Erkältungsratgeber: Wie sinnvoll sind Pillen gegen Schnupfen?

Rezeptfreie Schmerzmittel wirft man bei einer Erkältung schnell mal ein. Doch Studien weisen jetzt auf gefährliche Nebenwirkungen hin. Viel besser (und absolut gratis): schlafen, singen, lachen.

Schwarz-Weiß-Foto einer niesenden Frau mit Schal und Morgenmantel

Für nicht rezeptpflichtige Schmerzmittel gaben die Deutschen 2016 insgesamt rund 575 Millionen Euro aus. DONNA erklärt, warum Sie bei einer Erkältung trotzdem nicht gleich zu Tabletten greifen sollten.

Schnupfen und Husten sind ja schon lästig genug. Warum also auch noch Schmerzen aushalten, wo doch frei verkäufliche Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Diclofenac Kopf- und Halsweh lindern und nebenbei Entzündungsprozesse hemmen? So genannte Over-the-Counter-Analgetika, also nicht rezeptpflichtige Schmerzmittel, zählen zu den Lieblingsarzneien der Deutschen. Laut Informationsdienstleister IMS Health gaben Apothekenkunden zwischen September 2015 und August 2016 dafür rund 575 Millionen Euro aus. Ibuprofen-Präparate liegen mit einem Anteil von 49 Prozent deutlich vorn, gefolgt von Paracetamol und Acetylsalicylsäure (ASS) (je 24 Prozent) und Diclofenac.

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„Bei all diesen Wirkstoffen handelt es sich um sogenannte NSAR, nicht-steroidale Entzündungshemmer, die auch einen fiebersenkenden Effekt haben“, erklärt Dr. Torsten Christ, Facharzt für Innere Medizin am Institut für Experimentelle Pharmakologie und Toxikologie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf. „Seit einigen Jahren hat sich vor allem Ibuprofen durchgesetzt, weil es als magenschonender und insgesamt besser verträglich als ASS-Präparate gilt. Was viele jedoch nicht wissen: Sämtliche NSAR sind Nachfolgesubstanzen der Acetylsalicylsäure und leiten sich direkt davon ab. Bei häufiger Einnahme kann es ebenfalls zu Magenreizungen kommen.“ Insgesamt sehen viele Menschen die Mittel dieser Wirkstoffgruppe dennoch als harmlos an. Und denken sich nichts dabei, dicken Kopf oder Halsweh in Eigenregie zu behandeln und sich den Arztbesuch zu sparen.

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Die unterschätzte Gefahr: Ibuprofen & Co. gegen Erkältung

Neue Forschungsergebnisse sorgten kürzlich für Beunruhigung. Ein dänisches Forscherteam um den Kardiologen Gunnar Gislason analysierte die Daten von rund 29 000 Patienten, die zwischen 2001 und 2010 einen Herzstillstand erlitten hatten. Mit erschreckender Bilanz: Die Einnahme von Ibuprofen im Zeitraum von vier Wochen vor dem Herzstillstand hatte das Risiko in dieser Gruppe um 31 Prozent erhöht, bei Diclofenac stieg die Wahrscheinlichkeit sogar um 50 Prozent an. Studienleiter Gislason warnte nach Auswertung der Daten deshalb eindringlich davor, NSAR wie etwa Ibuprofen, Naproxen und Diclofenac unkritisch zu nutzen.

Eine weitere Untersuchung der Nationaluniversität Taiwan wies in die gleiche Richtung. Hier maßen die Wissenschaftler bei Patienten mit Atemwegsinfekten ein um 340 Prozent erhöhtes Herzinfarkt-Risiko nach tatsächlich so gravierend sein können, warum werden sämtliche Mittel dann weiterhin ohne deutliche Warnhinweise verkauft und auch von Hausärzten regelmäßig empfohlen? „Weil das Risiko zwar zweifellos besteht, aber bezogen auf die gesamte Bevölkerung sehr gering ist“, relativiert Dr. Christ. „Außerdem war bereits zuvor bekannt, dass NSAR sich negativ auf Herz-Kreislauf-Funktionen auswirken können. Beispielsweise kann es bei langfristiger und hoch dosierter Einnahme zu Bluthochdruck und Gefäßverschlüssen kommen, die Gefahr einer Herzinsuffizienz steigt.“ Ein Blick auf den Beipackzettel eines Ibuprofen-Präparates zeigt dann auch, dass die Einnahme laut Hersteller „möglicherweise mit einem geringfügig erhöhten Risiko für Herzanfälle (Herzinfarkt) oder Schlaganfälle“ verbunden sei.

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Vorsicht bei der Schmerztabletten-Dosis

Für Mediziner ist diese Entdeckung also keine besonders große Überraschung. Als gesunder Erwachsener müsse man auch künftig nicht nach jeder Schmerztablette gleich den Finger auf der Notruftaste haben, beruhigt Christ. „So kurz wie möglich, so niedrig dosiert wie nötig“, empfiehlt der Experte. „Wer mal zwei, drei Tage lang die empfohlene Tagesdosis von 1200 Milligramm Ibuprofen oder 75 Milligramm Diclofenac einnimmt, um Erkältungsbeschwerden zu lindern, hat höchstwahrscheinlich nichts zu befürchten.“ Von langfristigen Hochdosierungen ohne ärztliche Rücksprache rät der Internist allerdings entschieden ab. Zumal Mediziner der Universität Southampton Hinweise darauf fanden, dass Ibuprofen gerade bei Infekten der oberen Atemwege die Erkrankungsdauer möglicherweise sogar verlängern könnte.

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Tipp von Dr. Christ: „Kombinieren Sie generell keine unterschiedlichen Schmerzmittel und verzichten Sie auf Mischpräparate, zum Beispiel sogenannte Grippetabletten. Da lassen sich Wechselwirkungen nämlich nur schwer absehen. Fragen Sie sich auch, ob Sie wirklich bei jedem leichten Kopfdruck gleich ein Medikament brauchen. Oft helfen Bettruhe und ausreichend Schlaf nämlich genauso gut.“ In allen Untersuchungen schnitt übrigens der Wirkstoff Paracetamol am besten ab. Die Substanz ist auch für Kinder und Schwangere zugelassen und könnte eine Alternative sein, wenn der Schädel bei Schnupfen und Husten doch mal zu sehr wummert. Aber besonders bei werdenden Müttern und Kindern gilt: wirklich nur im Notfall und auf gar keinen Fall ohne Rücksprache mit einem Arzt einnehmen.

Text: Tanja Pöpperl