Starke Frauen im April

Auf fair produzierte Mode setzen, weniger Müll erzeugen, gleiches Recht für alle fordern – drei engagierte Vorbilder, die uns im April inspirieren.

Schriftstellerin Imke Müller-Hellmann vor einer sonnigen Gasse

Imke Müller-Hellmann steht das schwarze T-Shirt gut. Und sie weiß auch, wie und wo es produziert wurde. Darüber sollten wir alle besser Bescheid wissen, findet sie.

Story vom guten Kleid: Imke Müller-Hellmann

Tag für Tag nahm sie, ohne groß nachzudenken, ihre Lieblingskleidungsstücke aus dem Schrank: die Fleecejacke namens „Moon River Woman“ zum Beispiel, den Slip mit der Artikelbezeichnung „Claudia“ oder die Mütze „Mebu Beanie III“.

Bis der Schriftstellerin Imke Müller-Hellmann eines Morgens beim Marmeladentoast durch den Kopf schoss: „Wer sind die Menschen, die meine Kleidung hergestellt haben? Und was würden sie über ihr Leben erzählen?“ Die Bremerin recherchierte schnell entschlossen die Herkunft der Teile – und fuhr los. Auf die Schwäbische Alb, nach Thüringen, Portugal, China, Vietnam.

Sie lernte Näherinnen, Spinnerinnen und Firmenchefs kennen, auf staubigen bengalischen Pisten oder in fernöstlichen Industrie-Gegenden. Ihr begegneten chinesische Wanderarbeiterinnen, die an einem Zwölf-Stunden-Tag ohne Pause 300 Boxershorts pro Stunde zusammenstichelten. Sie stieß auf verseuchte Flüsse in der Textilfabrikenhochburg Dhaka in Bangladesch. Über ihre Begegnungen mit den Lohnsklaven der Modeindustrie hat sie geschrieben.

Nachhaltig und fair: Diese deutschen Labels setzen auf grüne Mode

Obwohl sie von den krassen Bedingungen erschüttert war und zu vielen Arbeitsstätten keinen Zugang erhielt, ist „Leute machen Kleider“ (Osburg Verlag) ein höchst lesenswertes, mit feiner Feder geschriebenes Buch geworden. Über die „Moralschiene“ will die preisgekrönte Autorin nicht kommen: „Ich suche die Menschen hinter den Geschichten, nicht den Skandal.“

Wenn es mehr Bewusstsein für „diesen Profit-vor-Umwelt-Wahnsinn“ gäbe, so die 42-Jährige, wäre schon viel erreicht. Leider rette man die Welt nicht, „indem man etwa keine Lederschuhe mehr trägt“. Weil ein Boykott oft die Lebensgrundlage der Menschen dort zerstöre. Stattdessen: „Lieber Labels unterstützen, die wirklich fair arbeiten.“

Trotzdem hat die studierte Religionswissenschaftlerin, die auch als Jobcoach für Behinderte arbeitet, seit einem Jahr keine Klamotten mehr gekauft. Ganz einfach, weil sie seit dem Buchprojekt gar keine Zeit mehr für einen Stadtbummel hat.

Julia Post, Gründerin von "Coffee To Go Again"

Julia Post liebt Kaffee, aber keine Wegwerfbecher. Mit einer großen Kampagne hat sie ihnen erfolgreich den Kampf erklärt.

Nette Tasse, schlechter Becher: Julia Post

Ganze 2,8 Milliarden Einweg-Kaffeebecher landen jedes Jahr in Deutschland im Müll. Anders gesagt: In nur einer Stunde werfen Kaffeetrinker hierzulande 320 000 kunststoffbeschichtete Pappbecher für ihren geliebten „Coffee to go“ weg. Eine Unmenge. Für die Münchnerin Julia Post, 28, war es eine Zahl, die sie „fassungslos“ machte: „So schlittern wir sehenden Auges in die Umweltkatastrophe.“

Die studierte Politikwissenschaftlerin beschloss deshalb vor drei Jahren nicht nur, stets mit eigenem Porzellanbecher in Coffee-Shops zu marschieren – sondern gründete ihr Projekt „Coffee To Go Again“. Das simple Konzept: Cafés oder Kioske kleben einen von Julia Post entworfenen Sticker an ihre Tür. Für Kunden das Zeichen, dass sie hier ihren Kaffee in mitgebrachte Mehrwegbecher einschenken lassen können.

500 Läden machen inzwischen mit, von München bis Berlin, aber auch Shops in Österreich und Holland. Post, die sich ehrenamtlich bei den Grünen engagiert, tourt seither emsig durchs Land, hält Vorträge und leitet Workshops zu bewusstem Konsum, Nachhaltigkeit und klimaschädlichem Produktionsunfug.

Der Erfolg ihrer Initiative „Coffee To Go Again“ machte ihr „viel Mut“, bescherte aber auch hohe Kosten für Porto, Sticker oder Flyer. Eine Crowdfunding-Aktion im Sommer 2016 brachte der Münchnerin etliche Tausend Euro ein. Seither schrieb sie ein Buch, dessen Titel auch ihr Motto ist: „Besser machen statt besser wissen“. Post, die sich als „Political Entrepreneur“ versteht, ist mit dem Erreichten keineswegs zufrieden. Die Besteuerung von Einweg-Geschirr ist zum Beispiel eines ihrer nächsten Anliegen. Ob sie sich irgendwann einen Job als Berufspolitikerin vorstellen kann? Für die Umweltkämpferin nur „eine von vielen Möglichkeiten“ Hauptsache sei für sie, „mich gesellschaftlich einzubringen“. Es sei nun an der „Zeit für Revolutionen“.

Juristin Dana-Sophia Valentiner mit Brille vor einer Ziegelsteinmauer

Dana-Sophia Valentiner kritisiert das einseitige Frauenbild im Jura-Studium.

Recht für Frauen: Dana-Sophia Valentiner

Da war die Geschichte mit den rosa Koffern im zweiten Jura-Semester: Das Thema Schuldrecht wurde über Wochen am Beispiel einer Frau behandelt, die sich Gepäckstücke in der Barbie-Farbe gekauft hatte, so in die Schuldenfalle stolperte und sich auch sonst ziemlich töricht verhielt. Der Professor und männliche Studenten hatten ihren Spaß, nur Dana-Sophia Valentiner, 28, wunderte sich.

Eindimensionale oder gar sexistische Frauenbilder begegneten ihr indes noch häufig während des Studiums. So waren Protagonistinnen in Übungsfällen meist Hausfrauen, Geliebte oder Verkäuferinnen oder traten, wenn in Chefpositionen, gern als Leiterin eines Schönheitssalons auf. Der Verdruss steigerte sich, als ein Prüfer sie vor dem mündlichen Examen aufmunterte: „Machen Sie sich keine Sorgen – ziehen Sie einfach einen kurzen Rock an!“

Die Mitarbeiterin am Jura-Lehrstuhl der Helmut-Schmidt-Uni in Hamburg initiierte deshalb jüngst eine Studie, die belegt: Das Frauenbild in der Rechtslehre liegt ziemlich im Argen. Frauen würden „als ganz schön dumm dargestellt“. Die Studie schlug positive Wellen. Valentiner, die ihre Doktorarbeit über soziales Recht vorbereitet, sich ehrenamtlich bei Terre de Femmes engagiert, in ihrer Freizeit Rock ’n’ Roll tanzt und angelt, erfuhr zwar auch Kritik. Doch die Hanseatin meint nachsichtig: Für manchen Juristen werde es mit dem „veränderten Bewusstsein halt noch ein bisschen dauern“.

Autorin: Marika Schärtl