Gründerinnen im Porträt: Marine Perrin und Cindy Bringuier, „Oncovia“

Nachdem sie ihre eigene Mutter an Krebs verloren hatten, hängten Marine Perrin und Cindy Bringuier ihre Jobs an den Nagel und gründeten Oncovia – einen Onlineshop, in dem Frauen mit Krebsdiagnose hilfreiche Produkte, Tipps und Blogbeiträge finden. Hier das Interview mit den Gründerinnen lesen.

Porträtfoto der Oncovia-Gründerinnen Marine Perrin und Cindy Bringuier

Die Schwestern Cindy Bringuier (links) und Marine Perrin (rechts) bieten mit ihrem 2011 gegründeten Online-Shop eine umfassende Produktpalette für Krebspatientinnen. Ihr Ziel: die Suche nach passenden Produkten vereinfachen und Frauen mit Krebs dabei zu unterstützen, sich trotz der Krankheit schön zu fühlen.

Nicht nur im internationalen Brustkrebsmonat Oktober ein wichtiges Thema: In Deutschland leben über 270 000 Frauen, die in den vergangenen fünf Jahren wegen Brustkrebs behandelt wurden. Bei jeder fünften Patientin muss die Brust ganz abgenommen werden, bei den anderen wird sie durch die Tumorentfernung meist umgeformt. Doch auch bei anderen Krebsarten, etwa Gebärmutterhalskrebs, müssen die Patientinnen neben dem Kampf gegen die tückische Krankheit auch die Angst vor dem Verlust ihrer Attraktivität verkraften: Unter anderem fallen durch Bestrahlungen und Chemotherapie die Haare aus, Haut und Nägel werden empfindlich und spröde. Brustprothesen, Perücken, spezielle Kosmetika oder andere Produkte, die dafür sorgen, dass sich Krebspatientinnen besser und schöner fühlen, sind allerdings gar nicht so leicht zu bekommen – mal abgesehen von der Hemmschwelle, geschwächt von einer Krebserkrankung das Sortiment verschiedener Spezialgeschäfte zu durchforsten.

Genau hier setzen die Schwestern Cindy Bringuier und Marine Perrin mit ihrem Start-up, dem Onlineshop Oncovia, an. Mit DONNA Online sprachen die Unternehmerinnen über die Gründung ihrer Onlineplattform – und wie sie an Krebs erkrankten Frauen damit helfen wollen.

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DONNA-Online: Was haben Sie vor Ihrer Selbstständigkeit gemacht?
Cindy Bringuier: Ich habe an einer Wirtschaftshochschule studiert und anschließend als Produktmanagerin in Brüssel gearbeitet. Danach zog ich in die Schweiz, wo ich für Nespresso tätig war. 2011, im Alter von 29 Jahren gründete ich dann mit meiner Schwester Marine die Online-Plattform oncovia.com.

Marine Perrin: Ich bin drei Jahre jünger als Cindy, gründete Oncovia also im Alter von 26 Jahren. Vorher habe ich ebenfalls studiert und nach einigen Auslandsaufenthalten für knapp zwei Jahre bei Chanel gearbeitet.

2011 gründeten Sie Ihren Onlineshop mit Produkten aus Gesundheit, Kosmetik und Lifestyle für Krebspatientinnen. Wie kam es zu diesem Berufswechsel?
Cindy: Als wir beide schon ausgezogen waren, wurde bei unserer Mutter Brustkrebs diagnostiziert. Trotz der räumlichen Distanz haben wir alles in unserer Macht Stehende getan, um sie während der Krankheit zu begleiten und zu unterstützen. Es war schlimm mit anzusehen, welche Kraft es sie gekostet hat, sich trotz der Krebserkrankung schön zu fühlen. Sich zu schminken oder normal anzuziehen. Das alles hat uns zum Handeln bewegt.

Marine: Uns ist schnell aufgefallen, dass die von Ärzten und anderen Einrichtungen empfohlenen Produkte nur sehr schwer zu bekommen sind. Es ist einfach komisch, in ein orthopädisches Zentrum zu gehen und sich einen Prothesen-BH zu kaufen. Das kann eine große Herausforderung sein. Da Krebspatienten schon durch den psychischen Druck sowie die Müdigkeit eingeschränkt sind, sollen sie unserer Meinung nach nicht auch noch lange Autofahrten auf sich nehmen müssen, um eine Perücke oder einen Silizium-Nagellack kaufen zu können. Wir wollten diese lange Suche nach passenden Produkten vereinfachen und das Angebot auf einer einzigen Plattform bündeln – so kam uns die Idee zum Onlineshop. Unser Ziel war und ist es, eine moderne Internetseite zur Verfügung zu stellen, die sowohl hochwertige Produkte als auch maßgeschneiderte Tipps und Blogartikel anbietet.

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Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung Ihrer Idee?
Marine: Ich glaube, die größte Herausforderung war es, in der medizinischen Fachwelt anerkannt zu werden. Wir waren noch jung, hatten eine grobe Idee für diese Onlineplattform und mussten teilweise wirklich hartnäckig sein, um Antworten zu erhalten.

Cindy: Ja, die größte Herausforderung war es, Internet und das Thema Krebs zu verbinden und Ansprechpartner zu finden. Vor allem wenn man selbst kein Mediziner ist. Wir konnten aber schnell viele Zulieferer von unserer Idee überzeugen und beweisen, dass es sich bei Oncovia um einen Onlineshop handelt, der Expertenratschläge bündelt und somit auch Hilfestellung für Patienten bietet.  

Wie hat Ihre Arbeit für Oncovia den Umgang mit Krebsleiden verändert?
Cindy: Unsere Arbeit macht Sinn, das erfüllt. Wie gesagt, wir sind keine Ärzte, bei Oncovia geht es vor allem um Wohlbefinden. Krebs kann in jedem Alter auftreten. Gelegentlich treffen wir auch auf Frauen in unserem Alter, was natürlich nachdenklich macht und zeigt, wie wichtig Aufklärung und Sensibilisierung in Bezug auf Krebs sind.

Marine: Ich würde sagen, ich bin emphatischer und vielleicht etwas geduldiger mit Menschen geworden. Ich höre zu und versuche, jeder individuellen Geschichte Raum zu geben. Kein Krebsleiden ist wie das andere. Es kann jeden treffen, deshalb sollte Krebs kein Tabuthema bleiben.

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Frau in einem braunen Jumpsuit mit modischer weißer Kopfbedeckung von Oncovia

Auf Oncovia sind neben speziellen Kosmetikprodukten für Krebspatientinnen auch Kopftücher, Perücken, Unterwäsche und Prothesen erhältlich.

Was ist Ihnen bei der Auswahl neuer Produkte für Ihren Shop wichtig?
Marine: Die für überempfindliche Haut geeigneten Pflegeprodukte werden mit Kosmetikerinnen sowie Fachleuten sorgfältig ausgewählt. Ob es sich um Feuchtigkeitscreme ohne Parfum und Alkohol, ein Wimpernwachstumsserum, Make-up zum Neuzeichnen der Augenbrauen oder um Silicium-Nagellack für brüchige Fingernägel handelt: Alle Kosmetikprodukte sind wirksam und gut verträglich. Zusätzlich haben wir in unserem Team eine Krankenschwester, die mit Ärzten in Kontakt steht und uns regelmäßig neue Produkte vorstellt. Wir sind immer auf der Suche nach Neuheiten und noch besseren Produkten.

Cindy: Was Kopfbedeckungen, Spezialunterwäsche oder auch Perücken betrifft, achten wir bei der Produktauswahl vor allem auf Qualität, Modernität, Komfort und praktische Verwendbarkeit. Unsere Accessoires sowie sexy und trendige Bademode sollen jedes Tabu brechen. Oncovia steht in unseren Augen für die Versöhnung mit der eigenen Weiblichkeit.

Können Sie aus Ihrer Erfahrung mit Ihrem Shop Tipps geben, wie Angehörige krebskranken Frauen zu einem besseren Wohlbefinden verhelfen können? Was ist in dieser schwierigen Zeit wirklich wichtig?
Cindy: Wirklich wichtig ist da zu sein, zuzuhören, zu reden. Und an das Gute zu glauben. Es ist unbeschreiblich, wieviel Kraft von kranken Menschen ausgeht, manchmal sogar mehr als von ihren Angehörigen. Vor allem sollte man die schönen Momente genießen und die Krankheit hier und da bewusst vergessen.

Marine: Das kann ich bestätigen. Es gibt aber auch praktische Tipps, wie man den Alltag mit einer Krebserkrankung verbessern kann. Wir haben unserer Mutter zum Beispiel regelmäßig ein bisschen Rouge aufgetragen. Außerdem ging sie nie ohne Silicium-Nagellack aus dem Haus, um ihre Nägel zu schützen. Auch eine kleine Aufmerksamkeit ab und zu bereitet Freude, eine weiche Mütze aus Bambus ist zum Beispiel sowohl für zu Hause als auch für unterwegs geeignet. Außerdem kann ein Ausgleich, eine Beschäftigung helfen. Für unsere Mama war es die Kunst. Sie hat Zeichenunterricht genommen und Bildhauerkurse belegt. Dabei konnte sie für einen Moment lang ihr Leiden vergessen.

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Welche Tipps würden Sie Frauen geben, die von einem eigenen Start-up träumen, aber sich bisher nicht getraut haben, sich selbstständig zu machen?
Cindy: Vertrauen in sein Projekt und sein Team ist ein Erfolgsfaktor. Natürlich ist eine Firmengründung mit Ängsten verbunden, aber man muss an seine Idee glauben und sollte keine Angst vor dem Scheitern haben.

Marine: Ein gutes Netzwerk ist sehr wichtig, auch wenn es mit viel Arbeit verbunden ist. Darüber sollte man aber sich selbst nicht vergessen.

Was war für Sie bisher der größte Erfolg, den Sie mit Ihrem Portal hatten?
Marine: Das Größte ist es, wenn sich Kundinnen bedanken und uns bestätigen, wie sinnvoll Oncovia ist. Dann ist es ein bisschen, als würden wir unserer Mama weiter beistehen.

Wie geht es weiter mit Oncovia?
Cindy: Oncovia hat sich seit der Gründung in Frankreich sehr positiv entwickelt. Deshalb ist der Onlineshop seit fast zwei Jahren auch in Deutschland, England und Italien vertreten. Diese positive Entwicklung wollen wir natürlich fortsetzen. Auch in Zukunft werden wir versuchen, mehr und mehr Menschen auf unser Projekt aufmerksam zu machen. In unserer Pariser Niederlassung haben wir einen Showroom, in dem unsere Kundinnen alle Produkte probieren und anfassen können, aber auch eine Spa-Wohlfühloase, in der wir täglich beraten und Patientinnen eine tolle Auszeit vom Alltag bieten. Warum also nicht als nächstes eine Niederlassung mit Showroom und Spa-Oase in Deutschland?