Natürliche Verhütung: So sicher ist die Temperaturmethode

Immer mehr Frauen suchen nach einer Alternative zur Anti-Baby-Pille und anderen hormonellen Verhütungsmitteln. Eine Möglichkeit, die fruchtbaren Tage zu bestimmen, ist das Messen der Basaltemperatur. Gynäkologe Dr. med. Christian Albrig erklärt, wie die natürliche Verhütungsmethode funktioniert und wie verlässlich sie ist.

Close-up-Foto einer Frau, die ein Thermometer in den Händen hält und ihre Körpertemperatur abliest

Ist die Temperaturmethode eine sinnvoll – und vor allem sichere – Alternative zu hormonellen Verhütungsmethoden wie der Pille? Im Interview mit DONNA Online klärt Frauenarzt Dr. med. Christian Albrig die wichtigsten Fragen.

Das Thema hormonelle Verhütungsmittel – allen voran die Anti-Baby-Pille – steht öffentlich zunehmend in der Kritik. Während die Pille Anfang der 60er-Jahre ein Meilenstein auf dem Weg zur sexuellen Selbstbestimmung war, entscheiden sich heute immer Frauen mehr bewusst gegen das Hormonpräparat. Ausschlaggebend dafür sind zum einen die gesundheitliche Risiken, die das jahrelange Einnehmen der Pille birgt, zum anderen aber auch der Wunsch nach natürlicher Empfängnisverhütung, die den weiblichen Hormonhaushalt nicht künstlich manipuliert.

Kein Wunder, dass hormonfreie Verhütungsmethoden und technische Hilfsmittel, etwa Zykluscomputer oder -apps, immer beliebter werden. Bei der Temperaturmethode etwa misst die Frau jeden Morgen unmittelbar nach dem Aufstehen die sogenannte Basaltemperatur, das während des Schlafens im Körperkern entstandene Temperaturminimum. Die Veränderung der Basaltemperatur soll Aufschluss über die Fruchtbarkeit geben, sodass an fruchtbaren Tagen entweder gezielt verhütet oder – falls ein Kinderwunsch besteht – eine Schwangerschaft schneller herbeigeführt werden kann.

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Doch wie sicher ist die Temperaturmethode tatsächlich – und ist sie auch für Frauen kurz vor oder nach der Menopause geeignet? Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover, klärt die wichtigsten Fragen zu der natürlichen Verhütungsmethode.
 
DONNA Online: Hormonpräparate zur Empfängnisverhütung – allen voran die Pille – geraten zunehmend in Kritik. Immer mehr Frauen sind deshalb auf der Suche nach natürlichen Alternativen. Wie schätzen Sie die Debatte ein?
Dr. med. Christian Albring: Die hormonelle Verhütung war schon immer in der Kritik, wobei das Thromboserisiko bei den früheren, viel höher dosierten Pillen höher war als heute. Neu ist, dass viele Frauen denken, sie könnten auf natürliche Verhütung umsteigen, weil die Werbung für Apps, Zykluscomputer und andere Devices nahelegt, dass das einfach sei. Natürlich und zuverlässig verhüten bedeutet aber nicht, einfach nur auf den Kalender zu gucken und ein paar Tage zusammenzuzählen. Es bedeutet vielmehr die eigenständige, regelmäßige Beobachtung des Zervixschleims (Anm. d. Red.: Zervixschleim = ein Sekret, das in der Gebärmutter gebildet wird und diese zum Schutz vor Bakterien verschließt) zuverlässig mit der Temperaturmessung zu kombinieren. Nicht umsonst beobachten wir seit zwei Jahren – also seit dem Beginn der Freigabe der „Pille danach“ und der aktuellen Pillen-Kritik – einen Anstieg von Schwangerschaftsabbrüchen, und zwar nicht bei Teenagern, sondern bei Frauen ab 25 Jahren. Und wir sehen auch weiterhin jedes Jahr mehrere hundert Schwangerschaftsabbrüche bei Frauen über 40 Jahren.

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Bei der Temperaturmethode werden die fruchtbaren Tage der Frau mithilfe der Messung der sogenannten Basaltemperatur bestimmt. Wie genau funktioniert das Prinzip?
Mit der Temperaturmessung können die fruchtbaren Tage der Frau nicht im Voraus bestimmt werden. Die Körpertemperatur steigt erst an, wenn der Eisprung stattgefunden hat. Das Ei geht aber unbefruchtet innerhalb von zwölf bis 24 Stunden zugrunde. Der Temperaturanstieg kennzeichnet also das Ende der fruchtbaren Tage, nicht den Anfang.
 
Viel wichtiger ist es, mehrere Tage im Voraus zu wissen, wann der Eisprung stattfinden wird, weil Spermien in Gebärmutter und Eileitern bis zu fünf Tage überlebensfähig sind. Der einzige derzeit bekannte und zuverlässige Anhaltspunkt für diesen Zeitpunkt sind typische Veränderungen in dem Schleim, der aus dem Muttermund kommt. Der Muttermund bezeichnet das äußere Ende des Gebärmutterhalses, das in die Scheide hineinragt. Er schließt die Gebärmutter gegen die Vagina ab. Eine Frau, die ihre fruchtbaren Tage zuverlässig bestimmen will, muss lernen, dieses Sekret regelmäßig aus ihrer Vagina zu entnehmen und selbst zu beurteilen. Keine App und kein sonstiges Zyklus-Messwerkzeug kann die Auswertung des Zervixschleims bis heute ersetzen. Die typischen Veränderungen des Zervixschleims kennzeichnen den Anfang der fruchtbaren Tage, die Temperaturerhöhung kündigt das Ende an.

Für wen ist die Temperaturmessung als Verhütungsmethode geeignet – und welche Vor- und Nachteile hat sie?
Eine reine Temperaturmessung ist zur Empfängnisverhütung völlig ungeeignet. Viele Apps kombinieren die Temperaturmessung mit Berechnungen aus den früheren Zyklen, wann der Eisprung vermutlich stattfinden wird. Das ist aber extrem unzuverlässig, weil die Zykluslänge und der Zeitpunkt des Eisprungs sich immer mal um mehrere Tage verschieben können – dann sind all diese Berechnungen sinnlos.

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Wie misst man die Basaltemperatur möglichst genau? Gibt es Hilfsmittel, um die Temperatur präziser zu messen?
Es gibt ein spezielles Armband, das die Hauttemperatur automatisch aufzeichnet und ein kleines Messgerät, das die Frau über Nacht in die Vagina einlegt und das seine Aufzeichnungen automatisch durchführt. Alternativ führt sie morgens vor dem Aufstehen ein Thermometer in die Scheide ein. Diese Messungen geben nicht zuverlässig den Beginn der fruchtbaren Zeit an. Sie sind also, egal wie exakt sie messen, nicht geeignet, um zuverlässig Schwangerschaften zu verhüten.

Wie sicher ist die Temperaturmethode zur Empfängnisverhütung?
Die reine Temperaturmethode ist hochgradig unsicher. Sie hat einen Pearl-Index von etwa 10. Das heißt, dass von 100 Frauen, die die Methode ein Jahr lang anwenden, zehn ungeplant schwanger werden. Nach fünf Jahren wäre damit schon fast die Hälfte der Frauen schwanger geworden. Wenn die Temperaturmessung mit der regelmäßigen Beobachtung des Zervixschleims kombiniert wird – und nur dann – wird die Methode sehr zuverlässig. Sie hat dann unter optimalen Bedingungen einen Pearl-Index von unter 1.

Können Frauen 40plus, die bereits erste Anzeichen für die Wechseljahre bemerken, die Methode guten Gewissens anwenden?
Eine reine Temperaturmethode sollte man niemals zur Verhütung verwenden. Das gilt auch für alle Zyklus-Apps, -Computer, Armbänder und Vaginalringe, die nur mit der Temperaturmessung arbeiten und nicht auch den Zervixschleim verpflichtend miteinbeziehen. In den Jahren vor der Menopause beginnt auch der Zyklus unregelmäßig zu werden. Es gibt verkürzte oder verlängerte Zyklen mit verspätetem oder ganz ohne Eisprung. Eine Verhütung mit Zervixschleim und Temperatur ist im Prinzip noch möglich, vor allem wenn die Frau genug Erfahrung mit der Selbstbeobachtung besitzt.

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Porträtbild von Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover

Dr. med. Christian Albring, Präsident des Berufsverbandes der Frauenärzte und niedergelassener Frauenarzt in Hannover

Gibt es Faktoren, die das Messergebnis verfälschen können, zum Beispiel Alkoholkonsum am Vorabend oder die Einnahme bestimmter Medikamente?
Die Qualität des Zervixschleims wird durch Infektionen der Scheide verändert. Die Temperatur kann hingegen durch viele Einflüsse verändert werden, zum Beispiel Alkohol, Veränderungen des Schlaf-Wach-Rhythmus, Schichtdienst, Schmerzen, Stress oder Reisen. Schon das Aufstehen vor der Messung lässt die Temperatur ansteigen.
 
Bieten andere natürliche Alternativen zur Empfängnisverhütung mehr Sicherheit als die Temperaturmethode?
Die Temperaturmethode bietet keine Sicherheit. Die NFP-Methode (Anm. d. Red.: NFP-Methode = „Natürliche Familienplanung“) mit Zervixschleim und Temperatur bietet eine hohe Sicherheit. Darüber hinaus gibt es keine weiteren natürlichen Alternativen.
 
Gibt es Besonderheiten bei der natürlichen Verhütung für Frauen über 40?
Ja, irgendwann in den Jahren vor der Menopause verändert sich die hormonelle Balance. Dann wird der Zyklus oft kürzer. Infolgedessen tritt auch der Eisprung früher auf. Es ist ein Fehler zu denken, dass der Eisprung wie früher erst nach zwölf oder 14 Tagen auftreten wird. Er kommt dann vielleicht schon neun oder zehn Tage nach dem Beginn der Menstruation. Mit der Beobachtung des Zervixschleims hat die Frau das gut im Griff, denn nach wie vor verändert sich der Zervixschleim etwa fünf Tage vor dem Eisprung, was in diesen Fällen dann schon sehr kurz nach dem Ende der Menstruation der Fall sein kann.
 
Je mehr es auf die Menopause zugeht, desto häufiger treten Zyklen auf, in denen die Stimulation durch das Gehirn nicht ausreicht, um einen Eisprung auszulösen. Es könnte sich zwar der Zervixschleim so verändern, als ob es in den nächsten Tagen zum Eisprung kommen würde. Da der Eisprung ausbleibt, bleibt jedoch auch der Temperaturanstieg aus, teilweise über Wochen. Solange muss die Frau dann davon ausgehen, dass ein Eisprung noch bevorstehen könnte, selbst wenn Zwischenblutungen auftreten. Diese entstehen dadurch, dass nach mehreren Wochen Östrogen-Einfluss die innere Schicht der Gebärmutter so angewachsen ist, dass sie sich mit einer Blutung ablöst. Trotzdem ist die Frau dann weiterhin möglicherweise fruchtbar, muss also weiter mit Barrieremethoden verhüten. Erst wenn nach der typischen Veränderung des Zervixschleims irgendwann auch ein Temperaturanstieg eintritt, könnte ein Eisprung stattgefunden haben. Danach erst ist sie bis zur nächsten Menstruation sicher unfruchtbar.

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Wenn die Frau dann doch einen Kinderwunsch hat: Lässt sich die Temperaturmethode umgekehrt auch nutzen, um schneller schwanger zu werden?
Die Temperaturmessung ermöglicht es festzustellen, ob und wann ein Eisprung stattfindet. So kann die Frau besser planen. Aber erst der Zervixschleim-Nachweis ermöglicht es, den Beginn der fruchtbaren Tage herauszufinden. Bei Frauen über 40 steigt das Risiko für Aborte und Fehlgeburten von Jahr zu Jahr an, weil die Entwicklung der Frucht gestört ist oder der Körper nicht in der Lage ist, die Schwangerschaft aufrechtzuerhalten. Von zehn Frauen, die mit 45 schwanger werden, werden statistisch gesehen nur drei ein Baby bekommen.