Menstruationstassen für den guten Zweck: Ruth Asan von „Ruby Cup“ im Interview

In vielen afrikanischen Ländern gilt die weibliche Periode als unrein, weshalb Frauen oft keinen Zugang zu Hygieneartikeln haben. Ruth Asan lebt in Nairobi und verteilt dort für das Social Start-up Ruby Cup Menstruationstassen. Die Würzburgerin im Interview.

Close-up-Foto von zwei Frauen in Nairobi, die Menstruationstassen von Ruby Cup halten

Kleiner Becher, große Wirkung: Wiederverwendbare Menstruationstassen helfen jungen Frauen in Kenia dabei, ihre Periode sicher und hygienisch aufzufangen. DONNA Online traf Ruth Asan vom Social Start-up „Ruby Cup“ zum Interview.

Menstruationstassen sind für viele deutsche Frauen eine umweltfreundliche Alternative zu Binden und Tampons geworden. Die kleinen Silikonbecher, die die Regelblutung auffangen, können wiederverwendet werden und sind daher günstiger und nachhaltiger als herkömmliche Hygieneprodukte. Gleichzeitig können Frauen sich mit dem Kauf einer Menstruationskappe für den guten Zweck engagieren: Das Social Start-up „Ruby Cup“ etwa spendet für jedes verkaufte Produkt in Europa eine Menstruationstasse an eine junge Frau in Kenia. Frauen wie Ruth Asan, die in Nairobi lebt, verteilen die Menstruationstassen vor Ort und klären junge Kenianerinnen zugleich über die Periode und notwendige Hygienemaßnahmen auf. DONNA Online traf die Würzburgerin zum Interview.

DONNA Online: Sie leben seit 2015 in Nairobi und unterstützen dort Social Start-ups wie „Ruby Cup“. Können Sie uns kurz erklären, wie genau Sie den Menschen vor Ort helfen?
Ruth Asan: Ruby Cup ist ein Social Start-up, das Menstruationstassen herstellt. Besonders ist dabei, dass dieses Unternehmen ein „Buy One, Give One“-Programm hat. Das bedeutet, dass für jede Tasse die gekauft wird, eine weitere Tasse gespendet wird. Diese Spende geht an ein Mädchen in afrikanischen Ländern wie Kenia, wo es ein großes Problem ist, dass Frauen keinen Zugang zu Periodenprodukten haben. Viele Mädchen müssen hier von der Schule abgehen, weil sie nicht die nötigen Produkte haben und deshalb während ihrer Periode nicht das Haus verlassen können.

Außerdem arbeitet Ruby Cup mit Partnerinnen hier vor Ort, die die Tassen verteilen und den Mädchen wichtige Informationen zur Monatsblutung und zu ihrer eigenen Biologie mitteilen, über die sonst eher geschwiegen wird. Ich arbeite hier in Kenia mit Ruby Cup zusammen, führe Interviews und schreibe Blogbeiträge. So war ich zum Beispiel dabei, wie im Westen Kenias die Tassen an Schulmädchen verteilt wurden, und habe darüber berichtet. Neben Ruby Cup arbeite ich auch noch mit dem Goethe-Institut zusammen und habe außerdem das Women Empowerment-Programm SaWA mitgegründet.

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Was haben Sie vor Ihrem Engagement in Nairobi gemacht? Und wie kamen Sie zu Ihrem derzeitigen Einsatz?
Bevor ich nach Nairobi gezogen bin, habe ich in Berlin studiert. Neben dem Studium habe ich aber schon immer gearbeitet, unter anderem im Bereich Gleichstellung, aber auch für Filmproduktionen, in Pressestellen und an einem hochtechnologischen Fraunhofer Institut. Mein Lebenslauf ist ein bisschen wie ein „Flickenteppich“ – mal hier, mal da. Ich wollte immer alles ausprobieren, was ich irgendwie spannend fand, und was im weitesten Sinne „weltverbesserisch“ war. Nach Nairobi bin ich zufällig über ein Praktikum im Bereich Umwelt bei der GIZ, der deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit gekommen. Nach drei Monaten war das Praktikum vorbei, aber ich hatte noch nicht das Gefühl, mit Kenia abschließen zu können. Und zweieinhalb Jahre später bin ich immer noch hier…  

Für Frauen in Deutschland ist es normal, Zugang zu Hygieneartikeln zu haben. Wie sieht die Lage in Kenia aus?
Viele Frauen können sich hier eine Packung Binden für umgerechnet 80 Cent nicht leisten. Sie greifen deshalb auf Lumpen, Ziegenhaut, Lehm, Sand, Matratzenfüllung zurück. Wir können uns das nur schwer vorstellen, aber das ist hier die Lebensrealität für einen großen Anteil der Bevölkerung.

Welche Folgen hat die mangelnde Aufklärung über Frauenhygiene und die Menstruation?
Das Tabu, mit dem das Thema Menstruation hier belastet ist, führt dazu, dass kulturelle Praktiken aufrecht erhalten werden, die in höchstem Maße schädlich für Frauen sind. So werden in manchen Stammeskulturen menstruierende Frauen und Mädchen von der Familie isoliert, weil sie als unrein gelten. Es bestehen auch viele falsche Vorstellungen von Jungfräulichkeit und was es bedeutet, etwas in die Vagina einzuführen. Selbst Lehrerinnen oder Väter haben häufig merkwürdige Vorurteile, zum Beispiel, dass Menstruationstassen stimulierende „Sexspielzeuge“ seien. Daher ist die Aufklärungsarbeit von Ruby Cup und anderen Social Enterprises und NGOs sehr wichtig.

Wie würden Sie allgemein die Rolle der Frau vor Ort beschreiben?
Das kann man so pauschal wirklich nicht sagen, da es in Kenia über 40 verschiedene Stämme mit einer großen kulturellen Vielfalt gibt. Auch der Unterschied zwischen der Landbevölkerung (die etwa 75 Prozent ausmacht) und den Menschen in Städten wie Nairobi oder Mombasa ist riesig. Generell sollen Mann und Frau laut Verfassung gleichgestellt sein, gleichzeitig haben aber meiner Meinung nach widersprüchliche Bräuche Bestand wie die gesetzlich erlaubte Vielehe zwischen einem Mann und mehreren Frauen.

Porträtbild von Ruth Asan, Mitarbeiterin des Social Start-ups Ruby Cup in Kenia

Die Würzburgerin Ruth Asan lebt und arbeitet seit 2015 in Nairobi.

Bemerken Sie bereits eine Verbesserung der Aufklärungslage zur Monatsblutung seit Sie nach Nairobi gekommen sind?
Ich kann definitiv sehen, dass in den Regionen, in denen Ruby Cup aktiv ist, die Gespräche um das Thema wesentlich offener sind. Die Mädchen, an die die Tassen verteilt werden, haben immer sehr viele Fragen, die die Trainerinnen beantworten können. Da zeigt sich dann häufig, wie wenig sexuelle Aufklärung es gibt in einem Alter, in dem viele Mädchen schon Sex haben. Und sogar Männer zeigen Interesse, im Gegensatz zum durchschnittlichen kenianischen Mann, der sofort angewidert abblockt, wenn es um das Thema Periode geht. 

Wie ist die Akzeptanz für „Ruby Cup“ und Ihre Arbeit? Stoßen Sie auch auf Ablehnung und Kritik von Einheimischen?
Es gibt anfänglich oft ein gewisses Stigma, vor allem wenn es um Jungfräulichkeit geht. Durch sorgfältige und empathische Aufklärungsarbeit, vor allem auch durch lokale Partnerorganisationen mit der nötigen kulturellen Sensibilität, können diese Bedenken aber meistens schnell zerstreut werden.

Auch hierzulande stehen viele Frauen Menstruationstassen mit einer gewissen Skepsis entgegen, etwa weil es unterwegs oder in der Arbeit doch eher schwieriger ist, die Tasse zu reinigen und zu leeren. Was halten Sie dem entgegen?
Ich benutze Ruby Cup auch selber und kann deshalb aus eigener Erfahrung sprechen: Weil die Tasse ein sehr viel höheres Fassungsvermögen hat als beispielsweise ein Tampon, muss sie nur etwa alle zehn bis zwölf Stunden geleert werden. Man (oder Frau) kommt also eher selten in die Verlegenheit, das unterwegs machen zu müssen. Wenn jemand eine sehr starke Blutung hat und es doch mal dazu kommt, kann die Tasse nach dem Ausleeren auch einfach mit Toilettenpapier abgewischt und wieder eingeführt werden. Mit ein bisschen Übung ist die Tasse nicht schwieriger anzuwenden als ein Tampon.

Menstruationstasse: Eine echte Alternative zu Tampons und Binden?
 
Was raten Sie Frauen, die den Einstieg in ein Ehrenamt wagen wollen? Wie finde ich die richtige Organisation, die zu mir passt?
Wer sich für eine gute Sache einsetzen will, kann sich folgende Gedanken machen: Was ist ein Thema, mit dem ich mich persönlich identifizieren kann? Und was wird meiner Meinung nach auf gesellschaftlicher oder globaler Ebene gebraucht? Organisationen, die sich mit Kinderrechten beschäftigen, sind zum Beispiel sehr attraktiv für viele Menschen. Aber auch der Einsatz für ein menschenwürdiges Leben im Alter ist unheimlich wichtig, wenn auch nicht so „sexy“, und liegt einem vielleicht näher. Wer sein Thema gefunden hat, kann sich gut online informieren und vor allem Beratungsgespräche mit interessanten Organisationen führen, entweder persönlich oder telefonisch, um herauszufinden, ob’s passt.