Sprachtraining, Hilfe bei Heiserkeit & Co.: 9 Fragen an die Stimme

Auch wenn sie mal heiser ist: Unsere Stimme kann mehr, als wir glauben (zum Beispiel andere entzücken) – und ist auch noch äußerst lernfähig. Dr. Armin Mechkat und Birgit Abrameit beantworten neun Fragen an unser sozialstes Organ.

Ältere Frau spricht mit ihrer erwachsenen Tochter und gestikuliert dabei mit den Händen

Wer den natürlichen Ton seiner Stimme kennt, macht sie klangvoller und variantenreicher. Unsere Experten erklären, wie Sie Ihren Eigenton finden und trainieren können.

1. Lassen sich Klang und Potenzial der Stimme verändern?

Auf jeden Fall! Die meisten Menschen halten ihre Stimme für etwas Unumstößliches und kommen deshalb gar nicht auf die Idee, an ihr zu arbeiten und zum Beispiel einen entsprechenden Trainer aufzusuchen. Dabei kann man lernen, sie wirkungsvoll und abwechslungsreich zu gebrauchen und ihr volles Potenzial einzusetzen – was nicht nur beim Singen, sondern auch beim Sprechen bis zu acht Töne, also eine ganze Oktave ausmachen kann.

Gerade Frauen nutzen oft nicht das volle Spektrum ihrer Stimme. Sie kennen ihren natürlichen Eigenton, ihre Indifferenzlage, nicht. Das ist schade, denn in diesem Stimmbereich sind die Stimmbänder weniger angespannt als in höheren Tonlagen. Mit der richtigen Atemtechnik wird die Stimme zudem klangvoller. Das Resultat: Man kann sehr lange und auch unangestrengt lauter sprechen, ohne dabei zu viel Atemluft zu verbrauchen. Die Stimme wird auf diese Weise vielfältiger, variantenreicher. Guter Nebeneffekt: Zuhörer können sich besser auf den Inhalt des Gesagten konzentrieren, da die Stimme insgesamt angenehmer, abwechslungsreicher und interessanter klingt.

Übrigens: Diese 8 Dinge lassen Sie sofort sympathisch wirken

2. Mit welcher Methode trifft man genau seinen eigenen Ton?

Suchen Sie erst einmal dieses „mhm, mhm, mhm“, mit dem man beim Telefonieren dem Gegenüber bestätigt, dass man zuhört. Das sollte etwas gelangweilt und müde klingen. Alternative: Sie probieren es mit einem tiefen Seufzen oder Stöhnen. Genau das ist Ihr Eigenton! Ihn zu nutzen, hat mehrere Vorteile: Die Stimmlippen können in ihrer natürlichen Lage schwingen. Je höher die Tonlage dagegen ist, in der wir sprechen, desto länger und dünner müssen die Stimmlippen dafür gemacht werden, was auf Dauer ziemlich anstrengend ist.

Eine tiefere Stimme verbindet man außerdem mit mehr Kompetenz (auch wenn das ein weitverbreitetes Vorurteil ist!). Frauen kennen ihre sonoren Töne oft nicht und sprechen höher, als es ihrem Eigenton entspräche – vermutlich, weil bei ihnen damit Freundlichkeit assoziiert wird. Am wirkungsvollsten ist der Wechsel: bei dem, was man betonen möchte, eine etwas höhere Tonlage zu wählen und ansonsten tief zu bleiben. So kann man ganz bewusst steuern, was Zuhörer dann als bedeutsam wahrnehmen.

3. Was wird bei einem Stimmtraining noch geübt?

Ein Stimmtraining ist hilfreich, wenn jemand das Gefühl hat, stimmlich nicht gut anzukommen. Nuschelt, zu schnell spricht, Silben veschluckt, zu laut oder zu leise spricht. Man kann auch am Dialekt, Regiolekt und Akzent arbeiten. „Die Stimme ist ein tolles Instrument und den Spaß daran – den möchte ich vermitteln“, sagt Trainerin Birgit Abrameit. „Sie ist Kommunikation und Persönlichkeit in einem. Ob künstlerisch, emotional oder auf der Sachebene: Mit ihr können wir uns facettenreich ausdrücken und Beziehungen gestalten“, ergänzt Dr. Armin Mechkat, Facharzt für HNO, Stimm- und Sprachstörungen sowie Allergologie in Hamburg.

Bei einem Stimmtraining lernt man zum Beispiel, sich auf einen Raum oder eine Sprechsituation einzustellen. Hierzu schneidet Abrameit häufig Übungen mit. „Hören, wie die anderen mich hören“ – das sei wichtig. „Anfangs kommt einem das eigene Sprechen ungewohnt vor. Viele meinen: ‚Das bin ja gar nicht ich.‘ Aber wenn ich denen dann Aufnahmen in einer technisch guten Qualität vorspiele, findet ein Umdenken statt: ‚Mensch, das klingt viel besser, als ich befürchtet habe.‘ Und darauf kommt es an.“

Endlich zufriedener mit sich selbst: Diese Dinge können Sie von glücklichen Menschen lernen

4. Ältere Menschen klingen oft heiser. Woran liegt das?

Auch die Stimme altert. Die Stimmlippen bestehen aus Bindegewebe, Schleimhaut und Muskulatur. Sie sind eingefasst in ein knorpeliges Gerüst, den Kehlkopf. Im Laufe der Zeit verlieren sie an Elastizität und Volumen. Die Schleimpolsterung wird dünner und zäher. Das Kehlkopfgerüst verknöchert. Bei Frauen beeinflussen auch die Schwankungen des Hormonhaushalts während der Menopause den Klang der Stimme. Im Alter kommt dann das sukzessive Austrocknen der Schleimhäute hinzu. All dies bewirkt, dass die Stimme irgendwann brüchiger klingt.

Ganz verhindern lässt sich das nicht, Pflege und Training können die Stimme allerdings länger geschmeidig halten. „Ist der Leidensdruck sehr groß, besteht die Möglichkeit eines minimalinvasiven Eingriffs, bei dem Eigenfett oder Hyaluronsäure eingespritzt wird, um das verloren gegangene Volumen wiederaufzubauen“, so Mechkat.

5. Warum verändern Schnupfen und Husten die Stimme?

Erkältungskrankheiten sind der häufigste Grund für Heiserkeit. Meist handelt es sich um virale, seltener um bakterielle Infektionen. Durch die Entzündung entstehen Ödeme an den Stimmbändern und deren Schleimhäuten, die dann aufgedunsen und gerötet sind. Die Folge: Das Schwingungsverhalten der Stimmbänder verändert sich, das Sprechen wird anstrengender, teils schmerzhaft – und die Stimme klingt heiser.

Erkältungszeit: 5 Tipps gegen eine laufende Nase & Co.

6. Wie behandelt man Heiserkeit am besten?

Die Krächzerei ist an und für sich keine Krankheit, sondern die Folge einer solchen. Wichtig ist also, zunächst einmal die Erkältung zu behandeln und die virale Infektion zum Abklingen zu bringen, damit es nicht zusätzlich zu einer Superinfektion durch Bakterien kommt. Inhalieren mit Salzwasser und Nasenspray lässt die betroffenen Partien wieder abschwellen. Die Heiserkeit selbst sollte aber auch behandelt werden, damit die Stimme keinen Schaden nimmt. Wichtigste Maßnahme: nicht dagegen ankämpfen. „Ob Lehrer, Mitarbeiter in einem Call-Center oder Coaches – besonders Leute, die in einem sprechintensiven Beruf arbeiten, sollten ihrer Stimme jetzt bewusst Ruhe gönnen und sich zur Not krankschreiben lassen“, rät Dr. Armin Mechkat. Wohltuend bei Heiserkeit sei Ingwertee, so der Experte.

Der weitverbreitete Glaube, durch Flüstern würde man seine Stimmbänder schonen, ist übrigens falsch. Die werden im Gegenteil so besonders stark beansprucht. Am besten ist es, einfach mal still zu sein. Im ungünstigen Fall kommt es sonst dazu, dass das Gehirn sich auf die Veränderung einstellt. Folge: Die Stimme wird weiter falsch benutzt – selbst wenn die Erkältung längst abgeklungen ist. Zudem können Verdickungen und Vernarbungen auf der Stimmlippenschleimhaut entstehen, die die Stimme langfristig verändern. Und dann wird aus einer erkältungsbedingten eine chronische Heiserkeit.

Halsschmerzen: Diese 5 Hausmittel bringen schnelle Linderung

7. Was kann noch hinter der Krächzerei stecken?

Wer unabhängig von einer Erkältung länger als drei Wochen heiser ist, sollte dies auf jeden Fall von einem HNO- oder Stimm- und Spracharzt abklären lassen. Eine chronische Kehlkopfentzündung, eine überbeanspruchte Stimme oder die Schädigung des Nervs, der für die Stimmlippenfunktion verantwortlich ist, sind mögliche Ursachen. Bei Sodbrennen kann die Magensäure die Stimmbänder reizen und so Heiserkeit verursachen. Im schlimmsten Fall ist Heiserkeit ein Frühsymptom von Kehlkopfkrebs.

8. Auf welche Weise lässt sich die Stimme pflegen?

Regelmäßiges Trinken sorgt dafür, dass die Schleimhäute immer ausreichend mit Feuchtigkeit benetzt sind. Gut ist stilles Wasser oder Salbeitee mit Honig. Auch gelegentliches Inhalieren mit nicht allzu heißem Salzwasser, einem Kamille- oder Salbeiblätter-Aufguss ist Balsam für die Stimme.

Wichtig: Nikotin und Alkohol meiden, nicht unnötig laut reden, möglichst auch bei kalter Luft oder beim Joggen den Mund halten. Keine scharfen Bonbons mit Menthol lutschen – sie enthalten ätherische Öle, die die Stimmbänder reizen. Außerdem ist es von Vorteil, wenn man ohne Druck und starkes Pressen spricht, bewusst artikuliert und atmet.

9. Wo findet man qualifizierte Sprechtrainer?

Zum Beispiel über die Deutsche Gesellschaft für Sprechwissenschaft und Sprecherziehung e.V. Ebenfalls eine fundierte Ausbildung haben die Trainer der Atemrhythmisch Angepassten Phonation.

5 Tipps für regelmäßiges Stimmtraining

1. Schonend in den Tag starten

Mit einer leichten Klopfmassage beginnen – vom Brustbein über Arme, Rücken bis zu den Beinen. Dazu einen tiefen Ton summen oder auf einem „A” tönen. Das löst den Nachtschleim.

2. Bewusst relaxen

Recken, strecken, rekeln, Schultern fallen lassen...Tut auch der Stimme gut.

3. Töne kauen

„Ma, mi, mo” – diese Silben im Mund herumschicken und die Vibrationen spüren, die dabei entstehen.

4. Mund und Lippen bewegen

Im vorderen Mundbereich artikulieren wir helle Vokale und viele Konsonanten. Diese Region lässt sich trainieren: flöten, Wangen aufblasen, Mundwinkel hoch- und runterziehen. Oder: schnauben wie ein Pferd (Lippenflattern).

5. Richtig atmen

Hände auf den Bauch legen, die Fingerspitzen berühren sich fast. Auf ein „F” durch den Mund ausatmen, sodass die Finger zusammenfinden. Nach einer kurzen Atempause wieder durch die Nase einatmen. Das entspannt und bringt ein warmes Körpergefühl. Wichtig: Atempause bedeutet nicht, lange die Luft anzuhalten. Es ist vielmehr ein bewusstes Innehalten, bis der Körper signalisiert: Jetzt möchte ich wieder einatmen.

Autorin: Almut Siegert