Diagnose Reizdarm: Das hilft gegen ständige Verdauungsprobleme

Ein Reizdarmsyndrom bedeutet für Betroffene immer wieder Durchfall, Blähungen und andere Darmbeschwerden, obwohl es keine körperliche Ursache dafür gibt. Im Interview mit DONNA Online erklärt Diätassistentin Kora Anker von der Therapieplattform Cara Care, wie sich ein Reizdarm in den Griff bekommen lässt.

Businessfrau mit weißer Bluse und schwarzem Hosenanzug sitzt an Tisch, auf dem Tee und Brotkorb stehen und legt beide Händen an ihren Bauch

Bauchschmerzen, Blähungen, Stuhldrang: Menschen mit Reizdarm werden von immer wiederkehrenden Magen-Darm-Problemen geplagt – unter anderem nach dem Verzehr bestimmter Lebensmittel oder in Stresssituationen.

Bauchschmerzen nach einer schweren Mahlzeit oder gelegentlichen Durchfall hat wohl jeder schon einmal gehabt. Wenn Magen-Darm-Beschwerden zu einem dauerhaften Problem werden, sich trotz mehrmaliger Checks bei verschiedenen Ärzten aber keine organische Ursache dafür finden lässt, lautet die Diagnose häufig: Reizdarmsyndrom. DONNA Online gibt einen Überblick, was hinter der Funktionsstörung des Darms steckt und an welchen Symptomen man sie erkennt. Im Interview mit Diätassistentin und Reizdarm-Expertin Kora Anker erfahren Betroffene außerdem, was sie gegen die wiederkehrenden Verdauungsprobleme unternehmen können.

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Was ist ein Reizdarm?

Unter dem Reizdarmsyndrom, kurz Reizdarm, versteht man eine Funktionsstörung des Darms, für die sich trotz mehrfachen ärztlichen Untersuchungen keine körperliche Ursache, zum Beispiel eine chronische Magen-Darm-Krankheit oder ein organisches Leiden, ausfindig machen lässt. Lange gingen Mediziner davon aus, dass ein Reizdarm psychisch bedingt auftritt. Inzwischen weiß man, dass verschiedene Einflussfaktoren an der Entstehung der Verdauungsstörung beteiligt sein können. Je nach Patient zählen dazu unter anderem gestörte Darmbewegungen, ein besonders empfindlicher Verdauungstrakt, Infektionen sowie Stress. Was der Hauptauslöser des Reizdarmsyndroms ist, wurde bislang allerdings nicht geklärt.

Symptome: Woran erkennt man einen Reizdarm?

Unterschiedliche Verdauungsbeschwerden, die abhängig vom jeweiligen Patienten in unterschiedlicher Intensität auftreten, können auf ein Reizdarmsyndrom hinweisen. Typisch für die chronische Darmerkrankung sind folgende Symptome:

  • Bauchschmerzen
  • Völlegefühl, Druckgefühl im Bauch
  • Blähbauch (Meteorismus) und Blähungen (Flatulenzen)
  • Stuhlunregelmäßigkeiten
  • Veränderungen des Stuhlgangs (Häufigkeit und Beschaffenheit)
  • Durchfall und/oder Verstopfungen
  • Druckgefühl oder Schmerzen im Bauch, einhergehend mit starkem Stuhldrang
  • Schleimbeimengungen im Stuhl
  • Gefühl der unvollständigen Darmentleerung

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Bei den meisten Betroffenen äußert sich die chronische Darmkrankheit mit unbestimmten Bauchschmerzen und allgemeinem Unwohlsein. Frauen mit Reizdarm klagen häufig über Verstopfung und Bauchschmerzen, während betroffene Männer öfter an Durchfall leiden. Bei vielen Betroffenen treten zudem Kopf-, Rücken- und Gelenkschmerzen auf. Psychische Belastungen wie Ärger oder Nervosität können die Beschwerden verschlimmern.

Bestimmte Nahrungsmittelunverträglichkeiten, chronische Darmkrankheiten wie Morbus Crohn sowie Erkrankungen von Leber, Magen, Bauchspeicheldrüse und anderen Verdauungsorganen machen sich mit Krankheitszeichen bemerkbar, die den Symptomen bei einem Reizdarm ähneln. Um ernsthafte und behandlungsbedürftige Magen-Darm-Krankheiten ausschließen zu können, sollten Sie die wiederkehrenden Verdauungsbeschwerden deshalb immer von einem Facharzt abklären lassen.

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Porträtfoto von CARA-Diätassistentin Kora Anker

Kora Anker ist Diätologin (Diätassistentin), Heilpraktikerin und hat einen Studienabschluss in Klinischer Diätologie (M.Sc., zertifiziert nach VDD). Als Leiterin Ernährungsberatung bei der Therapieplattform Cara Care berät sie Patientinnen und Patienten mit Reizdarmsyndrom und anderen chronischen Magen-Darm-Beschwerden.

DONNA Online: Laut Statistiken sind Frauen doppelt so häufig vom Reizdarmsyndrom betroffen wie Männer. Wie lässt sich das erklären?
Auch wenn die Zahlen schwanken, sind Frauen in der Regel häufiger vom Reizdarmsyndrom betroffen. Die genauen Ursachen sind noch nicht im Detail erforscht. Es gibt aber verschiedene Erklärungsansätze. So ist das Reizdarmsyndrom nach wie vor eine unterdiagnostizierte Erkrankung, besonders Männer gehen seltener zum Arzt und damit werden weniger Diagnosen gestellt. Hinzu kommt, dass Sexualhormone die Verdauung beeinflussen. Viele Frauen mit Reizdarmsyndrom erleben zyklusabhängige Verdauungsbeschwerden. Und auch die Genetik spielt eine Rolle. Eine Forschungsgruppe in Stockholm konnte zeigen, dass es ein Risikogen für das Reizdarmsyndrom gibt. Die Genvariante spielt aber nur bei einem kleinen Teil der betroffenen Frauen eine Rolle. Da bestimmte Erkrankungen der Gebärmutter und der Eierstöcke zu Verdauungssymptomen führen können, sollten Frauen auch immer gynäkologische Krankheiten ausschließen lassen.

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Wie lässt sich ein Reizdarmsyndrom von Nahrungsmittelintoleranzen wie Laktose- oder Glutenunverträglichkeit unterscheiden, die sich ja ebenfalls durch Magen-Darm-Beschwerden äußern?
Wichtig ist hier eine gute Diagnostik. Eine Laktoseintoleranz wird durch den Wasserstoff-Atemtest festgestellt. Leider ist dieser Test nicht immer zuverlässig. Um eine Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) auszuschließen, werden spezielle Antikörper im Blut bestimmt und eine Dünndarmbiopsie vorgenommen. Bei chronischen Verdauungsbeschwerden sollte auch immer eine chronische Entzündung der Darmschleimhaut durch eine Darmspieglung ausgeschlossen werden. Liegen keine Entzündungen, Unverträglichkeiten oder Allergien vor, ist höchstwahrscheinlich das Reizdarmsyndrom für die Beschwerden verantwortlich. Doch wir wissen inzwischen, dass die Beschwerden beim Reizdarmsyndrom auch durch spezifische Lebensmittel verstärkt werden. Hierzu zählen häufig Weizen, Milchprodukte und Soja, sowie fruktosehaltige Lebensmittel und Kaffee. Mithilfe einer individuellen Ernährungsberatung können Betroffene am besten herausfinden, welche Nahrungsmittel sie gut vertragen und welche nicht.

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Welche medizinischen Möglichkeiten gibt es, einen Reizdarm zu behandeln?
Derzeit kann das Reizdarmsyndrom noch nicht ursächlich behandelt werden, sodass sich die Therapiemaßnahmen in erster Linie auf eine Linderung der vorherrschenden Symptome konzentrieren. Oft kommen verschiedene Behandlungsformen, sowohl medikamentöser als auch nichtmedikamentöser Natur, zum Einsatz. Wichtig bei der Diagnosesicherung, Aufklärung und Therapie des Reizdarmsyndroms ist die Berücksichtigung der sogenannten Triggerfaktoren. Sie können von Patient zu Patient äußerst verschieden sein und lösen die Reizdarmsymptome entweder aus oder verschlimmern sie. Die Trigger werden stark von der jeweiligen Ernährung, dem allgemeinen Lebenswandel, der Psyche und der körperlichen Aktivität beeinflusst, sodass in den meisten Fällen individuelle Therapieansätze und Kombinationen gefragt sind. Bei einer symptomunabhängigen, sprich medikamentösen Behandlung, kommen in der Regel sogenannte Quellmittel wie zum Beispiel Ballaststoffe zum Einsatz oder es werden Phytotherapeutika oder Probiotika verschrieben.

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Auch Diättherapien wie eine glutenfreie Ernährung oder die Low-FODMAP-Diät sind üblich. Letztere eliminiert bestimmte unverdauliche, symptomverschlimmernde Nahrungsbestandteile aus der Ernährung. Diese Diätform ist meist nur befristet durchführbar und sollte an eine professionelle Beratung gekoppelt werden. Grundsätzlich können Diättherapien bei allen Subtypen des Reizdarmsyndroms angeboten werden und erweisen sich besonders bei blähungsprädominanten Typen als wirksam. Zu den nichtmedikamentösen Behandlungen zählen unter anderem die Hypnotherapie, eine Art Darmhypnose, Akupunkturverfahren aus der traditionellen chinesischen Medizin, Osteopathie und unterschiedliche psychotherapeutische Ansätze. Die Verhaltenstherapie und Hypnotherapie weist eine gute Wirksamkeit auf, wohingegen die Daten- und Forschungslage zu den alternativen Verfahren noch widersprüchlich bzw. wissenschaftlich kaum belegt ist. Im Idealfall wird die Therapie an den individuellen Triggern und Beschwerden der Patienten ausgerichtet und persönlich abgestimmt – an diesem Punkt setzen wir mit unserem Programm von Cara an. Die Therapiesitzungen sind so konzipiert, dass unsere Ernährungsexperten eine auf die individuellen Symptome abgestimmte Ernährungsweise erarbeiten, welche die Bauchbeschwerden nachhaltig lindert.

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Was können Reizdarmpatienten sonst noch tun? Zum Beispiel die Ernährung umstellen oder es mit pflanzlichen Medikamenten oder Homöopathie versuchen?
Am meisten profitieren Patienten mit einem Reizdarmsyndrom, die starke Blähbeschwerden haben, von einer Ernährungsumstellung, die von einem qualifizierten Ernährungsexperten betreut wird und somit einer Fehlernährung vorbeugt. Neben einer gluten- und weizenfreien Diät sorgt auch die Low-FODMAP-Diät für eine substanzielle Beschwerdelinderung. Bei akuten Leiden können auch herkömmliche Mittel wie Kümmel- oder Pfefferminzöl Linderung versprechen. Das Kombinationspräparat Carmenthin wirkt bei Blähungen entkrampfend und schmerzlindernd. Auch die von vielen Reizdarmpatienten genutzte Arznei Iberogast enthält zahlreiche Heilpflanzen, die gegen Magen-Darm-Beschwerden wirken. Allerdings gilt es hier, wie auch bei der Einnahme von anderen Medikamenten, auf die Nebenwirkung zu achten, die bei Auftreten meist ein Absetzen der Medikation indizieren. Grundsätzlich sollte bei ausbleibender Wirkung das entsprechende Präparat nach acht bis zehn Wochen abgesetzt werden. Wer unter einer Fehlbesiedelung des Darms leidet, dem kann eine kohlenhydratreduzierte Diät oder das Low-FODMAP-Prinzip helfen.

Viele Betroffene lässt die Diagnose Reizdarm ratlos zurück, schließlich stecken keine behandelbaren organischen Ursachen oder Krankheiten hinter den Beschwerden. Was würden Sie Patienten raten, nach der Diagnosestellung zu tun?
Neue Forschungen zeigen, dass durchaus organische Ursachen das Reizdarmsyndrom auslösen. Das beste Beispiel sind starke Magen-Darm-Infekte, die ein sogenanntes postinfektiöses Reizdarmsyndrom auslösen. Doch eine ursächliche Behandlung ist weiterhin nicht möglich. Trotzdem sind die Betroffenen ihrer Erkrankung nicht ausgeliefert. Problematisch ist lediglich, dass zahlreiche Patienten sich mit ihrer Erkrankung nicht ernst genommen fühlen, da viele Ärzte mit den individuellen Therapieansätzen schlicht nicht vertraut sind oder ihnen die Zeit für eine persönliche Ernährungsberatung fehlt. Deshalb raten wir Betroffenen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu werden. Im ersten Schritt empfiehlt es sich für alle Patienten, den eigenen Körper und die Beschwerden besser kennen und nachvollziehen zu können. Außerdem ist es ratsam, mithilfe sogenannter Symptom- und Ernährungstagebücher das eigenen Essverhalten und den Lebenswandel regelmäßig zu dokumentieren, um die persönlichen Auslöser zu kennen und zu lernen, mit ihnen umzugehen – denn mit der Veränderung der mentalen Einstellung, sinkt auch der Leidensdruck.

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Inzwischen gibt es zahlreiche Online-Therapieangebote und Apps, die Reizdarmpatienten im Umgang mit der Krankheit unterstützen. Cara Care ist eine davon. Können Sie kurz erklären, wie die digitale Reizdarm-Therapie funktioniert?
Das Cara-Care-Programm umfasst im Durchschnitt fünf Sitzungen à 20 bis 50 Minuten Videotelefonat, die von einer zertifizierten Ernährungsberaterin durchgeführt werden. Jeder Nutzer bekommt eine persönliche Ernährungsberaterin zugewiesen, die Inhalt und Rhythmus der Sitzungen ganz an die individuellen Bedürfnisse der Patienten anpasst. Dabei verfolgt Cara Care nicht nur einen persönlichen, sondern auch einen ganzheitlichen Therapieansatz: Neben der Ernährung spielen auch Faktoren wie Stress- oder Zeitmanagement eine wichtige Rolle. Um diese Einflüsse noch besser erfassen zu können, bietet Cara eine kostenlose App an, mit der die Patienten ein Ernährungs- und Symptomtagebuch führen können. Diese mobile Lösung hat nicht nur praktische Vorteile, sondern ermöglicht auch einen direkten Beraterkontakt. Denn sollten die Symptome an einem Tag mal besonders ausgeprägt sein oder Unsicherheiten oder Fragen zum Verzehr bestimmter Lebensmittel auftauchen, kann Cara sofort Hilfe leisten.

Angefangen bei der Anamnese und der Formulierung eines gemeinsamen Ziels, umfasst die Beratung mehrere Etappen: Damit die Ernährungsberater eine krankheitsspezifische Psychoedukation durchführen können, sprich die ernährungsbedingten Einflussfaktoren individuell identifizieren, führt jeder Patient Protokolle, die in jeder Sitzung besprochen und auf Zielerreichung und Zufriedenheit geprüft werden. Die Nutzer werden fortlaufend dazu motiviert, sich gesund zu ernähren und bekommen Strategien und Tools vermittelt, um selbstbestimmt und zielorientiert im Alltag handeln zu können. Auch im Sinne einer Rückfallprophylaxe erlernen die Patienten den konstruktiven Umgang mit erneut auftretenden Symptomen. Wer sich eine Notwendigkeitsbescheinigung vom Arzt ausstellen lässt, kann die Therapiekosten von nahezu allen gesetzlichen Krankenkasse erstatten lassen. Cara hilft bei der Antragsstellung.

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Kann Cara Care auch bei akuten Verdauungsproblemen helfen? Und was sind Ihre SOS-Tipps für „Reizdarm-Notfälle“?
Im Reizdarm-Notfall hilft häufig erstmal nur ein ruhiger Rückzugsort in Toilettennähe, der die Symptombeschwerden kurzfristig bessert. Zudem sind Ruhe, eine Wärmflasche und krampflösende Medikamente oder Kamillentee ratsam, um den Darm zu beruhigen. Wer unter Verstopfungen leidet, dem kann eine leichte Bauchmassage helfen. In beiden Fällen ist für eine langfristige Linderung der Beschwerden eine nachhaltige Ernährungsumstellung elementar. Beim Reizdarmsyndrom gilt ganz klar: Vorsicht ist besser als Nachsicht. Es ist ratsam, sich die möglichen Auslöser zu notieren und zeitnah mit der/dem Ernährungsberater/in zu besprechen, um entsprechenden Szenarien vorzubeugen.

Was kann man im Alltag für eine gesunde Verdauung und Darmflora tun – auch, wenn es öfter mal stressig wird und wenig Zeit bleibt, um sich um die Darmgesundheit zu kümmern?
Die Darmgesundheit hängt hauptsächlich davon ab, was man isst und wie man isst. Auch wenn es stressig ist, sollte man sich Zeit zum ruhigen Essen nehmen. Fast Food sollte gemieden werden. Wer das Vorkochen nicht schafft, sollte sich nach gut verträglichen Alternativen umsehen. Doch wer sich in weniger stressigen Phasen gut organisiert, dem gelingt es in Stresszeiten auch besser.