Quereinstieg in die IT-Branche: Von der Opernsängerin zur Web-Entwicklerin

Bevor Jennifer Nicholson eine Umschulung zur Web-Entwicklerin machte, absolvierte sie einen Master in Musik und war sechs Jahre lang als Opernsängerin tätig. Im Interview mit DONNA Online erzählt die Wahlberlinerin, was sie zu dem Berufswechsel in die männerdominierte Tech-Branche bewegte.

Porträtbild der ehemaligen Opernsängerin Jennifer Nicholson in T-Shirt mit Ironhack-Logo

Wagte den Wechsel von der Musik- in die IT-Branche: Web-Entwicklerin Jennifer Nicholson.

Als Frau in einem IT-Beruf zu arbeiten, ist immer noch ungewöhnlich: Gerade einmal 15 Prozent der Führungspositionen in der Tech-Branche werden in Deutschland von Frauen besetzt. Noch ungewöhnlicher ist die bewusste Entscheidung für einen Job im Informatik- und Software-Bereich, wenn man davor bereits in einer völlig anderen Branche Fuß gefasst hat. So wie Jennifer Nicholson: Die gebürtige Amerikanerin ist ausgebildete Opernsängerin, absolvierte erfolgreich einen Master in Musik und arbeitete jahrelang an ihrer Musikkarriere, bevor sie sich ins Programmieren verliebte. Durch eine Fortbildung an der Tech-Schule Ironhack, eignete sie sich im „Bootcamp Web-Entwicklung“ innerhalb von neun Wochen das nötige Wissen an, um als Full-Stack Web Developer in der IT-Branche Fuß zu fassen.

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Im Interview mit DONNA Online erzählt die Ironhack-Absolventin, wie es zu ihrer Entscheidung für einen so ungewöhnlichen Berufswechsel kam und welche Erfahrungen sie bislang in der männerdominierten IT-Welt sammeln konnte.

Als Frau in die IT-Branche wechseln: Wie der berufliche Neustart klappen kann

DONNA Online: Sie sind ausgebildete Opernsängerin und haben erfolgreich einen Master in Musik absolviert. Wie kam es zu Ihrem Wechsel in die Tech-Branche?
Jennifer Nicholson: Für meinen Karrierewechsel spielten mehrere Faktoren eine Rolle. Ich liebe es, Dinge zu kreieren und ich möchte etwas tun, woran ich glauben kann. Das konnte ich in der klassischen Musik immer weniger ausleben und habe daher nach einem Bereich Ausschau gehalten, der aktiv nach neuen Stimmen sucht. Mein Lebensgefährte, der eine Weile in Tech-Unternehmen gearbeitet hatte, erwähnte, dass er gerne mal ein Coding Bootcamp absolvieren würde. So kam ich auf die Idee, selbst ein wenig zu recherchieren. Was mir am besten am Programmieren gefällt, ist die Community, die zahlreiche freie Ressourcen zur Verfügung stellt und Menschen willkommen heißt, die es gerne selbst ausprobieren wollen. Nachdem ich mich ein wenig mehr damit beschäftigt hatte, wusste ich, dass ich etwas gefunden habe, in das ich tiefer einsteigen wollte. Und so fand ich mich dann bei den Meet-ups von Ironhack wieder.

Sie haben sich Ihr IT-Know-how innerhalb weniger Monate bei einem Ironhack Bootcamp angeeignet. Ist es in so kurzer Zeit überhaupt möglich, auf einen IT-Job vorbereitet zu werden, für den andere jahrelang studieren?
Die Tech-Branche verändert sich kontinuierlich und neue Technologien und Entwicklungen verlangen auch von den erfahrensten Köpfen ständige Weiterbildung. Innerhalb von neun Wochen bekommen wir das passende Werkzeug an die Hand gelegt, um Dinge schnell zu lernen, zu verdauen und mit dem Eifer weiterzulernen schließlich in den Job einzusteigen. Generell besteht ein hoher Bedarf an Entwicklern und ich finde, dass es eine einzigartige Gelegenheit für Unternehmen ist, hochmotivierte Leute einzustellen, die eine Leidenschaft für das Programmieren hegen und entschlossen sind, sich selbst zu beweisen.

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Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag als Full Stack Web Developer aus?
Mir ist die Jobsuche noch nicht so vertraut, daher verbringe ich viel Zeit damit, Programmieraufgaben zu lösen und das Material zu checken, das wir bei Ironhack gelernt haben. Aktuell bin ich als Assistenzlehrerin für Ironhacks Teilzeit-Webentwicklungskurs tätig und bereite ich mich daher regelmäßig auf den Unterricht vor. Ich muss ja schließlich sicherstellen, dass ich für alle Herausforderungen bereit bin, denen sich die Schüler stellen müssen. Meine erste Vollzeitstelle beginne ich dann im November.

Profitieren Sie in Ihrem jetzigen IT-Job von Ihrer Erfahrung als Musikerin?
Definitiv. Es gibt so viele Fähigkeiten, die ich als Musikerin gelernt habe, die sich in der Programmier-Branche als wertvoll erweisen. Teamwork, Kreativität, lösungsorientiertes Handeln und Hingabe, um kleine Aufgaben in mehreren Stunden voller Konzentration lösen zu können – das sind alles Dinge, die auch Musiker beherrschen müssen.

Nach wie vor dominieren Männer die Technik- und IT-Branche. Wie erleben Sie das bei der täglichen Zusammenarbeit – stört Sie der geringe Frauenanteil?
Sowohl in meiner derzeitigen Position bei Ironhack als auch in meiner neuen Position im November stellen Männer die Mehrheit dar. Persönlich glaube ich, dass Unternehmen bei ihren Teams auf vielfältige Werdegänge und Erfahrungsschätze setzen sollten. Denn wenn ein Produkt entwickelt wird, das für jedermann geeignet sein soll, muss diese Vielfalt im gesamten Prozess vorhanden sein. Ich glaube nicht, dass die niedrige Frauenquote beunruhigend ist, sondern eine Chance um Frauen zu ermutigen. Im Gegensatz zu anderen Bereichen, in denen die Kluft zwischen den Geschlechtern ignoriert wird, haben viele der Tech-Unternehmen, mit denen ich gesprochen habe, diesen Mangel erkannt und wollen etwas dagegen tun.

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In Deutschland sind derzeit nur etwa 15 Prozent der IT-Führungspositionen von Frauen besetzt. Was meinen Sie: Warum scheuen sich viele Frauen vor der IT-Branche?
Dafür gibt es viele Gründe – unter anderem, wozu Frauen während des Heranwachsens ermutigt werden. Dazu kommt dann noch die Klischeevorstellung des typischen „Coders“, die einem heutzutage verkauft wird. Ich hoffe, dass ich dazu beitragen kann, dieses Bild zu ändern. In Berlin gibt es bereits Gruppen wie „Women who code“, die Frauen dazu ermutigen, etwas zu riskieren und auch mal falsch zu liegen. Aber ich glaube auch, dass Unternehmen dafür verantwortlich sind, Informatik-Positionen für Frauen attraktiv zu machen.

Was würden Sie Frauen raten, die nach Jahren in derselben Branche oder im selben Unternehmen nochmal einen beruflichen Neustart wagen wollen?
Wagt den Schritt! Es ist aufregend, sich in eine neue und wachsende Branche zu stürzen. Weil Technologie heute ein Teil des Lebens ist, kann man seine technischen Fertigkeiten dazu nutzen, die Bereiche zu unterstützen, für die man sich leidenschaftlich interessiert.

Wie geht es für Sie in Zukunft weiter: Bleiben Sie der IT treu oder suchen Sie nochmal eine neue Herausforderung – vielleicht auch wieder als Sängerin?
Wenn ich mich etwas widme, stürze ich mich komplett hinein. Mein Abschlussprojekt bei Ironhack war es, eine Plattform für Musiker zu schaffen. Ich bin also immer noch verwurzelt in der klassischen Musik, aber die Möglichkeiten im Tech-Bereich ermutigen und reizen mich sehr. Ich bin gerade mittendrin, technisch zu lernen und zu wachsen und freue mich, meinen Beitrag zur Coding Community zu leisten.