150 Jahre Frauensport: Weg zur Gleichberechtigung

Auch in diesem Jahr boomen die Mitgliederzahlen der Fitnessstudios. Und Frauen sind ganz vorn mit dabei. Das war nicht immer so: ein Rückblick auf 150 Jahre Frauensport – samt Damensattel und Frottee-Stirnband.

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Frau im Jahr 1958 im engen Bustier-Anzug, die vergnügt einen Hula-Hoop-Reifen schwingt

Die 50er, Blütezeit des Hula-Hoop: 1958 bringt das US-Magazin „Life“ eine Reportage über den Hula-Hoop-Hype am Newport Beach in Kalifornien. Wir blicken auf die Veränderungen, die der Frauensport seither erlebte.

Schwitzen, keuchen, an seine Grenzen gehen? Um Gottes willen! Vor 150 Jahren ist für Frauen gerade mal leichte Gymnastik erlaubt (natürlich im Korsett!), außerdem adrettes Reiten im Damensattel – und Schwimmen im puffärmeligen Badekostüm, einer Art Schwester des Burkinis. Auch Seidenstrümpfe und Sandaletten gehörten damals zur Montur, in der frau zu Wasser gelassen wurde.

Keine Zeit für Sport? So bleiben Sie trotzdem fit

Ausdauersport war nicht nur aus ästhetischen Gründen verboten. Mediziner glaubten allen Ernstes, dass die zarten weiblichen Wesen durch „harten“ Sport unfruchtbar würden. Und ein Leitfaden für Schwimmerinnen, erschienen 1875 in England, warnte vor dem Eintauchen in zu kühles Wasser: „Dieses Schreckerlebnis zieht für die Nerven der Frauen häufig irreparable Schäden nach sich.“ Zumindest modisch kam 1914 die Befreiung: Coco Chanel erfand den Badeanzug!

Schwarz-Weiß-Fotografie einer Reiterin bei der „Buffalo Bill’s Wild West Show“ im Jahre 1886

Reiten, 1886: Bei der „Buffalo Bill's Wild West Show“ beweist eine Frau den Cowboys, was sie draufhat – natürlich im Damensattel.

Selbstbefriedigung beim Radeln

Vorher war es schon Queen Victoria, die die Emanzipation vorantrieb: Die Empire-Regentin schenkte ihren Enkelinnen Fahrräder, machte damit Radeln zum Trend und erweiterte den weiblichen Radius durch dieses Präsent ungemein. Dass Frauen auf dem Sattel sitzen, hatte bis dahin nämlich als ausgesprochen unschicklich gegolten –  die würden (ja, doch, das glaubte man wirklich!) dabei nur masturbieren. Auch das durch Friedrich Ludwig Jahn so bewegungsfreudige Deutschland zeigte Frauen die Rote Karte. Der Turnvater kniebeugte zwar ab 1811 auf Massenevents frisch, fromm und fröhlich in der Berliner Hasenheide, dem ersten Freiluftturnplatz der Welt; Mädchen wollte er jedoch nicht dabeihaben. Nette Anekdote: Weil denen auch Fußball verboten war, erfand rund 100 Jahre später, 1917, Oberturnwart Max Heiser ein Torballspiel für Frauen: Handball.

Emanzipation auf dem Center-Court

Bubikopf und weiße Strümpfe ohne Unterrock: So fegte Suzanne Lenglen in den Golden Twenties über den Tennisplatz. Für ihre Fans war die Französin schlicht „Die Göttliche“ – und Symbol einer neuen Zeit. Aufbruch hieß jetzt allerorten die Devise. Frauen konnten wählen und gingen zum Arbeiten ins Büro. Das steife Korsett war out, auf den Schnurwahn folgte der Schlankheitswahn. In der Weimarer Republik sportelten bereits über eine Million Frauen im Verein. Im Trend lag damals das sogenannte „Mensendiecken“ – Kräftigungs- und Dehnungsübungen nach der niederländisch-amerikanischen Ärztin Bess M.  Mensendieck. Ziel der Bewegung: ein androgyner Marlene-Dietrich- Body. Mainstream war das aber noch lange nicht. Brave Mädchen trainierten eher sittsam-sanft oder, noch besser, überhaupt nicht.

Schwarz-Weiß-Fotografie von Tennisspielerin Suzanne Lenglen auf dem Tennisplatz 1923

Tennis, 1923: Suzanne Lenglen legte den Unterrock ab und sich einen Bubikopf zu. 1923 gewann sie das fünfte Mal in Folge die „Women's Singles Championship“ in Wimbledon.

Rolle rückwärts & Blick nach vorn

Court und Turnhalle waren nur kurz Schauplätze erwachender Emanzipation und neuer Weiblichkeit. Die Nazis lösten die Sportvereine auf, verbannten Frauen zurück an die Babywiege und reduzierten Männersport auf Wehrtüchtigkeit. In den USA trat zur selben Zeit eine Frau auf den Plan, die nicht selbst schwitzte, um mit Sport sehr reich zu werden: Elizabeth Arden. 1934 eröffnete die Beauty-Unternehmerin ihr „Maine Chance Spa“, pamperte dort First Ladies und andere Damen der High Society, Yoga (ja, damals schon!) und Landschaftspanorama inklusive. Die amerikanischen Männer gingen derweil ins Fitnessstudio, das sich im Laufe der Jahre langsam aus der Bodybuilding-Nische löste und massentauglich wurde.

Vom Marathon zur Ball-Saison

Als Deutschland 1954 Fußballweltmeister wurde, brach hierzulande ein wahrer Hype um diesen Sport los. Doch für Frauen gab der DFB die schnöde Devise aus: Sie sollten bitte schön fangen, weil sie zum Empfangen gemacht seien. Deshalb bleibe Fußball für sie verboten. Die Domäne der Mädels: rhythmische Sportgymnastik und Hula-Hoop – perfekt für die Pettycoat-Figur und das männliche Auge. Geht gar nicht, fanden ein gutes Jahrzehnt später die 68erinnen. Die steigenden Zahlen weiblicher Mitglieder in den Vereinen gaben ihnen recht: Bei der Gründung des Deutschen Sportbunds 1950 trainierten dort 324 000 Frauen, 20 Jahre später waren es 2,2 Millionen.

Frauen drängten inzwischen überall spektakulär in die Männersportwelt. Beim Boston-Marathon 1967 lief Kathrine Switzer, getarnt mit Wollmütze, als erste Frau die damals noch verbotene Distanz; in Deutschland sind die 42,195 Kilometer Läuferinnen seit 1969 erlaubt. Auch der DFB gestattete Frauen in den 70ern endlich „seinen“ Sport. Entschärft, versteht sich. Ein Spiel dauerte damals nur 70 Minuten. Erst seit 1993 kicken auch Frauen über 90 Minuten.

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Schwarz-Weiß-Fotografie von Läuferin Katherine Switzer, die beim Bostoner Marathon 1967 von männlichen Läufern abgedrängt wird

Marathon, 1967: Männer versuchten, die US-Amerikanerin Katherine Switzer abzudrängen. Ohne Erfolg! Sie nahm als erste Frau „offiziell“ am Bostoner Marathonlauf teil.

Mit Wohlstandsbauch auf Trimm-dich-Pfade

Im Wirtschafswunder-Fernsehapparat flimmerten „Dalli Dalli“ und „Am laufenden Band“ über die Mattscheibe. Und Gold-Rosi Mittermaier brachte mit ihrem „Tele-Ski“ körperliche Ertüchtigung in deutsche Wohnzimmer. Doch vom Auf-der-Couch-Sitzen verschwanden keine Speckpolster. Ob Hausfrau oder Sekretärin – man träumte vom schlanken Körper, den die Fotomodelle in den schicken Frauenmagazinen zeigten. Nicht zuletzt, weil alle plötzlich viel mehr Freizeit hatten, wurde Bewegung zu einer Art Bürger(innen)pflicht. Trainiert wurde übrigens gern auf Trimm-dich-Pfaden, die im deutschen Wald wie Pilze aus dem Boden schossen.

Aerobic – am Puls des Fitness-Booms

Zuckende Discomucke und: „Everybody ready? So let’s go! Deep … and out! Deep … and out!“ Mit ihrem 1982 erschienenen Video „Jane Fonda’s Workout“ entfachte der  „Barbarella“-Star eine nie dagewesene Fitness-Hysterie. Frauen in Leggings und Lycra-Bodys tanzten weltweit auf ihr Kommando. Aerobic war die Geburtsstunde des modernen Körperkults – der Bauch ein Brett, die Muskeln definiert. Fonda verkaufte Socken, Stretch-Outfits und 23 Videos, ihr Imperium soll zeitweise über 600 Millionen Dollar wert gewesen sein. Fast nebenbei emanzipierte „Jumping Jane“ die Sportklamotten: Turnschuhe standen plötzlich in Designer-Stores, Jil Sander griff für Puma zum Skizzenblock und nicht nur Stirnbänder wurden zu Accessoires, die auch außerhalb des Gym-Studios en vogue waren.

Fit in 15 Minuten: Die besten Home-Workouts

Die breite Masse lernte Aerobic durch Sydne Rome kennen. Die Schauspielerin tanzte im ZDF-Sportstudio mit einer Riege Frauen den US-Trend vor. Der „Spiegel“ schrieb: „Als sei der Leibhaftige in sie gefahren, ließen sie die Hintern rotieren, rissen die Arme hoch, wirbelten mit den Köpfen und hüpften gummiballartig umher.“ Aufhalten konnten diese harschen Worte den Boom nicht. Fondas Video führte drei Jahre die Bestsellercharts an, erst 1986 wurde es abgelöst – von ihrem „New Workout“.

Schauspielerin und Fitness-Ikone Jane Fonda in Leggings und gestreiftem Body beim Aerobic-Work-out 1982

Aerobic, 1982: Die Schauspielerin Jane Fonda brachte mit dem von ihr konzipierten Aerobic eine ganze Frauen-Generation ins Schwitzen.

Über Bauch, Beine, Po zur inneren Mitte

Nachdem die Aerobicas ihre Knochen und Bänder doch etwas überstrapaziert hatten, wurde der Elizabeth-Arden-Gedanke reanimiert: Sport als Wohlfühlmotor, im Dienste der  Gesundheit. Models wie Claudia Schiffer und Cindy Crawford warben für Workouts mit stärkerem medizinischem und sportwissenschaftlichem Bezug. Und weil im nun erwachenden Zeitalter der Individualität keiner mehr auf Massen-Hype à la Aerobic abfuhr, entwickelte sich ein buntes Potpourri aus neuen Strömungen von Pilates über Spinning und Tae Bo bis hin zu Tai-Chi, aus dem sich jede das raussuchte, was ihr gefiel. In den Nullerjahren erinnerte Sport dann schließlich an einen Blick durchs Mikroskop: Nicht mehr um den ganzen Körper ging es, sondern um seine Details. Die Problemzonen rückten in den Fokus. Die Kurse hießen jetzt „Bauch, Beine, Po“, Spezial-Workouts strafften die Brust. Das Rennen machte allerdings irgendwann das Yoga. Ob der Job dich auffrisst, die Familie nervt, der Stress bis über beide Ohren wächst: Achtsames Biegen heißt die Lösung!

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Smart zur Work-Life-Sport-Balance

Und heute? Trägt alles den Lifestyle- Stempel. Eva Padberg zeigt auf dem roten Teppich Sneakers und Frauen essen sich fit. Das Smartphone hat unsere Work-Life-Balance gründlich verändert. Vereinbarkeit ist das Wort der Stunde, nicht nur bei Beruf und Familie – auch die Bewegung soll bitte noch ins hektische Leben passen. High Intensity Interval Trainings werben mit kurzer Dauer und maximaler Wirkung. Cardio-Armbänder und Apps lassen Fitness zu einer Rund-um-die-Uhr- Challenge werden.

Ach ja, und Spaß soll das Ganze auch noch machen … „Der Sport bin ich“, lautet das weibliche Mantra der Neuzeit. Frauen haben heute nur noch die Qual der Wahl. Denn statt des simplen Yogas gibt’s jetzt Bikram, Yantra, Yin, Yogilates und vieles mehr. Nicht zu vergessen den nächsten Marathonlauf. Keine Verbote mehr? Was für ein schönes Ende! Es darf uns nur nicht die Puste ausgehen.