Ein Blick in die Zukunft

Fleisch aus dem Drucker, Käse aus Pflanzenzellen: Was essen wir morgen? 

Zwei Roboter am Tisch, die zusammen essen | © Getty Images/Westend61
© Getty Images/Westend61
Wie werden wir in der Zukunft essen und kochen?

Der Kühlschrank weiß, wann die Milch leer ist. Schneiden, rühren, kochen über nimmt eine Maschine. Apps wie „Whisk“ generieren aus Rezepten unsere Einkaufsliste. Die Pizza fliegt per Drohne ein, und im Restaurant serviert ein Android drei Gänge – das alles gibt es bereits. Nur, was kommt danach? Selbst Experten wie Food-Aktivist Hendrik Haase („Food Code. Wie wir in der digitalen Welt die Kontrolle über unser Essen behalten“, Kunstmann) staunen über die rasante Entwicklung: „Von der Landwirtschaft bis zum Supermarkt wird sich durch die Digitalisierung und künstliche Intelligenz viel verändern.“ Das hat Vorteile, aber ein paar Bedenken schaden auch nicht.

Protein-Boom

Darum geht’s: Food-Start-ups in Maastricht, Tel Aviv und im Silicon Valley züchten aus Proteinen Lebensmittel – von Fleisch bis Fisch, von Milchprodukten bis Ei. Das bringt’s: Proteine sind der Weg, die ständig wachsende Bevölkerung auch in 30 Jahren noch satt zu kriegen. 9,7 Milliarden Menschen wird es dann geben, so UN-Prognosen, die Ressourcen reichen nur für 3,4 Milliarden. Wir brauchen also neue Quellen – günstig, platzsparend und im großen Stil herstellbar. Proteine können entweder aus Pflanzen (z.B. aus Soja, Raps, Erbsen), Mikroorganismen (einzelligen Algen, Pilzen, Hefen) oder aus tierischen Zellen stammen und werden dann in Lebensmittel verwandelt, die aussehen und schmecken wie das Original.

So wahrscheinlich ist es: Während die Entwicklung pflanzenbasierter Produkte schon weit ist – Vorreiter war 2016 der Burger von Beyond Meat –, läuft die an Imitaten aus tierischen Zellen auf Hochtouren (siehe nächster Punkt). Prognosen gehen davon aus, dass in Europa und den USA der Fleischkonsum weiter zurückgeht und pflanzliche Alternativen gefragt sind. Die Ära der Proteine steht kurz bevor.

Lachs aus dem Reagenzglas

Darum geht’s: Ob man es Fleisch aus dem Labor, Clean Meat oder kultiviertes Fleisch nennt, die Idee ist, durch eine Biopsie Tieren Stammzellen zu entnehmen, die sich in Zellkultur immer wieder teilen und vermehren. Das Ergebnis ist Fleisch, für das kein Tier sterben muss.

Das bringt’s: Die Reproduktion von Rindfleisch ist nur der Anfang, weil die Haltung eine besonders schlechte Ökobilanz hat. An kultiviertem Hühnerfleisch, Fisch, Käse und Meeresfrüchten arbeiten zurzeit über 70 Unternehmen auf der Welt. Zusammengesetzte Produkte (Hackfleisch, Fischfrikadellen) sind leichter herzustellen und kommen als Erstes auf den Markt. „Steaks, Lachsfilet, Hühnerbrust etc. sind der nächste Schritt“, sagt die Berliner Future-Food-Expertin Denise Loga („Connect yourself!“, Books on Demand). Der Bedarf ist wegen überfischter Meere, wachsender Bevölkerung und des Trends zu tierfreier, klimaschonen - der Ernährung enorm.

So wahrscheinlich ist es: „Aus einer Zellentnahme kann man 80 000 Burger machen“, erklärt Denise Loga und hält das Prinzip „Aus wenig wird viel“ für erfolgversprechend, wenn auch erst in 20 Jahren für realistisch. Hendrik Haase plädiert lieber für eingeschränkten Fleischkonsum und artgerechte Tierhaltung. Kühe, da ist er sicher, werden wir auch 2050 noch auf Weiden sehen.

Cola & Co. werden gesund

Darum geht’s: Süßstoffe, die Zucker ersetzen, gibt es seit über 130 Jahren. Nur hatten die bislang schädliche Nebenwirkungen (Saccharin) oder einen störenden bitteren Nachgeschmack (z.B. Stevia). Wissenschaft und Getränkehersteller sind deshalb aus dem Häuschen, weil süße Proteine (z.B. Brazzein aus der afrikanischen Oublibeere) Zucker ersetzen und sogar computergestützt designt werden können.

Das bringt’s: Zucker ist verantwortlich für Übergewicht, Herzinfarkt, Diabetes, Krebs und Karies. Ein Ersatz könnte diese Krankheiten verhindern, Joghurt und Limonaden gesund machen und Transportwege und Kosten reduzieren.

So wahrscheinlich ist es: Bewusste Ernährung, nachhaltiger Lebensstil – das wollen immer mehr Menschen. Deshalb sind zuckerfreie Produkte mit vollem Geschmack begehrt. Brazzein wurde gerade zugelassen, noch in der Entwicklungsphase ist das neueste Zucker-Substitut: Das israelische Start-up Amai Proteins entwirft mithilfe einer speziellen Software Proteine, die bis zu 100 Prozent identisch mit natürlichen süßen sind, 16000-mal süßer als Zucker und „in den nächsten Jahren“ Konzernen für Eis, Joghurt und Limonaden zur Verfügung stehen.

Schatz, was soll ich uns heute drucken?

Darum geht’s: Strg + P – so geht das neue Kochen. Bioprinting nennt sich das Verfahren, bei dem Lebensmittel aus dem 3D-Drucker kommen, Pasten ersetzen die Tinte. Für die Küche zu Hause gibt es schon jetzt Schokoladenprinter (z.B. von Mycusini, 500 Euro), mit denen Hobby-Pâtissières komplizierte Pralinenformen oder Verzierungen für die Schwarzwälder Kirsch zaubern. Weingummi, Pfannkuchen, Pizza gedruckt statt gekocht – alles möglich. Aber das Thema der Zukunft: Fleisch aus dem Drucker.

Das bringt’s: Das eine sind die biochemischen Möglichkeiten, Zellen zu vermehren, das andere Form, Textur und Aussehen des fertigen Produkts. Um möglichst nah ans echte Vorbild heranzukommen, braucht man digitale Technik.

So wahrscheinlich ist es: Essen ist auch ein sinnliches Erlebnis. Ob vegane Fleischalternativen oder kultivierte tierische Zellen – man will Steaks oder Fischfilets, die nicht nur so schmecken, sondern auch so aussehen.

Wer’s ausprobieren will: Redefine Meat, ein israelisches Start-up, druckt vegane Steaks, die man im Restaurant „Orania“ in Berlin bestellen kann. Denise Loga schätzt, dass wir in 30 Jahren unser Fleisch zu Hause konfigurieren und in einer Art Copyshop ausdrucken lassen.

Energie-Magie

Darum geht’s: Sich von Luft und Liebe zu ernähren gelingt nur Frischverliebten. Und dem Finnen Pasi Vainikka. Der Wissenschaftler erzeugt aus Sonnenenergie und Kohlendioxid aus der Luft ein Protein und nennt es Solein.

Das bringt’s: „Food out of thin air“ ist das Motto des Start-ups Solar Foods, das Hunger und Klimakrise in den Griff kriegen will. Denn aus Solein lassen sich z.B. Nudeln, Joghurt und Fleischprodukte machen. Theoretisch. Die New York Times hat Solar Foods jedenfalls auf die Liste der innovativsten Unternehmen gesetzt.

So wahrscheinlich ist es: Im Gegensatz zur herkömmlichen Proteinproduktion wird nur ein Bruchteil des Wassers aus der Luft benötigt, um ein Kilo Solein zu produzieren. „Momentan ist es aber lediglich ein geschmackloses Pulver, von dem sich noch kein Mensch ernähren kann. Es muss noch Aromen und Form bekommen, damit es zur attraktiven Nahrung wird“, sagt Denise Loga.

Text: Petra Harms