Sissi Perlinger: „Humor ist heilsam“

Seit über 30 Jahren spielt, singt und tanzt sich Sissi Perlinger durch die großen Krisen ihres Lebens – mit geradezu anarchistischer Lust. DONNA traf die Entertainerin zum Interview.

Entertainerin Sissi Perlinger

Entertainerin Sissi Perlinger ist neben ihrem Bühnen-Talent vor allem für ihre exzentrischen Leoparden-Outfits bekannt.

Sissi Perlinger sitzt entspannt und mit vorgeschobenem Po in der Künstlergarderobe des Lüneburger Kulturforums, in der Hand eine Tasse Rooibostee. Ihr ist kalt, die Heizung ist am Nachmittag ein paarmal ausgefallen, „aber ich bin eh eine Frostbeule“. Inmitten der pflegeleichten Resopalmöbel wirkt die Kabarettistin mit ihrem Leo- Plüsch-Look wie ein Zirkuspferd. Ihr Lebensgefährte, der Däne Rasmus Legarth, verlegt gerade mit dem Tontechniker die letzten Kabel für den Auftritt. In zwei Stunden, wenn sie sich die falschen Wimpern angeklebt und die Lippen rot geschminkt hat, beginnt ihre One-Woman-Show „Ich bleib dann mal jung“. Perlinger wird sich in ein Dutzend skurrile Figuren verwandeln. Wird mal Kapotthut zum gehäkelten Morgenmantel tragen, mal Mega-Brüste, mal Lockenmähne und hohe Hacken. In rasantem Tempo wird sie derbe Witze raushauen („Woran erkennt man einen kurzsichtigen Gynäkologen? An der feuchten Nase.“), sich über Liftings lustig machen und singen: „Im Alter soll man nicht verzichten, sondern Puder mehrfach schichten.“ Nach 20 Minuten tobt der Saal.

DONNA: Sie sind 54. Fühlen Sie sich für eine Show übers Alter nicht zu jung?
Sissi Perlinger: Nein, ich finde, das passt sogar ziemlich gut. Ich bin nämlich überzeugt davon, je früher wir uns aufs Älterwerden vorbereiten, desto länger bleiben wir jung. Meine Mama hat die letzten 20 Jahre ihres Lebens nur noch vor der Glotze gehockt und gejammert – der Wechsel in den Ruhestand hatte sie völlig überrascht. Als sie vor vier Jahren starb, habe ich in ihrem Keller all ihre ungelebten Träume gefunden. Ich habe angefangen, mich intensiv mit dem Thema zu beschäftigen, quasi prophylaktisch. Irgendwo las ich auch, viele 80-Jährige seien mit 80 viel glücklicher als mit 18.

Wie glücklich waren Sie mit 18?
Ich wusste nicht, wer ich bin, wo ich hingehöre, was ich kann, was ich will. Meine Mutter hat sich null für mich interessiert und nicht an mich geglaubt. Mit meiner Wahnsinnsfantasie habe ich die unglaublichsten Geschichten ausgedacht. Ich wollte damals schon zur Bühne und fragte meine Mutter, ob ich Klavier lernen und zum Ballett gehen dürfe. Sie fand: „Ach, das wollen alle kleinen Mädchen, lass dir etwas Originelleres einfallen.“ Das war das Schlimmste, was sie mir sagen konnte. Denn alles, was ich je wollte, war und ist ja, originell zu sein.

Klingt, als seien Sie sehr einsam gewesen.
Das war ich auch. Aber je älter ich wurde, desto mehr habe ich begriffen, dass ich für mich selber Verantwortung übernehmen muss. Ich hab dann viele Ausbildungen gemacht: Tanz, Schauspiel, Gesang. Irgendwann kam der Erfolg, plötzlich fand auch meine Mama mich toll. Da habe ich natürlich gefolgert: Je größer die Karriere, desto glücklicher wird man. Völliger Quatsch.

Stimmt das nicht zumindest ein bisschen?
Nein. Ich wurde immer einsamer, ich hatte für niemanden Zeit, habe nur gearbeitet. Alles, was mir je wichtig war – Geborgenheit, Zugehörigkeit, Freundschaft –, brach weg. Ich machte fünf Jobs gleichzeitig und weder mein Agent noch mein Freund sagten: „Hey, mach mal halblang.“

Sie bremsten sich offenbar auch nicht.
Nein. Ich habe mich ja gefreut über all die Angebote: hier eine Hauptrolle, da eine Liveshow, dort eine Moderation. Doch dann bekam ich auf beiden Ohren einen Tinnitus. Es war, als hätte ich Düsenjäger im Kopf. Ein Jahr lang konnte ich nicht schlafen. Als mich auch noch mein damaliger Freund verließ, hat es mich komplett zerbröselt.

Sissi Perlinger ist 36, als ein Burnout sie in die Krise stürzt. Sie arbeitet ihre Verträge ab und beginnt eine Therapie. Sie weint viel in diesen zweieinhalb Jahren. Fühlt zum ersten Mal tiefe Trauer darüber, dass ihr leiblicher Vater sie mit einem Jahr verlassen hat und ihre Mutter nie für sie da war.

Wie sehen Sie diese Krise heute?
Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich bin zutiefst dankbar für diese Erfahrung. Seitdem fühle ich mich geführt. Ich bin nicht religiös, aber als ich so alleine und fix und fertig war, habe ich begonnen, mir vorzustellen, in Gottes Hand zu liegen. Und dass er mich beschützt. Das hat mir sehr geholfen.

Was haben Sie in Ihrem Leben bewusst geändert?
Ich teile meine Zeit in Auszeit und Applauszeit. In meinen Auszeiten lebe ich in Goa und auf Ibiza. Dort mache ich das Wichtigste, was es für mich gibt: Ich bin kreativ, bereite meine Shows vor, lerne, lese, meditiere, mache Yoga. In der Applauszeit kann ich dann alles geben.

Im Frühjahr und Herbst ist sie immer auf Tournee. Ihre Programme basieren auf persönlichen Krisen. „Für Comedy braucht man immer das ganz große Drama“, erklärt Sissi Perlinger. „Allerdings sollte man dafür schon mindestens sieben Jahre Abstand haben, sonst kann man damit nicht wirklich locker umgehen.“ Das ist offenbar das Perlinger-Rezept: ihre intelligente, reflektierte Art als Grundlage für kluge, ausgelassene Bühnenspäße. 

Ein Porträtfoto von Entertainerin Sissi Perlinger

So natürlich wie auf diesem Porträtbild aus dem Jahre 1999 ist Entertainerin Sissi Perlinger nur selten zu sehen.

Fühlen Sie sich nicht manchmal nackt, wenn Sie Ihr Innerstes auf der Bühne nach außen kehren?
Nein. Mir war immer klar, dass meine Erfahrungen das Einzige sind, wovon ich auf der Bühne erzählen möchte. Je persönlicher und ehrlicher ich von mir berichte, desto mehr fühlen sich die Zuschauer angesprochen und können sich mit mir identifizieren.

Die meisten Menschen behalten Niederlagen ja eher für sich und erzählen viel lieber von Erfolgen.
Wenn ich mit einem Programm auftrete, ist das Thema für mich längst gegessen. Aber ich erinnere mich natürlich – vor allem an meine Fehler. Ich kann dann meinem eigenen Drama die Pointen entlocken. Humor ist sowieso die intelligenteste und heilsamste Art, mit Verzweiflung umzugehen.

Ist die Show auch eine Art Medizin für Sie?
Ja, klar. Das, was ich tue, nenne ich Bühnenschamanismus. Wir alle haben die gleichen Ängste. Und wir alle gehen ins Theater, weil wir erleben wollen, wie andere mit etwas fertig werden, was uns beunruhigt. Gutes Theater kann berühren. Deshalb finde ich auch, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe. Er gibt mir die Möglichkeit, die Zuschauer an die Hand zu nehmen und gemeinsam mit ihnen in den Abgrund zu schauen. In meinen früheren Shows war es die Furcht vor dem Alleinsein, vor der Überforderung und dem Stress, nun ist es die Angst vor dem Alter. All das lösen wir in Lachen auf. Das ist ein uraltes schamanistisches Heilungsritual – und meine Mission.

Seit einigen Jahren beschäftigt sich Sissi Perlinger mit Ritualen, Mythologien und Archetypen. In einem Buch der amerikanischen Psychiaterin Jean Shinoda Bolen stieß sie auf Artemis, die griechische Göttin der Jagd – und fand sich in ihr wieder. Artemis wollte weder heiraten noch Kinder bekommen. Sie wollte frei sein und mit ihren Hunden im Wald leben. Kam sie in die Stadt, führte sie Gesang und Tanz auf und war im Tempel für die rituelle Heilung zuständig. „Das ist genau wie bei mir“, stellt Sissi Perlinger fest. Auch bei ihr gebe es die Trennung, eine Pendelbewegung zwischen Abgeschiedenheit und Trubel.

Was Artemis und Sie ebenfalls verbindet: Sie trug nur Leopardenfelle.
Leo-Prints habe ich immer schon angezogen, doch seit 15 Jahren trage ich sie ausschließlich: im Bett, bei der Gartenarbeit, auf dem roten Teppich. Habe ich etwas anderes an, fühle ich mich verkleidet. Fast alles, was ich trage, lasse ich in Indien schneidern. Viel brauche ich nicht: Es passt ja immer alles zusammen.

Vor Kurzem waren Sie wieder in Goa. Arbeiten Sie jetzt schon an Ihrem nächsten Programm?
Ja, aber es ist noch zu unausgegoren, um darüber zu sprechen. Doch was mich zurzeit ziemlich beschäftigt, ist das Thema Lachen.

Womit bringt man Sie zum Lachen?
Auf jeden Fall mit einem guten Witz! Ich liebe Witze. Meine beiden besten Freunde sind eine wunderbare Mischung aus hochspirituell und extrem lustig. Wir schwanken meist zwischen philosophischen Weisheiten und totalem Blödsinn. In diesen Momenten merke ich ganz deutlich: Das ist es, wofür ich lebe! Wenn ich schallend lache, bin ich am glücklichsten. Müsste ich wählen zwischen einem verständnisvollen Gespräch und Geblödel, das mich zum Lachen bringt, würde ich immer das Lachen wählen.

Ihre Partys stellt man sich jetzt jedenfalls ziemlich lustig vor.
Wenn ich Geburtstag feiere, muss jeder Gast mit mir sein Lieblingslied gurgeln. Ich bin dann ziemlich beschwipst und genieße das wahnsinnig. Alle müssen etwas vorführen. Wir machen Ausdruckstanz, kugeln uns am Boden, singen – einfach alles. Ich habe wirklich nur großartige Erinnerungen daran. Ich werde dann von Glückshormonen nur so überschüttet. Mein Liebster hat das, wenn er drei Stunden lang schwimmt. Dem ist Lachen nicht so wichtig. Wenn ich manchmal noch mit Freunden herumalbere, sagt er: „Ach, ich bin müde, ich geh jetzt ins Bett.“ Und ich lasse es krachen.

Interview: Gunthild Kupitz