Schauspielerin Sabine Postel im DONNA-Lebenslinien-Interview

Als „Tatort“-Kommissarin steht sie vor ihren letzten Einsätzen. Es wird Zeit für Neues, findet Sabine Postel, die nicht nur beim Ermitteln oft aneckt. Im DONNA-Interview spricht sie über Freiräume, Pflegenotstand und Mutterliebe.

Schauspielerin und „Tatort“-Kommissarin Sabine Postel mit ihrem Kollegen Oliver Mommsen in einer Szene des Tatorts

Sabine Postel und ihr Kollege Oliver Mommsen ermitteln seit 2011 gemeinsam im Bremer „Tatort“.

Hotel „Savoy“, Köln, wenige Hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt. Sabine Postel sitzt in einem Sessel am Kamin: „Warm ist gut! Ich bin ein Frostköttel.“ Als wir später im Gespräch auf Oliver Mommsen kommen, mit dem sie im Bremer „Tatort“ spielt, verrät sie, dass ihre Verfrorenheit oft zu Reibereien führt, den einzigen übrigens zwischen den beiden. Postel will es warm in der Maske, Mommsen kühl: „Er kriegt Schnappatmung, wenn er nach mir in den Wohnwagen muss.“ Im Interview hält Postel ihre stets freundliche Betriebstemperatur, auch dann, wenn wir über Momente reden, in denen ihr Leben kein Zuckerschlecken war.

DONNA: Was verbinden Sie mit Heimat?
Sabine Postel: Die Menschen, die ich liebe. Dann natürlich Köln, wobei ich die Stadt anfangs überhaupt nicht leiden konnte. Ich komme ja vom platten Land, aus Neustadt am Rübenberge in Niedersachsen. Meine Oma hatte einen kleinen bäuerlichen Betrieb. Es gab Ziegen und Hühner und ich erinnere mich noch an den geflochtenen Korbwagen, in den ich meine zwei Meerschweinchen packte. Da saßen sie gut genährt auf ihrem Kissen und ich stiefelte los. Es war herrlich.

Klingt sehr unbeschwert.
Ich durfte mich unglaublich frei bewegen. Das kennen die Kinder von heute ja gar nicht mehr, da bekommen Eltern eine Panikattacke, wenn sie Tochter oder Sohn eine halbe Stunde nicht sehen. Ich musste mittags zum Essen zu Hause sein und dann wieder abends, bevor es dunkel wird.

Irgendwann wurde Ihr Vater Redakteur beim WDR in Köln – und für Sie hieß es Abschied nehmen.
Nicht ganz. Ich war noch klein, als er die Stelle bekam. Er ging erst allein und pendelte am Wochenende zu uns aufs Land. Später zog meine Mutter nach. Ich blieb noch für ein knappes Jahr bei Oma, bis ich in Köln eingeschult wurde. Es war aber immer muckelig bei uns.

Schwarz-weiß Foto von Sabine Postel 1984 in einem weißen Kleid und mit Perlenkette auf einer Parkbank

1984 in London startete Sabine Postels Karriere als Schauspielerin.

War die große Stadt denn nicht ein Schock?
Das schon. Ich fühlte mich eingesperrt, in der Schule gab es irre viele Regeln, das war nach der Freiheit vorher wirklich hart. Versöhnt haben mich die Nachmittage. Köln war völlig kaputt gebombt. Wir wohnten in der Elisenstraße, wo es noch gut 15 Jahre nach Kriegsende viele Trümmergrundstücke mit abrasierten Häusern und Treppen gab, die im Nirgendwo endeten. Da zu kraxeln, war natürlich streng verboten, die Häuser waren abgesperrt, aber meine Freundinnen und ich fanden immer ein Loch, durch das wir schlüpfen konnten. Ich bin irgendwie reingewachsen in die Stadt.

Ein anderes Stück Heimat geben Sie nun nach 21 Jahren auf – den „Tatort“. In Ihrem drittletzten mit dem Titel „Im toten Winkel“ geht es um die katastrophale Pflegesituation in Deutschland. Lag Ihnen das persönlich am Herzen?
Ich wollte diesen Film unbedingt machen, weil ich mich in den vergangenen Jahren um meinen Vater gekümmert habe, nachdem er einen Schlaganfall hatte. Da erlebt man viel. Was wir da spielen, ist kein Fiktionsgedöns. Das Pflegesystem ist dermaßen marode; das macht mich sehr wütend. Die Krankenschwestern und Pfleger rennen im Galopp, zwei Leute versorgen 40 Patienten. Ein Elend, so dürfen alte Menschen nicht behandelt werden. Ich wünsche jedem, dass er eine Familie hat, die für ihn da ist.

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Hilfe anzunehmen, fällt vielen ja schwer. Wie ist das bei Ihnen?
Ich versuche erst mal, alles allein zu wuppen. Aber wenn es nicht anders geht, kann ich schon um Hilfe bitten. Sonst wäre ich wohl auch gegen die Wand gefahren. Nach dem Tod meines Mannes, da war mein Sohn Moritz zehn, war ich alleinerziehend. Ohne die Unterstützung meiner Eltern hätte ich das nicht geschafft.

Der Bremer „Tatort“ ist ja oft gesellschaftskritisch. Haben Sie darauf Einfluss gehabt?
Ja. Ich habe den Charakter der Inga Lürsen mit entwickelt. Damals gab es nur eine einzige Kommissarin.

Sabine Postel 1987 mit einem Papagei auf der Schulter und den Arm um Ingrid Steeger gelegt

1987 mit Ingrid Steeger in der ZDF-Serie „Wilder Westen inclusive”.

Lena Odenthal, gespielt von Ulrike Folkerts.
Genau. Ulrike war, nein, sie musste härter sein als sämtliche Männer. Die Bremer wollten es dann allerdings doch mit einer eher weiblichen, empathischen Kommissarin versuchen, und aus dem Grunde fragten sie mich.

Inga Lürsen ist aber kein Muttertyp.
Nee, die ist eine Rabenmutter, das war meine Bedingung. Ich wollte nicht die Mutter der Nation werden. Also musste Ingas Tochter beim Vater aufwachsen.

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Warum hören Sie jetzt auf?
In meinen Augen sind Krimis inflationär geworden. Auch beim „Tatort“ gibt es immer mehr Teams, das tut dem Format nicht gut. Aber das allein ist es nicht. Ich habe momentan überhaupt keinen Freiraum, weder privat noch künstlerisch. Es gibt ja irre viele Schauspielerinnen meines Alters, die nicht mehr besetzt werden. Ich habe das große Glück, dass es bei mir andersrum ist. Aber leider muss ich viele schöne Angebote ablehnen, weil ich keine Zeit habe. Das möchte ich ändern.

Sie werden dieses Jahr 64…
Da fällt mir eine Anekdote ein: Ich war Ende 20, als ich mich bei einer Arbeitsvermittlung für Künstler vorstellte. Ich spielte damals Theater und wollte zum Fernsehen. Der Berater sagte: „In Ihrem Alter? Sie sind ja verrückt, da hätten Sie sehr viel früher anfangen müssen!“ Da bin ich echt wütend geworden!

Sabine Postel 1989 mit Marie-Luise Marjahn in der „Lindenstraße”

1989 in der „Lindenstraße” mit Marie-Luise Marjahn (Mitte) .

Wie sehen Ihre Zukunftspläne aus?
Ich würde wahnsinnig gern eine längere Reise machen, vielleicht nach Vietnam. Und Moritz, meinen Sohn, möchte ich öfter sehen, er lebt in Schottland. Auf Whats-App kann ich ihn nicht knuddeln oder ihm tief in die Augen schauen und fragen: „Geht’s dir wirklich gut?“ Vielleicht drehen wir auch noch mal einen Film zusammen. Das ist so ein Träumchen von uns beiden.

Moritz ist Regisseur geworden und Sie haben in seinem Abschlussfilm „Schwarzwald“ gespielt.
Dazu hat er mich gezwungen! Ich wollte da nicht mitmachen. Als Mutter denke ich ja nur das Beste von meinem Kind. Aber als ich mit ihm drehen sollte, dachte ich: „Was ist, wenn mir an seiner Arbeitsweise etwas nicht gefällt?“ Aber die Sorge war unbegründet. Er ist ein wirklich guter Regisseur und war ein wunderbarer Chef. Sehr bestimmt, aber auch sehr höflich, ruhig und nett.

Was sind Sie für eine Mutter?
Als Moritz klein war, nach außen hin liberal und locker. Mit dem Vorsatz: Wenn ich drehe, geht es dem Kind auch ohne mich gut. Innerlich musste ich mich aber selbst erziehen, damit ich ihn nicht überbehütete. Moritz war – und ist! – das größte Geschenk meines Lebens. Es gab schon fiese Momente. Etwa wenn er Grippe hatte und ich zum Dreh musste. Aber letztlich war das der Spagat, aus dem keine arbeitende Mutter rauskommt. Was man einem Kind dabei jedoch mitgibt, ist Achtung vor arbeitenden Frauen. Heute denke ich: „Ich habe da jemanden in die Welt entlassen, der wirklich respektvoll mit Frauen umgeht.“

Seit dem Tod von Moritz’ Vater engagieren Sie sich als Botschafterin für trauernde Kinder und Jugendliche in Bremen. Trauern Kinder denn anders?
Sie reden nicht darüber, das geht alles total nach innen. Manchmal sind auch andere Kinder grausam. Mein Sohn kam einmal weinend von der Schule nach Hause, ein Mitschüler hatte im Streit gesagt: „Pass auf, ich hole meinen Vater, aber du kannst das nicht, du hast ja keinen.“ Das Engagement für trauernde Kinder ist deshalb ein Herzensprojekt für mich. Die Kleinen brauchen einfach Raum, um zu toben. Sie müssen ihre Wut und ihren Schmerz rauslassen.

Sabine Postel in einem weißen Brautkeid und ihr Mann Otto Riewaldt in einem schwarzen Anzug 1991 bei ihrer Hochzeit auf dem Rheindampfer

1991: Hochzeit auf dem Rheindampfer mit ihrem Mann Otto Riewaldt.

Auch Schauspieler lassen Emotionen raus. War das für Sie ein Grund, diesen Beruf zu ergreifen?
Ich hatte einen Deal mit meinem Vater: Er wollte nicht, dass ich Schauspielerin werde. Nicht, weil er an meinem Talent zweifelte. Aber er hatte mich als Freigeist erzogen. Und wusste genau, dass ich anecken würde. Also vereinbarten wir: Wenn mich die Schauspielschule in Bochum beim ersten Mal nimmt, ist der Fall klar. Wenn nicht, dann werde ich Journalistin.

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Sie haben es geschafft.
Ich dachte, Bingo, Hollywood ante portas. Ich hatte über 200 andere Bewerber ausgestochen. Aber was mein Vater befürchtete, trat schon auch ein.

Das heißt, Sie holten sich schnell blaue Flecken?
Am Theater gab es damals so eine Guru-Ehrfurcht. Du solltest dich dem Regisseur verschreiben. Tolerieren, dass er dich vielleicht auch fertigmacht. Und daran glauben, dass er dich wie Phönix aus der Asche wiederauferstehen lässt. Ein Schwachsinn, den ich nicht bedient habe. Deshalb musste ich phasenweise sehr kleine Brötchen backen. Meine Fernsehkarriere begann in England. Ich spielte mit großem Erfolg eine deutsche Gerichtsreporterin und dachte: „Wow, das ist jetzt der Durchbruch.“ Dann kam ich nach Hause zurück, weil ich so Heimweh hatte, und es folgten zwei wirklich mühsame Jahre. Ich machte Ansagen und kleine Synchronisationen, um mich über Wasser zu halten.

Köln ist nun schon sehr lange Ihre Heimat. Wird das so bleiben?
Edinburgh, wo mein Sohn lebt, ist „lean back“, die Stadt ist wunderschön, die Leute sind freundlich und hilfsbereit, aber es ist kalt, und ich bin doch so ein Frostköttel. Außerdem wohnt meine Mutter in Köln. Wenn ich nicht drehe, sehen wir uns beinahe täglich. Ich lebe allein, aber es gibt auch jemanden, mit dem ich befreundet bin. Ja, Köln bleibt. Die Stadt ist vielleicht nicht besonders schön, doch die Menschen hier sind wahnsinnig nett.

Autorin: Madlen Ottenschläger