Zähneknirschen als Stressventil: Wenn psychischer Druck die Zähne belastet

Stress, Ängste, Alltagssorgen: Mediziner gehen davon aus, dass psychische Belastungen bei der Entstehung von unbewusstem Zähneknirschen eine tragende Rolle spielen. Doch was kann man tun, wenn seelischer Druck die Zähne in Mitleidenschaft zieht? DONNA Online hat mit einer Expertin gesprochen.

Frau mit grauem Kurzhaarschnitt fasst sich mit der Hand an den schmerzenden Kiefer

Ob im Schlaf oder in Phasen höchster Konzentration: Unbewusstes Zähneknirschen kann Zahn- und Kieferschmerzen bis hin zu Dauerschäden an der Zahnsubstanz zur Folge haben.

Hinter dem medizinischen Fachbegriff Bruxismus steckt unbewusstes Zähneknischen, Reiben oder Aufeinanderpressen der Zähne des Ober- und Unterkiefers – meist im Schlaf, teilweise aber auch tagsüber. Die Ursachen für dieses zahnschädigende Verhalten können unter anderem falsch stehende Zähne, nicht passende Füllungen oder ein fehlerhafter Zusammenbiss der Kiefer sein. In vielen Fällen lässt sich das Phänomen allerdings auf psychologische Ursachen zurückführen: Experten vermuten, dass Knirschen ein Ablassventil für unterdrückte Gefühle, Angst oder belastende Ereignisse, etwa eine Trennung oder ein Todesfall, ist. Die Folgen reichen von teils starken Beschädigungen von Zahnschmelz, Kiefermuskeln und -gelenken bis hin zu Ohrensausen, Sehstörungen oder Rückenschmerzen.

Bruxismus: Das hilft gegen nächtliches Zähneknirschen

Als Standardtherapie wird Betroffenen in der Regel eine Aufbissschiene (Knirscherschiene) verschrieben, die sie nachts tragen müssen, um die Zahnsubstanz nicht weiter zu schädigen. Diese Maßnahme ist zwar hilfreich, um den Zahnverschleiß einzudämmen, geht aber nicht die eigentliche Ursache des Knirschens an. DONNA Online sprach mit Psychotherapeutin Dr. Aylin Thiel darüber, welche psychotherapeutischen Ansätze es für die Behandlung von Zähneknirschen gibt und wie gut die Erfolgschancen von Hypnose und Co. stehen.

Porträtfoto von Diplom-Psychologin und Psychotherapeutin Dr. Aylin Thiel

Psychotherapeutin Dr. Aylin Thiel aus Kiedrich hat sich unter anderem auf Traumatherapie, psychosomatische Erkrankungen, Depressionen und Angststörungen spezialisiert.

DONNA Online: Gegen nächtliches Knirschen wird Betroffenen meist eine Aufbissschiene verschrieben. Dabei sind die Ursachen dafür oftmals psychischer Natur. Wie gehen Sie bei Bruxismus-Patienten vor, um die individuellen Ursachen festzustellen?
Dr. Aylin Thiel: Wir leben in einer sehr hektischen und schnelllebigen Zeit, in der immer mehr Menschen zu viele Verpflichtungen haben und unter Zeitdruck „funktionieren“. Dieser zunehmende Druck zeigt sich auch auf somatischer Ebene, zum Beispiel durch Zähneknirschen. Dies ist jedoch nur ein Symptom und keine Erkrankung. Daher gilt es eher herauszufinden, wo jemand im weitesten Sinne „zu viel Druck“ in seinem Leben verspürt und wo die betreffende Person „die Zähne zusammenzubeißen“ muss.

Welche psychotherapeutischen Verfahren gibt es zur Behandlung von Bruxismus?
Ein Patient kommt selten nur mit Bruxismus in Therapie. Meist gibt es einen ganzen Symptomkomplex, warum jemand sich in psychotherapeutische Behandlung begibt. Hierbei kann es sich um Angststörungen, Depressionen, Traumata und so weiter handeln. In der Verhaltenstherapie würde der Therapeut, vereinfacht gesagt, vermutlich nach Stressoren fragen und den Patienten dazu motivieren, diese zu reduzieren. Hierbei kann es sich um Stress durch Arbeitsbelastung, Verpflichtungen oder familiäre Konflikte handeln. Tiefenpsychologisch würde der Therapeut sich vermutlich für Ängste, Anspannungsauslöser, aber auch für – insbesondere unterdrückte – Wut interessieren. Wenn die eigentlichen Stressmomente gelöst sind, verschwindet auch der Bruxismus.

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Hypnose ist eine beliebte Methode, um Menschen zum Beispiel das Rauchen abzugewöhnen. Kann sie auch Knirschern helfen?
Hypnose kann über Entspannungsübungen den Stress reduzieren und Blockaden auflösen. Auch die Suggestion unter Hypnose kann bei der betreffenden Person das Knirschen reduzieren. Dies löst ein Symptom, nicht jedoch die Ursache des Problems. Hierfür wäre eine Psychotherapie empfehlenswert.

Wenn der Auslöser für Bruxismus berufsbedingter Stress ist, der trotz einer Therapie in absehbarer Zeit nicht weniger werden wird: Gibt es Methoden, um das Knirschen als Stressventil „umzukonditionieren“ und den Stress anders abzulassen?
Unser Körper ist unser Freund und er hat ein großartiges Frühwarnsystem, die sogenannten Symptome. Der Körper entwickelt immer dann Symptome, wenn es dem Menschen nicht gut geht. Und diese werden immer unangenehmer je länger der Mensch nichts für das Wohlbefinden verändert. Ein Beispiel, das wir alle kennen: Wenn wir länger nichts trinken und in einem stickigen Raum sitzen, entwickelt jeder Mensch Kopfschmerzen. Sie sind ein Frühwarnsignal, machen sich also bemerkbar, bevor eine Schädigung eintritt. Je länger wir nichts trinken oder keine frische Luft in den Raum lassen, desto schlimmer werden die Kopfschmerzen. Wir könnten jetzt mit einer Kopfschmerztablette, mit Hypnose oder ähnlichen Methoden die Schmerzen reduzieren. Sinnvoller wäre es jedoch, ein Fenster zu öffnen und zu trinken.

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Natürlich kann man bei einer beruflich hohen Stressbelastung viel Sport treiben und Yoga oder andere Entspannungsübungen machen, um dem Stress entgegenzuwirken. Wenn ein Job jedoch dauerhaft Distress, also negativen Stress, auslöst, wäre es sinnvoll darüber nachzudenken, wie der Stress in der Arbeit reduziert werden kann. Seit langem weiß man, dass zu hoher und langanhaltender Stress zu Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen führt. Zweimal die Woche zum Sport zu gehen verändert daran wenig.

Wie groß sind die Erfolgschancen bei der psychotherapeutischen Behandlung von Zähneknirschen?
In der Psychotherapie gilt das Wirtschaftlichkeitsprinzip. Solange ein Patient keine weiteren Symptome hat, kann er ruhig mit den Zähnen knirschen und mit einer Anti-Aufbiss-Schiene dagegen steuern, dass die Zähne geschädigt werden. Ein Beispiel: Jemand leidet unter einer Panikstörung. Dahinter verbirgt sich eine existentielle Angst, die Arbeitsstelle zu verlieren. Die Person arbeitet zunehmend mehr und versucht, sich unersetzlich zu machen. Sie bemerkt nicht, wie sehr sie unter Druck steht und hat auch wenig Zeit darüber nachzudenken, da sie sich tagsüber sehr auspowert. Hier kann der Körper mit Zähneknirschen reagieren, gleichzeitig aber auch mit Schlafstörungen, Stimmungstiefs und anderen Symptomen. Nach einer erfolgreichen Psychotherapie löst sich die Existenzangst, die Panikstörung, die Schlafstörung und auch der Bruxismus.

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