Organspende – ja oder nein? Das müssen Sie wissen, um eine Entscheidung zu treffen

Soll man seine Organe spenden? Oder begibt man sich damit in Gefahr? Sicher ist, dass diese „Spenden” dringend benötigt werden. Und dass Angst und Unwissenheit dabei einen großen Einfluss haben. „Herzenssache“-Autorin Nataly Bleuel im Interview.

Metallschale in Nierenform mit Augen und Gehirnen aus Plastik

Organe spenden – ja oder nein? Eine echte Gewissensfrage, der sich auch Autorin Nataly Bleuel stellen musste.

Eine schreckliche Vorstellung: Wenn Mediziner fragen, ob man die Organe des an Schläuchen hängenden Kindes spenden würde. Nataly Bleuel war nah dran an diesem Moment. Ihr Sohn hat zum Glück überlebt, aber die Frage ließ die Reporterin nicht mehr los. Für ihr Buch „Herzenssache“ hat sie viele Menschen, die mit dem Thema Organspende zu tun haben, interviewt: Chirurgen, Transplantationsbeauftragte, Organ-Empfänger und Angehörige von Spendern. Und dabei viel gelernt.

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DONNA: Warum sollte man Organe spenden?
Nataly Bleuel: Die zuletzt veröffentlichten Zahlen sprechen eigentlich eine eindeutige Sprache: Den rund 10 000 Menschen, die ein Organ benötigen, stehen nur rund 2600 gespendete Organe – ohne Lebendspende – gegenüber. Heißt: Es sterben Menschen, weil sie kranke Organe haben und keine Spende bekommen, die sie retten könnte. Trotzdem bin ich mir gar nicht so sicher, dass es das einzig Richtige ist, Organe zu verpflanzen.

Warum nicht?
Bevor es heikel wird, will ich sagen: Es ist eine unglaubliche Gabe, wenn man selbst oder Angehörige Herz oder Lunge verschenken. Dafür gebührt großer Dank, Angehörige fühlen sich aber häufig alleingelassen. Und jetzt wird es schwierig: Warum behaupten zwei Drittel der Befragten, sie würden spenden – tun es aber nicht? Woher kommt das Unbehagen? Und: Muss der Mensch alles tun, was die Medizin möglich macht?

Wie erklären Sie sich die Differenz zwischen tatsächlicher und behaupteter Spendebereitschaft?
Die hat viele Gründe. Unwissen, Überforderung und Angst – im Angesicht des Todes, vor Skandalen, vor der Medizin. Und dann soll in Deutschland jeder für sich entscheiden, ob er spenden will oder nicht – und schiebt’s halt von sich weg. In Ländern, in denen die Widerspruchslösung gilt – seit Kurzem auch in den Niederlanden –, sind die Spendezahlen höher: Dort geht man davon aus, dass die Organe explantiert werden, außer man widerspricht als Betroffener. In Deutschland sind wir aber besonders sensibel, was die Würde und das Selbstbestimmungsrecht des Menschen an- geht. Wegen unserer furchtbaren Geschichte. Und auch, weil wir so Denker und Dichter sind. Ich finde das ja gut.

Ist es nicht egoistisch, nicht zu spenden?
Und „vorgestrig“ und „esoterisch“. „Wenn du eh tot bist, kannst du doch andere Leben retten und dein Unfalltod kann ein bisschen Sinn machen, hey, diese Menschen sterben ohne deinen Einsatz!“ Ich glaube, so wirken die Organspende-Kampagnen auf viele. Ich  finde es aber nicht in Ordnung, Menschen mit einer Art Bringschuld unter Druck zu setzen. Eine Organspende ist nichts Selbstverständliches und wir sollten aufhören, so zu tun, als wäre sie es.

Aber ein anderer stirbt, wenn ich nicht spende.
Stirbt der andere wirklich, weil ich ihm die Spende verwehre? Oder – und jetzt kommt ein krasser, ketzerischer Gedanke – würde er vielleicht schon früher sterben, wird aber von der Medizin am Leben gehalten, weil sie ihm Hoffnung macht auf die Möglichkeit einer Organspende? Ich kann doch nicht verantwortlich gemacht werden, dass ein kranker Mensch stirbt. Nach der Devise: Die Medizin könnte ja – aber der Mensch scheitert an seiner Kleinlichkeit. In der Organspende wird mit Schuld hantiert, das ist falsch. Und haben Sie mal an die Empfänger gedacht? An die Menschen, die auf ein Organ warten und sich bei dem Gedanken ertappen, dass ein anderer für sie sterben muss. Diese gemeinen Kausalitäten sind sehr belastend.

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Wissen wir genug über Explantationen?
Eine Bestatterin fragte mich mal, ob ich eigentlich wisse, wie die Spende funktioniert. Ich hatte ja einen Organspendeausweis. Erst in diesem Gespräch wurde mir klar, dass mein Körper noch warm und vital ist bei der Explantation. Und dass in den Sterbeprozess eingegriffen und mit der Hirntoddefinition und medizinischen Geräten ein „Zeitfenster“ aufgehalten wird, damit die Organe entnommen werden können. Da wollte ich es genauer wissen. Und ich hatte Grund zu der Annahme, dass ich nicht die Einzige war, die kaum Ahnung hatte, ein bisschen Schiss und viele Fragen.

Ist es nicht Aufgabe der Deutschen Stiftung Organtransplantation, der DSO, über diese Dinge aufzuklären?
Könnte man meinen, aber das tut die DSO nicht offen und direkt genug. Da wird vieles so weggenuschelt. Ich vermute, aus Angst, dass dann noch weniger Leute spenden. Aber nur wenn man weiß, wie etwas läuft, kann man sich damit auseinandersetzen. Schwierig ist, dass ein Teil der Organspende immer im Dunklen bleibt: Was passiert beim Sterben und wie greift man mit einer Explantation in den Sterbeprozess ein? Was ist mit meiner Seele, wenn das Gehirn schon tot ist? Das alles kann einem auch kein Arzt erklären. Chirurgen, Transplantationsbeauftragte und Krankenschwestern haben mir und meinen beiden Co-Autoren das Sterben und sogar den Tod als Prozess beschrieben. Es wird nicht einfach ein Schalter umgelegt, zack aus. Das sollten Betroffene wie Angehörige wissen. Aber an die wird eh zu selten gedacht.

Erfahren die Angehörigen später, wer die Organe bekommen hat?
Sie können erfahren, ob der Empfänger mit dem neuen Organ lebt. Aber wir erfahren generell zu wenig darüber, wie Empfänger mit neuem Organ leben. Wir glauben, die kriegen ein neues Ersatzteil und gut ist. Das gibt es. Auch wenn jeder Empfänger sein Leben lang einen Haufen Medikamente nehmen muss. Aber ich habe auch Empfänger getroffen, die nicht nur glücklich und putzmunter sind. Sie sagen das aber nicht laut, das wäre ja undankbar. Schon wieder Schuldgefühle!

Wie wird eigentlich entschieden, wer das Organ bekommt?
Noch so ein Riesenthema! Der, der mit größter Wahrscheinlichkeit bald sterben wird, steht auf der Liste oben. Nicht der, der mit dem Organ die größte Überlebenswahrscheinlichkeit hat. Auch ist es nicht so wichtig, ob das Organ zum nächsten oder übernächsten auf der Liste besser passen würde. Es kann also passieren, dass der Oberste auf der Liste schon so geschwächt ist, dass er das erste Jahr mit neuem Organ nicht überlebt. Wir wollen gerecht sein, wo es keine Gerechtigkeit geben kann, weil es kaum was zu verteilen gibt. Man nennt das „Triage“, die kommt aus dem Krieg.

Ist die Organspende noch zeitgemäß oder gibt es andere Ansätze?
Manche sagen, wenn man mehr Geld in die Forschung stecken würde, könnte man Organe im Labor züchten oder bauen. Kunstherzen gibt’s ja schon, aber sie halten nur ein paar Jahre.

Haben Sie einen Organspendeausweis?
Ich hatte schon mehrmals einen. Ausgefüllt, dann wieder zerrissen. Einmal habe ich nur die Organe angekreuzt, ohne die man auch leben könnte, wie Niere oder einen Teil der Leber. Aber das ist auch Käse. Meine Familie weiß, das ich bereit bin zu spenden und dass ich dafür Grauzonen in Kauf nehmen würde. Aber ich will, dass meine Angehörigen das im Notfall miteinander entscheiden. Denn sie müssten damit leben können.

Gut zu wissen

Der Organspendeausweis

Man bekommt ihn bei vielen Ärzten und Apotheken oder bestellt ihn über organspende-info.de und dso.de. Informationen über bestehende Krankheiten oder der Wunsch, bestimmte Organe auszuschließen, können handschriftlich ergänzt werden.

Die Voraussetzungen

Um nach dem Tod Organe spenden zu können, muss erstens nach den Richtlinien der Bundesärztekammer der Hirntod festgestellt worden sein. Das bedeutet, die unwiederbringlich erloschene Gesamtfunktion des Großhirns, des Kleinhirns und des Hirnstamms. Zweitens muss der Verstorbene einer Organspende zugestimmt haben oder die Angehörigen müssen unter Beachtung des mutmaßlichen Willens einer Explantation zustimmen.

Das Alter

Es gibt keine Altersgrenze zum Spenden, entscheidend ist das biologische Alter. Auch die funktionstüchtige Niere eines 65-jährigen Verstorbenen kann Leben retten. Ob die Organe für eine Explantation geeignet sind, kann erst im Falle der tatsächlichen Spende medizinisch geprüft werden.

Zum Weiterlesen

Cover des Buchs Herzenssache von Nataly Bleuel

„Herzenssache” von Nataly Bleuel, Christian Esser und Alena Schröder (C. Bertelsmann, 20 Euro)