Schweige-Retreats: Eine Reinigung für die Seele

Sechs Tage schweigen und meditieren? DONNA-Autorin Nina Berendonk wagte den Selbstversuch – und hatte dabei erstaunliche Begegnungen mit sich selbst. Lesen Sie den Erfahrungsbericht aus dem Schweige-Retreat.

Nahaufnahme eines Frauengesichts auf einer Schwarz-Weiß-Fotografie mit Zeigefinger, den die Frau vor den Mund hält

Sechs Tage lang ohne Sprechen geht nicht? DONNA-Autorin Nina Berendonk wagte den Selbstversuch im Schweige-Retreat.

Als ich auf den Parkplatz des Benediktushofs fahre, weine ich beinahe. Hinter der Pforte des einstigen Benediktinerklosters warten sechs Tage Schweige-Retreat auf mich. Ich bin stolz, dass ich mir diese Woche freigeschaufelt habe in meinem vollen Leben. Und gleichzeitig habe ich ziemlich Schiss vor dem, was vor mir liegt. Weil ich denke: Was geschieht, wenn es still wird um dich? Was wird an die Oberfläche drängen nach Jahren des hektischen Schnell-Schnells? Innerlich still wird es schon mal nicht, muss ich am nächsten Morgen feststellen.

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Am Abend zuvor sind wir nach einem Essen und Erläuterungen unseres Kursleiters „ins edle Schweigen eingetreten“. Nun sitze ich seit sechs Uhr auf einem Kissen und ärgere mich über die Gedanken, die in meinem Kopf Tischtennis-Rundlauf spielen. Nach dem stummen Mittagessen – interessant, wie man sich auch an einer langen Tafel ohne Worte über anzureichende Schüsseln verständigen kann – stürme ich in den Wald. Endlich Außenreize, nicht nur der Holzboden zehn Zentimeter vor meinen gekreuzten Beinen! Vögel, die in den Bäumen zwitschern, Rehe, die auf einer Lichtung stehen und mich mit großen dunklen Augen mustern.

Bei Stille werden die Gedanken und Gefühle immer lauter

Das Schweigen aber fällt mir, die ich sonst gerne viele Worte mache, leicht. Interessant, wie viel man mitbekommt, wenn man nicht ständig anderen zuhört oder selber quatscht. Nur schreiben muss ich. Ich bin froh, dass das hier erlaubt ist; in manchen Retreats sind Bücher, Papier und Stifte verboten. Wenn ich in der Mittagspause zwischen den Sitzungen nicht durch den Wald streife, sitze ich in meinem kahlen Zimmer und fülle Seite um Seite meines Tagebuchs. Denn wenn es still wird um einen herum, werden die Gedanken und Gefühle immer lauter. Manchmal ist es, als könne ich ihnen bei der Entstehung zusehen: Gestern hat unser Kursleiter bei der abendlichen „lecture“ über den Prinzen Siddhartha und das Elend auf den Straßen gesprochen – heute fürchte ich, meiner Tochter könnte auf ihrem Schulweg und in meiner Abwesenheit etwas passieren.

Wenn das Handy als Rettungsanker dient

Während einer Metta-Meditation (die Mitgefühl für unsere Feinde einschließt) überfällt mich ein grässliches Bild. Ich erschrecke, will es wieder loswerden, sitze in der Pause heulend und zitternd in meiner Kemenate. Möchte sofort abreisen. Rettung bringt: mein Handy, mit dem ich eine verzweifelte SMS an meinen Mann absetze. Ich berichte ihm von dem Kopfkino, er beruhigt mich, schreibt, dass auch er solche Bilder kennt.

In der nächsten Session sitze und atme ich und versuche, einfach mit meinen überlaufenden Gefühlen „zu sein“ – so nennt es die buddhistische Nonne Pema Chödrön im Buch „Meditation – Freundschaft schließen mit sich selbst“, das ich mir in der Buchhandlung des Klosters gekauft habe. Ich laufe nicht weg – ich bleibe sitzen und höre zu, was mir meine größten Ängste über mich und mein Leben erzählen wollen: eine Menge. Als ich am Ende der Woche wieder in meinen Alltag fahre, fühle ich mich wie eine Muschel ohne Schale: weich, verletzlich – aber verdammt gut vom reinigenden Meerwasser durchgespült.

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