KRANKHEITEN & SYMPTOME

Neue Kampagne: Ab 2020 kein AIDS mehr in Deutschland?

Rote Aids-Schleife auf weißem Hintergrund. | © LOVE_LIFE, Getty Images
© LOVE_LIFE, Getty Images
In Deutschland erkranken jährlich weit mehr als 1000 Menschen an AIDS – die meisten, weil sie nichts von ihrer HIV-Infektion wissen.

Obwohl sich die Infektion mit HIV heutzutage vermeiden lässt, erkranken jährlich mehr als 1000 Menschen an AIDS. DONNA Online sprach mit Holger Wicht von der Deutschen AIDS-Hilfe über die aktuelle Kampagne „Kein AIDS für alle“, neue Forschungsmethoden und wie wir gemeinsam gegen die tödliche Immunschwäche kämpfen können.

Obwohl sich die Infektion mit HIV längst verhindern lässt, erkranken in Deutschland jährlich immer noch mehr als 1000 Menschen an AIDS. Das Problem: Viele der Erkrankten wissen nichts von ihrer HIV-Infektion, andere haben keinen Zugang zu ärztlicher Behandlung. Die Deutsche AIDS-Hilfe will das ändern und hat sich mit ihrer Kampagne „Kein AIDS für alle“ ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: Bis 2020 soll in Deutschland niemand mehr an AIDS erkranken. Damit orientiert sich die Deutsche AIDS-Hilfe am Ziel der Vereinten Nationen, die AIDS-Epidemie bis 2030 einzudämmen. Wir sprachen mit Holger Wicht, dem Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin, über das ehrgeizige Kampagnen-Vorhaben und neue Ansätze in der AIDS-Forschung.

Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe | © DAH
© DAH
Holger Wicht, Pressesprecher der Deutschen AIDS-Hilfe, hat mit DONNA Online unter anderem über den Start der neuen Informationskampagne „Kein AIDS für alle“ gesprochen, die es sich zum Ziel gemacht hat, dass ab 2020 in Deutschland niemand mehr an AIDS erkrankt.

DONNA Online: Was muss passieren, damit aus einer HIV-Infektion AIDS wird?
Holger Wicht: Eine HIV-Infektion muss heute nicht mehr zur Krankheit AIDS führen. Das lässt sich mit Medikamenten vermeiden, man kann mit HIV lange und gut leben. Bei rechtzeitiger Diagnose und Behandlung geht die Wissenschaft von einer normalen Lebenserwartung aus. Trotzdem erkranken im Moment noch mehr als 1000 Menschen pro Jahr an AIDS – weil sie nichts von ihrer HIV-Infektion wissen.

Wie lebt es sich mit einer HIV-Infektion und AIDS im Jahr 2017?
Mit HIV kann man heute im Prinzip ein ganz normales Leben führen. Die Medikamente verhindern die Vermehrung von HIV im Körper. Nach einiger Zeit ist HIV im Blut nicht mehr nachweisbar. Man kann HIV dann auch nicht mehr weitergeben. Dementsprechend bleibt man gesund und kann auch Sexualität ganz unbeschwert genießen – es ist sogar möglich auf natürlichem Wege Kinder zu zeugen und zur Welt zu bringen. Die Medikamente schützen sehr zuverlässig vor der Übertragung. Eines muss man allerdings noch hinzufügen: Menschen mit HIV müssen immer noch mit Ablehnung und Diskriminierung rechnen. Dagegen müssen wir alle gemeinsam etwas tun.

Welche Möglichkeiten gibt es, AIDS oder HIV mit Medikamenten zu behandeln?
Die heute verfügbaren Medikamente hindern HIV an der Vermehrung. Man kombiniert in der Regel drei verschiedene Substanzen, weil HIV gegen einzelne Medikamente schnell unempfindlich wird, so genannte Resistenzen bildet. Mit einer Dreier-Kombination hat man HIV normalerweise gut und dauerhaft im Griff. Die meisten Menschen spüren dabei keine oder nur geringfügige Nebenwirkungen. Selbst wenn es schon zu einer AIDS-Erkrankung gekommen ist, kann sich der Körper dank dieser Medikamente oft wieder weitgehend erholen. Wobei der Grundsatz gilt: Je früher man therapiert, desto besser. Denn wird die Infektion nicht behandelt, kann HIV weiter Schaden anrichten. Leider ist es bisher noch nicht möglich, HIV vollständig wieder aus dem Körper zu entfernen. Es bleiben Viren in einigen Zellen, wo sie lange Zeit verharren können, ohne sich zu vermehren. Man spricht von Reservoiren oder auch schlummernden Zellen.

Welche neuen Forschungsansätze gibt es?
Da tut sich gerade viel. Es gibt verschiedene Ansätze, die eines Tages eine Heilung von HIV ermöglichen könnten: Die Forschung dreht sich vor allem um die Frage, wie man diese Reservoire identifizieren und „leeren“ kann. So gibt es mittlerweile Verfahren, mit denen sich HIV aus befallenen Zellen wieder herausholen lässt. Es gibt weitere vielversprechende Ansätze, zum Beispiel mit gegen HIV wirksamen Antikörpern. Wahrscheinlich wird man am Ende mehrere Verfahren kombinieren müssen, um HIV restlos aus dem Körper herauszubekommen. Bis es soweit ist, wird es leider noch viele Jahre dauern – trotz der vielversprechenden Forschungsergebnisse.

Was würden Sie Menschen empfehlen, die in ihrer Familie oder in Ihrem Umfeld einen HIV-positiven Menschen haben? Wie kann man Patienten sinnvoll unterstützen?
Menschen mit HIV brauchen vor allem eines: einen ganz normalen Umgang im Alltag, der deutlich macht: Das Leben geht weiter. Mitleid ist fehl am Platze. Allerdings ist HIV für viele Menschen natürlich noch immer eine Belastung, am Anfang meist ein Schock. Hier braucht es oft Unterstützung durch die Menschen, die ihnen nahe stehen. Das Signal: Zwischen uns bleibt alles beim Alten, ich bin an deiner Seite! Und: Die Probleme, die mit HIV einhergehen, lassen sich lösen. Bei Unsicherheit und Ängsten, die natürlich vorkommen, sollte man sich beraten lassen, zum Beispiel bei der AIDS-Hilfe. Das geht telefonisch, persönlich und online.

Halten Sie es für realistisch, dass das Kampagnenziel bis 2020 schon umgesetzt werden kann? Was sind die größten Hürden?
Das Ziel ist bewusst sehr ehrgeizig! Wir haben es auch deshalb so gewählt, um Kräfte freizusetzen. Denn AIDS ist ja längst vermeidbar – es kann nicht sein, dass trotzdem so viele Menschen erkranken. Die größte Herausforderung ist die Stigmatisierung von Menschen mit HIV. Sie kann Menschen Angst vor dem HIV-Test machen. Wer Ablehnung fürchtet, verdrängt sein Risiko eher. Das gleiche gilt für die alten, viel zu dramatischen Vorstellungen vom Leben mit HIV. Ein realistisches Bild von HIV zu vermitteln und Diskriminierung zu beenden sind darum die wichtigsten Mittel, um das Kampagnenziel „Kein AIDS für alle!“ zu erreichen.