Gender-Medizin: Deshalb schlagen Frauenherzen anders

Herzkrankheiten werden oft als typisches Männerproblem betrachtet – dabei sind auch viele Frauen von Herzleiden betroffen. DONNA Online sprach mit Herzexperte Dr. Sebastian Grünig über die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerherzen und gibt Tipps zur Vorbeugung.

Hände einer Ärztin im Arztkittel halten ein rotes Objekt in Herzform

Schlagen Frauenherzen anders? DONNA Online sprach mit einem Kardiologen über geschlechtsspezifische Unterschiede, Risikofaktoren und Vorbeugung gegen Herzerkrankungen.

Über 300.000 Menschen erleiden laut einer Studie der Deutschen Herzstiftung jährlich einen Herzinfarkt. Viele Schulmediziner behandeln Frauen in der Kardiologie wie männliche Patienten – und das, obwohl Frauenherzen nachweislich anders schlagen und demnach bei Krankheiten anders behandelt werden sollten. Worin genau sich weibliche von männlichen Herzen unterscheiden, welche Faktoren das Risiko für Herzerkrankungen bei Frauen erhöhen und wie Sie vorbeugen können, beantwortete uns Dr. Sebastian Grünig, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie von radprax-Wuppertal.

Gender-Medizin: Weshalb Frauen eine andere Behandlung brauchen als Männer

DONNA Online: Die Gender-Medizin geht davon aus, dass Krankheitssymptome sich bei Frauen und Männern unterschiedlich äußern und sie je nach Geschlecht unterschiedlich auf dieselbe Behandlung reagieren. Inwiefern gilt das bei Herzkrankheiten?
Dr. Sebastian Grünig: In der Tat erkranken Frauen anders als Männer. Diese Unterschiede werden vor allem bei Herzerkrankungen sichtbar. So äußern sich beispielsweise die Symptome eines Herzinfarktes bei Frauen oft differenzierter als bei Männern, die klassische Anzeichen wie Atemnot begleitet von einem stechenden Schmerz in der Brust, der bis in den linken Arm ausstrahlt, aufweisen. Etwa die Hälfte der Frauen zeigen ein weniger dramatisches Symptomkomplex, das aus Übelkeit, Müdigkeit, Rücken- und Oberbauchschmerzen, geschwollenen Knöchel sowie Schlafstörungen besteht und sich bis zu vier Wochen vorher ankündigen kann. Aufgrund dieser unscheinbaren Vorboten bleiben rechtzeitige Diagnosen und daraufhin eingeleitete Therapien bei Frauen oftmals aus.

Geschlechterunterschiedliche Symptome zeigen sich auch bei einem Schlaganfall. Frauen klagen über Brustschmerzen oder Kurzatmigkeit und nicht über eine halbseitige Lähmung oder Bewegungsstörungen wie das männliche Pendant. Um die Überlebenschancen jedoch zu erhöhen und Patientinnen zu sensibilisieren, wurde die sogenannte NAN-Regel aufgestellt. Alle Beschwerden, die plötzlich und unerklärlich zwischen Nasenspitze, Arm und Nabel auftreten und nicht innerhalb von 15 Minuten abklingen, sollten von einem Arzt abgeklärt werden.

Schlaganfall: Richtig vorbeugen und handeln im Notfall

Fehlende Kenntnis über geschlechterspezifische Unterschiede spielt auch bei der Medikation eine Schlüsselrolle. Arzneimittel, die zur Prävention von Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingenommen werden, wirken bei Frauen anders als bei Männern. So beeinflussen Körperfett, Stoffwechsel, pH-Wert, Enzymaktivität, Muskelmasse und Hormone die Wirksamkeit von Herzmedikamenten. Da Frauen beispielsweise einen höheren Körperfettanteil aufweisen als Männer, verweilen lipophile Arzneimittel länger im Fettgewebe. Aus diesem müssen die fettlöslichen Medikamente erst einmal mobilisiert werden, was entsprechend länger dauert. Daneben stehen Ärzte vor einem weiteren Problem: Bei Arzneimittelstudien sind weniger als ein Drittel der Teilnehmer Frauen. Folglich ist die Aussagekraft richtiger Dosierungseinheiten nicht eindeutig und erschwert eine passende medikamentöse Behandlung.

Wie unterscheiden sich Frauen- von Männerherzen?
Funktion, Bau- und Wirkungsweise des Herzens sind bei beiden Geschlechtern gleich. Allerdings verfügen Frauen über ein kleineres Herz- und Schlagvolumen. Folglich pumpt das Organ weniger Blut und somit geringere Mengen an Sauerstoff in den Körper. Bei gleicher körperlicher Belastung muss das Frauenherz den Sauerstoffbedarf durch einen schnelleren Herzschlag ausgleichen, um genügend Sauerstoff in die Extremitäten zu pumpen und Muskeln und Organe zu versorgen. Im MRT zeigt sich ein weiteres Phänomen: Frauenherzen ziehen sich im Alter weniger zusammen. Auch gegenläufige Rotationsbewegungen, mit denen sich die Herzkammer bei jedem Herzschlag wie ein nasses Handtuch auswringt, fällt gegenüber Männerherzen wesentlich schwächer aus. Zudem weist bei Frauen die Dehnbarkeit des Herzmuskels im Alter zunehmend Störungen auf, es wird steifer.

Porträtbild von Dr. Sebastian Grünig, Facharzt für Innere Medizin und Kardiologie von radprax Wuppertal

Dr. Sebastian Grünig ist Facharzt für Innere Medizin und Kardiologe der radprax-Gruppe in Wuppertal.

Wirken sich die typischen Risikofaktoren für Herzleiden, zum Beispiel Rauchen oder Übergewicht, bei Frauen anders aus als bei Männern?
Ja. Zwar zeigen sich Gemeinsamkeiten bei den Risikofaktoren, zu denen in erster Linie Rauchen, aber auch Bluthochdruck, mangelnde Bewegung, Fettstoffwechselstörungen und Stress zählen, dennoch gibt es beispielsweise Unterschiede bei diabeteskranken Frauen gegenüber männlichen Diabetikern. Erstere weisen ein deutlich erhöhtes Herzinfarktrisiko auf. Die genauen Ursachen sind jedoch unklar. Vermutlich führen konstant hohe Blutzuckerwerte zu winzigen Entzündungen in den Gefäßen, die die Arterien nachhaltig verstopfen und unbeweglicher werden lassen.

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Beeinflusst die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren das Herz?
Das weibliche Hormon Östrogen verbessert das Verhältnis von schlechten und guten Cholesterinwerten, schützt vor Gefäßverkalkung sowie Ablagerungen und sorgt gleichzeitig für den Schutz der Herzinnenhaut, auch Endothel genannt. Fällt mit den Wechseljahren allerdings die Produktion des Hormons aus, steigt das Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten.

Was sollten Frauen für ihre Herzgesundheit tun – gerade ab 40?
Frauen sollten vor allem die Risikofaktoren kennen und ihren Lebensstil entsprechend anpassen oder ändern. Das bedeutet im Konkreten, den Nikotinkonsum einzustellen, für mehr Bewegung im Alltag zu sorgen und auf eine ausgewogene, salzreduzierte Ernährung zu achten. Gerade Frauen, die beruflich sehr eingespannt sind, sollten zudem Stress reduzieren – beispielsweise mithilfe bestimmter Entspannungstechniken und Atemübungen. Was viele Patienten nicht wissen: Ab dem 35. Lebensjahr und dann alle zwei Jahre zahlen Krankenkassen für Frauen und Männer einen Gesundheits-Check-up zur Früherkennung. Dazu zählt auch die Kontrolle von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wer also regelmäßig Vorsorgeuntersuchungen wahrnimmt, bei dem erkennen Ärzte rechtzeitig Warnhinweise und leiten entsprechende Therapien ein, die schwerwiegende Folgen verhindern.