TV-Drama „Sieben Stunden“: Schauspielerin Bibiana Beglau im Interview

2009 erschütterte der Fall Susanne Preusker Deutschland: Die Gefängnispsychologin wurde von einem Inhaftierten als Geisel genommen und mehrfach vergewaltigt. DONNA sprach mit Schauspielerin Bibiana Beglau über ihre Rolle in „Sieben Stunden“, der TV-Adaption von Preuskers Buch.

Porträtbild der deutschen Schauspielerin Bibiana Beglau im schwarzen Outfit vor einer hellen Wand

In der Hauptrolle des Fernsehfilms „Sieben Stunden“ spielt Bibiana Beglau die Gefängnispsychologin Hanna Rautenberg. Die Geschichte ist an den Fall von Susanne Preusker angelehnt, die 2009 von einem Inhaftierten als Geisel genommen und vergewaltigt wurde.

Beinahe zehn Jahre ist es her, dass die erschütternde Straftat an Susanne Preusker Schlagzeilen machte: Die damalige Gefängnispsychologin wurde am 7. April 2009 in der JVA Straubing von einem Häftling in ihrem eigenen Büro als Geisel genommen und über mehrere Stunden hinweg vergewaltigt. Ihre Erfahrungen und Gedanken verarbeitete Preusker in ihrem Buch „Sieben Stunden im April“, das zwei Jahre nach dem tragischen Erlebnis erschien. Am 13. Februar 2018 nahm Susanne Preusker sich im Alter von 58 Jahren das Leben.

An die realen Ereignisse von 2009 ist der Fernsehfilm „Sieben Stunden“ von Regisseur Christian Görlitz angelehnt, den das Erste am 28. November 2018 zeigt. Bibana Beglau verkörpert darin die Psychologin Hanna Rautenberg, die dasselbe Schicksal wie Susanne Preusker erleidet. DONNA traf die Schauspielerin zum Interview und sprach mit ihr über den erschütternden Fall – und die Herausforderung, die Haupt- und Opferrolle in dem TV-Drama zu spielen.

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DONNA: Kannten Sie den Fall Preusker, bevor Ihnen die Rolle angetragen wurde?
Bibiana Beglau: Ich wusste hauptsächlich aus der Presse, dass sich ein derart schlimmer Vorfall in einer Vollzugsanstalt ereignet hat. Der Fall von Frau Preusker war sehr präsent, da sie damit an die Öffentlichkeit gegangen ist und die Schande und Schmach, die sie durchlebt hat, öffentlich durchdekliniert hat.

Hatten Sie vor Drehbeginn die Gelegenheit, Susanne Preusker persönlich zu treffen?
Wir haben uns nicht getroffen. Allerdings geht es uns mit dem Film auch gar nicht darum, eine Biografie zu erzählen, sondern um eine Annäherung, ein Nachdenken. Vielmehr geht es um die Frage, was nach einem solchen Einschnitt passiert, wenn es plötzlich ein Leben vor und ein Leben nach der Tat gibt. Wie ist ein Mensch fähig, damit umzugehen? Was tut so ein Vorfall und wie lebt man nun mit zwei Leben – von denen man eines gar nicht gewollt hat, nämlich das fremdbestimmte, aufgezwungene Leben danach?

Ebenfalls thematisiert wird die Verhandlung der Opferrolle und die damit verbundene Frage: Inwieweit begebe ich mich in die Opferrolle oder nicht?
Es geht auch um die Frage: Spiele ich das Opfer, das Opferlamm, also die Demütigung im tiefsten Sinne? Nehme ich sie an und lebe mit der Befleckung – oder spiele ich ein Opfer, um mich abzugrenzen? Das ist eine wichtige Frage und sicher auch tatsächlich eine Frage von Menschen, denen selbst so etwas passiert. Es ist schwer für uns als Außenstehende, das auch nur annähernd nachzuvollziehen.

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Haben Sie gezögert, die Rolle anzunehmen? Die Beschäftigung mit einer solch unvorstellbaren Qual muss unheimlich strapaziös sein.
Ich habe nicht gezögert. In der Literatur sind eben genau solche Stoffe die großen dramatischen Stoffe. Sie behandeln die Gefühle Rache, Demütigung, Angst, Verlassenheit, Schuld und wie der Mensch damit umgeht oder daran scheitert. Wenn Sie jetzt meine Psychologie als Darstellerin ansprechen, dann sind das genau die Stoffe, bei denen ich denke, dass wir nicht zögern sollten. Die Annahme einer solchen Rolle bedeutet eine bestimmte Form der Arbeit und Beschäftigung. Ich hatte eher Angst, dass man bei dem Film in einen fernseherzählerischen Ton kommt. Denn ein solch großes Publikum sieht „Sieben Stunden“ – was ich auch richtig finde. Deshalb machen wir diese Arbeit ja auch. Es besteht schnell die Gefahr, dass es betulich wird und der Zuschauer sich die ganze Zeit über denkt: „Ach, die Arme, die Arme!“. Das fände ich nicht richtig. Auch ein Opfer beißt um sich und wird unsympathisch. So etwas trauen wir Opfern eigentlich nicht zu. Aber es ist wie das kranke Tier, das von anderen Tieren gemieden wird, beziehungsweise auf das man dann noch mit dem Finger zeigt, wie es auch eine Mutter tut. Die Mutterfigur, die sinngemäß im Film sagt: „Mein Kind, du bist selbst schuld.“

Und die sagt: „Du hast dich in diese Situation begeben.“
Es ist das Phänomen, dass das Opfer eklig ist, man aber immer hingucken muss. Wie bei einem schrecklichen Autounfall. Und genau das hat mich an der Rolle interessiert – nicht, dass der Zuschauer sich denkt: „Diese arme Frau“. Mich hat interessiert, was es für eine Qual ist, Opfer zu werden, also der Zustand, der auf die Tat folgt.

Dass es etwas Schreckliches, Ekliges, nicht Auffangbares mit dir anstellt. Wir tun zwar so, als hätten wir Mitleid mit Opfern – in letzter Instanz haben wir das aber oft eben nicht. Weil Opfer unbequem sind, weil sie anders reagieren, weil sie krank reagieren, weil sie verletzt sind, tief verletzt. Fassbinder wusste viel darüber. Zutiefst verletzte Menschen sind nicht schön anzusehen. Wir lieben den lachenden Menschen und nicht den aus Verzweiflung weinenden Menschen, den um sich greifenden und schlagenden Menschen. Da sagen wir „Ja ja, ganz schlimm. Aber kann ich jetzt mal bitte schnell wieder Torte essen?“

So in der Art „Kann ich jetzt mal woanders hingucken, ich möchte da nicht länger hinsehen.“
Da springt mein Mitleid nicht an. Das Opfer funktioniert nicht so, wie ich mir ein Opfer vorstelle.

Das Opfer ist dann nicht lieb und dankbar.
Und das war eher meine Sorge, dass wir das vielleicht nicht schaffen. Dazu haben wir uns immer wieder hingesetzt, darüber gesprochen und daran gearbeitet. Wir werden im Film sehen, ob uns das gelungen ist.

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Wie erging es Ihnen, als Sie vom Suizid des ursprünglichen Vorbilds Susanne Preusker gehört haben?
Susanne Preusker hat so lange damit gelebt und gerungen. Ich glaube, es gab keinen einzigen Tag, an dem sie nicht in der Einsamkeit ihres Schmerzes gelebt hat. Ich glaube, es ist tatsächlich eine unvorstellbare Leistung, damit zu leben und leben zu müssen. Ich hoffe, dass sie jetzt von oben herunterblicken kann auf dieses Leben, das sie auch danach noch versucht hatte, in ihren Händen zu halten. Wenn es einen erlösenden Tod gibt – und ob, das wissen wir alle nicht und ich will auch nicht philosophisch werden – aber wenn es so etwas gibt, dann hoffe ich, dass sie jetzt in einem besseren Zustand oder einer besseren Welt lebt. Oder eine Erlösung im nächsten Leben erfährt.

Sie hat die absolute Kontrolllosigkeit in diesen sieben Stunden und der Zeit danach erlebt. Für sie war es vielleicht eine Möglichkeit, tatsächlich wieder das Leben und den Tod in die eigene Hand zu nehmen. Sie hat die Kontrolle über ihr eigenes Leben wiedergewonnen.
Diesen Eindruck habe ich auch bekommen. Man steht in so einer Situation mit aufgerissenen Augen da und denkt sich: Jetzt hat die Zeit diesen Film nochmal anders eingeholt. Jetzt hat er nochmal eine andere Bedeutung bekommen mit dieser Vorbildfigur, dem echten Menschen Susanne Preusker. Wir hatten ihre Geschichte verwendet, um eine andere Geschichte zu erzählen – jetzt ist diese Geschichte wirklich eine Geschichte geworden.

Haben Sie sich Gedanken über die Behandlung und Bestrafung von Sexualstraftätern gemacht? Und denken Sie seit den Dreharbeiten anders darüber?
Nein. Die Bestrafung von Tätern ist eine sehr komplexe und schwierige Sache. Wie sucht eine Gesellschaft ihre Strafe aus für die Querschläger? Als große Masse der demokratischen Gesellschaft erwählen wir über Jahrhunderte Strafen für bestimmte Verhaltensweisen, die gegen unsere als Gesellschaft erarbeitete Moralität verstoßen. Und sagen: Das akzeptieren wir nicht als Gesellschaft, denn sonst können wir nicht überleben. Wie aber Strafe funktioniert, das weiß ich nicht. Ich habe eine emotionale Haltung dazu. Ich weiß auch nicht, inwieweit zum Beispiel Rache richtig wäre, wenn Menschen schlimme, demütigende Dinge passieren – seelisch oder körperlich. Man versucht bei der Gerichtsbarkeit, Rachegedanken und Emotionen herauszubekommen, und ein Maß der Tat und der Strafe zu erfinden, die jetzt eine Verhältnismäßigkeit darstellen. Wie schwierig das ist, sieht man am Beispiel der übrig gebliebenen Nationalsozialisten. Viele dieser Massenmörder haben acht Jahre Haftstrafe bekommen. Wir können uns 20.000 Tote noch nicht mal vorstellen – und das Maß sollen acht Jahre sein? Aber das war die Erwägung einer Gesellschaft, die mit dieser Schmach um Generationen weiterleben muss. So wählte man auch das Strafmaß. Da ich nicht selber betroffen bin, weiß ich nicht, wie ich es fühlen kann. Ich habe keine Ratio, weil ich die Umstände der gesellschaftlichen Gerichtsbarkeit nicht kenne. Ich weiß nicht, ob ich emotional oder kalt reagieren würde.

Es kommt auch immer auf die Umstände an – wer es war, was passiert ist. So etwas kann man sich nicht im Kopf ausdenken. 
Dazu braucht man ein Gesetzesbuch und Menschen, die sich damit besser auskennen. Ich will das jetzt überhaupt nicht schönreden. Es ist der Versuch einer Gesellschaft, Gerechtigkeit oder ein Maß der Dinge zu finden. Das ist kein fester Zustand einer Gesellschaft sondern bewegt sich mit der Zeit. Aber auch das ändert sich immer wieder. Bei „Sieben Stunden“ habe ich daher nicht an den Täter, sondern vielmehr an die Vernichtung eines Menschen gedacht. Im Film gibt es den Satz: „Verachte die Tat aber achte den Täter.“ Vor der Tat war es das Credo der Figur. Nach der Tat ist für die Figur dieser Satz nicht mehr denkbar.

Anm. d. Red.: Wegen der wissenschaftlich belegten Nachahmerquote nach Selbsttötungen berichten wir in der Regel nicht über Suizide oder Suizidversuche, außer sie erfahren durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie sich selbst betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte die Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800 / 1110111 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die Ihnen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.