Menstruations-Pantys von „kora mikino“: Gründerin Julia Rittereiser im Porträt

Bei Damenhygiene gibt es in puncto Nachhaltigkeit einiges an Nachholbedarf: Die meisten Produkte sind weder fair produziert, noch mehrfach benutzbar. Das will Julia Rittereiser mit den Menstruationsslips ihres Unternehmens „kora mikino“ ändern. Die Start-up-Gründerin im Interview.

Porträtbild von Julia Rittereiser, Gründerin des Start-ups „kora mikino sustainable femcare“

Mit ihrem „sustainable femcare“-Konzept und Menstruations-Pantys will Start-up-Gründerin Julia Rittereiser eine nachhaltigen Beitrag für mehr Komfort und weniger Wegwerfprodukte in der Damenhygiene leisten.

Nachhaltiges Make-up? Check. Fair produzierte Mode? Check. Ökologisch hergestellte Putzmittel? Check. Aber wie sieht es aus, wenn Sie Ihre Periode bekommen: Sind Sie dann immer noch so vorbildlich nachhaltig? Bei Damenhygieneartikeln mangelt es in Deutschland an überzeugenden Lösungen, die einen Beitrag zur Müllreduktion leisten und die empfindliche Intimregion zugleich nicht unnötig reizen. Andererseits wollen Frauen gerade an den Tagen, an denen sie von Unterleibskrämpfe, Rückenschmerzen, Durchfall und andere Beschwerden geplagt werden, nicht auch noch Abstriche in Sachen Komfort machen – Umweltschutz hin oder her. Für dieses Problem hat Julia Rittereiser ihren eigenen Lösungsansatz entwickelt: Ihr Start-up „kora mikino“ produziert Menstruations-Pantys, die Wegwerfprodukte wie Binden oder Tampons ersetzen und eine Alternative zu ebenfalls nachhaltigen Menstruationscups sind. Wie die Jungunternehmerin auf diese ungewöhnliche Idee kam und welche Argumente für die kontrovers diskutierten Höschen sprechen, erklärt sie im Interview.

Menstruationstassen: Eine echte Alternative zu Tampons und Binden?

Viele Frauen stehen Menstruationsslips kritisch gegenüber. Welche Vorteile können Sie der Kritik gegenüberstellen?
Meiner bisherigen Erfahrung nach verfliegen die Zweifel ganz schnell und Neugier macht sich breit, sobald ich die Funktionalität und das Konzept der Menstruations-Pantys erkläre. Und das übrigens nicht nur bei Frauen, sondern auch bei vielen Männern. Der größte Vorteil für die Träger*in ist, dass eine Menstruations-Panty bequem und praktisch ist. Wenn ich meine Periode habe, ziehe ich morgens eine Panty an, trage die genau wie eine Unterhose bis zum Abend und wechsle sie dann. In der Zwischenzeit muss ich mir keine Gedanken machen, ob ich meinen Tampon wechseln muss oder ob ich die Binde zum Wechseln auch eingepackt habe. Wir haben die Panty von Frauen testen lassen, die die letzten 15, 20 Jahre ausschließlich Tampons benutzt haben, und auch die haben uns versichert, man bemerkt unsere Panty beim Tragen nicht. Neben dem persönlichen Komfort ist für viele, die ihre Menstruation haben – wie auch für mich persönlich – der Nachhaltigkeitsaspekt sehr wichtig. Single-Use-Produkte wie Tampons und Binden verursachen alleine in der EU jährlich circa 143 Millionen Kilogramm Müll! Mit unseren Pantys wollen wir es für unsere Nutzer*innen einfach machen, einen Beitrag für die Umwelt und gegen diese absurden Müllberge zu leisten, ganz ohne Verzicht auf Praktikabilität und Komfort.

Wie auslaufsicher sind die Slips von „kora mikino“? Kommt man auch bei starken Blutungen den ganzen Tag bedenkenlos mit nur einem Höschen aus?
Unsere Menstruations-Pantys können bis zu 30 Milliliter Blut und Flüssigkeit aufnehmen. Das entspricht der Menge von drei normalen Tampons. Die meisten Frauen bluten während ihrer gesamten Periode über eine Dauer von drei bis sieben Tagen circa 80 bis 100 Milliliter, wobei die ersten Tage meist die stärksten sind. Das heißt, die meisten Frauen können die Panty problemlos als alleinige Lösung einsetzen. Es gibt aber auch Frauen, die an den stärkeren Tagen nachdoppeln und gegebenenfalls zusätzlich einen Menstruationscup tragen müssen. Zu Beginn der Produktentwicklung haben wir eine Umfrage unter 800 Frauen durchgeführt. Dabei kam unter anderem heraus, dass circa 50 Prozent der Menstruationstassen-Nutzerinnen gerne eine Menstruations-Panty nutzen würden, da ihre Tassen dann doch ab und zu „lecken“ oder sie, um sicherzugehen, gerne einen doppelten Boden hätten.

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Wie oft sind die Slips verwendbar bis sie aus hygienischen Gründen entsorgt werden sollten?
Unsere Panties haben die gleiche Lebenserwartung wie normale Unterwäsche. Die smarte Sauglage, die im Schrittbereich der Panty unsichtbar eingearbeitet ist und die normale Unterhose zur Menstruations-Panty macht, ist mit einer Silber-Technologie ausgerüstet. Die Silber-Technologie ist oeko-tex-zertifiziert und wäscht sich nicht aus, da sie in die Faser eingebracht ist. Das ist wichtig, denn wir wollen eine maximal umweltfreundliche Lösung anbieten. Ein weiterer Vorteil ist, dass dadurch keine geruchsverursachenden Bakterien entstehen und diese Wirkung auch bei vielen Wäschen erhalten bleibt. Die Panty kann deshalb problemlos bei 40 Grad im Schonwaschgang gereinigt werden. Wir empfehlen, zur Schonung des Materials ein Wäschesäckchen zu verwenden. Wenn die Menstruations-Panty nach einigen Jahren dann doch ihre Dienste geleistet hat, nehmen wir sie zurück und recyceln sie ordnungsgemäß. Das ist uns wichtig, denn wir wollen so zirkulär und nachhaltig wie möglich agieren.

Illustration und Informationstexte zur 2-Layer-Technologie der Menstruations-Pantys von „kora mikino“

Die „2-Layer-Technologie“ sorgt dafür, dass die nachhaltigen Menstruations-Pantys von „kora mikino“ zuverlässigen Schutz bieten.

Wie kamen Sie auf die Idee, Menstruationsslips zu designen?
Zunächst ganz klassisch aus dem eigenen Bedarf heraus. Danach habe ich eine Befragung unter 800 Frauen durchgeführt, um die Bedürfnisse rund um die Monatshygiene besser zu verstehen. Die enorme Resonanz auf die Umfrage hat mir gezeigt, dass an dem Thema etwas dran ist. Die Erkenntnisse der Umfrage wurden direkt bei der Entwicklung der Menstruations-Pantys umgesetzt, die in Kollaboration mit der Wissenschaft und dem Deutschen Mittelstand entstanden. Wir werden auch weiterhin auf einen User-Centric-Ansatz setzen, wie man ihn eher von Tech-Produkten kennt, und das Feedback unserer User*innen wird weiterhin an oberster Stelle stehen, wenn es um Produktentwicklung geht.

Was haben Sie vor Ihrer Selbstständigkeit gemacht?
Bevor ich „kora mikino sustainable femcare“ gegründet habe, habe ich viele Jahre in der Tech-Branche gearbeitet, unter anderem für Google in San Francisco als Product Lead.

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Welche Tipps würden Sie Frauen geben, die von einem eigenen Start-up träumen, den Schritt in die Selbstständigkeit bisher aber nicht gewagt haben?
Mit diesen Bedenken kann ich mich persönlich sehr gut identifizieren. Ich habe lange gebraucht, bis ich mich getraut habe, diesen Schritt zu gehen. Bei mir war der ausschlaggebende Gedanke, dass ich es „später“ bestimmt bereuen würde, das Risiko nicht eingegangen zu sein. Ich bin vom Typ her eine Planerin. Damit ich kündige und ein finanzielles Risiko eingehe, brauche ich einen Business- und Finanzplan. Und genau so habe ich es gemacht. Dann fühlt es sich auch weniger wie ein Risiko, sondern viel mehr wie eine wahnsinnig tolle Chance an. Einen guten Business-Coach kann ich absolut empfehlen! Mein Business Coach Sonia Flöckemeier unterstützt mich sehr „hands on“ und war zum Beispiel auch beim Banktermin mit dabei. Was mich zum nächsten Tipp bringt: Support annehmen und nach Support fragen!

Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung Ihrer Idee?
Die größte Herausforderung ist die Geduld. In Deutschland und in Berlin gibt es diverse Fördermöglichkeiten für Start-ups, doch meist sind diese mit vielen Formularen und langen Bearbeitungszeiten verbunden. Jetzt sind wir damit erstmal durch und sind sehr glücklich, dass wir beispielsweise den Gründerbonus für ein besonders nachhaltiges Business-Konzept vom Land Berlin bekommen haben.

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Neben der Förderung ist die aktuelle kickstarter-Kampagne (Anmerkung der Redaktion: Kickstarter ist eine US-Crowdfunding-Plattform) ein weiterer Baustein unserer Finanzierung. So eine Crowdfunding-Kampagne ist ein Stück weit immer eine Wette. Wir hoffen sehr, dass wir genügend Supporter finden werden. Aktuell sieht es aber sehr positiv aus, was uns wirklich sehr, sehr freut.

Bereits vor dem Launch kamen einige Venture-Capital-Funds auf uns zu, was ich mal als Kompliment verbuche. Allerdings habe ich hier alle Gespräche auf Eis gelegt, da ich meine gesamte Zeit und Energie vorerst in den Launch investieren will. First things first!

Was war für Sie bisher der größte Erfolg, den Sie mit Ihrem Label hatten?
Unsere kickstarter-Kampagne war bereits am ersten Tag zu fast 50 Prozent finanziert und uns kontaktieren praktisch täglich Menschen, die die Idee so sehr lieben, dass sie es kaum erwarten können, ihre Menstruations-Panty in den Händen zu halten. Zu meiner großen Überraschung habe ich schon Initiativbewerbungen von großartigen Menschen bekommen, bevor wir überhaupt gelauncht haben. Da war ich dann teilweise schon echt überwältigt, wie viel Zuspruch wir auf allen Ebenen bekommen.

Wie geht es weiter mit „kora mikino“?
Wir haben große Pläne, denn wir wollen nicht nur Periodenunterwäsche verkaufen, sondern auch zur Enttabuisierung der Menstruation beitragen. Durch die Art, wie wir über Menstruation und unser Produkt sprechen, zeigen wir ganz deutlich: An dem Thema gibt es nichts Unangenehmes. Dabei ist es uns auch ein Anliegen, den Müll, der durch Monatshygieneprodukte entsteht, signifikant zu verringern. Um das zu schaffen, haben wir eine Menstruations-Panty entwickelt, die sich trägt und aussieht wie ein normaler Slip, dank der technischen Innovationen aber auslaufsicher und in jedem Produktionsschritt nachhaltig ist.