Kulinarischer Roadtrip: Quer durch die italienische Lombardei

Nichts gegen die Toskana, auch Rom ist großartig. Aber wenn sie ihrem Gaumen folgt, reist DONNA-Autorin Mercedes Lauenstein viel lieber in die Lombardei – mit besten Olivenölen, Pasta und Gebäck ist sie wie gemacht für einen kulinarischen Roadtrip.

Blick auf das Ufer des Comer Sees mit Bergen im Hintergrund und Palmen im Vordergrund

Immer eine Reise wert – vor allem kulinarisch: Die italienische Lombardei lockt mit pittoresken Städtchen, reizvoller Natur und leckerer Pasta.

Für viele ist Italien nicht Italien ohne die Überquerung des Brenners. Ich behaupte: Der viel bessere Weg führt durch die Schweiz. Warum? Da würden viele jetzt die Landschaft anführen – erst der Bodensee, dann die Felslandschaften und Wasserfälle der Schweizer Alpen. Für mich ist es aber mehr eine Frage des Geschmacks, genauer: der kulinarischen Köstlichkeiten, die unsere Route definieren.

Start des kulinarischen Roadtrips: Die Schweiz

Im Sommer bietet sich die Überquerung des San Bernadino an und damit gleich die Einkehr auf ein großes Stück Gruyère im Bergpass-Restaurant Ospizio am kristallklaren Hochgebirgssee. Mit diesem Geschmack im Mund genießen wir die letzten Kilometer bis Italien, quer über den wunderschönen Luganer See. Und da ist er auch schon: der Comer See, nordwestlicher Zipfel der Lombardei.

Der Hafen von Como am südlichen Ende des Comer Sees in der Lombardei

Blaue Stunde: Abendstimmung im Hafen von Como, dem mondänen Renaissancestädtchen am Comer See.

Die Lombardei: Vielfalt von Nord bis West

Wer einen Roadtrip durch die Lombardei unternimmt, wird das Gefühl nicht los, durch eine Vielzahl unterschiedlichster Regionen Italiens zu reisen – das gilt für die Landschaft wie fürs Essen.

Im Norden die rau-alpinen Bergpanoramen mit den fünf großen Seen. Das Westufer des Gardasees dagegen bietet ein Mikroklima, das nicht nur einige der besten Weine und Olivenöle der Welt gedeihen lässt, sondern auch Zitronen, Orangen, Palmen und sogar Kapernbüsche.

Im Süden dann die fruchtbare Po-Ebene, Obst- und Gemüsegarten Norditaliens. Die noch immer viel zu unbekannten Weinberge des Franciacorta-Gebiets.

Im wilden Westen die Provinz Pavia, ein landschaftlicher und kulinarischer Schmelztiegel aus Piemont, Emilia-Romagna und Ligurien.

1. Stopp: Como, Riva, Brunate und Cassago Brianza

Wir huldigen erst einmal der norditalienischen Aperitivo-Kultur mit einem Negroni, diesem bitter-süßen Cocktail – ganz stilecht im Caffè Monti in Como, mit Seeblick direkt an der Piazza Cavour. Danach um die Ecke bei Riva eine knusprig dünne Pizza zum Mitnehmen, die wir an der Promenade verspeisen.

In einer kleinen Passage trinken Menschen einen Aperitiv

Typisch für Norditalien: ein Aperitivo am frühen Abend.

Wer richtig essen gehen möchte: Im modernen Cava dei Sapori serviert man hervorragende Fischgerichte und unschlagbare Spaghetti alla carbonara. In der Dämmerung fahren wir mit der Funicolare, der alten Standseilbahn, hinauf nach Brunate und blicken über das Lichtermeer bis nach Mailand. Liebe Lombardei – schön, dich wiederzusehen.

Das moderne C-Hotel in Cassago Brianza zwischen Bergamo und Mailand ist unser nächster Halt. Mit seiner hauseigenen, weit über die Grenzen des Ortes hinaus bekannten Pasticceria steht es für eine neue Generation jungen italienischen Gastro-Unternehmertums.

Dreirädiges Motormobil in einer Straße mit bunten Häusern

Flotte Biene: Die Ape (italienisch für „Biene”), das dreirädrige Rollermobil, sieht man vielerorts herumbrausen.

2. Stopp: Mailand

Für die Weiterfahrt nach Mailand stehen wir früh auf, um dort morgens um neun vor allen anderen Touristen auf der Domterrasse zu stehen. Die Stadt und die lombardische Ebene bis zu den Alpen liegen uns zu Füßen, über uns blinkt die goldene Madonnina, Wahrzeichen der Stadt.

Danach ein Snack im Streetfood-Laden Eatme & Go, dann flanieren wir durch das Künstler- und Ausgehviertel Navigli mit seinen alten Kanälen. Jeden Samstag ab 9 Uhr findet in der Viale Gabriele D’Annunzio ein Flohmarkt statt, jeden letzten Sonntag im Monat direkt am Ufer des Naviglio Grande ein großer Antiquitätenmarkt. In der Lombardei gilt: bloß keinen Vintage-Markt verpassen! Fast jede größere Stadt zwischen Mailand und Mantua hält alle paar Wochen einen ab.

Delikatessengeschäft Rossi e grassi in Mailand mit verschiedenen Speisen in der Theke

Das alteingesessene Delikatessengeschäft Rossi e grassi gibt es in Mailand gleich zweimal. Köstlich!

3. Stopp: Bergamo

Weiter nach Bergamo. Stadt der Polenta, des Taleggios, der Salami. Die historische Altstadt thront nahezu vollständig erhalten auf einem Plateau über der Città bassa. Wir lassen uns mit der Funicolare hochtragen, blättern auf dem Balkon des filmreifen Seilbahnbistros durch die Zeitung, genießen die Aussicht und spüren, wie das Leben einen Gang runterschaltet.

Später füttern wir unsere Augen in der Gamec, der Galerie für zeitgenössische Kunst, und zelebrieren abends Slow Food im Restaurant Da Mimmo. Das Konzept des Slow Food, des genussvollen, bewussten und regionalen Essens, stammt, wie könnte es anders sein, aus Italien.

Ein traditionell italienischer Supermarkt mit einer großen Waage

In traditionell italienischen Supermärkten kauft man gemütlich und frisch ein.

Wir verlassen Bergamo und bewegen uns – langsam, piano – gen Osten. Unterwegs gönnen wir uns eine Mittagspause im mit drei Sternen ausgezeichneten Restaurant und Landhotel Da Vittorio in Brusaporto. Die hier servierten Paccheri al pomodoro zählen zu den besten Pastagerichten der Welt. Ja, sie haben ihren Preis. Aber was im Leben hat den nicht?

Pasta selber machen: So bereiten Sie Gnocchi mit Salbeibutter zu

An alle, die in Italien Lust auf Champagner bekommen: Trinkt Franciacorta Brut! Angebaut und produziert wird der kostbare Spumante mit DOCG-Siegel seit Jahrzehnten auf den Hügeln zwischen Brescia und dem Lago d’Iseo. Laut Experten überragt seine Qualität die der meisten Champagner.

4. Stopp: Brescia und Salò

Brescia heißt einen in seinen Randbezirken mit verfallenen Industrieruinen und verlassenen Wohnblöcken willkommen, das historische Stadtzentrum aber macht jede Tristezza wett. Im Sommer findet hier das fröhliche Slow-Food-Festival Brescia con gusto statt. Man zahlt einen Festpreis, bekommt ein Weinglas um den Hals gehängt und isst und trinkt sich auf verschiedenen Menürouten durch die lokalen Spezialitäten und abgefahrensten Locations der Stadt.

An allen anderen Tagen des Jahres in der urigen Trattoria Porteri unbedingt die Malfatti al Bagòss probieren, weiche Nocken mit dem für die Region typischen Bagòss, einem alten Bergkäse, mit Safran raffiniert.

Apropos Käse: Käseliebhaber sollten zum Mercato Coperto del formaggio von Giuseppina und Enrico Orioli in Gavardo pilgern, westlich von Salò am Gardasee. Sie erleben: Ekstase! Danach das Auto nach Salò rollen lassen und in der Bar Italia am See beim Aperitivo die High-Fashion-Show vorbeiflanierender Einheimischer genießen. Wir krönen das Dolce-Vita-Gefühl mit einem Eis bei La Romana (auch sehr fein: die Eisdiele La Casa del Dolce am Dom).

Das italienische Ehepaar Oriolo hinter der Theke ihres Käseladens in Brescia

Delizioso! Das Ehepaar Orioli betreibt einen großartigen Käseladen in Gavardo in der Provinz Brescia. Unbedingt den würzigen Bagòss probieren!

5. Stopp: Gargnano, Mantua und Valeggio sul Mincio

Ein Abstecher von Salò aus Richtung Norden nach Gargnano lohnt sich natürlich wegen der Uferstraße entlang des Gardasees (die mit ihren Kurven auch im Bond-Film „Ein Quantum Trost“ auftauchte) und der romantischen Hafenpromenade in Gargnano. Aber vor allem wegen der Olivenölproduktion der Geschwister Giacomini: Sie produzieren eines der besten Olivenöle Italiens.

Olivenhof in Gargnano mit Blick auf die Alpen

Einen Abstecher wert: der Olivenhof der Geschwister Giacomini hoch über dem Gardasee in Gargnano.

Von hier aus geht es ins Nudelparadies: am Fluss Mincio entlang bis nach Mantua. Die Mantuaner Küche ist berühmt für ihre hauchdünnen Tortelli und für die Mostarda, in Zucker-Senf-Sirup eingelegte Früchte, die zu Käse und Fleisch gegessen werden und mit Kürbis und Amaretti in die legendären Tortelli di zucca alla mantovana kommen.

By the way: Das Mekka hauchzarter Tortelli heißt Valeggio sul Mincio, ein pittoreskes Städtchen nördlich von Mantua, das schon zu Venetien gehört. Die besten der unzähligen Nudelgeschäfte und -restaurants sind das Lepre und die Borsa.

Zurück aber nach Mantua, das – von Wasser umgeben – 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde. Auf unserer To-do-Liste steht, wie immer: bei Panificio Pavesi eine Torta di tagliatelle kaufen und Senffrüchte und Focaccia in der Forneria delle erbe.

Die Panificio Pavesi in Mantova und Tortelli aus Valeggio

Spezialität der Panificio Pavesi in Mantua ist die Torta de tagliatelle, eine süße Torte aus Nudeln. Aber auch mit der übrigen Gebäckauswahl dieses Traditionsladens landet man zuverlässig im Genusshimmel. Zahlreiche Pastifici-Läden in Valeggio sul Mincio bieten hausgemachte Tortelli an: mitnehmen und zu Hause genießen.

6. Stopp: Pavia

Von hier aus fahren wir nach Westen. Bei weit geöffneten Fenstern ziehen die endlosen Obst- und Gemüseplantagen der fruchtbaren Po-Ebene vorbei. Unsere letzte Station: Pavia. Zu den besten Restaurants der Stadt zählt das Torre degli Aquila, bekannt für seine außergewöhnlich guten Risotto- und Pastagerichte und den experimentier- und saisonfreudigen Koch. Alle zwei Monate ändert er die Karte. Wir spülen den Abschiedsschmerz mit einem guten Pinot nero aus dem lokalen Weinbaugebiet Oltrepò Pavese hinunter und wissen: Wir kommen wieder.

Nur Zeit für Mailand?

Übernachten

Direkt in der City und höchst begehrt: Un posto a Milano. Der renovierte Bauernhof mit Restaurant zählt zu den interessantesten Adressen der Stadt.

Essen

Die Food-Szene Mailands ist uferlos. Den Aperitivo nimmt man am besten im Rita (Via Angelo Fumagalli 1).

Im Tokuyoshi, 2016 mit einem Stern gekrönt, verschmelzen italienische und japanische Einflüsse.

Die aktuell beste Trattoria ist das Trippa: bodenständige Küche vom Sternekoch zu günstigen Preisen.

Im leicht durchgeknallt eingerichteten Aromando Bistrot das traditionell italienische Sonntagsmenü bestellen.

Autorin: Mercedes Lauenstein