Fitter Körper, fitter Geist: Experteninterview mit Dr. Manuela Macedonia

Wer hätte es gedacht: Sport hält nicht nur den Körper gesund, sondern beugt auch Alzheimer und anderen Demenzerkrankungen vor. Im Interview mit DONNA Online erklärt Neurowissenschaftlerin Dr. Manuela Macedonia, wie leicht wir unserem Gehirn mit Bewegung auf die Sprünge helfen können.

Porträtfoto von Neurowissenschaftlerin Dr. Manuela Macedonia an einem See

Sport ist nicht nur gut für den Körper, sondern auch für den Geist. DONNA Online sprach mit Dr. Manuela Macedonia über die positiven Auswirkungen, die regelmäßige Bewegung auf unser Gehirn hat.

Es ist wahrscheinlich eine der größte Ängste, die Menschen umtreibt, wenn sie älter werden: nach und nach alle kognitiven Fähigkeiten einzubüßen und an Alzheimer oder anderen Formen der Demenz zu erkranken. Das muss aber nicht so sein, weiß Kognitionswissenschaftlerin Dr. Manuela Macedonia von der Universität Linz. In ihrem neuen „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt danke“ zeigt die Neurowissenschaftlerin, welche positiven Auswirkungen regelmäßige Bewegung auf das Gehirn haben kann. Im Gespräch mit DONNA Online erklärt Manuela Macedonia, wieso Sport eine effektive Anti-Aging-Methode für unseren Kopf ist.

DONNA Online: Treiben Sie schon immer Sport?
Dr. Manuela Macedonia: Ja und nein. Als Jugendliche war ich im Hochleistungssport. Für eine professionelle Sportlaufbahn hat es allerdings nicht gereicht, sodass ich mich für eine gute Schule und später das Studium entschied. Nach dem Abitur kam dann eine Phase, in der ich mich mehr und mehr zur Couch-Potato entwickelte. Diese hielt bis vor rund zehn Jahren an, als ich verstärkt Probleme mit dem Gedächtnis bekam. Ich hatte regelrecht Angst um mein Gehirn, raffte mich auf und treibe seitdem wieder regelmäßig Sport. Ich liebe es zu laufen, fahre Ski und mache lange Touren mit dem Rad. Im letzten Jahr bin ich in sechs Tagen von Linz nach Triest gefahren. Für dieses Jahr habe ich mir die 1000 Kilometer von Österreich in meine Heimat, das Aostatal, vorgenommen. 

Woher kommt dieses „gute Gefühl“ nach dem Sport?
Bewegung führt dazu, dass diverse Botenstoffe in unserem Körper verstärkt ausgeschüttet werden. Darunter auch Dopamin, das sogenannte „Glückshormon“, und Serotonin, eine Substanz, die uns in der Balance hält. Serotoninmangel macht sich durch Depressionen bemerkbar. Bewegt man sich hingegen regelmäßig, werden die glücklich machenden Botenstoffe ausgeschüttet und verleihen uns dieses gute Gefühl. Sportliche Betätigung macht uns aber nicht nur glücklich, sondern bewahrt uns auch auf natürliche Art und Weise vor Depressionen – ganz ohne Nebenwirkungen. Darüber hinaus stärkt körperliche Aktivität das Selbstwertgefühl.

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Wenn man einmal angefangen hat, regelmäßig Sport zu treiben, entsteht ein regelrechtes Bedürfnis danach. Woher kommt dieses Verlangen nach Bewegung?
Mir wurde schon oft die Frage gestellt, ob man süchtig nach Sport sein kann. Das ist nicht der Fall, zumindest wenn man Sucht genau definiert. Fest steht aber, dass wir die positiven Nebeneffekte von Sport eindeutig wahrnehmen können – sei es das Glücksgefühl direkt nach dem Sport, die Gewichtsregulierung oder bessere geistige Fähigkeiten. Wenn man diese Effekte einmal verspürt hat, will man sie nicht mehr missen und verlangt regelmäßig danach. 

Wie viel Sport ist empfehlenswert, um das Gehirn langfristig gesund und fit zu halten?
Es hängt immer davon ab, an welchem Punkt man startet. Ein Mensch, der sich nie bewegt, wird nicht von heute auf morgen einen Marathon laufen. Am Anfang wird ein einstündiger Spaziergang reichen – dafür aber jeden Tag. Nach einigen Wochen kann man die gleiche Strecke mit zügigem Schritt gehen oder walken. Noch etwas später vielleicht eine kurze Distanz laufen und diese nach und nach erweitern. Man darf sich ruhig außerhalb seiner Komfortzone bewegen, sollte das Ganze aber ohne Druck oder Verbissenheit angehen. Grundsätzlich ist es wichtig, regelmäßige Bewegung in den Alltag zu integrieren – moderat, also nicht auf Wettkampfniveau, aber bewusst und nicht nur als Nebenprodukt. Bewegung sollte einen festen Platz in unseren Leben haben. Wenn man nur alibimäßig Treppen steigt und die 300 Meter zum Supermarkt zu Fuß geht, belügt man sich letztlich nur selbst.

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Was passiert mit dem Gehirn mit zunehmendem Alter?
Altersbedingt verfällt der Körper. An Haut und Haaren ist es deutlich zu sehen: Falten entstehen und die Haare ergrauen. In den Schädel können wir leider nicht hineinschauen. Dort würden wir sehen, dass das Gehirn schrumpft. Dass es immer kleiner wird, merken wir etwa ab 40: Unser Gedächtnis ist nicht mehr so leistungsfähig wie früher. Wir können uns nicht mehr so lange konzentrieren oder mehrere Dinge gleichzeitig tun. Während die Falten sichtbar tiefer werden, ist der geistige Verfall eher schleichend und auch nicht bei jedem gleich stark oder schnell. Dennoch stellen wir alle irgendwann fest, dass sich unsere geistigen Fähigkeiten verändert haben. Spätestens dann ist es höchste Zeit, Bewegung einzusetzen, um diese Prozesse zu verlangsamen.

Haben wir alle die gleichen Voraussetzungen für Multitasking? 
Grundsätzlich ja, doch diese Voraussetzungen nehmen mit dem Alter ab. In jungen Jahren ist die Multitasking-Fähigkeit am effizientesten. Kinder können gleichzeitig Musik hören, Hausaufgaben machen und nebenbei auch noch in den sozialen Medien interagieren. Doch schon im jungen Erwachsenenalter etwa Mitte 20 bemerken wir, dass gewisse Tätigkeiten wie Lernen mit Ruhe besser funktionieren. Das liegt daran, dass sich das Gehirn schon jetzt mehr anstrengen muss, um zwischen Musik und Lernaufgaben hin- und herzuschalten. Bewegung führt dazu, dass jene Bereiche des Gehirns, die für das Multitasking zuständig sind, länger „auf Trab“ bleiben. Schlussfolgernd bedeutet das: Je früher man mit Sport anfängt und ihn regelmäßig treibt, desto länger bleibt man multitaskingfähig.

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Vor welchen Krankheiten kann regelmäßige Bewegung schützen?
Bewegung führt zur Ausschüttung des Nervenwachstumsfaktors (BDNF, aus dem Englischen „Brain Derived Neurotrophic Factor“), der das Wachstum der Gehirnzellen und ihre Verbindungen untereinander stärkt. Ein Mangel an BDNF kann zur Entstehung von psychischen Krankheiten führen. Bereits in der Pubertät kommt es zu Schwankungen des BDNF-Haushalts. In dieser Lebensphase kann ein niedriger BDNF-Spiegel für Essstörungen wie Bulimie und Anorexie oder sogar ADHS mitverantwortlich sein. Wer sich regelmäßig bewegt, kann das Ungleichgewicht des Nervenwachstumsfaktors ausgleichen und diesen Krankheiten vorbeugen.

Und bei älteren Menschen? 
Im Alter schützt Bewegung vor Demenzkrankheiten, weil sie das glymphatische System, eine Art Reinigungsmechanismus für abgestorbenes Zellmaterial im Gehirn, anregt. Da sich die Bewegung auf das gesamte Gehirn auswirkt und nicht nur auf einzelne Phänomene oder Prozesse, wie es Medikamente tun, ist Bewegung die beste Alternativmedizin gegen Demenz.

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Was passiert bei Demenz im Gehirn?
Das Wort Demenz – allein für sich stehend – bezeichnet nicht eine Krankheit, sondern eine Reihe von Symptomen, die in den Abbau geistiger, emotionaler und sozialer Fähigkeiten münden. Viele neurologische Erkrankungen führen zur Demenz, darunter Alzheimer. Bei dieser Krankheit entstehen die berüchtigten „senilen Plaques“. Es handelt sich um Ablagerungen aus β-Amyloid und Tau-Protein. In einem gesunden Gehirn erfüllen beide Eiweißsorten wichtige Funktionen: β-Amyloid wirkt antibakteriell und unterstützt die Kommunikation der Neuronen untereinander. Tau-Protein bestimmt den Aufbau der Mikrotubuli, der unsichtbaren Röhrchen, die das „Skelett“ der Gehirnzelle bilden. Werden diese Eiweißsorten nicht abtransportiert, sammeln sie sich an und beschädigen die Gehirnzellen, die schließlich absterben. Diese und weitere Prozesse zerstören im Lauf der Zeit die Netzwerke unseres Wissens und Könnens. Bewegt man sich hingegen ausreichend und regelmäßig, wird der Abtransport der überschüssigen Eiweiße angeregt. Sportliche Betätigung ist also eine präventive Maßnahme gegen Alzheimer und somit gegen Demenz.

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Ein letzter Tipp für unsere Leserinnen?
Wir sollten Bewegung im Alltag als Zeit ansehen, in der wir uns etwas Gutes tun. Bewegung ist keine bittere Pille, sondern die beste Medizin, um unseren Körper und Geist zu pflegen – und das komplett ohne Nebenwirkungen.

Weitere Tipps für besseres Denken finden Sie im Buch „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“ von Dr. Manuela Macedonia

Cover des Ratgebers „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“ von Dr. Manuela Macedonia

Das Gehirn ist unser wichtigstes Organ, trotzdem widmen wir ihm deutlich weniger Aufmerksamkeit als dem Rest unseres Körpers. In „Beweg dich! Und dein Gehirn sagt Danke“ erklärt Dr. Manuela Macedonia, wie leicht wir unser Gehirn fit halten und vor Demenz schützen können. Erschienen im Christian Brandstätter Verlag, um 22 Euro.