Moderatorin Judith Rakers im DONNA-Lebenslinien-Interview

Am 18. März 2008 war Judith Rakers zum ersten Mal in der „Tagesschau” zu sehen. Zehn Jahre später hat sich die Moderatorin zu einer festen Größe im TV etabliert. Ihr Erfolgsgeheimnis? Unerschrockenheit! Im DONNA-Interview spricht sie über Perfektion und ihren Vater.

TV-Moderatorin Judith Rakers bei Helene Fischers Taufe des Mein Schiff 3 in einem weißen Kleid und mit rotem Lippenstift

Judith Rakers hört es nicht gerne, aber ihr haftet ein „Miss Perfekt“-Image an.

Sie ist pünktlich, dezent geschminkt, Sommersprossen schimmern durch einen Hauch von Rouge, oder hat sie am Ende tatsächlich solche rosigen Wangen? Die Haare sind zu einem wippenden Zopf zurückgebunden, kurz: Judith Rakers, 42, ist makellos wie immer. Oh nein, denkt man sofort, denkt an den Pickel unter der rot geschneuzten Nase und die drei Minuten, die man zu spät gekommen ist. Das würde so einer sicher nie passieren.

Es ist faszinierend: Judith Rakers muss gar nichts sagen – und schon hat man eine Meinung zu ihr: die Unfehlbare, die Streberin, der scheinbar alles gelingt, und dann auch noch diese klassische, ebenmäßige Schönheit. „Kein Problem“, sagt die Schönheit, „ich finde das super – sonst bin ich nämlich immer diejenige, die zu spät kommt.“ Dann nimmt sie sich einen Schokoladenkeks. Noch einen. Und noch einen.

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DONNA: Unpünktlichkeit und Kekse futtern – beides bringt man auf den ersten Blick nicht mit Ihnen in Verbindung.
Judith Rakers: Ach, der erste Blick. Ich habe mich dran gewöhnt, dass Leute, die mich nicht kennen, ein ganz anderes Bild von mir haben. Wenn sie mich dann persönlich kennenlernen, ändert sich das ganz schnell. (Und noch ein Keks.)

Ärgert Sie das?
Nein, nicht mehr. Ich find’s eher lustig mittlerweile.

Sie polarisieren generell sehr. In den Medien sind Sie abwechselnd die beliebteste Moderatorin der Öffentlich-Rechtlichen oder die 08/15-Blondine mit Höhere-Tochter-Charme.
Das ist doch bei jedem Moderator so. Es gibt ein paar, die nimmt man nicht wahr – weder positiv noch negativ. Aber sobald man wahrgenommen wird, muss man eben auch mit verschiedenen Geschmäckern leben. Mir ist wichtiger, dass die, die mich wirklich kennen, gern mit mir arbeiten und mich mögen. Abgesehen davon ist das mit der höheren Tochter Quatsch. Nach der Trennung meiner Eltern wohnte ich bei meinem Vater. Er ist Physiotherapeut, da gab’s kein Prinzessinnen-Tamtam. Ganz im Gegenteil.

Wie meinen Sie das?
Nun ja, ich musste früh lernen, auf eigenen Beinen zu stehen und Verantwortung zu übernehmen. Mein Vater war von früh bis spät in der Praxis, also habe ich unseren Haushalt gewuppt und mich größtenteils selbst versorgt. Am Wochenende sind wir auch gerne mal in Autohäuser gefahren, um die neuesten Golf-GTI-Modelle anzugucken. Ich konnte schon im Alter von zehn Jahren den Unterschied zwischen einem 318er und einem 518er erklären oder wofür das I steht.

Und das wäre?
Einspritzmotor.

Was war zuerst da? Die Liebe zu Pferdestärken oder zu Pferden?
Zu Pferden. Meine Kindergartenfreundin hatte Ponys und ab da war es um mich geschehen. Mein sehnlichster Wunsch: ein eigenes Pferd – schon mit vier Jahren.

Haben Sie eins bekommen?
Natürlich nicht, das war bei uns einfach nicht drin. Also habe ich angefangen zu sparen, und das sehr hartnäckig. Ich habe bei meiner Oma Johannisbeerbüsche geerntet – für 10 Pfennig pro Busch –, verlorene Münzen an Supermarktkassen gesammelt, alle Geburtstags-, Weihnachts- und Zeugnisgeschenke gespart – über Jahre. Ich habe für nichts anderes Geld ausgegeben. Mit zwölf hatte ich das Geld zusammen.

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Wie fand Ihr Vater das?
Er selbst hat mit Pferden nichts am Hut, aber ihm gefiel meine Zielstrebigkeit. Ihm war immer wichtig, dass man an seine Träume glaubt und dafür arbeitet. Und dass man Dinge beendet, die man anfängt. Einmal wollte ich einen Schreibmaschinenkurs abbrechen, da sagte er: „Wenn du das jetzt machst, wirst du dein ganzes Leben lang immer aufhören, wenn’s schwierig wird“. Also habe ich mich reingefuchst und am Ende sogar richtig gut abgeschlossen. Zur Belohnung durfte ich Klavier lernen. Das war damals auch ein großer Wunsch von mir. Mein Vater hat mir aber auch ganz viel Freiheiten gegeben – solange die Leistungen stimmten.

Judith Rakers in einem weißen Kleid bei der Verleihung des Radio Regenbogen Award 2012

2012 wurde Judith Rakers als Medienfrau des Jahres mit dem Radio Regenbogen Award ausgezeichnet.

Sind Sie ihm ähnlich?
Ich hoffe es! Mein Vater ist der großartigste Mensch, den ich kenne. Sehr verlässlich, bodenständig, sehr ehrlich, er hat eine große Souveränität und ruht in sich.

Also, wenn man mal auflistet, was Sie alles machen: „Tagesschau“, „3 nach 9“, Gesellschaftsreportagen, Zaubershows…da liegt das mit dem Ruhen nicht so nahe.
Stimmt. Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, wäre ich heute Oberstudienrätin. Was Sicheres, gutes Gehalt, gute Rente. Für mich aber der Horror (lacht).

Wieso kam das nicht infrage?
Ich mag neue Impulse, laufe gern auf drei Spuren gleichzeitig. Pipi Langstrumpf hat mal so etwas gesagt wie: „Das hab ich vorher noch nie gemacht, also bin ich sicher, dass es genau mein Ding ist.“ Passt total zu mir. Ich langweile mich schnell. Ich will alles ausprobieren. Und ich bin ein wahnsinniger Freigeist, das habe ich wohl eher von meiner Mutter.

Wie äußert sich das Freigeistige?
Ich brauche immer das Gefühl, gehen zu können, wenn ich will. Ich wollte auch nie eine Festanstellung. Meine Verträge sind so gestaltet, dass ich jederzeit aufhören könnte.

Wie passt das mit zehn Jahren „Tagesschau“ zusammen?
Sehr gut passt das. Weil ich die „Tagesschau“ einfach sehr gerne mache. Dort fühle ich mich wohl, ich mag die Kollegen in der Redaktion und Produktion und ich mag das Produkt. Es ist ein Anker in meinem Leben geworden – ein Fels in der Brandung. Aber zugegeben: Wenn ich nicht auch noch anderes machen würde, würde ich mich vielleicht irgendwann nach Abwechslung sehnen. So ist es eine tolle Kombination.

Wo fühlen Sie sich am meisten zu Hause? Beim Moderieren? Nachrichtenlesen? Oder als Reporterin?
Pauschal kann ich das gar nicht sagen. Ich war immer schon gerne in verschiedenen Bereichen aktiv. Während meines Studiums habe ich für Tageszeitungen geschrieben, bin dann zum Radio. Dort habe ich mich hochgearbeitet, bis ich eine eigene Sendung moderieren durfte. Nebenbei habe ich als Tutorin an der Uni gearbeitet. Um ein Haar hätte ich sogar meinen Doktor gemacht, aber dann kam das Fernsehen dazwischen.

Wie kam es dazu?
Ich hatte während des Studiums schon als Autorin für Focus TV gearbeitet und mich auch beim NDR als Autorin beworben. Die haben allerdings abgelehnt, Autoren hätten sie genug, aber sie fragten, ob ich als Live-Reporterin vor die Kamera wolle. Dann ging es weiter zum „Hamburg Journal“, das ich sechs Jahre moderierte, und irgendwann kam Jan Hofer auf mich zu, ob ich mir vorstellen könne, bei der „Tagesschau“ zu arbeiten. Ich fragte: „Als was?“ Und er sagte: „Als Sprecherin.“

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Warum war das so abwegig?
Weil meine Stimme schon beim Radio mein Schwachpunkt war: zu jung und zu hell. Für die „Tagesschau“ musste ich neu sprechen lernen: Nicht mit den Händen sprechen. Gesicht nicht bewegen. Langsam sprechen. Nicht ständig lächeln. Und dann mein ostwestfälischer Dialekt.

Oh bitte: eine Kostprobe.
Moad. Fiasich. Kiiirche. Fead.

Wie lange hat es gedauert, Ihnen das auszutreiben?
Ein Jahr. Aber das war toll, eine Herausforderung. Etwas, das ich nicht konnte, das mag ich ja.

Guckt Ihr Vater Ihre Sendungen?
Außer der „Tagesschau“ nicht wirklich. Er ist, glaube ich, einfach glücklich, dass ich auf eigenen Beinen stehe. Mein Vater lässt sich auch nicht leicht beeindrucken. Nur einmal war er bei „3 nach 9“, als Tom Jones zu Gast war. Mein Vater ist ein Riesenfan. Bei der After-Show-Party sah er ungläubig, wie seine Tochter mit dem Godfather persönlich an der Bar sprach. Ich habe ihn dazugeholt, sie haben sich unterhalten und ein Foto gemacht, das steht heute bei ihm zu Hause. Ansonsten hat mein Job keinen höheren Stellenwert als der meiner Stiefschwester. Das ist auch gut so.

Was haben Sie von Ihrem Vater gelernt?
Sich nicht von Angst lähmen zu lassen. Er hat immer gesagt: „Es ist nicht schlimm, wenn du Angst hast. Schlimm ist, wenn du nicht versuchst, sie zu überwinden.“

Wovor haben Sie Angst?
Vor Live-Sendungen. Jedes Mal eine Überwindung, da rauszugehen. Oder neulich: Bei einer Reportage musste ich Fallschirm springen, furchtbar. Ich bin auch gestorben vor Angst, als ich den ESC moderieren sollte: mit Anke Engelke und Stefan Raab, zwei Vollprofis – ich hatte da gerade erst meine ersten Schritte auf Showbühnen gemacht.

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Judith Rakers in einem gelben Kleid mit Stefan Raab und Anke Engelke beim ESC 2011

2011 moderierte Judith Rakers zum ersten Mal den Eurovision Song Contest neben Stefan Raab und Anke Engelke: „Ich bin gestorben vor Angst”.

Haben Sie überlegt zu kneifen?
Nie. Kneifen ist nicht. Anfangs sollte ich auch nur die Punktevergabe übernehmen, dafür wollten sie neben den beiden Show- und Comedygrößen Anke und Stefan jemand Seriösen (lacht), für jeden Geschmack sollte etwas dabei sein. Erst später hieß es, dass ich mit auf die Hauptbühne sollte.

Würden Sie Ihr seriöses Image manchmal gern abschütteln?
Nein, das ist schon in mir, das ist Teil meiner Persönlichkeit. Ich bin ein sehr ernsthafter, verlässlicher Mensch. Aber ich habe eben auch eine andere Seite.

In Ihren Reportagen, etwa unter Obdachlosen, konnte man eine sehen: ungeschminkt, ungekämmt, mit einer Pulle „Baileys“ an den Lippen unter der Brücke.
Mir ist es wichtig, Menschen, über deren Welt ich berichten will, auf Augenhöhe zu begegnen. Ich gehe auf ihre Ebene. Sonst öffnen sie sich nicht. Und wenn dazu gehört, eine Nacht unter der Brücke zu schlafen, mache ich das.

Sie haben dafür viel Lob und Kritik geerntet. Die einen waren begeistert, andere warfen Ihnen Betroffenheits-TV vor.
Mir war von Anfang an klar, dass ein Selbstversuch gefährlich ist. Aber die Einblicke, die ich erhalten habe, geben mir Recht. Ich habe ja keine Rolle gespielt. Ich war echt. Ich gehe da als Anfänger rein und lasse die Menschen erklären, wie ihre Welt funktioniert. Der Mikrokosmos der Obdachlosen ist mir ohnehin nicht fremd. Ich engagiere mich seit Jahren bei „Hinz&Kunzt“.

Wie gehen Sie mit Kritik um?
Heute trifft es mich emotional weniger als am Anfang. Die Umstellung von Radio auf Fernsehen war hart. Das Wort „Blondchen“, das Sie auch gerade schon mal benutzt haben, habe ich beim Radio nie gehört, mich hat ja auch keiner gesehen. Wenn Kritik berechtigt ist, kann ich sie ganz gut annehmen. Ich ärgere mich jedoch bis heute, wenn sie ungerecht ist. Unterm Strich ist mir nur wichtig, dass ich mir selbst nichts vorwerfen kann. Deswegen bereite ich mich auch immer präzise vor. Vor dem ESC-Auftritt zum Beispiel habe ich einen Monat in Frankreich einen Intensiv-Sprachkurs absolviert, um mein Französisch aufzubessern.

Und schon sind Sie die Perfekte, die Streberin.
Ich bin nicht perfekt. Ich will nur mein Bestes geben. Das bin ich mir und den Zuschauern auch schuldig, oder?

Waren Sie eine gute Schülerin?
Ja, war ich, aber in Mathe hatte ich immer eine Fünf. Ich habe heute noch Albträume, dass ich die Abiturprüfung wiederholen muss, weil jemand heraus findet, dass ich gespickt habe.

Wir behalten es für uns.
Schon klar. Sie lacht. Echt. Und herzlich. Und nimmt sich noch zwei Kekse.

Autorin: Miriam Collee