Binge Eating Disorder: Wenn Heißhunger zur Ess­stö­rung wird

Weit weniger bekannt als Bulimie oder Magersucht, für Betroffene aber genauso quälend: Bei einer Binge-Eating-Störung folgen auf unkontrollierte Essanfälle Ekel und Schuldgefühle bis hin zu Depressionen. DONNA Online hat mit einer Binge Eaterin gesprochen.

Junge blonde Frau schiebt sich gierig einen Löffel Vanilleeis in den Mund

Binge Eater stopfen innerhalb kürzester Zeit hemmungslos Süßes oder Fettiges in sich hinein – pro Essattacke können mehrere 1000 Kalorien zusammenkommen.

Übersetzt aus dem Englischen bedeutet „binge“ „Gelage“ oder „sich mit etwas vollstopfen“ – zwei Stichworte, die das Verhalten bei einer Binge-Eating-Störung ziemlich treffend beschreiben: Binge Eater stopfen große Mengen an Lebensmitteln in sich hinein – unkontrolliert, alleine und ohne dabei wirklich Hunger zu haben. Während die Binge Eating Disorder in den USA als eigenständige Diagnose anerkannt ist, zählt sie in Deutschland zu den „nicht näher bezeichneten Essstörungen“. In diese Kategorie fallen alle Essstörungen, die nicht die Kriterien für eine spezifische Essstörung wie Magersucht (Anorexie) oder Bulimie erfüllen. Und das, obwohl Binge Eating in Deutschland alles andere als ein seltenes Krankheitsbild ist: Laut Bundesgesundheitsministerium sind etwa ein bis drei Prozent der deutschen Bevölkerung betroffen.

Doch was genau steckt hinter der unterschätzten Essstörung, was sind die Auslöser dafür und wie ist es, mit den unkontrollierten Essanfällen zu leben? DONNA Online fasst die wichtigsten Fakten zur Binge Eating Disorder zusammen und hat mit einer Betroffenen gesprochen, die seit ihrer Teenagerzeit damit zu kämpfen hat.

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Binge Eating Disorder: Was ist das?

Menschen, die eine Binge Eating Disorder haben, erleiden wiederkehrende Fressattacken, während der sie völlig die Kontrolle über ihr Essverhalten verlieren und zügellos große Mengen von meist ungesunden Nahrungsmitteln in sich hineinstopfen. Von einer Binge-Eating-Störung ist die Rede, wenn die Essanfälle im Durchschnitt an mindestens zwei Tagen pro Woche über sechs Monate hinweg auftreten. Anders als bei Magersucht oder Bulimie folgt auf die Heißhungerattacken häufig kein kompensatorisches Verhalten wie Erbrechen, Hungern oder extremes Sporttreiben, um eine Gewichtszunahme zu verhindern. Eine Gewichtszunahme und Übergewicht zählen deshalb zu den langfristigen Folgen von Binge Eating – und damit auch ein erhöhtes Risiko unter anderem für Bluthochdruck, Diabetes, Gelenkprobleme und Kreislaufstörungen.

Genauso verheerend sind die psychischen Konsequenzen für die Betroffenen: Nach den Fressanfällen, die typischerweise im Verborgenen stattfinden, plagen Binge Eater Selbstekel, Scham- und Schuldgefühle. Die Frustration über den Kontrollverlust kann Depressionen, aber auch weitere Heißhungerattacken auslösen – ein Teufelskreis, aus dem die Betroffenen sich aus eigener Kraft meist nicht befreien können. Da Binge Eater ihre Essstörung nicht vor anderen ausleben, sondern das Essen alleine herunterschlingen, bemerken Angehörige, Freunde oder Partner häufig nichts davon – es sei denn, die Betroffenen nehmen innerhalb kürzester Zeit stark zu oder lassen sich beim Horten großer Essensmengen ertappen.

Anders als bei Magersucht und Bulimie gibt es keine typische Altersgruppe, in der Binge Eating besonders verbreitet ist. Die Essstörung kommt bei Männern jedoch deutlich häufiger vor als andere Essstörungen.

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Mögliche Auslöser für eine Binge-Eating-Störung

Über die Entstehungsbedingungen einer Binge Eating Disorder ist bislang wenig bekannt. Wissenschaftler gehen jedoch davon aus, dass die genetische Veranlagung zu einer psychischen Störung und zu Übergewicht die Entwicklung der Essstörung begünstigen. Wer schon als Kind übergewichtig ist, trägt zudem ein höheres Risiko, später eine Binge-Eating-Störung zu entwicklen. Weitere Faktoren, die Heißhungerattacken auslösen können, sind ein negatives Selbstbild, starke Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper, wiederholte Diäten, Suchterkrankungen sowie Angst- oder Persönlichkeitsstörungen. Untersuchungen zeigen darüber hinaus, dass etwa 50 Prozent der Binge Eater schon einmal depressiv waren – ob Depressionen die Essstörung verursachen oder ob sie ein Symptom der Krankheit sind, ist allerdings nicht geklärt. Auch belastende Lebensereignisse, etwa Missbrauch, häusliche Gewalt oder Trennungserlebnisse scheinen in Zusammenhang mit der Binge Eating Disorder zu stehen. Zudem erleiden Betroffene häufig dann Essensanfälle, wenn sie sich mit starken Emotionen wie zum Beispiel Angst, Wut oder Trauer, Stress oder Konfliktsituationen konfrontiert sehen.

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Erfahrungsbericht: Wie ist es, mit einer Binge-Eating-Störung zu leben?

DONNA-Leserin Jennifer (30) leidet seit dem Teenageralter an einer Binge Eating Disorder. Auf regelmäßige Essattacken folgten bei ihr häufig exzessives Sporttreiben und Hungerkuren – eine starke emotionale Belastung, die wiederum neue Binge-Eating-Anfälle auslöste. Im Interview mit DONNA Online spricht die zweifache Mutter offen über ihre Essstörung und wie sie sie in den Griff bekam.

DONNA Online: Wie hat sich die Binge Eating Disorder bei Ihnen entwickelt – und wann wurde Ihnen zum ersten Mal bewusst, dass Ihr Essverhalten nicht normal ist?
Bereits vor meiner Teenagerzeit bekam ich oft vermittelt, dass ich so wie ich bin nicht genug bin. Ich begann meine erste Diät mit zwölf Jahren. Da sie es nicht besser wusste, bestärkte meine Mutter mich darin. Mit 16 Jahren begannen die Essanfälle. Dennoch wurde mir erst mit 26 Jahren – als frischgebackene Mutter – das erste Mal bewusst, dass es sich nicht um Maßlosigkeit oder gar Disziplinlosigkeit handelte, sondern um ernstzunehmendes suchtartiges Verhalten.

Was glauben Sie waren in Ihrem Fall die Ursachen für die Essstörung?
Aufgrund des mangelnden Gefühls von Sicherheit und Urvertrauen in meinem Elternhaus entwickelte ich mit dem Essen meine eigene Schutzbarriere mit dem Wunsch, irgendwo in meinem Leben die Kontrolle zu haben. An dieser Stelle sei betont: Ich bin meinen Eltern für nichts mehr böse, in der Regel handeln Eltern immer aus bestem Gewissen heraus.

Wann wurde die Diagnose Binge Eating Disorder bei Ihnen gestellt? Haben Sie sich aktiv Hilfe gesucht, etwa bei einem Therapeuten?
Ich fing an, online sehr viel über das Thema zu lesen, verschlang die zu diesem Zeitpunkt noch wenigen Bücher zum Thema Essstörung. Zuerst habe ich mich nur online getraut, mit einem Therapeuten Kontakt aufzunehmen. Der nächste Schritt war, mich in der nächstgelegenen größeren Stadt an eine unterstützende Organisation zu wenden. All das fiel mir damals unglaublich schwer. Dass es sich um eine Binge Eating Disorder handelt, war mir durch eigene Recherchen recht schnell klar.

Wie hat Ihr privates Umfeld, also Ihre Eltern, Freunde, aber auch Ihr Partner, auf die Essstörung reagiert?
Wegen meines alkoholabhängigen Vaters habe ich meine eigene Essstörung vor meiner Familie bis zuletzt geheim gehalten. Mein Partner reagierte erst mit Unverständnis, was mich anfangs kränkte. Ich konnte ihm dieses Verhalten aber niemals übel nehmen, da er einfach keinerlei Erfahrungen damit hatte. Er bemüht sich sehr, mir in jeder Lebenslage Halt zu geben. Zu Beginn sprach ich vorallem mit einer gute Freundin, die ich durch meine Essstörung kennenlernte über meine Geschichte. Seit kurzem öffne ich mich auch anderen Freunden immer mehr.

Hat die Geburt Ihrer Kinder die Essstörung irgendwie beeinflusst?
Ganz klar ja. Gerade anfangs, da natürlich auch das Thema „Nähren“ sehr im Vordergrund stand. Meine erste Geburt war nicht einfach, in der Zeit war ich unglaublich glücklich und zugleich zutiefst geknickt. Ich erlangte ein neues Bewusstsein für mich selbst – im positiven Sinne und voller Stolz, dieses kleine Wesen nun bei mir zu haben. Aber eben auch mit vielen schmerzhaften Erfahrungen und letztlich der Erkenntnis über meine Essstörung.

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Welchen Stellenwert nimmt Essen bei Ihnen zu Hause ein?
Meine Familie, das heißt mein Mann und meine Kinder, sind absolute Genießer. Auch wenn gerne mal genascht wird staune ich jeden Tag und bin stolz, wie bewusst sie mit Essen umgehen. Als Mutter ist es mir unglaublich wichtig meinen Kindern ein gesundes Selbstbild und somit ein intuitives Essverhalten nahezubringen. Zugegeben für mich eine der schwersten Aufgaben als Mutter.

Sie machen derzeit eine Online-Therapie über das Selbsthilfeportal Selfapy. Wie funktioniert das Programm – und ist es in Ihren Augen eine sinnvolle Möglichkeit, eine Binge-Eating-Störung in den Griff zu bekommen?
Ich halte die Onlinekurse von Selfapy für absolut zukunftsorientiert. Ich bin der Meinung und weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Menschen genau so ein Programm suchen und benötigen, um online schnell und einfach Hilfe zu bekommen. Das besondere an Selfapy ist die aktive Mitarbeit, jede Woche gibt es Wochenaufgaben, Videos und Übungen – das heißt Arbeitsblätter zum Herunterladen, Ausdrucken und Ausfüllen. Die Module sind systematisch und für mich sehr übersichtlich gestaltet. Der große Vorteil beispielsweise gegenüber einem Selbsthilfebuch ist, dass die Möglichkeit besteht, sich online und telefonisch Unterstützung durch den psychologisch geschulten Support zu holen. Bei einer akuten oder recht neu entdeckten Essstörung rate ich, das Programm begleitend zu einer Therapie durchzuführen. Auch während der Wartezeit vor einem stationären Aufenthalt oder einer ambulanten Psychotherapie kann das Programm eine gute Stütze sein.

Wie geht es Ihnen heute – haben Sie das Gefühl, die Essanfälle unter Kontrolle zu haben?
In den letzten Jahren habe ich durch meine Essstörung viel über mich selbst erfahren. Mittlerweile verstehe ich, wie eine Essstörung entstehen kann und das Wichtigste: Ich erkenne sie als Teil von mir an und nicht als etwas Falsches oder gar Schlechtes. Eine Essstörung stellt immer eine Chance dar, Dingen, die in einem verborgen liegen, Gehör zu verschaffen und sie an die Oberfläche zu bringen. Mein Schlüssel ist es, meine Gefühle anzuerkennen, anzunehmen und so meinem inneren Kind Raum zu geben. Gerade im Alltagsstress gibt es immer wieder Situationen, in denen es mir schwerfällt, bei mir zu bleiben und aufkommende negative Gefühle nicht mit Essen unterdrücken zu wollen. Hierbei hilft mir derzeit das Online-Selbsthilfeprogramm, viel lesen, schreiben, kurze Meditationen, regelmäßiger Sport. Alles in dem Rahmen, in dem meine Töchter es zulassen.

Was würden Sie Frauen raten, die phasenweise zu Fressattacken neigen, etwa um Stress zu kompensieren? Wann wird es Zeit, sich professionelle Hilfe zu suchen?
Alleine durch immer wiederkehrende hormonelle Veränderungen kennt wohl jede Frau Phasen von verstärktem Heißhunger. Ich denke, dass man sich prinzipiell nicht ständig maßregeln sollte. Viel wichtiger finde ich es, ins Gespräch mit sich selbst zugehen. Achtsam und bewusst zu genießen, um so ein über das Sättigungsgefühl hinausgehendes Überessen oder ein im Kopf entstandenes Gefühl von Verzicht zu vermeiden. Essen ist Genuss, Essen darf Freude sein. Dennoch stellt Essen nie eine Lösung für anderweitig unerfüllte Bedürfnisse dar. Auch hier sollte man einen Moment innehalten – dabei hilft tatsächlich schon bewusstes Ein- und Ausatmen – und dann hinterfragen, wo derzeit die eigenen Bedürfnisse liegen. Solange man seine eigenen Gefühle nicht übergeht und es die jeweilige Situation zulässt, tue ich Dinge, die mich auch in stressigen Zeiten erfüllen und mich anderweitig nähren. Das kann zum Beispiel eine Tasse von meinem Lieblingstee sein, das Anzünden einer Duftkerze, ein Spaziergang in der Natur, ein wärmendes Schaumbad oder ein paar Seiten eines guten Buches. Das hilft, die Seele angemessen und liebevoll zu nähren.

Wenn das Gefühl aufkommt, dass man durch Hungern, die Aufnahme von viel Nahrung innerhalb kurzer Zeit oder durch Erbrechen die Kontrolle verloren zu haben, rate ich dazu, das richtige Hilfsangebot für sich in Anspruch zu nehmen. Sich Hilfe zu holen ist niemals ein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil. So schwer es klingt: Besteht der eindeutige Verdacht auf eine Essstörung, ist es zunächst ein wichtiger Schritt, sie als Freund und nicht als Feind anzusehen. Eine Essstörung erfüllt immer ihren Sinn und Zweck, es fällt schwer, sich davon zu lösen, wenn zum Beispiel Liebe und Geborgenheit mit Essen gleichgesetzt werden. Eine Essstörung ist wie ein Sandkasten, in dem es immer noch mehr zu entdecken gibt, an dem man arbeiten darf.

Binge Eating Disorder: Hier finden Betroffene und Angehörige Hilfe

  • Die ANAD e.V. (Anorexia Nervosa and Associated Disorders) bietet Menschen mit Essstörungen individuelle Hilfe durch Beratungs- und Therapieangebote an.
  • Bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzGA) finden Betroffene und ihre Angehörigen Adressen von Beratungsstellen in Deutschland sowie kostenlose Infomaterialien rund ums Thema Essstörungen.
  • Der Bundesverband Essstörungen (BFE) ist ein Zusammenschluss aus Ärzten, Therapeuten und Beratern, die sich auf den Bereich Essstörungen spezialisiert haben. Der Verband bietet Infos zu freien Therapieplätzen sowie Veranstaltungen zum Thema Essstörungen an.
  • Das Therapienetz Essstörung ist eine überregionale, auf Essstörungen spezialisierte Einrichtung, die Betroffene berät, vermittelt und begleitet.
  • Das Online-Selbsthilfeportal Selfapy bietet anonyme Soforthilfe bei Essattacken – mit einem drei- bis sechsmonatigen Online-Kursprogramm, das sich an den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie orientiert. Die Kosten dafür werden bis zu 100 Prozent von der Krankenkasse erstattet.