Rückenprobleme? Was wirklich hilft und wie Sie vorbeugen

Kreuzschmerzen sind das Volksleiden Nummer eins, Tendenz steigend. Experte Professor Dr. Dietrich Grönemeyer verrät im DONNA-Interview, wie Sie wieder fit werden und Beschwerden künftig verhindern.

Ansicht des oberen Rückens einer nackten Frau mit hochgesteckten Haaren

Häufig steckt eine falsche Haltung hinter Rückenproblemen: „Wir gucken viel zu oft nach unten“, sagt Rücken-Experte Professor Dr. Dietrich Grönemeyer.

Mehr als 80 Prozent der Deutschen verfluchen mindestens einmal im Leben ihren Rücken. Mehr als sechs Millionen schlucken deswegen ein- bis zweimal pro Woche Schmerzmittel. Diese Zahlen nennt Professor Dietrich Grönemeyer in „Mein großes Rückenbuch“. Dabei ist sich der Mediziner sicher, dass man vielen Patienten Tabletten, Spritzen oder OPs ersparen könnte. Er betrachtet Rückenleiden ganzheitlich und setzt sich für eine undogmatische Zusammenarbeit von Naturheilkunde und Hightech-Medizin ein.

DONNA: Warum haben so viele Menschen Probleme mit dem Kreuz?
Prof. Dietrich Grönemeyer: Der Mensch ist entwicklungsgeschichtlich für 42 Kilometer Gehen am Tag gemacht. Wir aber sitzen heute viel zu viel. Sitzen ist das neue Rauchen! Durch das ständige Herumhocken verkürzt sich die Muskulatur. Kommen permanenter psychischer Druck und negativer Dauerstress hinzu, gerät der Rücken immer mehr in eine Duckhaltung, die extrem belastend für Bandscheiben, Gelenke und Muskeln ist. Auch die Ernährung trägt ihren Teil zum Problem bei. Zu viel Weißmehl, Alkohol, Cola oder Limonade übersäuert den Körper. Bandscheiben, Sehnen und Knorpel verschleißen oder werden brüchiger. Letztlich ist ja die Hälfte der Deutschen zu dick.

Also sind wir selbst schuld an unseren Rückenschmerzen?
Nicht nur. Die Gene spielen schon auch eine Rolle. Das ergaben Studien mit eineiigen Zwillingen der Universität Sydney. Doch manche ruhen sich auf diesen Erkenntnissen zu sehr aus. Wir sind Individuen – und nicht exakt wie unsere Oma oder unser Vater. Durch bewusstes Verhalten und Training können wir lernen, gut mit einer nicht optimal vererbten Wirbelsäule zu leben.

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Leiden Frauen und Männer unter den gleichen Beschwerden?
Ja, weitgehend. Lendenwirbelprobleme werden am häufigsten diagnostiziert, gefolgt vom Hals-Nacken-Schulter-Bereich und der Brustwirbelsäule. Dabei ist der Schmerzverursacher oft ein Knorpelverschleiß an den Gelenken, also Arthrose. Ärzte erkennen das leider selten, denn die Rückenmedizin ist sehr stark auf die Bandscheibe ausgerichtet. Dabei gehen nur drei Prozent der Schmerzen auf ihr Konto.

Laut einer Studie des Robert Koch- Instituts in Berlin plagen Frauen öfter Kreuzschmerzen als Männer.
Schuld daran sind die Hormone: Frauen haben ihre Periode, kommen in die Wechseljahre und haben zudem manchmal Zysten in Brust oder im Unterleib, die Rückenleiden auslösen. Frauen nehmen diese Probleme ernst und fragen ihren Arzt: „Was kann ich für mich tun?“ Männer sagen eher: „Ich will eine Operation, damit ich bald wieder fit bin.“ Und machen damit alles falsch. 80 Prozent der Kreuzbeschwerden beruhen auf verspannter Muskulatur. Mindestens die Hälfte der 60 000 Bandscheiben-OPs pro Jahr sind laut aktuellen Studien überflüssig.

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Was hilft bei Muskelschmerzen?
Als Erstes die Frage, warum man so verspannt ist. Der eine hat Angst, den Job zu verlieren, und duckt sich. Der andere entwickelt beim Schreiben eine Fehlhaltung. Eine OP löst beide Probleme nicht. Im Gegenteil: Vernarbungen verursachen meist wieder Schmerzen. Besser ist es, sich eine Ausgleichshaltung anzueignen, Dehnübungen oder Entspannungstechniken zu lernen. Jeder braucht vier gute Experten: einen Schulmediziner, einen Osteopathen oder Physiotherapeuten, einen Naturheilkundler und einen Psychotherapeuten.

Sie bezeichnen den Rücken auch als „empfindsames psychosomatisches Organ“.
Ja, denn wenn ich mich freue, entspannen sich meine Muskeln. Bin ich bedrückt oder wütend, verspanne ich. Zudem fühlen wir uns neben unserem persönlichen Ballast ständig durch News von irgendwo auf der Welt bedroht. Ich schaue deshalb nicht mehr dauernd aufs Handy. Das Sich-wieder-Spüren geht doch nur, wenn man den Kopf frei hat. Es ist eine Frage der Haltung: „Wie stehe ich zu mir? Was will ich? Was nicht?“

Dafür fehlt Frauen zwischen Beruf, Familie und Haushalt oft die Zeit.
Das ist nach wie vor ein Riesenproblem. Aber gerade wenn alles über mir zusammenstürzt, muss ich kurz innehalten, um in Ruhe herauszufinden: Was ist wichtig? Einmal am Tag allein spazieren gehen – das macht den Rücken schon leichter. Auch 20-mal tief ein- und ausatmen. Und: Perfektionismus und Harmoniestreben zurückfahren! Beides schlägt auf den Rücken. Lieber lernen, Dinge liegen zu lassen. Meist passiert ja deshalb gar nichts Negatives.

In Ihrem Buch schreiben Sie auch vom Zusammenhang zwischen Depression und Rückenschmerz.
Chronischer Schmerz verändert einen Menschen. Man kann sich auf nichts anderes konzentrieren und wird irgendwann depressiv. Ich erlebe aber auch umgekehrt, dass Patienten versteckte Depressionen haben, jedoch über Rückenschmerzen klagen. Sie merken gar nicht, dass das eigentliche Problem ihre Situation oder ihr soziales Umfeld ist.

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Muss Schmerz chronisch werden?
Nein. Er wird es nur, wenn die Angst davor das Schmerzgedächtnis ständig ankurbelt. Dann verspannen die Muskeln und der Rücken zwickt wieder. Besser finde ich die Strategie, jedes Mal, wenn die Angst kommt, an ein schönes Erlebnis zu denken. Auch klinische Hypnose kann gut helfen.

Was halten Sie von der These, das Schmerzgedächtnis mit Medikamenten zu überlisten?
Ich bin dafür, sofort etwas gegen den Schmerz zu unternehmen, bevor er im Kopf hängen bleibt. Allerdings würde ich es erst mal mit Hausmitteln probieren: mit Wärme oder Kälte, Massagen, Akupunktur oder Physiotherapie. Hilft das nicht, empfehle ich Naturheilmittel wie Teufelskralle oder Weidenrinde. Erst dann Aspirin oder Ibuprofen. Tut der Rücken nach drei bis sechs Tagen immer noch weh, muss man zum Arzt. Spätestens nach sechs Wochen diffusem Schmerz ist eine Kernspintomografie angesagt.

Und wenn was gefunden wird?
Ist die Mikrotherapie sehr erfolgreich. In unserem Institut in Bochum geben wir mit einer Sonde unter computertomografischer Sicht Medikamente direkt an die Stelle, an der die Bandscheibe auf den Nerv drückt. Sie schrumpfen die Bandscheibe, wirken abschwellend auf den Nerv. Es lässt sich auch Bandscheibengewebe mit einem Laser verdampfen. Bei Arthrose veröden wir mit der Radiofrequenztherapie einen Nerv auf dem Wirbelgelenk mit einem kleinen Hitzestoß und beruhigen ihn so. Das machen wir ambulant, der Patient ist schnell wieder fit.

Damit es gar nicht erst so weit kommt: Wie lässt sich vorbeugen?
Für mich gehört es zum Standardprogramm des modernen Menschen, einmal in der Woche in die Sauna zu gehen, sich alle 14 Tage massieren zu lassen und sich mindestens eine halbe Stunde täglich zu bewegen: joggen, wandern. Generell ist Tanzen für mich der beste Rückensport, weil es locker macht. Gefolgt vom Schwimmen.

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Können wir unsere Wirbelsäule auch „gesund“ essen?
Kurkuma hilft bei nichtbakteriellen Entzündungen der Gelenke, die später Arthrosen auslösen. Brokkoli ist eines der besten Gemüse für den Rücken: reich an Kalzium zum Knochenaufbau, Magnesium zur Muskelentspannung, Vitamin C gegen Entzündungen. Und täglich mindestens 1,5 Liter trinken, damit Bandscheiben, Sehnen, Knorpel und Bindegewebe elastisch bleiben.

Derzeit fokussiert man sich ja auf die Faszien – unser Bindegewebe. Wie halten wir die locker?
Um sich lokale Faszien-Spannungen gleich wegzumassieren, habe ich immer einen Tennisball in der Tasche. Leichtes Springen auf einem Trampolin tut ebenfalls gut. Das Sportgerät sollte jedoch flexibel an Gummibändern hängen.

Also besser Trampolin als Tablet?
Genau. Wir gucken ja ständig nach unten und eh viel zu viel auf Mobiltelefone und Computer. Das Ergebnis ist dann ein Handynacken. Nur minimal abwärts zu schauen, entlastet diesen Bereich. Bestes Gegenmittel allerdings: drei Stunden täglich Handy aus!

Interview: Kerstin Güntzel

Weitere Tipps und Übungen finden Sie in Prof. Dr. Dietrich Grönemeyers Ratgeber „Mein großes Rückenbuch“

Abbildung des Buchcovers Mein großes Rückenbuch von Professor Dr. Dietrich Grönemeyer

„Mein großes Rückenbuch. Wie Sie Ihren Schmerz besiegen” von Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer, ZS Verlag, 24,99 Euro