„Selbstständig sein ist der natürliche Zustand des Menschen“

Wer einen Laden eröffnen will, sollte zuerst innere Inventur machen und den eigenen Antrieb kennenlernen. Kaufmännisches Wissen, Buchhaltung oder Betriebswirtschaft? Nicht ausschlaggebend für den Erfolg, sagt Gründungscoach Brigitte Windt. Die Expertin aus dem Buch „Shop Girls“ im Interview.

Gründungscoach Brigitte Windt

Woher kommt diese große Sehnsucht nach Selbstbestimmung und nach Gestaltenwollen?
Es geht Frauen darum, ihrem Leben ganz bewusst den eigenen Stempel zu verpassen. Viele machen prägende Erfahrungen im Job: Ihre Arbeit wird nicht wertgeschätzt oder man erwartet, dass sie sich an starre Bedingungen anpassen, die nicht (mehr) zu ihnen passen. Wenn sie bleiben, droht eine Depression. Deshalb ist es nur eine logische Folge, jetzt andere und vor allem gesunde Entscheidungen zu treffen. 

Drei „Shop Girls“ und der Traum der Existenzgründung – hier lesen.

Aber ausgerechnet mit einem eigenen Laden?
Selbstständigkeit kann eine gesunde Arbeitsform sein: weil eine Frau für sich und für sinnvolle Inhalte arbeitet. Auch weil sie den Rhythmus selbst bestimmen kann und wann und wie sie regeneriert. 

Klingt schwierig, wenn man an 60-Stunden-Wochen, finanzielle Durststrecken und Zukunftsängste denkt.
Gründerinnen müssen Führung beweisen, und zwar zuallererst bei sich selbst. Sie müssen ihre Ziele kennen, aber auch ihre Bedürfnisse. Jede Gründerin sollte sich fragen: Welche Bedingungen brauche ich, damit ich effizient arbeite? Was muss ich wissen und worauf kann ich verzichten? Wie steht es mit der eigenen Wertschätzung – gegenüber meiner Selbstständigkeit, meiner Lebenszeit, meiner Kraft?

Alles in Balance zu halten, das ist eine sehr weibliche Fähigkeit. Inwiefern gründen Frauen anders?
Sie handeln vorausschauender, also von Natur aus unternehmerischer. Das Risiko ist ihnen bewusster als Männern. Sie sind Meisterinnen im Networking, behalten stets das Ganze im Blick – und sie haben einen angeborenen Sinn für organisches Wachstum. 

Frauen begreifen ihr Unternehmen als Organismus?
Genau. Außerdem sind sie sehr gute Beobachter, sie nehmen ihre Umgebung auch differenzierter wahr. Sowohl die schlummernden Potenziale ihrer Mitarbeiter als auch die Bedürfnisse des Kunden. Weiblich geführte Unternehmen wachsen langsamer, aber sie bleiben länger am Markt.

Online-Gründerin im Porträt: Stephanie Rinner von „Mein Keksdesign“ 

Viele Inhaberinnen betonen, die Dinge gern im Griff zu haben. Muss man als Chefin alles alleine können?
Das ist die Lust an der Macht! Aber wer glaubt, als Selbstständige ständig alles selbst machen zu müssen, wird genauso handeln. Und sich als Sklave seiner selbst wiederfinden. Der Unterschied zur abhängigen Beschäftigung ist dann nur noch graduell.

Gibt es ein Erfolgsgeheimnis für Unabhängigkeit?
Begreifen Sie das Selbstständigsein als natürlichen Zustand! Dann sind Sie ständig Sie selbst. Ich empfehle Frauen zu lernen, einen selbstbezogenen Lebensstil zu entwickeln, die Weisheit ihrer inneren Stimme wahr und ernst zu nehmen, sich auf sie auszurichten und sie konsequent zu leben.

Interview: Tina Schneider-Rading

Noch mehr kreative Frauen und ihre Stores finden Sie im Buch „Shop Girls“:

Cover des Buchs „Shop Girls“ von Tina-Schneider Rading und Ulrike Schacht

Der hier aufgeführte Text ist dem Buch „Shop Girls“ von Tina-Schneider Rading und Ulrike Schacht entnommen.