4 Freundinnen, 1 Boot: Diese Frauen ruderten über den Atlantik

An einem weinseligen Abend fassten vier Britinnen einen Plan: gemeinsam mit einem Ruderboot den Atlantik überqueren. In „Vier Freundinnen, ein Boot“ berichten sie von ihren Erfahrungen auf hoher See und wie es war, ihr Leben nach jahrelangem Einsatz für Job und Familie komplett umzukrempeln. DONNA Online stellt eine Leseprobe aus dem Buch vor.

Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg auf ihrem Boot „Rose“ vor ihrer Teilnahme an der „Talisker Whisky Atlantic Challenge“

Auf Hochseekurs: Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg auf ihrem Ruderboot „Rose“ vor Beginn ihrer Atlantik-Überquerung.

Sich auf dem Altbewährten, Vertrauten auszuruhen und ein entspanntes Alltagsleben führen zu können, ist schön – und doch nicht für jeden Menschen ein zufriedenstellender Zustand. Das bemerkten auch vier britische Freundinnen, die mit 40plus, festen Jobs und Familien ein Abenteuer auf hoher See wagten: Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg meldeten sich für die „Talisker Whisky Atlantic Challenge“ an und überquerten in einem Ruderboot den Atlantik. Wie es ihnen dabei ohne jegliche Hochseeerfahrung erging und wie es sich anfühlte, die Sicherheit daheim für ein ungewöhnliches Wagnis aufzugeben, berichten die vier Frauen in „Vier Freundinnen, ein Boot“. DONNA Online gibt mit einer Leseprobe einen ersten Vorgeschmack auf das Buch:

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Leseprobe zum Buch „Vier Freundinnen, ein Boot“ von Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg

Kapitel 1, La Gomera

„Du kannst den Ozean nicht überqueren, wenn du nicht den Mut hast, die Küste hinter dir zu lassen.“ –  Christoph Kolumbus

30. November 2015, Marina La Gomera, San Sebastián, La Gomera

„Das“, sagte Frances und schüttelte langsam den Kopf, während sie auf die Wellen starrte, die unter uns an die Kaimauer krachten, „ist kein Seegang für Einsteiger.“ Wir – Janette, Helen und Niki –, die neben ihr auf das stürmische Meer vor der Marina in San Sebastián hinaussahen, konnten ihr nur zustimmen. Die Wellen türmten sich haushoch, und die Strecke, die wir rudern wollten, war beträchtlich. Wer um alles in der Welt war auf diese Schnapsidee gekommen? Gemeinsam würden wir vier Ehemänner, acht Kinder, fünf Hunde, zwei Katzen, zwei Schlangen und eine Rennmaus zurücklassen, um dreitausend Meilen, etwa fünftausendfünfhundert Kilometer, über eines der gefährlichsten Meere der Welt zu rudern. Angeblich haben es mehr Menschen geschafft, ins All zu reisen oder den Mount Everest zu besteigen, als den Atlantik in einem Ruderboot zu überqueren. Und keiner von denen war eine berufstätige Mutter mittleren Alters aus Yorkshire, jenseits der vierzig (oder fünfzig), die kaum – beziehungsweise keinerlei – sportliche Leistungen vorweisen konnte.

Tatsächlich befand sich unter uns vier Frauen nicht eine Olympionikin, Extremsportlerin oder Ausdauerfanatikerin. Keine von uns war zum Pol marschiert, hatte an felsiger Bergflanke biwakiert oder in einer Höhle überlebt, in der es nichts als Regenwasser zu trinken gab und allenfalls ein kleines Nagetier zur Gesellschaft vorbeikam. Allerdings waren wir auch keine völlig untrainierten Fitnessmuffel. Frances war den Küstenmarathon von Nairn nach Glen Coe gelaufen, und Janette hatte einmal an einem Fünf-Kilometer-Volkslauf durch den Park von Castle Howard teilgenommen. Wir waren vier ganz normale Mütter, die sich bei den täglichen Autofahrten zur Schule ihrer Kinder kennengelernt und beschlossen hatten, einen Ozean im Ruderboot zu überqueren.

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Als wir jetzt hier standen, erschien uns der Entschluss, uns zu einem der härtesten Ruderrennen der Welt, der Talisker Whisky Atlantic Challenge, anzumelden, wie heller Wahnsinn. Nachdem wir uns nach einigen Gläsern Pinot zu viel an einem kalten Winterabend im Januar 2013 dazu entschieden hatten, hatten wir beinahe drei Jahre lang geschuftet, um diesen Tag zu erreichen, und uns dabei stets versichert, dies sei die Aufgabe, die uns am meisten abverlangen würde, das Schwerste am ganzen Rennen: es überhaupt bis zum Start auf den Kanarischen Inseln zu schaffen. Und wir hatten es geschafft. Wir hatten den schwierigen Teil absolviert. Wir hatten das nötige Geld zusammenbekommen, genug Sponsoren gewonnen und genug Leute davon überzeugt, dass wir ernst zu nehmen waren und ihrer Unterstützung würdig.

Aber jetzt sahen wir uns dieser brodelnden Masse von Strömungen und Strudeln gegenüber, die von orkanartigen Winden zu Wellen mit bis zu zwanzig Meter Höhe aufgepeitscht wurde, ganz zu schweigen von den gigantischen Tankern, die unser kleines Ruderboot jederzeit unter sich begraben konnten. Und natürlich kamen wir nicht umhin, an die Haie, Wale und Speerfische zu denken, von denen man wusste, dass sie mitten in der Nacht Bootsrümpfe durchbohren konnten, an die sengende Sonne, den peitschenden Regen, die Verletzungen und den mörderischen Muskelkater, die Erschöpfung und das endlose, endlose Rudern.

Wir wollten einen Zwei-Stunden-Takt einhalten – essen, schlafen, rudern und wieder von vorn – und würden das unserer Schätzung nach mindestens fünfzig Tage, vielleicht auch eine Spur länger durchziehen müssen. Unbedingt würden wir da die Notflasche Mango-Gin brauchen, die wir im Boot zu bunkern gedachten. „Wird schon klappen“, sagte Helen mit einem mühsamen Lachen und einem übertriebenen Schulterzucken in genau dem Moment, als wieder eine Riesenwelle gegen die Felsen unter uns krachte. „Wir wissen, dass wir es nach Antigua schaffen werden.“ „Wir müssen nur alle positiv denken“, sagte Niki. „Unser Team ist so stark wie jedes seiner Mitglieder. Jedes Mitglied ist so stark wie unser Team“, zitierte Janette aus unseren „Grundregeln an Bord“, die sie uns viele Meilen entfernt, in Yorkshire, zur Lektüre und Zustimmung vorgelegt hatte.

„Jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich im Negativen zu verlieren“

In Wahrheit wussten wir alle, es war leicht möglich, dass wir es nicht auf die andere Seite schafften. Aber jetzt war nicht der Zeitpunkt, sich im Negativen zu verlieren. Das hier würde uns alle verändern. Wir hatten uns nicht auf dieses Abenteuer eingelassen, um dem Leben den Rücken zu kehren, sondern um es am Schopf zu packen. Und jetzt war es so weit. Die Sonne brannte herab, Salzluft stieg uns in die Nasen; Helen brach schließlich das Schweigen. „Und dass mir keine weint“, sagte sie energisch.

Wir waren am letzten Novembertag 2015 in La Gomera angekommen, zwei Wochen vor dem Start der Talisker Whisky Atlantic Challenge. Zu viert wollten wir von unserem Ausgangspunkt auf den Kanarischen Inseln nach Antigua rudern, einer Insel der Kleinen Antillen. Man hatte uns gesagt, die Vorbereitung sei das Wichtigste am ganzen Rennen, deshalb hatten wir dafür gesorgt, dass wir frühzeitig genug auf den Kanaren eintrafen, um alles Nötige erledigen und organisieren zu können. Außerdem wollten wir sicher sein, dass die wenigen Geschäfte auf der kleinen vulkanischen Insel bei unserer Ankunft nicht schon geplündert waren, sondern noch vorrätig hatten, was wir an Proviant brauchten.

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BBC Breakfast wollte unsere Abreise aus England filmen, den Abschied am Flughafen von Manchester von allen, die uns gefördert hatten: Freunde (massenhaft Freunde), Familie (massenhaft Familie) und Unterstützer. Sechsundzwanzig Teams peilten in diesem Jahr die Atlantiküberquerung im Rahmen der Talisker Atlantic Challenge an, und ausgerechnet über uns – die Yorkshire Rows – wollte die BBC berichten. Wir waren natürlich Feuer und Flamme, da wir möglichst viel Aufmerksamkeit und Geld für die Wohltätigkeitsorganisationen herausschlagen wollten, die wir unterstützen: Maggie’s Cancer Caring Trust und Yorkshire Air Ambulance. Die Fernsehkameras surrten, während wir mit unserem Verabschiedungskomitee am Flugsteig nach Teneriffa neben unzähligen Koffern standen, die bis obenhin voll waren mit zahlreichen Beuteln Brasilnüssen, Schlechtwetterausrüstung, einer Wasserpumpe und Spezialunterhosen, die angeblich nicht scheuerten. Wir konnten nur hoffen, dass man uns kein Übergewicht berechnen würde.

Plötzlich kam der ehemalige Olympiasieger im Rudern, James Cracknell, auf uns zu, ein gut gebauter Prachtkerl, der einige Jahre zuvor gemeinsam mit dem Fernsehmoderator Ben Fogle bei diesem härtesten Ozeanrennen der Welt den zweiten Platz belegt hatte. Die BBC hatte uns diese Sportskanone als Überraschungsgast geschickt, damit er uns zum Abschied ein paar Weisheiten mit auf den Weg gab. Unglücklicherweise hatte uns niemand etwas davon gesagt. Mitten im Abschiedsgetümmel versuchte Janette, ihn zu verscheuchen. „Pscht“, warnte sie mit erhobenem Zeigefinger. „Hier wird gerade gefilmt.“ „Aber – “, begann James verdutzt. „Sehen Sie denn die Kameras nicht?“ Janette hielt den gut aussehenden Ruderer, den sie nicht erkannte, für einen Konkurrenten. „Sie sind mitten in die Aufnahmen hineingeplatzt.“ Sie blinzelte ins Licht. „Könnten Sie einfach still sein, bis wir hier fertig sind.“ „Ich wollte nur – “, versuchte es der knackige Cracknell noch einmal, woraufhin sie ihm mit einem neuerlichen „Pscht“ das Wort abschnitt.

Erst nachdem man ihr den vermeintlichen Störenfried vorgestellt und sie sich mit rotem Kopf tausendmal entschuldigt hatte, konnte James endlich vor die Kamera treten und seine Schlussworte loswerden, die da lauteten, dass wir uns unterwegs einen Tag hassen und den nächsten lieben würden, bis der Ozean schließlich überquert war. Er prophezeite uns Blasen an Körperstellen, an denen wir sie nie für möglich gehalten hätten, und fügte hinzu, er sei überzeugt, dass wir durchhalten würden, da ja jede von uns schon eine weit härtere Prüfung bestanden hatte: Schwangerschaft und Geburt. Beschwingt von diesen letzten ermutigenden Worten traten wir den Flug an – unsere Spezialunterhosen ohne Zusatzkosten wohlbehalten in der Maschine.

Auf unserem langen Weg zu den Kanaren hatten wir nicht nur große Unterstützung von unseren Familien erhalten, sondern immer wieder auch von vielen anderen unglaublich großzügigen Menschen. Einer von ihnen war der 88-jährige Ron, ein Fuhrunternehmer aus Halifax in Yorkshire, der auf Teneriffa eine Wohnung besaß. Er hatte in der Yorkshire Post von uns gelesen und bot uns über unsere Spendenwebseite seine Dienste als persönlicher Betreuer an. Da wir ihn nie kennengelernt hatten, wussten wir natürlich nicht, was uns erwartete, als der freundliche kleine ältere Herr uns am Flughafen in Empfang nahm. Nicht nur gelang es ihm, unser umfangreiches und schweres Gepäck in seinem Wagen zu verstauen, er lud uns auch zum Mittagessen in Santa Cruz ein, bevor er uns an der Fähre absetzte, die uns nach La Gomera bringen sollte.

„Sobald wir die große Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatte, brach der Lärm über uns herein“

Keine Stunde später empfing uns der geschäftige Jachthafen von San Sebastián. Wir meldeten uns bei der Rennzentrale an und erhielten unsere Zugangsausweise für den Hafen. Sobald wir die große Sicherheitsschleuse am Eingang passiert hatten, brach der Lärm über uns herein: Stimmengewirr von allen Seiten, Rufe, Lachen, die durchdringenden Geräusche von Sägen, Schneidbrennern und Hämmern. Überall wurde gearbeitet. „Flattern außer mir noch jemandem die Nerven?“, fragte Niki. „Ich kann’s nicht fassen, dass wir tatsächlich hier sind“, sagte Helen. „Und ich kann’s nicht fassen, dass wir so weit gekommen sind“, fügte Janette hinzu. „Endlich“, sagte Frances lächelnd.

Auf dem Kai wimmelte es von Ruderern, die Boote lagen dicht an dicht. Die Mannschaften kamen aus der ganzen Welt: Zweierteams, Soloruderer und Viererteams wie wir. Insgesamt waren es sechsundzwanzig Mannschaften, die in Vorbereitung auf das Rennen die Anleger hinauf und hinunter liefen. Berge von Ausrüstungsgegenständen, Taue, Eimer, Taschen voller Krimskrams, Wasserpumpen, Treibanker, Funkgeräte, Leuchtgeschosse und Notfallkoffer warteten auf den Holzplanken in mehr oder weniger geordnetem Chaos auf die Inspektion durch die Rennleitung, von der jedes einzelne Ding ebenso akribisch unter die Lupe genommen werden würde wie die Fertigkeit der Wettbewerbsteilnehmer im Umgang damit. Die Inspektion ist nicht nur eine Bestandsaufnahme, es ist auch eine Prüfung, ob das Boot und seine Insassen wirklich seetüchtig sind. Wer bei dieser Prüfung durchfällt, wird für das Rennen gesperrt.

Irgendwo in diesem ganzen Durcheinander wartete die Rose – unser schönes hochseetaugliches Rennruderboot –, acht Meter lang und anderthalb Meter breit, strahlend weiß. Das Boot war die Fünfte im Bunde. Wir hatten solche Sehnsucht nach ihr, dass wir uns kurzerhand durch das Getümmel drängten und nach ihr suchten. Sie fehlte uns, seit sie vor zwei Monaten auf ein Frachtschiff Richtung Süden verladen worden war. Endlich entdeckten wir sie, blendend weiß und schnittig, mit einer neuen Glidecoat-Beschichtung versehen, damit sie möglichst ungebremst durch das Wasser des Atlantiks schnellen würde. Sie lag neben dem knallgrünen Boot der einzigen anderen reinen Frauenmannschaft – Row Like a Girl. 

Wir kletterten sofort hinein und untersuchten sie wie besorgte Eltern von vorn bis hinten nach Stoß- oder Schlagverletzungen, die sie sich auf der Reise zugezogen haben könnte. Zum Glück fehlte ihr nichts, ja, im Vergleich zu vielen anderen Booten im Hafen sah sie fantastisch aus. „Ich will ja nicht gemein sein“, flüsterte Helen, deren Blick die Reihe der Boote hinauf und hinunter wanderte, „aber mit der Rose kann’s keines der anderen Boote aufnehmen.“ „Da ist was dran“, bestätigte Niki, die auch an Deck war. „Die Rose ist eines der moderneren Boote hier.“

Was die Boote voneinander unterschied, waren nicht nur Größe und Alter, sondern auch die kleinen Extras, mit denen die verschiedenen Mannschaften sie ausgestattet hatten. Während wir die Anleger entlangspazierten und uns mit den anderen Mannschaften bekannt machten, stellten wir fest, dass viele von ihnen ihre Boote aufgepeppt hatten. „Die Antiguaner haben ein kleines Kochgerät“, sagte Janette. „Sie haben einen der Rollsitze rausgenommen und es dazwischen installiert.“ „Und Angeln haben sie auch“, ergänzte Niki. „Anscheinend wollen sie sich bis drüben mit Fischen durchschlagen.“ „Mit Fischen?“, fragte Helen. „Sie kommen an, wann immer sie ankommen – haben sie jedenfalls gesagt“, erklärte Niki total perplex. „Das Beyond-Team hat ganze Kanister voll Olivenöl zum Trinken geladen“, bemerkte Frances. „Kriegt man davon nicht Durchfall?“, fragte Helen. „Und die von der Ocean Reunion haben massenhaft Erdnussbutter mit.“

Während wir von Boot zu Boot gingen und uns umhörten, kamen uns allmählich ernste Zweifel an der Art unserer Vorbereitung. Brauchten wir ein kleines Kochgerät? Sollten wir unterwegs angeln? Erdnussbutter essen und mit Olivenöl nachspülen? Was hatten wir hier zu suchen? Wir gehörten nicht hierher, in diese Gruppe von Extremsportlern. Wir waren vier brave Mamas aus Yorkshire, die von Tuten und Blasen keine Ahnung hatten. „Es reicht!“, sagte Frances energisch. „Wir haben unsere Entscheidung getroffen, und jetzt sind wir hier. Packen wir’s an.“ 

Wegen der außergewöhnlichen Ansammlung von Ruderern, Helfern und Organisatoren waren auf der kleinen Insel die Übernachtungsmöglichkeiten knapp. Zum Glück waren Janette und ihr Mann Ben im Jahr zuvor schon einmal als Spähtrupp vorausgefahren und hatten diverse Restaurants ausprobiert und sogar ein paar Kneipen aufgespürt. Mehr noch, sie hatten ein feudales Fünfsternehotel hoch oben am Berg aufgetan, das sie als Quartier geeignet fanden. Frances hatte jedoch andere Vorstellungen gehabt und uns schließlich in einer weniger vornehmen, dafür aber weit praktischeren kleinen Wohnung untergebracht, in der wir hausen konnten, bis unsere Familien eintrafen, um uns mit ihren guten Wünschen ins Rennen zu schicken.

Ein Immobilienmakler hätte die Wohnung im ersten Stock vermutlich als „originell“ angepriesen. Helen sprach euphemistisch von „spanischem Charme“, aber sie hatte sich ja auch das beste Schlafzimmer gesichert – oder vielleicht sollte man sagen, das einzige Schlafzimmer. Es lag, mit einem Doppelbett und einem großen Kleiderschrank ausgestattet, gleich neben dem Badezimmer. Janette landete auf der Bettcouch im Wohnzimmer, Frances und Niki mussten in der „Mansarde“ nächtigen – einem Zwischengeschoss, das den Elementen ungeschützt preisgegeben war. Sie mussten in Eimer pinkeln (sehr zum Amüsement der Nachbarn), da ein Abstieg über die wacklige Leiter mitten in der Nacht erhebliche Verletzungsgefahr mit sich gebracht hätte. Und Verletzungen konnten wir uns nicht leisten. Gerade jetzt nicht, da wir nach all der Plackerei dem eigentlichen Rennen so nahe waren.

An unserem ersten Abend hielten wir eine Besprechung ab, um zu entscheiden, was wir an Ausrüstung mitnehmen wollten. Je mehr, desto größer die Last im Boot und desto mühsamer das Vorankommen. Es lag in unserem eigenen Interesse, uns auf ein Minimum zu beschränken. Einige wesentliche Dinge wie das Ersatzruder und der handbetriebene Seewasseraufbereiter mussten mit; Helens Haarglätter und die Familienpackung Glitzerduschgel hingegen würden im Koffer ihres Mannes wieder nach Hause reisen müssen. Sie waren allenfalls auf La Gomera unverzichtbar. Wie auch, so schien es, unsere Spezialunterhosen. „Wir brauchen im Grund jeder nur zwei“, erklärte Janette. „Zwei?“, fragte Niki. Janette nickte. „Irgendwo müssen wir anfangen, warum nicht mit den Unterhosen. Wir werden sie sowieso nicht alle tragen.“ „Warum nur zwei?“, fragte Helen. „Wegen des Gewichts.“ „Unterhosen wiegen kaum was.“ „Ich weiß, aber mit all dem anderen Zeug, das ihr mitnehmen wollt, ist das Boot am Ende so schwer, dass wir’s nicht mehr rudern können.“ „Es gibt weiß Gott größere und schwerere Sachen, über die wir uns unterhalten sollten. Zum Beispiel über die ‚kleinen Zwischenmahlzeiten’.“ Niki zuckte zusammen.

Im Lauf der langen Vorbereitung auf das Rennen waren jeder von uns irgendwann bestimmte Rollen oder Aufgaben zugeteilt worden. Niki war für die abgepackten Zwischenmahlzeiten zuständig. Das war eine der vielen Aufgaben, für die sie bestens geeignet war. Sie isst gern, auch wenn sie schlank ist wie eine Tanne, und wenn sie gerade nicht isst, denkt sie häufig darüber nach, was ihr als Nächstes schmecken könnte. Ganz logisch also, dass ihr die Verantwortung für die Ernährung übertragen wurde.

Ausreichende Energiezufuhr ist bei einem so anstrengenden Mammutrennen selbstverständlich lebenswichtig, und Niki hatte sich ihrer Mission mit der Gründlichkeit gewidmet, mit der sie auch alles andere im Leben angeht. Die Rennregeln schrieben Bordvorräte von sechzig Tagesrationen pro Person vor, und wenn wir davon ausgingen, dass jede von uns tausend bis sechstausend Kalorien am Tag verbrannte, brauchten wir natürlich regelmäßig energiereiche Mahlzeiten und reichlich kleine Imbisse zwischendurch. Da uns nach allgemeiner Aussage die hochkalorische Kost bald derart anöden würde, dass uns alle Lust zu essen verginge, waren die Zwischenmahlzeiten mehr als reiner Gaumenkitzel: Sie würden uns in einer besonders langen Nacht draußen auf See oder in einem Moment der Niedergeschlagenheit und Verzweiflung bei Kräften und so letztendlich am Leben halten. Niki hatte alle Eventualitäten und Szenarien recherchiert. Sie war durchgegangen, was wir mitnehmen sollten und was sich unter den Einwirkungen von Hitze, Salz und Feuchtigkeit am besten halten würde. Sie hatte sich nach unseren Lieblingsspeisen erkundigt und gefragt, was wir bei einem Sturm von Stärke 8 unserer Meinung nach noch hinunterbringen würden. Leider hatte sich keine von uns wirklich mit den Fragen beschäftigt, die Niki uns per E-Mail zugesandt hatte. „Wir haben keine besonderen Wünsche“, hatten wir höflich erklärt. „Entscheide du.“ Eine Haltung, die wir noch bereuen sollten.

Diese und weitere Gedanken finden Sie im Buch „Vier Freundinnen, ein Boot“ von Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg

Buchcover von „Vier Freundinnen, ein Boot“, erschienen bei Malik Verlag

Der hier aufgeführte Textauszug ist dem Buch „Vier Freundinnen, ein Boot“ von Janette Benaddi, Helen Butters, Frances Davies und Niki Doeg entnommen, erschienen bei Malik Verlag, 22 Euro.