Persönlichkeiten

Online-Gründerin im Porträt: Christiane Seitz, „Wundercurves“

Christiane Seitz in einem schwarzen Pullover. | © PR
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Aus einem frustrierenden Shopping-Erlebnis wurde für Christiane Seitz die Geburtsstunde ihrer Start-up-Idee: Sie gründete gemeinsam mit Tiffany La das Modeportal Wundercurves.

Aus Frust über zu wenig Kleidung ab Größe 40 aufwärts entstand das Plus Size-Modeportal „Wundercurves“. Die Website und ihre Gründerin im DONNA-Porträt.

DONNA: Was haben Sie vor Ihrer Selbstständigkeit gemacht?
Christiane Seitz: Ich habe in Jena erst den Bachelor in Germanistik und Philosophie gemacht, im Anschluss den Master in Germanistischer Sprachwissenschaft. Mein Plan war ursprünglich, in einem Verlag zu arbeiten, allerdings waren freie Stellen hier eher Mangelware. Also habe ich meinen Suchradius ausgeweitet und dann erstmal erste Berufs- und Führungserfahrung in einem Start-up in Hamburg gesammelt. Schon dort war ich für die verschiedensten Content-Formate im Onlinebereich verantwortlich. Aber auch die Start-up-Mentalität hat mich ganz in ihren Bann gezogen. Als es mit Wundercurves ernster wurde, habe ich mich erstmal alleine selbständig gemacht, um als Lektorin und Texterin zeitlich flexibel Geld verdienen zu können und trotzdem Zeit für die eigene Idee zu haben.

Wie kam Ihnen die Idee zu Wundercurves?
Ich war gemeinsam mit Tiffany La, eine meiner besten Freundinnen und Mitgründerin von Wundercurves, an einem ganz entspannten Wochenende in Berlin auf Shopping-Tour. Wie schon so oft frustrierte uns der Gang durch unzählige Geschäfte enorm. Ich falle mit meiner Konfektionsgröße 44 mitten in den deutschen Durchschnitt, Tiffany liegt mit 46/48 leicht darüber, trotzdem war es nicht gerade leicht, modisch ansprechende Kleidung in unseren Größen zu finden. Das hat ganz verschiedene Gründe. Mal ist der Ansturm auf die höheren Konfektionsgrößen so groß, dass unsere Größen schon längst vergriffen sind, mal wird über Größe 40 oder 42 gar nichts mehr angeboten. Oft ist es auch so, dass es zwar extra „Nischen“ für große Größen in den Geschäften gibt, in denen dann aber eine viel zu kleine Auswahl an Designs hängt, die meist auch eher altbacken und kaschierend als trend- und selbstbewusst sind. Dann wundern sich die Leute, dass der Abverkauf so gering ist und „entfernen“ die großen Größen wieder aus dem Sortiment, man denke da nur an H&M. Wenn wir also schon Probleme haben beim Shoppen, wie muss es dann erst Frauen mit höheren Konfektionsgrößen gehen?

Nachdem wir bei unserer Shoppingtour also kaum fündig geworden sind, haben wir zu Hause direkt mal unser Glück online versucht. Auch hier wurde ziemlich schnell offensichtlich, dass das Einkaufserlebnis auch online zu wünschen übrig lässt. Entweder klickt man sich von Shop zu Shop, um eine größere Auswahl zu bekommen. Die meisten der kleineren, neuen Labels waren jedoch ausschließlich über die kleine, aber beeindruckend leidenschaftliche Große-Größen-Blogger-Szene Deutschlands zu entdecken. Auf größenübergreifenden Plattformen musste man sich hingegen erstmal durch enorm schlanke Models zur eigenen Größe durchklicken und bekam schnell das Gefühl, unnormal zu sein und zu einer Randgruppe zu gehören – wohlfühlen geht anders. Dabei trägt mittlerweile jede zweite deutsche Frau in Deutschland große Größen! Für die sogenannten Normalgrößen gibt es unzählige Plattformen, die inspirieren und eine riesige modische Auswahl bieten. Wir konnten kaum glauben, dass die Mode-Welt on- und offline der Realität noch so hinterherhängt. Ab dem Moment war für uns klar, hier muss etwas getan werden.

Welche Tipps würden Sie Frauen geben, die von einem eigenen Start-up träumen, sich bisher aber nicht getraut haben, sich selbstständig zu machen?
Ganz wichtig ist, sich nicht von den eigenen Ängsten einschüchtern zu lassen. Die meisten sind nämlich total unbegründet – ich bin immer sehr gut damit gefahren, einfach erstmal zu machen. Gerade in der Start-up-Szene sollte man sich generell von dem Konzept der genauen und perfekten Planung verabschieden, denn in den meisten Fällen kommt alles anders, als man vorher denkt. Neben der Idee sind vor allem das Team und das Netzwerk von entscheidender Bedeutung. Als einzelne Person alle relevanten Kompetenzbereiche abzudecken, ist einfach schwer möglich. Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es für jede Problematik Hilfe gibt, man muss sich nur umhören und vor allem auch danach fragen. Da darf man einfach keine Scheu haben. Was das Netzwerk angeht: Es gibt gerade speziell für Frauen mittlerweile so viele tolle Angebote, von extra Konferenzen, speziellen Förderprogrammen über diverse Gruppen und Foren bis hin zu Stammtischen in jeder größeren Stadt. Dort kann man auf Gleichgesinnte treffen, sich austauschen und sich gegenseitig helfen. Eine Hand wäscht hier die andere. Ganz wichtig ist auch, sich von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen und sich von dem Szenario zu verabschieden, dass es ein Fehlschlag ist, wenn das eigene Start-up am Ende doch nicht überlebt. Sich mit der eigenen Idee selbständig zu machen, sich richtig reinzuhängen, sein Bestes zu geben und auch aus Rückschlägen zu lernen, prägt den Charakter und die eigenen Kompetenzen so entscheidend. Das werden die meisten zukünftigen Arbeitgeber mit Sicherheit zu schätzen wissen.

Was waren die größten Hürden bei der Umsetzung Ihrer Idee?
Ich finde ja, das eigene Start-up zu gründen ist schon per se ein Hürdenlauf. Die größte Hürde in unserem Fall war die Zeit, während wir noch in unseren Vollzeitjobs steckten und parallel Wundercurves aufbauten. Das war schon eine enorme Doppelbelastung, als wir bis abends um acht/neun Uhr am Hauptjob saßen und dann nachts noch Wundercurves entwickelten.

Was war für Sie bisher der größte Erfolg, den Sie mit Ihrem Portal hatten?
Der größte Erfolg für uns war und ist es, andere Menschen von unserer Idee zu begeistern. Dass wir es im letzten Dezember geschafft haben, mehrere Investoren, darunter auch Spezialisten aus dem Mode-Bereich wie den Geschäftsführer von GANT Deutschland Coen Duetz für uns zu gewinnen, hat uns sehr stolz gemacht. Generell ist es ein tolles Gefühl, wenn wir auf die Events gehen, auf denen die großen Größen vertreten sind, wie etwa die Fashion Week, und es bereits wie ein Treffen unter alten Freunden ist. Wenn man neue Menschen kennenlernt, erzählt, was man macht und sich dann herausstellt, dass die Ladys Wundercurves bereits kennen – und nutzen – das zaubert uns immer wieder ein Strahlen in die Augen. Besonders toll war auch der Besuch der Königin Máxima Anfang des Jahres bei uns im Büro im SpinLab in Leipzig. Nicht nur, dass es eine wahnsinnige Ehre für uns war, diese stilvolle und bodenständige niederländische Royale kennenzulernen und ihr Wundercurves zu zeigen – sie hat auch wirkliches Interesse gezeigt und war von unser Idee und Umsetzung begeistert. Solche Erlebnisse sind unsagbar schön.

Wie geht es weiter mit Wundercurves?
Vor uns liegt noch jede Menge Arbeit. Auch, wenn wir mittlerweile schon eine der größten Auswahlen Europas auf unserer Seite bündeln, ist das noch lange nicht genug – wir möchten gerade unser Sortiment noch stark ausweiten. Es gibt noch so viele tolle Labels, die es zu entdecken gilt. Unser Weg ist erst beendet, wenn die kurvige Frau von heute genauso eine große Auswahl an trendiger Mode bekommt, wie sie bei den sogenannten Normalgrößen längst gang und gäbe ist – sich schön zu fühlen, darf einfach nicht von der Konfektionsgröße abhängig sein.  

 

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