Inspiration

Ordnung ins Leben bringen: Das große Ausmisten

Beine einer Frau in Unordnung. | © istock; Motortion
© istock; Motortion
Ausmisten kann befreiend wirken.

Sockenschubladen nach Farben sortieren – das kann inzwischen jeder. Aber in unserem Leben gibt es viel mehr, was gelüftet gehört, wie unsere Autoren wissen. Erstaunlich übrigens, wie leicht das oft geht. 5 DONNA-Autoren bringen Ordnung in ihr Leben.

Ausmisten: Zu viele Freunde?

Gut, da hat sich einiges aufgetürmt. Hunderte Facebook-Kontakte haben wir über die Jahre gesammelt, einen WhatsApp-Account voller Klassentreffen-, Skifahr-, Lauf- und Ausgeh-Buddys. Das Ergebnis ist ein Leben im Dauerchat, das Nähe suggeriert, aber eigentlich eher Unbehagen verursacht. Dennoch: Freunde ausmisten wie Altkleider, um Platz für neue schillernde Sozialkontakte im Leben zu schaffen? Wer so denkt, sieht Freunde als Ansteckbuttons, mit denen man sich schmückt. Aber irgendwo muss er ja herkommen, der Gedanke, Ordnung in den Bekanntenkreis bringen zu müssen. Denn insgeheim wissen wir: Die Zahl unserer wahren Freunde ist seit Jahren etwa gleich. Von fünf bis sieben Personen erwarten die Deutschen im Durchschnitt, dass sie nachts ans Telefon gehen, wenn man sie anruft. Außerdem verlaufen Freundschaften in Wellen, mal ist man sich nah, mal nicht so sehr.

Wer das akzeptiert, setzt das Haltbarkeitsdatum seiner Freundschaften auf unendlich. Gleichzeitig verabschieden sich die äußeren Ränder des Freundes- und Bekanntenkreises oft diskret, sie verblassen, liegen vielleicht auch ein wenig ungeklärt im Leben herum. Aber wir müssen sie nicht wegtragen, „für beendet erklären“, das nimmt die Möglichkeit, dass die Freundschaft doch wieder Fahrt aufnimmt. Und es ist auch verletzend: „Du, es läuft grad nicht so mit uns, hast du ja sicher auch gemerkt, lassen wir es einfach.“ Warum auch? Moderne Handys sind so ausgestattet, dass sie auch ein paar kaum noch genutzte Nummern speichern können. Es ist kein Defizit, sondern eine menschliche Qualität, sie auszuhalten.

Autorin: Annabel Dillig

Ausmisten: Berge von Zeitungen?

Vielleicht lag es am turbulenten Herbst, als sich die Nachrichten so überschlugen, dass bei mir im Flur ein erschreckend hoher Zeitungsstapel emporragte: Geschichten, Essays, wichtige Hintergrundinformationen (zu Trump, Brexit, Klima-Wandel, Feminismus, Terror usw.), die ich alle noch unbedingt lesen wollte. Es wurden immer mehr; und ich las immer weniger. Was auch wuchs, war das Gefühl, es nicht zu schaffen. Zu viele Informationen für eine Person. Eine Person übrigens, die das Haupteinkommen für die Familie verdient, zwei Söhne hat, gerne ins Kino geht und nebenher noch ein bisschen zu leben versucht. Aber nicht mehr lesen, auf dem Status quo eines in Jahrzehnten angeeigneten Halbwissens verharren? Kommt für mich nicht infrage. Auf Tagesschau, digitale News oder Boulevard umschalten? Keine Lösung: zu sehr Schlagzeile, zu sehr Panikmache. Mein Zeitungsstapel lähmte mich immer mehr. Ich ging in den Widerstand, ignorierte ihn. Dachte sehnsüchtig daran, dass Menschen vor 100 Jahren in ihrem ganzen Leben nicht erfahren haben, was allein an einem Tag in der New York Times steht.

Und dann kam die Lösung, quasi aus dem Nichts. Es gibt ja etwas zwischen Nichts-Lesen und den Riesenstapeln: ein wenig lesen! An einem Samstagmorgen beschloss ich also, einfach die drei, vier obersten Artikel samt Kaffee mit ins Bett zu nehmen. Es war toll: ein inspirierendes Interview mit Iris Berben, eine dramatische Geschichte über das große Baumfällen in Polen, einen hochseriösen Bericht darüber, wie man Erkältungen vermeidet und deshalb keine teuren Grippemittel zu kaufen braucht, und einen klugen Essay darüber, warum wir alle uns so schlecht von alten Gewohnheiten ablösen können. Genau damit hatte ich gerade begonnen. Ich las keine weitere Zeile! Und fühlte mich trotzdem klug – im Kleinen.

Autorin: Katja Nele Bode

Ausmisten: Alte Reise-Listen?

Als wir frisch verliebt waren, haben wir uns mal eine Liste mit den Orten gemacht, die wir zusammen bereisen wollten. Neuseeland stand darauf, Japan und Nepal. Dann fuhren wir das erste Mal gemeinsam nach Paris. Seitdem machen wir das jedes Jahr, mittlerweile seit zehn Jahren. Erst zu zweit, dann zu dritt, nun zu viert besuchen wir die Orte, die wir schon auswendig kennen. Die Bank im Jardin du Luxembourg unter dem riesigen Baum. Die Bäckerei, in der wir immer unsere Baguettes kaufen. Und das Café, in dem wir so gerne Orangenlimonade trinken – der Besitzer kannte unsere erste Tochter schon als Baby. Es ist wunderschön. Und doch puckert manchmal das Fernweh in mir. Verpassen wir nicht den Rest der Welt? Sollten wir es zur Abwechslung nicht mal wie unsere Freunde machen und jedes Jahr ein anderes Land erkunden?

Dann fällt mir ein, wie glückssatt wir uns fühlen, wenn wir durch diese Stadt spazieren, die uns so vertraut ist und uns doch immer wieder überrascht. Letztes Mal haben wir uns verlaufen und dabei das wahrscheinlich kleinste Café der Welt entdeckt, eine Bäckerei neben einem Spielplatz, in der man die göttlichsten Madeleines bekommt, und einen Garten in einem Hinterhof, den wir nur gefunden haben, weil wir seinem Duft nachgegangen sind. Da wusste ich, dass die richtige Frage nicht „Schon wieder Paris?“ lautet, sondern bloß: „Wann?“ Weil es nicht wichtig ist, wie viele Orte man in seinem Leben bereist, sondern nur, wie glücklich sie einen machen.

Autorin: Okka Rohd

Ausmisten: Das Handy?

Ich hänge an meinem Smartphone, vor allem an den Fotos. Zum Beispiel an dem aus der Wüste, das X. auf einem Kamel zeigt. Nicht im Bild, aber im Kopf: die Erleichterung – nach der Feindseligkeit, die wir gerade noch in der Stadt zwischen Demonstranten erlebt hatten, jetzt von freundlichen Arabern mit köstlichem Kaffee und Datteln empfangen zu werden. Es ist viel mehr als ein Foto, es ist eine Erfahrung. Und sind es nicht unsere Erfahrungen, die uns als Menschen definieren und auf die wir jederzeit Zugriff haben sollten? Andererseits wissen wir, dass uns digitale Abhängigkeit einsam macht, neidisch und unkonzentriert – und dass unsere Bereitschaft leidet, sich auf etwas einzulassen.

Ich hatte lange kein Smartphone aus Angst, keine Überraschungen mehr zu überleben. So lernte ich an einer Bushaltestelle in New York einmal eine Schmuckhändlerin kennen, die 1937 aus Hamburg emigriert war. Wir wussten nicht, wann der Bus nach Long Island kommen würde, und unterhielten uns. Der Bus kam nie, man hatte die Haltestelle verlegt. Das hätte ich alles googeln können, aber dann hätte ich niemals die Geschichte von Elsa erfahren. Elsa musste damals vor Hitler fliehen. Da werden wir wohl noch für ein paar Stunden am Tag unser Handy ausschalten können.

Autorin: Kristin Rübesamen

Ausmisten: Glück?

Manchmal wären wir besser zu Hause geblieben. Aber stattdessen tappen wir wieder in die Falle, die Glücks-Additions-Falle. Ein nettes Essen mit Freunden, alten Bekannten und ein paar neuen Gesichtern, und wie es der Zufall so will, haben alle am Tisch großartige Neuigkeiten: Noch mal ein Baby mit 44, wow, wie kann das denn gehen, erzähl doch mal. Nach langer Zeit endlich den öden Job gekündigt und die Pension in Costa Rica gekauft, im Mai geht’s los, Wahnsinn! Durch Zufall den kleinen Laden gefunden, der kaum Pacht kostet. Und vielleicht noch die neue Liebe in Buenos Aires, alles noch ganz neu, ganz aufregend, mal sehen. Das sind diese miesen Augenblicke, in denen uns unser eigenes Dasein so dermaßen öde und mittelmäßig vorkommt, dass wir am liebsten aus dem Fenster springen würden. Obwohl wir wissen, dass jeder dieser Lebensentwürfe mit hohem Risiko behaftet ist und in der Realität viel weniger romantisch ist. Und dann addieren wir alle diese Glücks-Momente zu einem Glücks-Ritual, zu unserem Glücks-Ideal: Findet mit 44 noch einmal die große Liebe, kriegt ein Kind, macht einen Laden in Buenos Aires auf, und weil der so gut läuft, noch gleich eine Pension in Costa Rica. Herzlichen Glückwunsch.

Nur, mit unserem Leben hat das überhaupt nichts zu tun. Wir tappen in diese Falle, weil wir unser eigenes Leben nicht genug wertschätzen. Weil wir den Augenblick nicht genug genießen und meinen, alles müsse auf ein großartiges Ziel hinführen. Weil wir uns vergleichen und dabei vergessen, wie sensationell die Kastanie auf unserem Weg zur Arbeit riecht. Wie gut es sich anfühlt, mit unseren liebsten Kollegen in der Mittagssonne mit einem Kaffee auf dem Bordstein zu sitzen, und wie unvergleichbar schön es ist, abends nach Hause zu kommen und mit Menschen zu reden, die auch einen ganz normalen Tag hinter sich haben. Und mit uns ganz entspannt aussortieren: noch ein Kind mit 44? Im nächsten Leben. Pension in Costa Rica? Mal hören, was die Freundin in einem Jahr erzählt. Entspannen wir uns. Ein bisschen, damit ist ja schon viel gewonnen. Lover in Buenos Aires? Och, ja, den könnte man sich ja zumindest mal ansehen.

Autor: Mark Kuntz