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Samoa: Insel des Glücks

Ein Paradies in der Südsee: Die Insel Samoa | © WHITE PUDICA SHUTTERSTOCK
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Ein Paradies in der Südsee: Die Insel Samoa

Die Südsee. Mittendrin: der kleine Staat Samoa. Palmenstrände, Regenwald, Exotik – klar, damit hatte unsere Autorin gerechnet. Aber nicht damit, dass dort die wahrscheinlich zufriedensten Menschen der Welt leben. Und sie hat von ihnen eine Menge gelernt.

So habe ich mir das immer vorgestellt: Wie Jane durch den feuchtwarmen Urwald latschen, mich an Ästen und gummiartigen Blättern durch das Dickicht hangeln und zwischendurch verzückt an Blüten schnuppern oder einem riesigen Schmetterling hinterhergucken. Alles bestens, also. Aber jetzt ist da dieser Fluss. Und unser Dschungelführer Jacko sagt, wir müssen da rüber. Ohne Boot, nur zu Fuß. Aber meine italienischen Sneakers? Kein Problem für den Fluss, lacht Jacko. Verstehe. Es gibt Momente im Leben, in denen man sich entscheiden muss. Für die teuren Schuhe. Oder für einzigartige Erlebnisse. Ich hadere gewaltig. Bis ich es wage: Meine Füße tauchen ein, meine Sneakers füllen sich mit Wasser. Ich kichere, während wir bis zur Brust umspült durch den Fluss waten. Genieße jeden Augenblick. Fühle mich plötzlich frei. Und kapiere auch warum: Weil ich losgelassen habe. Das Wenn und Aber über Bord geworfen, die unsinnigen Bedenken. Frei heißt unabhängig, und unabhängig macht glücklich.

Samoa: Weit mehr als Südsee-Klischees

Danke Samoa, da habe ich wohl was begriffen. Da fliegt man um die halbe Welt in ein kleines Inselreich mitten in der Südsee. Erwartet kaum mehr als Bilderbuchstrände. Und lernt von dem kleinen Land und seinen Menschen alles, was man übers Glück wissen muss. Die erste Lektion hatte mir an meinem ersten Urlaubstag gewissermaßen Hollywoodstar Gary Cooper verpasst. Der zumindest am Strand von Mata-Utu noch ziemlich lebendig ist. Ich fläzte im Sand, schaute ein paar Riesenschildkröten beim Dösen zwischen den schwarzen Felsenbecken im türkisblauen Meer zu, fragte mich, warum Palmen nicht umfallen, wenn sie so tief über dem Wasser hängen und wo genau Gary seine Südseeschönheit Moira bei den Dreharbeiten zu „Return to Paradise“ im Jahre 1953 wohl geküsst hatte. „Alle unsere Großeltern waren live dabei, die haben ja alle mitgespielt“, erzählt Hotelmanagerin Emma abends.

Samoa-Lektion 1: Jeder darf mitspielen

Emmas Opa war damals Matai, das Familienoberhaupt des Dorf-Clans. Sein letzter Wunsch: ein Hotel am Strand des Dorfes. In einem der riesigen offenen Häuser, den Fales, die aussehen, als habe der Architekt die Wände vergessen, hockten die rund 70 Angehörigen von Emmas Clan zusammen und beschlossen: Okay, das ziehen wir durch. Jeder half mit beim Bau. Heute halten sie die Zimmer sauber, servieren Gästen das Essen, säubern den Strand. „Fast jedes Hotel ist hier ein riesiges Familienprojekt“, erklärt Emma. „Weil das meiste Land den Familien gehört und niemals einzelnen Leuten. Der Matai trägt Verantwortung dafür, dass alle versorgt sind, jeder hat, was er zum Leben braucht.“ Und wer ist heute Matai von Mata-Utu? „Ich“, sagt Emma. „Ich weiß nicht, ob das Gleichberechtigung ist. Das ist einfach ganz normal. Dafür sind die Männer bei uns fürs Kochen zuständig.“ Das Familienoberhaupt nippt am Cocktail und rückt die Blüte hinter ihrem Ohr zurecht. Der Schreiner läuft mit der Säge vorbei, winkt ihr freundlich zu, die Frau, die mir am Vortag das Zimmer gezeigt hatte, tollt am Strand mit ihren Kindern umher. „Alles Cousins, Cousinen oder andere Verwandte. Und alles gehört allen“, sagt Emma. 

Wie aus einem Bilderbuch: Die traditionellen Pfahlhäuser auf Samoa. | © CHRISTOPHER GROENHOUT GETTY IMAGES
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Wie aus einem Bilderbuch: Die traditionellen Pfahlhäuser auf Samoa.

Samoa, das Family Business

Abends wandere ich durch den Ort, in den Fales sitzen Dutzende von Menschen vor Bananenblättern, in denen eine Mischung aus Brotfrucht und Kochbananen dampft. Garys glückliche Großfamilie. Die Samoaner haben so recht: Gemeinsam ist man stark. Jeder darf mitspielen. So fühlt sich keiner ausgeschlossen, keiner leidet Not. Und alle halten zusammen. Auch so eine Glückslektion. Und ein Dorf mit Südseestrand ist kein schlechter Ort, sie zu begreifen. Ein warmer Abend am Meer schon mal gar nicht. Am Strand im Mondschein unterwegs, was für ein Gefühl! Samoa, ein alter Traum. Unsere Urgroßeltern träumten ihn. Bis 1914 war das Land deutsche Kolonie. Man kann sich vorstellen, wie die steifen Kolonialherren sich an das lässige Land gewöhnen mussten. Aber irgendwann turnten ihre Kinder mit den samoanischen Kindern auf Kokospalmen herum, ihre Frauen steckten sich Blüten in die Haare. Als die Deutschen gingen, hinterließen sie das Rezept zum Bierbrauen. Außerdem eine Menge deutscher Namen im Telefonbuch. Dann rissen sich die Neuseeländer das Paradies unter den Nagel. 1962 beschlossen die Matai der Inselgruppe allerdings, jetzt müsse Schluss sein mit der Fremdherrschaft. Sie befanden: Wir sind jetzt frei.

Samoa-Lektion 2: Zeit muss man spüren

So frei, dass sie sich nichts vorschreiben lassen wollen. Auch nicht von den Dingern, die man anderswo an den Handgelenken trägt. „Uhren? Brauchen wir nicht“, sagt Chris Solemona, 46. „Wir spüren die Zeit, wenn sie wichtig ist. Wir nennen das Samoan time – samoanische Zeit.“ Wir sitzen in einem Fale in der Hauptstadt Apia, ich will von dem Kulturmanager lernen, wie man Palusami macht, eine Art Nationalspeise aus Taroblättern und Kokosmilch. Ich kleckere furchtbar, als ich den Sud in die Blätter fülle. „Mach die Dinge langsamer. Wenn du dich hetzen lässt, wirst du ungeschickt“, rät Chris. Ich atme tief durch, betrachte das Meer. Und fange noch mal an. Jetzt klappt es. Hat Geschicklichkeit etwas mit Entspannung zu tun? Oder damit, nicht auf die Dinge zu starren, sondern einfach mal für eine Weile zur Seite zu gucken? Das lohnt sich bei Chris allemal. Sein halber Körper ist tätowiert. „Das war die Hölle“, gibt er zu. Sechs Hautregionen in sechs Tagen, geritzt mit Haifischzähnen. Und wer einmal damit anfängt, muss durchhalten, so will es die Tradition. „Mein Großvater war Matai und hatte das Tattoo, ich wollte auch eines“, erzählt Chris. „Er hat mich gewarnt: Tu es nicht. Ich habe gekotzt und geheult vor Schmerzen.“ Aber er hielt durch. „Das macht dich stark; wenn du das geschafft hast, schaffst du alles.“ Dann klettert er eine Palme hoch, schlägt eine Kokosnuss hinunter. „Das hat Keith Richards von den Stones auch mal probiert, auf einer Nachbarinsel“, sagt Chris. „Musste danach in Auckland am Rücken operiert werden.“ Auch das Paradies hat seine Tücken.

Samoa-Lektion 3: Natur ist Glück pur

Ich fahre in meine Beachvilla zurück. Vor dem Abendessen nehme ich meine Uhr ab. Und damit eine Menge Verpflichtung und Kontrolle, die zur Gewohnheit geworden sind. Zeitlos glücklich, geht das? Nicht immer. Aber immer mal wieder. Noch so ein Glücksgeheimnis. Und wenn wir gerade dabei sind: Das Handy könnte ich eigentlich völlig ausschalten. Es gibt sowieso kaum Netz, da ist Digital-Detox ganz einfach. Am nächsten Tag bin ich ohne Uhr und Handy ohnehin besser dran. Die Dinger sind schließlich nicht wasserfest. Im Pue-Nationalpark klettere ich über eine schmale Holzleiter in ein gigantisches Wasserloch, der To Sua Ocean Trench. Riesige Farne scheinen an den Steilwänden über mir zu kleben, bunte Blumen wuchern über den Rand, an den Felsen hängen Tropfen, die wie in Zeitlupe ins Wasser fallen. Die blaue Lagune, es gibt sie wirklich. Wenig später plantsche ich noch ein bisschen in den Togitogiga-Wasserfällen, lasse mich am Lalomanu Strand in den Sand fallen und denke ernsthaft darüber nach, wie sich der Alltag im Paradies anfühlen würde. Auf der Rückfahrt durch Bananenplantagen, Nonu-Fruchtsträucher und an stolzen Banyan-Bäumen vorbei sage ich kein Wort. So grün, so bunt. So schön. So lässig. Meine Schuhe stopfe ich in einen Mülleimer, die italienischen Sneakers, jawohl. Stattdessen kaufe ich ein paar Flip-Flops. Und ein Lava-Lava, ein Tuch, das man sich um die Hüften schlingt. Plötzlich stoppt der Fahrer, steigt aus. Ein riesiges Insekt sonnt sich auf der Straße. Er hebt es vorsichtig auf, trägt es an den Rand. Das ist Liebe. Zu Tieren, zur Natur. Und damit zum Leben. Ganz nah an der Natur, auch so geht Glück. Kunststück: Nirgends ist die Wildnis zahnloser. Es gibt keine giftigen Pflanzen, keine gefährlichen Tiere. Hier kannst du nachts barfuß durch den Urwald laufen. Mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Die Samoa-Reise als Lebenslektion

Nach einer Woche muss ich zugeben: Samoa hat mich verändert. Ich laufe nur noch in Zehenlatschen durch die Gegend, eingewickelt in ein blumiges Stück Stoff. Ohne Uhr, ohne Handy. Und völlig ungeschminkt, versteht sich. Mein einziger Tribut an die Eitelkeit: eine Frangipani-Blüte hinterm Ohr. So wandere ich nach dem Abendessen noch über den Strand. Irgendjemand singt in einem Fale. Der Vollmond scheint übers Meer. Himmel, wie kitschig. Himmel, wie schön. Manoía, hatte Chris mir verraten, ist ein so wichtiges Wort. Es bedeutet ein Dankeschön für ein großes Geschenk. Ist Wellenzählen eine Freizeitaktivität? Sandkörner streicheln? Körbchen aus Palmwedeln flechten? Ich erkenne mich nicht wieder. Die Sache mit den Kokospalmen hat mir Chris übrigens erklärt: Sie neigen sich immer dem Wasser zu, damit sich die Kokosnüsse übers Meer verbreiten können. Auf dem Rückweg zum Flughafen am nächsten Tag steht unser Wagen an einer überfluteten Straße. Möglich, dass es mit dem Flieger eng wird, sagt der Fahrer. Ist mir doch egal... Meine Güte, diese entspannte Haltung hätten drei Wochen Ayurveda in Indien nicht fertiggebracht!

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Autor: Silke Pfersdorf