bringen einen Feuerwehrmann mit, dessen Behörde bei dem Thema schon weiter ist und von seiner konkreten Erfahrung mit digitalen Medien berichten kann.

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Welche Tipps haben Sie für Frauen, die von einem eigenen Start-up träumen, den Schritt in die Selbstständigkeit bisher aber nicht gewagt haben?
Ihr solltet Euch in einem Bereich selbstständig machen, für den Ihr einerseits wirklich brennt, damit Euch die viele Arbeit, die gerade am Anfang anfällt, nichts ausmacht. Andererseits muss es für Euer Vorhaben aber auch einen Markt geben. Es hilft, das Geschäftsmodell eine Weile neben dem bisherigen festen Job zu testen – aber nicht zu lange, denn bei mehreren Jobs leidet das Privatleben.

Das Wichtigste: Wagt es! Selbstständigkeit ist keine Raketenwissenschaft, sondern eine reale, ganz normale und attraktive Alternative zur Festanstellung. Mich jedenfalls erfüllt es viel mehr, meine eigene Chefin zu sein, als mich auf eine sichere Altersvorsorge zu freuen.