Erfahrungsbericht: Wieso Sie den Schritt zum Hörgerät wagen sollten

Trotz modernster Technik und fast unsichtbaren Implantaten weigern sich viele Betroffene mit schlechter werdendem Gehör, ein Hörgerät zu nutzen. Unsere Autorin fand sich dafür zu jung – und kam dann doch zur Einsicht. Lesen Sie hier, wie es ihr mit der neuen Hörhilfe ergeht.

Rückansicht einer Frau mit kurzen Haaren, die sich gerade ein Hörgerät in ihr Ohr ein setzt

Zu jung für ein Hörgerät? Oder zu eitel? Es erleichtert das Leben ungemein, erkannte unsere Autorin nach langer Verweigerung einer Hörhilfe.

Mein neuer Computer ist nur halb so groß wie mein kleiner Finger. Dazu angenehm unauffällig und höchst schallstark. Darf ich vorstellen: mein erstes Hörgerät. Ja, ich bin 61, gefühlt noch Ewigkeiten von Alter und Schwerhörigkeit entfernt, und trotzdem höre ich immer schneller immer schlechter. Die Ursachen sind unklar: kein Hörsturz, keine Grippe, kein Virus. Noch nicht mal die Gene können schuld sein: Meine Mutter hört mit 86 Jahren wie ein Luchs. Im Gegensatz zu mir. In Unterhaltungen mit Freunden verstehe ich gerne mal „Züge“ statt „Flüge“ oder „Tisch“ statt „Fisch“. In Konferenzen ertappe ich mich dabei, wie ich abschalte, weil ich akustisch überfordert bin. Wie ich pflichtbewusst lache oder nicke, wenn es alle tun. Im Theater setze ich mich so weit nach vorne, wie es nur geht.

Schlechtes Gehör kommt immer früher

Beruhigend finde ich, dass ich nicht allein bin mit meinem Problem. Immer mehr Frauen und Männer hören schon früh schlecht. In der Altersklasse zwischen 41 und 60 Jahren sind die Werte nur noch bei 42 Prozent normal, wie die Fördergemeinschaft Gutes Hören herausgefunden hat. Bevor ich mich auf den Weg zum Ohrenarzt mache, will ich wissen:

Wie funktioniert Hören eigentlich?

Hören, lese ich, ist die Wahrnehmung von Schall und der definiert sich durch eine Grundfrequenz und die Lautstärke. Damit wir Sprache, Musik und Umweltgeräusche richtig wahrnehmen können, müssen wir auf eine Mischung von ganz vielen verschiedenen Einzelfrequenzen in unterschiedlichster Lautstärke zurückgreifen können. Alle Schwingungen werden in Rekordzeit in unserer Ohrmuschel aufgefangen. Von dort wandern sie weiter in den äußeren Gehörgang, treffen aufs Trommelfell, gelangen über die Gehörknöchelchen ins Innenohr. Und hier sitzt die sogenannte Hörschnecke. Mit ihren circa 16 000 feinen Haarzellen ist sie dafür verantwortlich, dass wir hohe und tiefe Töne wahrnehmen können.

„Oft ist hier die Ursache für eine Hörminderung zu finden“, sagt mir später Dr. Jan Löhler, Facharzt für HNO in Bad Bramstedt. „Die Haarzellen nutzen sich mit der Zeit ab. Meist ist Lärm daran schuld, dem wir immer stärker ausgesetzt sind“, so der Direktor des Wissenschaftlichen Instituts für angewandte HNO-Heilkunde des Deutschen Berufsverbandes der HNO-Ärzte. „Und außerdem liegt es natürlich auch am Alter. Man darf nicht vergessen, dass unsere Ohren Tag und Nacht offen sind und im Gegensatz zu den Augen nie Ruhe haben.“ Bei mir scheinen diese kleinen Haarzellen unterschiedlich abgenutzt zu sein.

Konsonanten bringen müde Haarzellen durcheinander

Bei starker Beanspruchung machen als Erstes die Haarzellen für die hohen Frequenzen schlapp, die für die Sprachverständlichkeit zuständig sind. „Betroffen sind vor allem die Konsonanten, von denen die deutsche Sprache überwiegend geprägt ist“, erklärt mir der Experte weiter. Das leuchtet mir ein: Traum, Schaum, Raum, Baum – da können müde Haarzellen schon mal durcheinanderkommen. „Das Gefährliche ist, dass man anfängt zu raten, wenn man nicht mehr eindeutig hört“, so Dr. Löhler. Oft ja auch mit Erfolg. Aber wer zu wenig hört und zu viel rät, verlernt den Teil des Hörens, der über das bloße Schallverarbeiten hinausgeht. Mit nachweislich schlimmen Folgen: Depressionen und Demenz werden inzwischen mit jahrelangem schlechtem Hören in Verbindung gebracht. Und sozialer Rückzug, weil es einfach keinen Spaß macht, in Gesprächen ständig nachfragen zu müssen. „Für so einen Fall gibt es, wenn die Ärzte andere Ursachen ausschließen können, zum Glück ein Hörgerät“, so Dr. Löhler. Je eher man sich dafür entscheide, desto größer ist die Chance, das Hören und Verstehen wieder zu lernen. Aber gerade das fällt offenbar schwer: Bis Menschen sich zu einem Hörgerät durchringen können, dauert es im Schnitt sieben bis zehn Jahre.

Hightec: Hörgerät mit iPhone steuern

So lange will ich nicht warten. Nach einem Besuch beim HNO-Arzt suche ich ein Geschäft für Hörgeräte. Die Akustikerin Monika Mayer nimmt sich Zeit für mich. Sie erklärt, dass die Anpassung eines Hörgerätes langwierig sein kann. „Aber vielleicht haben Sie ja ein iPhone?“, fragt sie mich. Ja, habe ich, aber was hat das damit zu tun? „Es kann dank einer Spezial-App Ihr Hörgerät steuern, von laut zu leise, von Programm zu Programm“, erklärt mir Monika Mayer. Ruft mich jemand auf dem Handy an, werden die Anrufe direkt aufs Hörgerät geschickt, ebenso der Fernsehton via TV-Adapter. Außerdem kann ein Hörgerät dank Spezial-Chip blitzschnell analysieren, was Lärm ist, Echo und Hall und diese Störgeräusche in Lichtgeschwindigkeit herausfiltern und abmildern, sodass ich gar nichts davon merke.

Sprache hingegen wird verstärkt. So viel Hightech hört sich für mich schon gar nicht mehr so alt an. Bei aller Freude darüber frage ich mich allerdings, wie ältere Leute sich mit der App anfreunden sollen. Ich bekomme ein „Hinter dem Ohr“-Hörgerät: Die gesamte Technik sitzt, wie der Name schon sagt, in dem kleinen, federleichten Stück hinter meinem Ohr. Die Farbe suchen wir passend zu meinem Haar aus, so ist das Ganze unauffällig. Ein transparenter, biegsamer Mini-Schlauch leitet den Schall weiter in ein Ohrstück, im Fachjargon Otoplastik genannt, das ins Ohr geschoben wird. Und schon kommen wir zur ersten Herausforderung: Die Otoplastik fühlt sich an wie ein Pfropfen, der mein Ohr verstopft. „Daran gewöhnen Sie sich“, beruhigt mich Monika Mayer.

Bei der nächsten Sitzung bekomme ich eine Otoplastik, die genau für meine Ohrengröße und -tiefe angefertigt wurde. Trotzdem fühlt es sich fremd und viel zu voll an. Ich soll abwarten, erst mal Probetragen: täglich, von morgens bis abends. Warum eigentlich? Eine Lesebrille setzt man doch auch nur zum Lesen auf. „Sie müssen das Hören ja erst wieder lernen“, erklärt Mayer. „Ihr Ohr muss überflüssige Geräusche herausfiltern. Das Hörgerät unterstützt Sie dabei, der Rest ist Ihre intellektuelle Leistung.“

Stolpersteine und Erfolge mit Hörgerät

In den nächsten Tagen ist alles lauter, aber nichts besser. Raschelt jemand mit Papier, fahre ich zusammen. Die U-Bahn scheint direkt durch meine Ohren zu fahren. Nur mein Mann spricht weiterhin zu leise. Abends bin ich fix und fertig, mir dröhnt der Kopf – das ist Frust pur. Deshalb vereinbare ich mit Frau Mayer, das Gerät „einzuschleichen“, indem ich die Tragedauer nach und nach stundenweise steigere. Und siehe da, es klappt gleich viel besser.

Nach ein paar Wochen stellen sich erste Hörerfolge ein. Vor allem Telefonieren via Smartphone klappt wunderbar. Ebenso das Fernsehen, plötzlich verstehe ich beim „Tatort“ jedes Wort. Nur die Ohrstücke drücken weiterhin. Deshalb entscheide ich mich für eine wesentlich schmalere Alternative. Jetzt kann ich oft nicht mal mehr sagen, ob ich die Dinger drin habe oder nicht. Und bin bereit für den nächsten Schritt: Ich soll mein Gehirn trainieren.

Was muss das Gehirn bei einer Hörhilfe leisten?

Ein spezielles Hörtraining per CD soll mir offenbar helfen, das Hören und Verstehen neu anzugehen. Wieso das? Die Akustikerin erklärt: „Die Ohren sind nur das Portal für den Schall, alles Weitere findet in unserem Gehirn statt. Durch das Hörgerät können Sie wieder mehr Informationen empfangen, die richtig gedeutet und interpretiert werden müssen. Mit der CD üben Sie das Erkennen, Empfinden, Verstehen, Auswerten, Einordnen und Interpretieren akustischer Reize.“ Eine halbe Stunde Training pro Tag ist der Plan: Ich mache Reimtests, spiele Hör-Memory, merke mir Begriffe, um sie nach ein paar Minuten wiederzugeben. Das Ganze ist anstrengend, aber es hilft – und wird nach ein paar Monaten ganz normal, ich höre und verstehe. Was ich allerdings wirklich nicht mehr verstehe: warum ich mich so lange ohne Hörgerät herumgequält habe.

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Was kostet ein Hörgerät? Alle wichtigen Infos

  • Hörgeräte gibt es in verschiedenen Formen und Ausführungen. Gute digitale Varianten kosten zwischen 500 und 2000 Euro pro Ohr. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen etwa 700 Euro, die privaten je nach Vereinbarung. Das teuerste Gerät kann vielleicht mehr, muss aber deswegen nicht das Beste sein. Dr. Jan Löhler: „Die Kassengeräte von heute sind die Luxusgeräte von vor zehn Jahren.“ Alle sechs Jahre hat man das Anrecht auf ein neues Hörgerät.
  • Hörgeräte werden mit Spezial-Batterien betrieben. Sie sind vergleichsweise teuer (ca. 8 Euro für sechs Batterien) und halten je nach Einsatz und Zusatzgeräten (z.B. iPhone) nur ein paar Tage.
  • Abends müssen Hörgeräte gereinigt werden. Man legt sie in ein Trockengerät, damit sich keine Bakterien bilden können. Das Grundausstattungs-Set für sechs bis acht Monate kostet etwa 20 Euro.

Autorin: Cornelia Menner