Osteoporose: Frühzeitig vorbeugen, richtig behandeln

In Deutschland leiden rund sechs Millionen Menschen an Osteoporose, wobei die Krankheit häufig unerkannt bleibt, bis der erste Knochenbruch auftritt. DONNA sprach mit Osteoporose-Experte Prof. Dr. Andreas Kurth über Diagnose, Risiken und darüber, wie Sie frühzeitig vorgebeugen können.

Frau beim Nordic Walking im Grünen

Ein gesunder Lebensstil mit ausreichend Bewegung kann das Osteoporose-Risiko erheblich verringern.

Mit rund sechs Millionen Erkrankten in Deutschland ist Osteoporose hierzulande eine weit verbreitete Krankheit. Dabei wissen viele Menschen gar nicht, wie der gefürchtete Knochenschwund entsteht – und mit welchen Maßnahmen sie aktiv dafür sorgen können, dass es gar nicht erst soweit kommt.

Wir sprachen mit Prof. Dr. Andreas Kurth, der als Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Asklepios Klinik Birkenwerder tätig ist. Im DONNA-Interview erläutert der Osteoporose-Experte Methoden zur Diagnose und Vorbeugung und zeigt auf, welche Faktoren das Osteoporose-Risko beeinflussen.

DONNA Online: Was genau ist Osteoporose?
Prof. Dr. Andreas Kurth: Osteoporose ist eine Stoffwechselkrankheit, die sich negativ auf die Stabilität des Knochens auswirkt. Übersetzt bedeutet Osteoporose „poröser Knochen“ oder im allgemeinen Verständnis „Knochenschwund“. Unsere Knochen sind kein totes, unveränderbares Konstrukt. Knochen unterliegen der Biologie und werden andauernd umgebaut. „Gealterter“ Knochen wird abgebaut und neuer Knochen aufgebaut. Ist dieses komplizierte Zusammenspiel zum Beispiel durch einen Östrogenmangel gestört, kann es zu einem verstärkten Abbau von Knochensubstanz kommen – der Knochen verliert an Material und Struktur und wird damit anfälliger für Brüche.

In Deutschland leiden mehr als sechs Millionen Menschen an einer Osteoporose. Genau lässt sich das jedoch nur schwer sagen, da die Krankheit häufig unerkannt bleibt. Frauen erkranken insgesamt häufiger als Männer, aber auch diese bleiben nicht gänzlich davon verschont. Besonders gefährdet sind Frauen nach den Wechseljahren, denn ein niedriger Östrogenspiegel wirkt negativ auf den Knochenstoffwechsel und Knochen wird abgebaut. Osteoporose tut nicht weh, aber es kann zu Brüchen kommen, die gerade im Alter schwierig zu behandeln sein können.

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Lässt sich die Krankheit an bestimmten Anzeichen frühzeitig erkennen?
Erkennen lässt sich eine Osteoporose erst, wenn ein Knochenbruch eingetreten ist. Dann ist es aber zu spät und wir Mediziner wollen diese Situation verhindern. Aus diesem Grund befragen wir sehr intensiv unsere Patientinnen und Patienten nach Risikofaktoren, die auf das Vorliegen einer Osteoporose schließen lassen. Einfache Dinge, an denen man den Verdacht festmachen kann sind zum Beispiel ein Körpergrößenverlust von mehr als vier Zentimetern, da unentdeckte osteoporotische Wirbelkörperbrüche die Ursache sein können. Hohes Lebensalter ist einer der größten Risikofaktoren für das Auftreten einer Osteoporose. Der Dachverband Osteologie empfiehlt daher allen Frauen ab 70 Jahren und Männern ab 80 Jahren einen Osteoporose-Check. Kommen mehrere Risikofaktoren wie etwa Bewegungsarmut, Untergewicht, Nikotinkonsum, Einnahme von kortisonhaltigen Medikamenten oder bei Frauen ein verfrühter Eintritt der Wechseljahre zusammen, sollte man sich früher untersuchen lassen.

Welche Methoden gibt es, um Osteoporose zu diagnostizieren?
Wenn die Risikofaktoren ein hohes Risiko anzeigen, dann sollte eine Knochendichtemessung mit dem DXA-Verfahren durchgeführt werden. Ist die Knochendichte dann erniedrigt, liegt ein weiterer schwerer Risikofaktor vor, der einen notwendige Therapie bedingt.

Besteht die Möglichkeit, das Osteoporose-Risiko zum Beispiel anhand erblicher Faktoren testen zu lassen?
Im Moment gibt es noch keine molekulargenetischen Parameter, die eine Osteoporose oder das Risiko für einen osteoporotischen Bruch vorhersagen können. Trotzdem erfragen wir zum Beispiel, ob die Eltern bereits einen osteoporotischen Bruch hatten. Das ist nämlich ein weiterer Risikofaktor.

Weshalb sind Frauen tendenziell häufiger von Osteoporose betroffen als Männer?
Einer der Hauptfaktoren für die Entwicklung einer Osteoporose ist der Verlust des Östrogens. Dieses Hormon hat einen starken schützenden Effekt auf den Knochen. Steht es als „Knochenschutz“ nicht mehr zur Verfügung, kommt es zu einem Abbau des Knochens. 

Foto von Osteoporose-Experte Prof. Dr. Andreas Kurth aus der Asklepios Klinik Birkenwerder

Osteoporose-Experte Prof. Dr. Andreas Kurth ist Chefarzt der Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie in der Asklepios Klinik Birkenwerder.

Welche Risikofaktoren gibt es sonst noch?
Wie bereits erwähnt: fortgeschrittenes Alter, vorbestehende Frakturen, Untergewicht, Kortisoneinnahme, entzündliche Erkrankungen (zum Beispiel Rheuma), Bettlägerigkeit (Bewegungsarmut), Einnahme von Magenschutzmitteln, und vieles mehr.

Sind Menschen mit chronischen oder anderen Erkrankungen besonders Osteoporose-gefährdet?
Es gibt Krankheiten, wie chronisch entzündliche Krankheiten, die negativ auf den Knochen wirken und die auch als Risikofaktoren gelten. Aber auch eine ganze Reihe von Medikamenten für chronische Erkrankungen führen zu einem Knochenverlust. Kortison und Magenschutzmittel wurden bereits erwähnt. Aber auch Aromatasehemmer zur Therapie des Mammakarzinoms und antihormonelle Therapien beim Prostatakarzinomen haben ein hohes Risiko für eine Osteoporose und einen Knochenbruch.

Wie kann man Osteoporose sinnvoll vorbeugen?
Die Ernährung ist als Grundlage für die Vorbeugung sehr wichtig. Kalzium ist der wichtigste Knochenbaustein. Um ausreichend mit dem Mineralstoff versorgt zu sein, empfiehlt es sich, auf Milchprodukte, grünes Gemüse und Mineralwasser zurückzugreifen. Damit der Körper das Kalzium über den Darm aufnehmen kann, braucht er Vitamin D. Die Versorgung über die Ernährung ist nicht ganz einfach, denn nur sehr wenige Nahrungsmittel, zum Beispiel fetter Fisch, Ei oder Butter, liefern das Vitamin (was im eigentlichen Sinne ein Hormon ist). Unter Einfluss von Sonnenlicht kann der Körper aber einen Großteil des täglichen Bedarfs in der Haut selbst bilden. Aktuelle Osteoporose-Leitlinien raten daher zu einer täglichen Sonnenlicht-Exposition von mindestens 30 Minuten und eine Ergänzung von 800 bis 1000 internationalen Einheiten Vitamin D.

Außerdem hilft körperliche Aktivität, um Muskeln und Knochen zu stärken! Studien zeigen, dass eine andauernd niedrige Belastung des Knochenapparates, zum Beispiel bei Bettruhe, zu einem Verlust an Knochenmasse und einer Verminderung der Knochenfestigkeit führt. Dagegen ist eine gesteigerte Belastung mit einer Zunahme der Knochenmasse und einer Steigerung der Festigkeit verbunden. Sportarten, die mit Gewichtsbelastung, Richtungswechseln und Sprüngen verbunden sind, tragen dabei am ehesten zur Erhöhung der Knochendichte bei. Da diese Sportarten allerdings bei einer vorliegenden Osteoporose mit einem erhöhten Verletzungsrisiko gepaart sind, sollten Patienten mit nachgewiesen geringer Knochendichte Sportarten wie etwa Walking oder Krafttraining bevorzugen.

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Wie lässt sich Osteoporose therapieren, wenn die Erkrankung dann doch eintritt?
Wenn das Risiko (ermittelt anhand der erwähnten Risikofaktoren) für einen Knochenbruch zu hoch ist, dann sollte eine aktive medikamentöse Therapie eingeleitet werden. Diese kann den Knochenabbau stoppen oder den Knochenaufbau unterstützen. In den letzten zwei Jahrzehnten sind eine ganze Reihe von sehr guten Medikamenten zur Therapie der Osteoporose zugelassen worden. Die Verordnung der Medikamente basiert auf großen Studien, die den Ärzten einen klaren Anhaltspunkt gegeben haben, bei welcher Patientin das eine oder andere unterschiedliche Medikament eingesetzt werden sollte. Eine ganze Gruppe von Medikamenten verringert den Knochenabbau deutlich und führt zu einer Verminderung von Knochenbrüchen. Sollte es trotzdem zu weiteren Frakturen kommen, können potentere Medikamente eingesetzt werden, die den Knochenaufbau stimulieren und die Struktur sowie die Knochendichte verbessern. Durch eine Erhöhung der Knochendichte wird das Risiko für einen Knochenbruch deutlich geringer.