Leben mit Depressionen: Seht ihr nicht, wie es mir geht?

Tolle Ausstrahlung, fröhliches Wesen – auf den ersten Blick nimmt man Marlis Jöbges die Krankheit nicht ab. Fatal, sagt die 56-Jährige, die sich dafür einsetzt, dass Depressionen endlich gesellschaftlich akzeptiert werden.

Frau steht auf einem Feld und trägt eine Papiertüte mit aufgemaltem Smiley auf dem Kopf

Despressionen sind nach außen hin nicht sichtbar – und Betroffene können sich gut verstellen. Die Geschichte einer Depressiven.

Ohne die Maske, überlegt Marlis Jöbges, wäre es vielleicht nie so weit gekommen. Ihr Make-up: gekonntes Understatement. Ihr Kleidungsstil: zwischen lässig und chic. Vor allem aber dieses Strahlen ist es, das auffällt. Einnehmend wirkt es – und echt. „Das ist es heute ja auch“, sagt die 56-Jährige. Heute? Ja, jeder, der unter Depressionen leide, kenne das: sich so zu verstellen, dass niemand etwas mitbekommt. Zuweilen sind Klimmzüge dafür nötig. Kleine Ewigkeiten vor dem Spiegel, bevor die Bühne Alltag betreten wird.

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Die Maske mache vieles möglich, sagt Marlis Jöbges. Aber sie sei auch Teil des Problems. „Die kann doch, wenn sie nur will“, heißt es schnell. „Was nicht gesehen wird, ist das Bett, das tagelang oft nur verlassen wird, wenn man zur Toilette muss. Sind die fettigen Haare, die Jogginghose und der Fernseher, der keinen Aus-Knopf zu haben scheint.“ Sie lacht. Manchmal sagt sie spaßeshalber, „jedem Depressiven gehöre ein grüner Punkt auf die Stirn geklebt. Dann wären wir endlich sichtbar.“

Marlis ist keine, die beim Thema Depression als Erstes mit den Klassikern kommt: der Mutter, dem Vater, dem fehlenden Nest, dem frühen Misserfolg. Schuldige auszumachen ist einfach, die Krankheit ist komplex. „Reden wir doch lieber darüber, wie alles angefangen hat“, schlägt sie vor. Und erzählt, wie sie vor zehn Jahren oft bei Ärzten saß. Wegen Kopfschmerzen, wegen Verspannungen. Sie wurde geröntgt, bekam Einlagen. Kaum schien ein Symptom beseitigt, zeigte sich ein nächstes.

„Keiner hat mich je gefragt, wie es mir eigentlich sonst so ging.“ Ihr Sohn Nick ist zwölf Jahre alt, als die Pubertät ihn zu einem anderen zu machen scheint. Aus der aufgekratzten, vergnügten Quatschbacke wird ein in sich gekehrter Halbwüchsiger. Aus den gemeinsam verbrachten Nachmittagen werden Stunden, die sie neu mit Inhalt füllen muss – aber letztlich nicht füllen kann. Die Nächte werden schlaflos.

Eines Tages schlägt ein Kollege aus Jux vor, dass alle im Team doch mal diesen Online-Test machen sollen: „Bin ich depressiv?“ „Mist, ich muss weiterarbeiten“ – so kommentieren die anderen lachend ihre Ergebnisse. Marlis klickt ihres schnell weg. „Schwer depressiv“ steht da.

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Vier Jahre schleppt sie sich weiter durch den Alltag. Doch dann reicht die Kraft zur Aufrechterhaltung der Fassade nicht mehr. Es passiert auf Kreta. Seit Ewigkeiten sind sie und ihr Mann mal wieder allein als Paar unterwegs. Eine Chance, sagt der Kopf. Das Herz aber beginnt plötzlich zu rasen. Marlis fühlt Rastlosigkeit und Lethargie zugleich – ein absurdes Gegeneinander. Sie tut keinen Schritt aus der Hotelanlage. Auch das Bett verlässt sie kaum. Und hört noch das verzweifelte Fragen ihres Mannes, was denn nur mit ihr los sei. Fühlt noch, wie sich alles in ihr erwartungsvoll auf die Rückreise konzentriert. Aber zu Hause rast das Herz weiter, tagein, tagaus. Erschöpft quält sie sich über Wochen zur Arbeit, legt sich nach Feierabend gleich hin – ohne sich zu erholen.

„Du wirkst so verändert“: Die Freundin, die diesen Satz sagt, schleppt sie schließlich zu einer Psychologin. Die benennt, was Marlis Jöbges seit dem Online-Test bereits ahnt. „Die Diagnose Depression war Schock und Erleichterung zugleich.“ Sie kann das jetzt: den Koffer, den sie für die Klinik packen soll, stehen lassen – ohne sich dabei schlecht zu fühlen. Ihrem Mann, der fragt, ob sie fertig sei, entgegnen: „Ich hab noch nicht mal angefangen.“

Die Welt, die 300 Kilometer weit weg auf sie wartet, wirkt zunächst verstörend. Lauter normal aussehende Menschen in offensichtlich moderater Verfassung begegnen ihr. Niemand, der weint, niemand, der einen desorientierten Eindruck macht. Nicht mal der Hauch von „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Was ihr auch noch zu denken gibt, ist die Atmosphäre moderner psychiatrischer Kliniken: „Sie kommt mir wie ein Abbild unserer Kultur vor. Sich mal gehen zu lassen und schwach zu sein, ist heikel – sogar dort!“ Wenn, geschehe es nur in dafür vorgesehenen Räumen. In der Gruppentherapie. Beim Sozialtraining. Da darf alles raus. Zwei Männer fallen ihr besonders auf. „Die hatten Sprechdurchfall.“ Kein Gespür dafür, wann genug ist mit Prahlerei und Selbstdarstellung. Eine Manie, erklärt der Therapeut. „Zum Glück hab ich nur eine gewöhnliche Depression“, denkt Marlis.

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Nichts müssen, nach so langer Zeit zum ersten Mal ohne Pflichten – das ist für sie der „Himmel“. Keine Entscheidungen treffen, nicht den Frühstückstisch decken… Kein einziges Mal ruft sie in den sechs Wochen zu Hause an; dabei hat es nur die Empfehlung gegeben, den Kontakt zu reduzieren. Ihr Mann versteht erneut nicht, was in ihr vorgeht. Er wäscht, kocht, putzt – auch nach ihrer Rückkehr, denn sie ist zu alldem nicht mehr fähig.

Eine ambulante Therapie soll ihr helfen, durch sich langsam steigernde Aufgaben, zum Beispiel mal einkaufen oder kochen. Behutsame Wiedereingliederung empfehlen die Therapeuten – das heißt zunächst nur für zwei Stunden täglich in den Job zurück.

Sie weiß noch, wie gut sie sich gefühlt hat beim Gang in die Firma, nach einem Jahr. Bluse zur Lederjacke, lässige Jeans zu braven Schuhen – sie ist zufrieden mit diesem Mix aus „Ich will die Erwartungen erfüllen“ und „Ich lasse fünfe auch mal gerade sein“. Sie weiß noch, wie ihr Blick als Erstes auf ihren Schreibtisch fällt. Sonst hat da immer ein Blümchen gestanden, wenn ein Mitarbeiter länger krank gewesen ist. Bei ihr nicht. Und sie weiß auch noch, wie ihr Vorgesetzter ihr entgegengelaufen kommt: „So sieht man also aus, wenn man ein Jahr Urlaub hatte.“ Dieser Satz zieht ihr den Boden unter den Füßen weg.

Keine zwei Wochen hält sie durch, dann schmeißt sie hin. „Später hab ich mich gefragt, was passiert wäre, wenn ich vor meinem Chef geweint hätte“, sagt sie. Vorwürfe macht sie ihm – aber auch sich. „Zur Erwartungshaltung tadellosen Funktionierens gehören eben zwei.“

Das Jahr, das folgt, wird das schlimmste ihres Lebens. „Ich hatte mir bereits einen Baum an der Landstraße ausgeguckt…“ Wie reagierte sie auf das Schreiben der Krankenkasse, nach 72 Monaten müsse ein Antrag auf Frühverrentung gestellt werden? „Man beginnt, es zu akzeptieren.“ Richtet sich bereits in einer Art ruhigem Rentnerdasein ein. Aber dann, von jetzt auf gleich, ändert sich alles.

„Es war Abend“, erinnert sie sich. „Mein Mann, von Beruf Drucker, machte sich gerade zur Nachtschicht auf.“ Viertel vor zehn – normalerweise geht sie um diese Zeit ins Bett. Aber da ist auf einmal diese unbändige Power in ihr. Ihr Blick fällt auf die Tapete, das olle Ding. Sie beginnt das Papier abzuziehen, Bahn für Bahn. Zwischendurch ruft sie Britta an, eine ehemalige Kollegin, 30 Jahre jünger. „Was machst du am Wochenende?“, fragt sie. „Feiern“, sagt Britta.

Ab da schläft sie keine Nacht länger als drei Stunden. Viel zu viel gibt es zu tun: renovieren, tanzen, Leute treffen – wieder leben. Vier Wochen Party nach vielen grauen Jahren. Keine Schmerzen, keine Seelenqualen mehr. Die Rente verprassen. Raus mit der Sau. Bis sie schließlich zusammenklappt. „Kein Wunder, nach einem Monat Vollgas“, sagt ihr Mann. Aber sie spürt: Da ist mehr als nur Erschöpfung. Eine zurückliegende manische Episode, vermutet der Psychiater. Ihr fallen die Männer aus der Klinik ein: „Hasst man nicht gerade das am Gegenüber, was einem an sich selbst bedrohlich erscheint?“

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Die Diagnose „bipolare Störung“, bei der sich niedergeschlagene mit euphorischen Phasen abwechseln und die als eine der schwersten psychischen Störungen überhaupt gilt, ist erneut ein Schock für sie – aber auch ein blitzartiges Verstehen. Die meisten Betroffenen haben ihre erste manische Episode um die 20, heißt es. Marlis Jöbges ist 17, als sie mit der Motorradclique nach Nizza will. Der Vater versperrt ihre Zimmertür, nicht ahnend, dass die Kumpels draußen schon bereitstehen, der Tochter durchs Fenster zu helfen. Acht Tage taucht sie ab.

Zurück aus Südfrankreich findet sie die Mutter weinend, den Vater verzweifelt. „Ich wollte meine Eltern nicht enttäuschen“, sagt sie jetzt. Und dass aus Rebellion damals Überangepasstheit wird. Ihrem Freund, einem der Motorradjungs, gibt sie den Laufpass, kommt danach mit dem zusammen, der heute ihr Ehemann ist. „Typ Traumschwiegersohn.“

Zwischen 20 und 30 hat sie oft Kopf- und Rückenschmerzen. „Das weggedrückte rebellische Kind, das sich meldete?“ Sie ist 31 Jahre alt, als ihr Sohn Nick auf die Welt kommt. Die folgenden zwölf Jahre als Mutter erlebt sie unbeschwert. Denn: „Depressionen können schlummern. Unter günstigen Umständen sogar jahrelang.“

Die Gene sollen bei der bipolaren Störung, einer Stoffwechselerkrankung des Gehirns, eine Rolle spielen. Da gab es doch diesen Onkel, das schwarze Schaf der Familie. Ein Lebemann… Auch von frühkindlichen Prägungen haben Therapeuten gesprochen. Was hat mich zu der gemacht, die ich bin? Die Frage habe Berechtigung, findet Marlis, aber man müsse weitergehen. „Meine Eltern haben es schließlich so gut gemacht, wie sie konnten.“ Die Schuld sollte noch woanders gesucht werden.

„Masken…“ – diesmal kommt es mit Nachdruck, das Wort. Es hätte möglicherweise geholfen, Schwäche zu zeigen, damals im Sprechzimmer der Ärzte oder dem Chef gegenüber. Jetzt helfen starke Medikamente, um neue sich anbahnende Höhenflüge abzubremsen.

Gute und schlechte Phasen gibt es heute in ihrem Leben. Längere Zeiten ohne abgedunkeltes Schlafzimmer und Herzgalopp? Wird es wohl niemals mehr geben. Aber auch die maskentragende Marlis gibt es nicht mehr. Morgens, wenn sie mit dem Hund rausgeht, verzichtet sie inzwischen auf Make-up. „Wie geht’s dir heute?“ Auf diese Frage antwortet sie schon mal: „Schlecht.“ Und wenn wieder jemand wissen will, wie sie es denn bitte geschafft habe, das mit der Frührente durchzubringen, erklärt sie: „Mit Depression.“ Klar und deutlich, sodass in den Köpfen des Gegenübers etwas in Bewegung kommt. Denn nur so wird das eines Tages vielleicht endlich normal: mit einer Depression zum Arzt zu gehen wie mit einem Schnupfen.

Autorin: Elisabeth Hussendörfer