„3 Tage in Quiberon”: Schauspielerin Marie Bäumer im DONNA-Interview

Für Regisseurin Emily Atef schlüpft Marie Bäumer in die Haut einer Legende: Ab dem 12. April ist sie als Romy Schneider in „3 Tage in Quiberon” in den Kinos zu sehen. Ein Interview über Respekt, Bodenhaftung und weshalb sie sich schließlich doch für die Rolle der legendären „Sissi“-Darstellerin entschied.

Filmszene aus „3 Tage in Quiberon”: Romy Schneider wird von Robert Lebeck, gespielt von Charly Hübner, fotografiert

Einst sagte Schauspielerin Marie Bäumer, sie würde niemals die legendäre Romy Schneider spielen. Im DONNA-Interview erzählt sie von eigenen Vorbildern und was sie schließlich doch dazu bewog, die Filmrolle anzunehmen.

An der bretonischen Küste machte Romy Schneider 1981 drei Tage Kur. Sie ist damals körperlich, emotional und finanziell am Ende. Sie gibt dem „Stern“ trotz ihrer schwierigen Lage ein Interview. Dieses Drama um die große Schauspielerin hat die Regisseurin Emily Atef mit „3 Tage in Quiberon“ grandios verfilmt (der Film läuft am 12. April 2018 in den Kinos an). Vor ihrer Freundin Hilde (Birgit Minichmayr), dem Fotografen Robert Lebeck (Charly Hübner) und dem Journalisten Michael Jürgs (Robert Gwisdek) gibt sich Romy Schneider bis auf die Knochen preis. Marie Bäumer, die immer wieder auf ihre äußere Ähnlichkeit mit der deutschen Ikone angesprochen wird, wagte sich an den schwierigen Part. Sie bringt das Drama einer tief verletzten Frau wunderbar auf den Punkt – und wählt doch einen ganz eigenen Weg, das toll zu spielen.

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DONNA: Marie Bäumer, jetzt haben Sie Romy Schneider gespielt. Obwohl Sie mal gesagt haben, das würden Sie nie tun.
Marie Bäumer: Denis Poncet, ein befreundeter Produzent, hatte mich gefragt, ob das Thema Romy Schneider für mich erledigt sei, und ich sagte Ja, mit einem Komma: außer wenn man eine Nahaufnahme von einer Frau am Ende ihres Lebens schaffen würde, die in diesem Fall „zufällig“ Romy Schneider, ein Weltstar, wäre. Kurz darauf kam er mit der Idee eines Schwarz-Weiß-Films mit vier Personen – Romy Schneider und ihre Freundin in einer Interviewsituation mit zwei Journalisten – und einem fünften Protagonisten: der Bretagne. Da entstanden bei mir sofort Bilder.

Hatten Sie nicht gesagt, es sei anmaßend, Schneider zu spielen? Weil sie eine Legende ist?
Ich habe gesagt, wenn man als Schauspielerin eine Schauspiel-Ikone interpretiert, ist die Gefahr sehr groß, gegen die Wand zu fahren. Wenn ich Romy Schneider sehen will, schaue ich mir Filme mit ihr an. Ich würde mich selbst nicht unbedingt als Romy Schneider sehen wollen. Die bisherigen Angebote behandelten als Thema immer ihre Biografie, das hat mich nie gereizt. Hier ging es jedoch um eine mögliche Zustandsbeschreibung einer Frau, die emotional in einer Sackgasse steckte und sehr mit sich gerungen hat, um wieder Licht zu sehen. Ich mochte die Idee eines Arthouse-Films in dieser Form und Besetzung. Und habe aus dem Moment heraus zugesagt. Bis kurz vor dem Dreh hatte ich verdrängt, dass es um Romy Schneider ging. Aber dann ist es mir in die Glieder gefahren: Plötzlich stand ich dieser riesengroßen Ikone gegenüber.

Wie war das?
Ich wollte mich einer Situation annähern und rang gleichzeitig um Distanz. Das war fast unmöglich. Und doch war dieser Zwiespalt wichtig. Das erzeugte eine Zerrissenheit in mir, die ich für die Figur brauchte. So konnte ich mich ihr annähern.

Sie zeigen im Film eine Frau, die nicht mehr diese Ikone sein wollte. „Ich bin eine unglückliche Frau von 42 Jahren und heiße Romy Schneider“, sagte sie damals dem „Stern“. Wer war sie für Sie?
Ich hatte lange Zeit überhaupt keine Vorstellung von Romy Schneider, denn ich bin ohne Fernseher und mit wenigen Ausflügen ins Kino aufgewachsen.

„Sissi“ kannten Sie auch nicht?
Nein, tatsächlich nicht! Meine Mutter hatte mir einmal erzählt, dass eine berühmte, in Frankreich lebende deutsche Schauspielerin ihren 14-jährigen Sohn auf dramatische Weise verloren hat. Und ich erinnere mich, seit meinem 16. Lebensjahr häufig ihren Namen gehört zu haben.

Weil Sie ihr so ähnlich sahen?
Ja. Das hörte ich immer wieder. Neulich wieder, ich radle durch meine Gegend in der Provence, da reißt mich eine Frau fast vom Rad: Ich sähe aus wie Romy Schneider!

Filmszene aus „3 Tage in Quiberon”: Marie Bäumer als Romy Schneider läuft mit Freundin Freundin Hilde, gespielt von Birgit Minichmayr an der Promanade von Bretgane

Marie Bäumer und Birgit Minichmayr (re.) spielen in „3 Tage in Quiberon” Romy Schneider und ihre Freundin Hilde, die ein paar Tage in der Bretagne entspannen. Bis ein Journalist und ein Fotograf für ein Interview mit Romy anreisen...

Warum war sie so faszinierend?
Sie hatte eine unbeschreibliche Präsenz, schon als Kind stand sie in der Öffentlichkeit. Dadurch haben sich Menschen früh mit ihr verbunden gefühlt. Zudem gibt es kaum jemanden, der so viel Stärke und gleichermaßen Bedürftigkeit ausstrahlte. Sie war auch eine sehr warme Schauspielerin, das ist in unseren Breitengraden eher selten. Außerdem, und das fasziniert mich als Schauspiellehrerin sehr, war sie eine extrem physische Schauspielerin. Sie konnte sich aus einer Haltung sehr schnell lösen und wieder in eine Spannung kommen. Vollkommen durchlässig. Sie strahlte die Gefährlichkeit und Sinnlichkeit eines Raubtiers aus, obwohl sie aussah wie ein entzückendes, zahmes Haustier, das man sofort anfassen möchte.

Ich habe bei Schneider, aber auch Ihrer Rolle das Gefühl: Das ist ein Mensch ohne Haut, so schutzlos und verletzbar. Spielen Sie das oder sind Sie das? Sie kommen mir ja recht widerstandsfähig vor.
So genau weiß ich das auch nicht. Aber ich hatte das Glück, ein gutes Rüstzeug mitzubekommen. Ich bin sehr sensibel, aber ich weiß, dass es Momente gibt, in denen man sich schützen muss und auch kann. Ich habe mir in den letzten Jahren einen neuen Stand geschaffen, indem ich viel mit meinem Körper gearbeitet habe. Ängste und Emotionen stecken oft in uns fest, als wären sie dort verschraubt. Ein Schutzmechanismus. Diese Schrauben aber lassen sich lösen: Man setzt dann die Gefühle wieder frei und geht klarer und leichter durchs Leben.

Davon war Romy Schneider weit entfernt. Ein Vorbild wäre sie vermutlich nicht für Sie gewesen?
Ich habe im Grunde keine Vorbilder. Oder vielleicht doch, aber keine Idole.

Hatten Sie auch keine als Teenager? David-Bowie-Poster an der Wand und so?
Ich bin weniger mit Bildern als mit Musik groß geworden. Es schien mir auch immer ein bisschen sonderbar, Idole zu vergöttern. Personen auf einen Thron zu stellen. Ich mag an unterschiedlichen Menschen unterschiedliche Dinge. Bei Schauspielern, die ich schätze, stünden bei mir drei Männer: Yves Montand, Michel Piccoli und Daniel Day-Lewis. Die sind alle supersmart, männlich und trotzdem durchlässig. Sensibel. Yves Montand ist der Mann per se, Piccoli kann ihn sehr gut spielen und Daniel Day-Lewis ist einfach ein Ausnahmeschauspieler. Jeanne Moreau hatte aber auch was Geniales und Valeria Bruni Tedeschi finde ich überirdisch schräg.

Worin kann Sie eine Frau beeindrucken?
Einmal habe ich Charlotte Rampling gesagt, wie vorbildlich ich es von ihr finde, dass sie keine Schönheits-OPs vornehmen lässt und zu ihren Schlupflidern steht. Sie freute sich darüber. Denn was ist schon Schönheit? Man darf das Äußere nicht auf abstrakte Bilder reduzieren. Im Grunde geht es doch um das Bewusstsein für Vergänglichkeit. Sich mit dem Wandel, dem Altern, dem Sterben auseinanderzusetzen und damit umgehen zu können. Das ist Leben.

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Wann gefällt Ihnen jemand?
Ich mag meine französische „Maman“, eine Nachbarin, die mich praktisch „adoptiert“ hat, eine starke Frau. Mit ihren 80 Jahren besucht sie alleine mit dem Auto ihre Kinder, die in drei verschiedenen Ländern leben. Dann eine Tochter von Olivenbauern, eine Krankenschwester, die aussieht, als wäre sie einem Gemälde entsprungen. Sie entdeckte, dass sie eine besondere Fähigkeit in ihren Händen hat, und macht alle paar Wochen eine Leibtherapie mit uns. Danach schwebt man wie auf Wolken. Oder Lulu, die für alle im Dorf näht, sieben Kinder hat, zwei Männer im Sterben begleitete und immer offen, zugewandt, freundlich ist. Diese Frauen liebe und bewundere ich.

Ist es nicht so, dass man sich im Lauf des Lebens von Menschen, Situationen, Bildern etwas abguckt und versucht, das in sein Leben zu übertragen?
Genau, und bei mir kommen jetzt meine drei Leidenschaften zusammen: Film, Persönlichkeitsentwicklung und Pferde. Ich werde mit zwei Pferden um die Welt touren, um Menschen zu treffen, die mit Pferden leben und arbeiten. Von Frankreich durch Europa nach Istanbul, dann Asien, die Mongolei, Amerika und Afrika. Ich nenne das meine „Escapade“. Da möchte ich mit Menschen an ihrer persönlichen Weiterentwicklung arbeiten. Ich weiß noch nicht, ob das auch finanziell hinhaut. Aber meine Mutter hat immer gesagt: „Wünschen darf man alles!“

Interview: Nataly Bleuel